Forschungsgruppe: check

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 17, 2013 in OeffentlicherWissenschaftler, PlayGroupHD, Uncategorized

Die Ausgangssituation

Seit ca. vier Jahren bin ich nun an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg (krass, sooo lange schon, kann ich gar nicht glauben). Mittlerweile stellt sich so langsam in verschiedenen Bereichen ein Gefühl des Angekommenseins und der Routine ein. Ich habe mich zwar seit der ersten Minute an der PH Heidelberg ausgesprochen wohl gefühlt, aber man braucht doch eine ganze Zeit, um sich in einer neuen privaten und beruflichen Umgebung neu zu strukturieren. Insbesondere sind auch zahlreiche neue und durchaus auch umfangreiche Aufgaben auf mich zugekommen, mit denen ich vorher noch nie zu tun hatte (wie beispielsweise die wissenschaftliche Leitung des Instituts für Datenverarbeitung/Informatik (IfD/I), das an der PH das Rechenzentrum ist). Darüber hinaus: in Heidelberger Variante der alten Prüfungsordnungen einfinden, neue Prüfungsordnungen mitgestalten, Master Bildungswissenschaften mitbauen, Kapazitäts- und Auslastungsberechnungen verstehen und durchführen, im Hochschulrat beteiligen, Mitwirkung in den LernZeitRäumen aufbauen, Dossenheim zur Kreidezeit mitentwickeln, Vorlesungen flippen, usw. usw. ufz.

Ein Bereich, der ein wenig gelitten hat, ist die Forschung. Sicherlich kann ich mir hier keine Untätigkeit vorwerfen: Mein eigenes Aktionsforschungsprojekt Die umgedrehte Mathematikvorlesung habe ich konsequent weiter verfolgt,“alte“ (Ludwigsburger) Projekte mit abgeschlossen (z.B. SAiL-M),  jede Menge Veröffentlichungen gemacht und mehrere Drittmittel-Projektanträge gestellt (erfolglos), außerdem meine beiden Doktoranden Florian und Felix betreut. Richtig „strukturiert“ bzw. „organisiert“ empfand ich den Bereich meiner Forschung bislang aber nicht. Da man an der PH auch keinen „Lehrstuhl“ oder sowas hat, sondern in einem Fach-Team aus mehreren Professor(inn)en und Rät(inn)en und wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n arbeitet, stellt sich auch nicht das Gefühl ein, eine „Arbeitsgruppe“ oder „Forschungsgruppe“ oder ähnliches zu haben. Und Florian und Felix haben auch keine Stelle an der PH, sondern promovieren extern, was natürlich die Zusammenarbeit erschwert.

Nun hat es sich zugetragen (hey, klingt wie im Märchen), dass einige Personen sich interessiert gezeigt haben, mit mir zusammen etwas zu machen (z.B. als externe Promotion oder als Masterarbeit o.ä.). Mit verantwortlich war dabei unter anderem auch meine Seite zu Forschungsideen, die andere angeregt haben, einige davon aufzugreifen (YES! Strike! Es funktioniert, das Prinzip!). Jetzt zeichnete es sich ab, dass ich in „bilateralen“ 1-zu-1-Gesprächen diese Arbeiten betreue und dadurch im Forschungsbereich alles noch komplexer wird. Nebenbei gibt es auch immer jede Menge Abschlussarbeiten im Lehramt zu betreuen, die inhaltlich mehr oder weniger auch an meine eigenen Forschungsinteressen anknüpfen. Ende des letzten Jahres / Anfang diesen Jahres war also eine beachtliche Komplexität entstanden, und es musste eine „Lösung“ für verschiedene Herausforderungen her:

  • Einige der forschungsinteressierten Menschen (weiter unten dann „Mitspieler(innen)“ genannt) beschäftigen sich mit ähnlichen Themen, insbesondere aus den Bereichen game-based learning und gamification. Das wäre doch schade, wenn diese sich nicht kennen und untereinander austauschen würden!
  • Fast alle Personen sind nicht an der PH Heidelberg, einige wohnen auch nicht hier. Dies ist eine schwierige Situation, eine gute Betreuung zu gewährleisten (und Betreuung muss sein, da stimme ich Gabi Reinmann zu).

Das Ziel musste also sein: Wir müssen uns als Forschungsgruppe a) finden und b) vernetzen. Okay, vernetzen, das kann ich, dachte ich mir.🙂

Der Startschuss

Wir trafen uns Anfang Februar in Heidelberg zu einem Kolloquium, wie ich es in früheren Zeiten in Ludwigsburg und auch bei meinem Besuch bei Gabi Reinmann in Augsburg kennen gelernt hatte: Ein Tag gegenseitige Vorstellung der Projekte, gemeinsames Brainstorming, dann abends gemütlich zusammen essen gehen. Ein sehr wertvoller Tag, der nun ritualisiert wird: alle drei oder vier Monate machen wir ein solches Treffen, bei dem es sicherlich weniger, aber dafür noch intensiver besprochene Beiträge geben wird, und zusätzlich kleine Workshops. Das Ganze soll also didaktisch gestaltet werden gemäß des Prinzips „Reflexion durch Produktion“ (wie es von Gabi Reinmann hier beschrieben wird).

Im Anschluss an das Treffen lag es sozusagen auf der Hand, dass wir uns als Gruppe auch virtuell vernetzen und austauschen müssen, insbesondere weil wir alle „in der Gegend verteilt“ sind und weil wir unsere Treffen nicht wöchentlich abhalten können. Zwei Prinzipien sollten dabei verfolgt werden:

  1. open science: Na, also wenn wir uns als Gruppe virtuell vernetzen, dann durchaus auch öffentlich. Sicher wird man nicht alles öffentlich diskutieren wollen, aber bei vielen Dingen ist es sinnvoll, Diskussionen untereinander im Öffentlichen zu führen und dabei auch Personen außerhalb unserer Gruppe mit einzubinden (open science eben).
  2. gamification: Gerade weil sich viele von uns mit diesem Themenbereich befassen, lag es nahe, auch unsere gemeinsame Arbeit zu gamifizieren mit dem Ziel: Spaß zu haben.

 

Das Resultat: Play Group Heidelberg

Beim gemeinsamen Abendessen wurde der Name geboren, die virtuelle Repräsentanz folgte sofort: Wir nennen unsere Arbeitsgruppe Play Group Heidelberg (oder kurz: Play Group HD, hashtag #playghd), ganz nach dem Motto: Forschen muss Spaß machen! Sogleich wurden eine Gilde-Seite mit den Mitspieler(innen), eine Mailingliste und ein Game Forum eingerichtet, der Hashtag #playghd ist schon in intensiver Benutzung. Meine bisherigen Forschungsideen wurden zu unseren. Tausend weitere Ideen schwirren in meinem Kopf herum: Weshalb nicht Badges einführen? Für einen angenommenen Artikel bei einer Fachtagung gibt’s den „Conference Badge“, für ein angenommenes Exposé den „Doktoranden-Badge“ usw.?🙂 Okay, zu Beginn nicht zu viel, die Struktur und weitere Game-Elemente kann man sukzessive aufbauen.

Vermutlich wird die Kritik kommen, dass das alles „zu wenig ernsthaft“ sei, verbunden mit Bedenken, ob hier denn wirklich „qualitativ hochwertige Forschung“ gemacht wird. Meine Position hierzu ist: Gute Forschung kann man nur in einem kreativen Umfeld machen, in dem auch verrückte Ideen erlaubt sind. Eine solche kreative, phantasievolle Umgebung möchte ich bieten. Und zur Beruhigung aller Kritiker(innen): Es wird schon intensiv an Exposés gearbeitet und gefeilt, und wir befinden uns schon in der zweiten Peer-Feedback-Runde. Get the Feedback Badge!🙂

Kommentare
  1. […] beschreibt ein paar Hintergründe zur Entstehung der Gruppe. Dabei sind zwei Prinzipien leitend gewesen: open science und […]

  2. „Gamification“ ist auch eines der Stichworte, mit dem sich Studenten an unserer Hochschule befassen und darüber sogar bloggen… in einer Woche oder so kommt ein langer Übersichtsartikel von einem Studenten zu dem Thema bei uns raus. Ich bin ja ansonsten kein großer Badger, obwohl mir die Huffington Post neulich einen verliehen hat, aber das bekam ich erst später mit. Mit einem Freischwimmer lässt sich das nicht vergleichen…die Aufregung fehlt, und der Vergleich („mein großer Bruder hat schon einen Fahrtenschwimmer“). Agenturen verleihen gerne Badges, z.B. WiWi Talents. Jeder der den Badge zugespielt bekommt, soll ihn auf seiner Seite verankern. Wenn ihr einen Badge habt, tu ich den gerne auf unser E-Learning Blog. Aber auch jenseits der Badge Diskussion bin ich neugierig, was ihr so treibt, denn ich gebe im kommenden Semester meinen Second Life Kursus erstmals an einen anderen Dozenten ab… und ich weiß gar nicht, wo mir der Innovations-Kopf jetzt steht. Eventuell habe ich ja sogar mal Freizeit!? Ach du Schreck.

    Im übrigen würde ich mir mehr weniger ernsthafte Wissenschaft wünschen und bin für jeden Hinweis dankbar, wie man die Betonköpfe im Elfenbeinturm systematisch veräppeln kann! Veräppelung als erster Schritt in die Veränderung!

  3. …Und noch ein Nach(t)gedanke: die Welle von Plagiaten, welche die Deutsche akademische Welt in den letzten Jahren überschwappt hat, könnte vielleicht ein Anlass sein, etwas von der Verbissenheit der deutschen Wissenschaft in Verspieltheit umzumünzen. Denn die Verbissenheit hat uns bisher nicht weit gebracht. Und wenn es eine Eigenschaft der angelsächsischen Art, Wissen zu schaffen und zu teilen, gibt, die möglicherweise wert wäre zu adoptieren, so ist es das Spielerisch-Humorvolle, welches das ganze angelsächsische Geistesleben schon lange durchzieht. Natürlich hat dieses Spielerische genauso seines Schattenseite wie das Verbissene, aber bis wir diese Seite entdecken dürfen, können wir noch viele Spiele spielen….

  4. @Marcus: Welche Schattenseiten des Spiels meinst Du?

  5. Marcus Speh sagt:

    @Kristina Gute Frage, da musste ich erstmal drüber nachdenken (ich war davon ausgegangen dass jede Methode ihrer eigenen Schattenseiten hat, sonst würde sie sich ja in kürzester Zeit als die einzige Methode durchsetzen)…off the top of my head: die Schattenseiten des Spielens hängt natürlich davon ab, was man erreichen will— wenn es nur darum geht, Spaß zu haben oder Kreativität und Aktivierung zu fördern, gibt es wenige Schattenseiten; aber selbst dann gibt es noch welche: zum Beispiel gruppendynamische— bei Spielen, die als Wettbewerb konzipiert sind, gibt es Verlierer und Gewinner, also potentielle Ego-Verletzungen. Und wenn das Spielen Teil eines umfassenderen Lern- und Arbeitsprozesses ist, dann könnte die Lust-Betonung des Spiels ein Schatten werden. Ein Roman, der auf schönste und gruseligste Weise die Schattenseiten des Spiels illustriert, ist „Der Herr der Fliegen“ von William Golding. Unter dem „Schatten“ verstehe ich übrigens den Archetyp nach C G Jung; zu den potentiellen „pathologischen“ Folgen siehe z.B. Wikipedia. Wenn ich die Erweiterung dieses Konzepts auf das Spiel formulieren sollte, würde ich sagen, dass im Schatten des Spiels all jene Tätigkeiten liegen, die keinesfalls spielerisch sind, sondern eben verbissen, starrköpfig, unnachgiebig, regelversessen usw. — der Schatten wird vom Spielenden als „böse“ wahrgenommen und abgelehnt (er ist nicht nur nicht integriert, sondern sogar nicht integrierbar)… du merkst schon an der Vorläufigkeit meiner Formulierungen, dass das zwar (aus meiner Sicht) ein fruchtbares, aber auch ein schwieriges Konzept ist…

  6. @Marcus: Das war dann wohl ein klassisches Missverständnis… Du schreibst von Spiel als Methode und ich meinte das Spiel selbst. Über die Verlierer habe ich auch schon einmal nachgedacht und inzwischen etwas dazu bei Groos gefunden. Er ist der Ansicht, dass es in einem angenehmen?, sicheren? sozialen Umfeld leichter zu ertragen wäre, ein Spiel zu verlieren und dass es in diesem Zusammenhang auch auf das Verhalten des Gewinners ankäme. Groos nennt es das „Ideal des Gentleman“. Ließe sich das nicht auf die Hochschule übertragen?

    @Christian: „Fast alle Personen sind nicht an der PH Heidelberg, einige wohnen auch nicht hier. Dies ist eine schwierige Situation, eine gute Betreuung zu gewährleisten“ – Mir wird erst jetzt klar, was Du im Begriff bist aufzubauen und dass die Situation nicht schwierig sein muss, sondern eher ein Vorteil dieser Gruppe ist. Die räumliche Verteilung und die verschiedenen „Forschungsstadien“ könnten nicht nur Konkurrenzgedanken entgegenwirken, die vllt bei angestellten Mitarbeitern entstehen. Die „Externen“ spielen freiwillig in der Gruppe mit – gibt es ein höheres Ziel für das Spiel? Was die „gute“ Betreuung betrifft, so müßten wohl erst einmal sichere Kriterien her, um darüber ein Urteil zu fällen. Manche nennen das auch Spielregeln.

  7. cspannagel sagt:

    @Luci @Marcus eine „Schattenseite“ von Spielen könnte sein, dass sie zeitlich „ineffektiv“ sind, weil nicht so viel rüberkommt. Beispiel: Ich kann sicherlich ein Hörsaalspiel durchführen, das 30 Minuten dauert und inhaltlich so viel enthält wie das, was wir mit anderen Methoden in 5 Minuten abgehandelt hätten…

    @Luci Das „höhere“ Ziel ist für jeden einzelnen vermutlich die persönliche Weiterentwicklung und auch eine weitere akademische Qualifikation… und die Idee dabei: wenn wir uns gegenseitig als Gruppe unterstützen, dann muss zwar jeder auch investieren in Dinge, die ihm nicht unmittelbar selbst weiterhelfen, aber letztendlich und mittelbar doch, weil man a) seinen Blick weitet und b) ja auch von den anderen bei der eigenen Arbeit unterstützt wird….

  8. […] Beitrag zur Entstehungsgeschichte […]

  9. @Christian Was zu beweisen wäre (#Längsschnitt)! Der Zeitfaktor wird aus meiner Sicht in der Pädagogik gern als Totschlagargument angeführt. Was nützt es den Studenten, wenn sie in der gleichen Zeit zwar mehr Wissen vorgesetzt bekommen, es aber nicht verarbeiten können oder dürfen? Zuhören, denken, mitschreiben, denken, Fragen, die nicht beantwortet werden, denken, … Vom Erinnern ganz zu schweigen. Das erzeugt Frust ohne Ende und kann nicht das Ziel einer Vorlesung sein.

  10. Marcus Speh sagt:

    @Luci Das ist ein Effekt von Spielen, dass der Unterschied zwischen Ausführung („drin sein“) und Methode („drüber sein“) verschwimmt im Vergleich zu anderen Methoden, und zwar kommt das daher, dass es kein Spiel ohne Regeln gibt (selbst wenn die Regel lautet „keine Regeln!“), während bei den meisten anderen Methoden (leider) keine Meta-Diskussion stattfindet bzw. als nötig empfunden wird. Das ist eines der offenen Geheimnisse des Spiels.

  11. @Marcus Danke, darüber muss ich erst mal nachdenken… Gibt es noch mehr offene Geheimnisse?

  12. cspannagel sagt:

    @Kristina Ich dachte bei meiner Überlegung zu den Schattenseiten nicht an die Alternative „traditionelle Vorlesung durch Vortrag“. Ich habe die Vermutung, dass bei Spielen die Inhalte oft zu kurz kommen oder nur „oberflächlich“ behandelt werden bzw. nur „sehr wenige“ Inhalte zum Tragen kommen. Wenn ich jetzt die Alternative habe, 30 Minuten durch Lernaktivitäten zu gestalten, in denen die Inhalte wirklich tief verarbeitet und verstanden werden, oder 30 Minuten ein Spiel zu gestalten, bei dem 20 Minuten für „das Spiel draufgehen“ und nur 10 Minuten Inhalte aktiv verarbeitet werden, dann könnte das eine Schattenseite von Spielen sein. Andererseits könnte die 20 Minuten Spiel gerade die Motivation liefern, sich 10 Minuten mit den Inhalten auseinander zu setzen… wie gesagt: nur „mögliche“ Schattenseite, nicht notwendigerweise…

  13. Momentan finde ich keine Schattenseiten im Spiel, eher außerhalb. Es wird sich hoffentlich zeigen, ob und wenn ja, wie beide Ebenen miteinander verbunden werden können. Das wäre ein Ziel für „mein“ Spiel.

  14. cspannagel sagt:

    Es ist auch weniger eine Schattenseite „des Spiels“, sondern eine Schattenseite der „methodischen Entscheidung, ein Spiel einzusetzen“, frei nach dem Motto: Hätte ich eine andere Methode eingesetzt, dann hätten die Studenten vielleicht mehr verstanden…

  15. „Hätte“ gilt nicht, Beweise müssen her!

  16. Kurt Söser sagt:

    Hallo
    Nachdem ich deinen Blog schon länger verfolge, un d meiner gerade für den Best Blog Award nominiert wurde, gebe ich diese Auszeichnung weiter und nominiere diesen, deinen Blog ebenso.
    http://www.kurtsoeser.at/2013/03/08/best-blog-award/

  17. cspannagel sagt:

    @Kurt vielen Dank für die Nominierung – ich fühle mich geehrt!🙂 … allerdings hab ich irgendwie keine Lust, diese „Kettenbrief-Fragen“ zu beantworten. Was mach ich denn jetzt?

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