Gastbeitrag: Spielerisch lernen?

Veröffentlicht: Mittwoch, Juli 17, 2013 in Gastbeitrag, Spiel

ODER:  Was EDV- Trainings mit Sport und Spiel zu tun haben

Seit einiger Zeit experimentieren wir in der Playgroup Heidelberg mit spielerischen Elementen im Hörsaal und schreiben darüber. Und über diese Texte kommen wir mit Menschen in Kontakt, die ähnlichesselbst schon einmal ausprobiert oder sogar intensive Erfahrungen damit gemacht machen. Zur zweite Gruppe gehört Leila Concetti, die in ihren EDV-Schulungen Spiele eingesetzt hat. Leila gibt uns einen Einblick in ihre Erlebnisse mit Spielen… Leila, voilá!

Ich war elf Jahre lang selbstständig als EDV-Trainerin (Office-Palette und Co.) tätig. Auf die Idee, meine EDV-Trainings anders zu gestalten, kam ich über den Sport. Ich war 17 Jahre lang ehrenamtliche, aber lizenzierte Trainerin für Gerätturnen für Jungs.

Für die Trainerlizenz war ich an einigen Wochenenden beim Landessportbund zur Ausbildung. Dort sind mir deren Trainingsmethoden aufgefallen. Die Lehr-/Trainings-Einheiten dort begannen häufig mit Spielen. Ich erinnere mich z. B. an eine Runde Handball. Wir haben einfach nur Handball gespielt. So lange, bis auch der/die Letzte aufgehört hat. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich mich seinerzeit sehr darüber geärgert hatte, dass ich nicht länger durchgehalten hatte. Ich hatte mich total überschätzt. Nach dieser Einheit hatten wir theoretischen Unterricht. Dort ging es dann um Kondition, Aufgabe, Selbsteinschätzung.

Und so spielten wir uns durch Themen wie Erfolg, Enttäuschung, Motivation, Zusammenhalt und selbstverständlich auch durch Konditions-, Technik-, Aufwärm- und Aufbautrainings u. v. m. und arbeiteten die Erkenntnisse aus den Spieleinheiten später in der Theorie auf. Dann wussten wir, wovon die Rede war und wie sich das alles anfühlt.

Die Grundaussage von den Trainern des Landessportbundes: man könne wirklich alles über das Spiel vermitteln, ansprechen, aktivieren – und viel mehr dabei erreichen, als wenn man darüber referiere. Das kann ich nur bestätigen. Die Ausbildung ist schon Jahrzehnte her, aber die Emotionen spüre ich noch immer als wäre das gestern.

Unterricht mit Bewegung (und umgekehrt: Bewegung mit Denksportaufgaben) ist ein Stilmittel, das ich bis heute innig liebe. Und wenn ich ein verschmitztes Funkeln in den Augen sehe und der Mund breit grinst, dann weiß ich, es war gut.

Nun muss man im EDV-Training kein Wettrennen machen, man kann stattdessen eine ähnliche Atmosphäre schaffen, wenn man z. B. die Zeit für eine Aufgabe bei jedem Durchgang weiter beschränkt. Man hat also immer weniger Zeit, eine Aufgabe zu erledigen und setzt die Teilnehmer einem gewissen „Stress“ aus. Das ist aber kein negativer Stress, das kann man sehen –  die Gesichter der Teilnehmer fangen an zu funkeln und man merkt, sie haben Spaß. Und erstaunlicherweise ist man auf diese Weise auch noch ein klein wenig schneller durch die Aufgabe durch. Ist doch einfach faszinierend, nicht wahr? Wenn ich solche Ergebnisse erzielen konnte, war auch ich sehr glücklich. Man stelle sich vor: Glückliche Schüler, glückliche Dozenten – wo ist das schon so?😉

Sich Spiele auszudenken war ein Akt für sich, die anderen zum Mitmachen zu bewegen manchmal aber auch. Man fand das schon ganz schön schräg, sich für ein EDV-Training anzumelden und dann darin zu spielen. Aber ich habe das nicht aufgegeben. Das war sehr mutig von mir, denn als selbstständige EDV-Trainerin ist man bei Nichtgefallen schnell weg und wird schlicht einfach nicht mehr engagiert. Was mich aber antrieb war die Überzeugung, dass das der bessere Weg zum Lernen und Lehren ist.

Hier ein paar Spiel-Beispiele:

  1. Ich habe mehrere Gruppen gebildet und einen Wettbewerb gestartet: „Welche Gruppe ist als erste fertig?“.
  2. Es gab einige Aufgaben(so eine Art Serie). Davon wussten die Teilnehmer erst einmal nichts. Es gab also erst die eine Aufgabe, dann eine zweite, die schneller zu lösen war. Die dritte hatte noch weniger Zeit für die Lösung bekommen usw. Irgendwann steigen alle aus. Aber die Stimmung ist witzig. Alle kichern.
  3. Die Teilnehmer stellen sich in der Reihe am Lehrer-PC an. Thema ist das Wiederholen der letzten Stunde (z. B. eine Anwesenheitsliste in Excel erstellt). Jeder, der dran ist, macht den einen nächsten Schritt. Nicht mehr.
  4. Zu allen Abschiedsveranstaltungen habe ich Essen und Trinken von den Teilnehmern erbeten. Ich selbst habe ein Brettspiel vorbereitet. Ein einfacher Ausdruck auf Papier von einem Spielfeld (eine einfache Tabelle), die auf dem Tisch ausgebreitet ein möglichst langes Brettspiel mit Anfang und Ziel ergab. Mit Würfel und hübschen Spielfiguren aus kleineren Geschenken oder Naschsachen, die man im Ziel aufessen kann. Auf dem Weg zum Ziel sind Aufgaben zu bewältigen. So enthielten einzelne Felder Anweisungen wie z. B. „der Vordermann muss eine Frage zum Thema XY stellen. Wenn diese sein rechter Sitznachbar beantworten kann, darf der Spieler zwei Felder vorrücken – sonst zwei Felder zurück.“ ODER „Finden Sie eine Frage zu Excel, die keiner beantworten kann (Sie müssten die Antwort allerdings kennen). Gelingt Ihnen das, dürfen Sie zwei Felder vorrücken.“ Natürlich könnte ich Fragen vorgeben, wie: „Worauf sollte man beim Kauf im Internet achten?“ – „Wie geht die Formel für Zinsberechnung in Excel?“ – „Wie sind die Tastaturkürzel für XY?“. Aber ich spiele ja schließlich mit und komme ja auch noch zu Wort. Richtig wichtig ist mir, dass die Teilnehmer sich Fragen ausdenken, deren Antwort sie selbst kennen sollten.

Ich habe in meinem Unterricht wirklich viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen gehabt: Senioren, Kinder, Jugendliche, nur Jungs, nur Frauen,  Migranten, Arbeitslose, Manager, Banker. Manche hatte ich über einen längeren Zeitraum betreuen dürfen, manche nur in offenen Seminaren für ein oder zwei Tage. Mit allen habe ich ‚gespielt‘. Die Gesichter verändern sich bei allen.

Meine Selbstständigkeit habe ich nach der Trennung von meinem Mann aufgegeben. Heute arbeite ich in einem großen Konzern in der Arbeitssicherheit. In meinen Bereich fällt das Daten-Management, die Prozessoptimierung und die Schulungen. Aber ich unterrichte nicht mehr selbst. Ich organisiere die Schulungen nur.

Mir fällt auf, dass den dortigen Trainern ein lebhaftes Lehrkonzept regelrecht Angst macht. Ich habe den Eindruck, als ob sie vor allem Angst vor Gesichtsverlust haben, wenn sie sich auf ‚Spielen‘ einließen. Sie scheinen zu denken, dass Professionalität und Spiel nicht vereinbar seien. Das finde ich wirklich sehr schade aus unterschiedlichen Gründen. Aber vor allem, weil ich immer davon überzeugt war, qualitativ sehr hochwertigen Unterricht zu machen.

Ich würde mich freuen, wenn eine rege Diskussion darüber entstünde, ob das Spiel Professionalität ausschließe. Bin gespannt auf Eure Meinung. Wie denkt ihr darüber?

Kommentare
  1. Andreas E sagt:

    Hallo zusammen,
    Lernen darf, oder besser soll Freude machen! Ich bin selbst im Bereich Anwenderschulungen EDV (selten Excel und VBA – meist SAP) tätig und erkenne immer wieder am Feedback meiner Schulungsteilnehmer, wie wichtig der Spaßfaktor beim Lernen ist – Spielerisches, Freude am Lernen, aktive Teilnahme ohne Angst vor Fehlern … und Professionalität schließen sich keineswegs aus. Die Zeiten der seriösen Vorturner ohne Fehl und Tadel im Frontalunterricht sind vorbei!

  2. Bernd Weber sagt:

    Ich stimme Andreas E. zu, lernen sollte Freude machen.Ich selbst wende seit langer Zeit dieses Prinzip in meinen Coachingeinheiten mit Kindern und Jugendlichen an.
    Selbst wird man dabei auch zur Kreativität hingeführt, dass sehe ich auch als großen persönlichen Anreiz. Wir lernen voneinander!!
    Doch in meinem Bereich herrscht immer noch die Meinung: „Je mehr Arbeitsblätter, desto höher die Qualität der Arbeit“ vor, vor allem bei den Eltern und Pädagogen dieser Kinder/Jugendlicher.
    Deshalb steht die „Arbeit“ mit den „Professionellen“ auch in unseren Programmen mit im Vordergrund.

  3. m.g. sagt:

    Mir persönlich würden solche „Spiele“ keinerlei Freude bereiten. Irgendwie scheint eine Generation heranzuwachsen, die mit Infantilität zufrieden zu stellen ist. Der Spaßfaktor derartiger Spiele ist für jemanden in meinem Alter nur sehr schwer nachvollziehbar.

  4. Leila Concetti sagt:

    Ich hatte niemals vor, die Leute beim Lernen zu bespaßen, damit sie sich wohler fühlen oder um deren Stress zu minimieren. Das war eher ein zwar willkommenes, aber kolaterales Ereignis.

    Mein Ziel, andere Wege zu versuchen war die traurige Annahme, dass man sich von einem Unterricht angeblich nur x % behält, wenn man das Ganze nicht nachbearbeitet und immer wieder anwendet.

    Ich wollte wissen, ob man das ändern kann. Es wäre doch schön, wenn man aus einem Unterricht raus geht und sich das ‚alles‘ plötzlich behalten kann.

    Wenn man Fahrradfahren lernt, verlernt man das nie. Weil es ‚erfahren‘ wurde. Und so sollte mein Unterricht sein. Ich weiß leider nicht, ob oder in welchem Umfang mir das gelungen ist. Ich hätte gern ein Feedback von den Schülern dazu gehabt, ein oder zwei Jahre später.

    Es tut sich einfach eine ganze Menge im Körper, wenn man die Bewegung mit dem Kopf verbindet (und damit im weitesten Sinne jede Form von Spiel). Wenn ich im Fitness-Studio auf dem Stepper ein Buch lese, lese ich es schneller und kann mir mehr behalten, als wenn ich es auf der Couch in Ruhe lese.

    Lehrinhalte erfahren/erleben – das bleibt einfach intensiver hängen als ausschließlich zuzuhören, mitzuschreiben, zu üben. So meine Theorie und vor allem meine Motivation im Unterricht zu ‚spielen‘.

    EDV-Trainings (oder gar Vorlesungen an der Uni) sind sehr anspruchsvoll und komplex.

    Solche Inhalte ‚spielend‘ zu vermitteln ist eine echte Herausforderung und harte Arbeit, auch wenn es am Ende noch so viel Spaß macht.

    Ich denke auch, dass ‚Spielmuffel‘ andere Gründe haben, warum sie nicht spielen wollen. Die Funktionalität des Spielens musste ich immer mal wieder beweisen, weil sich jemand hart gegen das Spiel gestemmt hatte.

    Sie haben sich meistens auf den Kompromiss eingelassen, einen Teil des Unterrichts frontal zu unterrichten und den anderen Teil ‚spielend‘. Am Tag danach habe ich die Inhalte aus beiden Hälften abgefragt und das Ergebnis sprach Bände.

    Und wenn jemand wirklich nicht mitspielen will, dann wurde er eben Zuschauer. Das genügt oft auch. Beim Zuschauen fiebert man schließlich auch mit. Und wenn er dann doch mitmachen wollte, findet man einfach einen Einstieg für ihn und gut ist.

  5. Luci sagt:

    Leilia, Du fragst: „Glückliche Schüler, glückliche Dozenten – wo ist das schon so?“ – bei mir! Allerdings ist das nicht immer und auch nicht in jeder Stunde so.
    Ich habe mein Ziel erreicht, wenn die Schüler nach dem Unterricht nicht gehen und statt anderen Fächern lieber mehr Musik haben wollen. Wobei „Musik“ hier immer „Bewegung“ und auf jeden Fall „Spiel“ enthält. Ein weiteres Prinzip ist die „Freiwilligkeit“. Die Schüler dürfen entscheiden, was und wie sie mitmachen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Wer z. B. zu Hause freiwillig „vorarbeitet“, darf das in der nächsten Stunde den anderen erklären, wenn er möchte. Wer keine Hausaufgaben gemacht hat, findet trotzdem Angebote von Aktivitäten, um sich zu beteiligen.
    Bei Studenten und in der Erwachsenenbildung bzw. in Klassen der Oberstufe, habe ich bisher allerdings „Spiele“ als „Übung“ oder „Training“ bezeichnet. Vermutlich wollte ich damit den Anschein „ernsthafter Arbeit“ erwecken. Die Methodik blieb jedoch die gleiche und erst seit kurzer Zeit weiß ich, dass der Begriff „Spiel“ auch „Übung“ bedeuten kann. Wenn ich das jetzt auf die Spitze treiben möchte, kann ich sagen: Ein Spielverderber ist jemand, der nicht üben will. So, und jetzt kommt endlich die Professionalität ins Spiel bzw. meine Antwort auf Deine Frage, ob sich Spiel und Professionalität ausschließen. Meine Vermutung: Nein, denn Spiel ist Voraussetzung und Bestandteil von Professionalität. Die Frage ist doch, wie ich als Lehrer auch die Schüler zum Üben motiviere, die evtl. keine Lust dazu haben? Dafür brauche ich u. a. ein großes Repertoire an funktionierenden Methoden und ansprechenden Aufgabenstellungen. Indem ich daraus auswähle, spiele ich selbst – mit den Methoden und den Schülern sowie verschiedenen Aufgabentypen. Für mich besteht damit ein klarer Zusammenhang zwischen Spiel und Professionalität.

  6. Leila Concetti sagt:

    Luci, von Dir einen Kommentar zu bekommen ehrt mich. War schon einmal irgendwo bei Dir und habe ein wenig gestöbert (weiß nicht mehr genau, wo). Danach hatte ich mit Christian ‚gesprochen‘, weil ich bei Dir meine Ideen wiedergefunden hatte (darauf folgte dieser Beitrag hier). Genau so würde ich mir eine Schullandschaft wünschen. Danke Dir für Deine Einblicke.

    Bei Euch ist diese Idee in den richtigen Händen und es rührt mich, dass Ihr das so seht. Ich war lange, lange Zeit allein auf weiter Flur mit dieser Einstellung und nicht bedeutend genug, um dieses erfolgreich publizieren zu können (und von Blogs und Facebooks weit entfernt).

    Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft in einem mächtigen Umbruch befindet und eine ganz neue Generation entsteht. Eine schöne Generation. Gelassen, frei, eigenverantwortlich. Menschen, die ein besseres Gefühl für sich entwickeln und mit neuen Ideen die Welt bereichern (und bis an ihr Lebensende ’spielen‘ ; ))

    Ich für meinen Teil freue mich darauf und bin der Meinung, es war höchste Zeit.

  7. m.g. sagt:

    @Leila $\wedge$ @Luci Ich bin bei Euch wenn es darum geht, Unterricht effizienter und auch freudbetonter zu gestalten. Mit den altbackenen Brettspielideen fürchte ich mich jedoch in den Unterricht zu gehen. Das würde mich selbst nicht vom Hocker reißen, also werde ich es nicht überzeugend rüber bringen können.

    Mit dem Spielen ist das überhaupt so eine Sache. Wenn ich spiele, dann mit Leuten, mit denen ich mag und kann. Meine Freunde im Sportstudio gehören dazu. Freunde aus dem persönlichen Umfeld natürlich auch. Spiel hat etwas mit Emotionen zu tun. Meine Emotionen teile ich nur gern mit Menschen, mit denen ich sie auch teilen möchte. Bei einem zusammengewürfelte Kurs ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich mit einem gewissen Teil der Teilnehmer nicht spielen möchte. Und das bleibt mir dann unbenommen.

    Gamification kann auch einen sehr unangenehmen Beigeschmack bekommen und von autoritären Stellen durch die Hintertür zur Disziplinierung der Mitaberbeiter genutzt werden.

    Was für Spielideen gibt es denn überhaupt. In der Regle werden übliche Spielideen mit neuen, den Lehrinhalten gefüllt. Ich durfte einmal eine wissenschaftliche Hausarbeit betreuen. Eine Studentin untersuchte die Tragfähigkeit der Spielidee des damals in Mode gekommenen Lernspiels Matheblaster. Ein alter Egoshooter wurde aufgekauft und umgebaut. Anstelle der Ballerei sollte der Schüler Müll im Weltraum einsammeln und die Welt mit dem Lösen von Rechenaufgaben retten. Die Schüler erkannten den üblen Trick und versuchten ohne zu rechnen über die Runden zu kommen. Insgesamt hielt die Spielidee bei Grundschülern keine 30 Minuten an.
    Nur weil man etwas Gutes will, muss es nicht gut werden. (Bei dem Spiel wollte man allerdings nur Geld verdienen.)

    “ Ein Spielverderber ist jemand, der nicht üben will.“ Da ist die Überhöhung dann doch zu arg und der Satz schlichtweg falsch.

    Excel bzw. Tabellenkalkulationssysteme sind einfach nur geil. In Excelkursen baue ich mit den Studierenden Spiele. Es eignen sich alle Spiel die eine gewisse Matrix zu Grundlage haben. Wir bauen „Schiffe versenken“, Sudoku, das Spiel mit der 11, ggf. Mensch ärger dich nicht. Wir vergewaltigen die Tabellenkalkulation und betreiben mit ihr Bildbearbeitung (jede Zelle wird ein Pixel) oder 3D-Computergrafik. Wir generieren ASCII-Art Videos oder simulieren Galtonbretter oder das Spiel des Lebens. Excel ist einfach nur geil. Wozu extra ein Brettspiel?

    Den Umbruch der Gesellschaft sehe ich auch, allerdings sehe ich ihn nicht positiv. Irgend wann werde ich im Alter noch zum Punk und brülle „I don’t need this fucking world“.

    Grüße
    Micha

  8. Luci sagt:

    Ja, das war eine Provokation, Spielverderber mit Übeunwilligen gleichzusetzen. Oder ein Versuch, den Bogen zur Frage zu kriegen. Na, man kann nicht immer gewinnen.
    Ich bin zwar nicht bei Dir, m. g., aber ich sehe es genau so: Das Spiel muss zuerst den Dozenten Spaß machen, damit sie die Studenten mit ihrer Freude anstecken können. Was die Emotionen betrifft, so gilt z. B. im Orchester und in Mannschaftssportarten: Man muss sich nicht mögen, um professionell zusammen arbeiten zu können. Dieses Motto lässt sich aus meiner Sicht sehr gut auf Spiele und Vorlesungen oder sonstige (Gruppen-)Arbeiten übertragen.
    Was die Spielideen betrifft, stehe ich momentan auch vor dem Problem der Übertragbarkeit. Vielleicht muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass spielen eben auch lernen bedeutet. Frage-Antwort-Spiele könnte man sicher einfach als „Test“ bezeichnen. Mir geht es nicht ausschließlich um Brettspiele, aber, gleich alles fallen lassen, nur weil es durchschaubar ist? Ich denke noch darüber nach.

  9. m.g. sagt:

    @Luci Ich konnte nicht jeden Gegner leiden, mit dem ich mich im Wettkampf geprügelt habe. Wir lagen aber auf einer Wellenlänge: Wir liebten gemeinsam denselben Sport. Ich hätte es auch sein lassen können. Es war meine persönliche Entscheidung.

    Aufgezwungener Kollektivismus innerhalb eines zufällig zusammengewürfelten Haufens erinnert mich an die DDR. Wer sich nicht einfügen möchte, wird abgekanzelt.

    Ich kann sicher halbwegs professionell mit Kollegen zusammenarbeiten (auch wenn ich sie nicht zwingend mag). Spielpartner will ich mir demgegenüber selbst aussuchen dürfen. Ansonsten bewegt sich die Sache schnell in Richtung miefiger Außendienstlerschulung: „Sie wollen bei unserem schönen Spiel nicht mitmachen? Wie wollen Sie denn dann Verkaufskönig werden? Also, steigen Sie schon mit den andern durch die Schlaufe und sagen Sie laut und deutlich: Ich bin ein Verkäufer. “

    Ansonsten, gib mir eine neue noch nicht dagewesene massentaugliche Spielidee und ich probiere sie im Hörsaal aus. Ich meine natürlich nicht dieses krampfhafte Einpassen von Lehr-/Lerninhalten in Spielideen die älter als die Braunkohle sind. Also was wirkliche Neues, was einem nicht gleich peinlich sein muss. Lieferst Du mir sowas, dann setzte ich es ein, versprochen.

    Irgendwie übertreibst Du in die Richtung: Lernen genau dann wenn Spielen.

  10. Luci sagt:

    @m.g. So, jetzt hab ich Dich! „Den gemeinsamen Sport lieben“ ist doch das Gleiche wie z. B. das selbe Fach zu mögen, oder? Und die freie Entscheidung mitzuspielen oder nicht, die kann eben vor dem Spiel in der Vorlesung getroffen werden. (Abkanzeln war ja noch harmlos, aber nicht nur DDR-typisch.) Deshalb greift auch der Vergleich mit dem Außendienst nicht. Das A und O, nicht nur in dieser Sache, ist für mich, die Freiheit zu wählen. Diese Möglichkeit finde ich innerhalb der Vorlesung zunächst im Spiel. Von weiteren vermuteten Vorteilen wie z. B. Aktivierung vieler bzw. im Idealfall aller Studenten durch Interaktionen mal abgesehen.
    War das eine Herausforderung? Natürlich fände ich es schön, wenn Du Dich tatsächlich dafür entscheiden würdest, ein Spiel in der Vorlesung auszuprobieren. Mein erstes Ziel ist aber nicht, etwas Neues zu er-finden, sondern überhaupt etwas herauszufinden. Wenn es jedoch passiert und mir tatsächlich ein neues Spiel vor die Füße fällt, dann ist es eben so – und ich werde es Dir widmen als Dank für Deine Kritik, die ich sehr mag.
    PS: Nein, die Richtung „Lernen genau dann wenn Spielen“ ist nicht von mir. Da waren und sind schon echte Forscher ‚dran, z. B. Kerres.

  11. m.g. sagt:

    @luci: nur kurz aus Zeitgründen. Es ist nicht dasselbe. Diese Selbstverständlichkeit und diese gewisse Art des einfachen und unkomplizierten Umgangs miteinander gibt es nur so unter Sportlern. Das ist mit anderen Gruppen so nicht zu vergleichen.

    „Lernen gdw. Spielen“ ist so in der Absolutheit falsch und unwissenschaftlich. Willst Du wissenschaflich Arbeiten solltest Du diese These fallen lassen.

  12. dunkelmunkel sagt:

    Es ist das alte Dilemma: Man hat eine größere Gruppe, wählt eine Methode, und nur einem Teil der Gruppe gefällt die Methode. Wenn ich ein Unterrichtsgespräch mache, gefällt das nur einem Teil. Wenn ich Gruppenarbeit mache, gefällt das nur einem Teil. Wenn ich selbst entdecken lasse, gefällt das nur einem Teil. Wenn ich stattdessen alles erkläre, gefällt das auch nur einem Teil (dem anderen Teil). Wenn ich spiele, gefällt das auch nicht allen.

    Was also machen? Spielen nicht um des Spielens willen, sondern dann, wenn es der Lernzielerreichung dient. Und dass es dann einem Teil der Studierenden nicht gefällt zu spielen, okay, das ist nicht zu ändern. Mach ich es anders, gefällt es einem anderen Teil nicht.

    Wenn der Dozent Spiele nicht mag, dann soll er es lassen, wie bei jeder anderen Methode.

  13. m.g. sagt:

    Nein, Christian, so einfach ist es nicht. Spielen ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit, die insbesondere davon lebt, dass die Emotionen in gewissem Maße ausgelebt werden. Das ist es doch, was den Reiz des Spieles ausmacht. Das ist nicht vergleichbar mit den Emotionen, die man bzgl. eines schlechten Vorlesungsstils hat. Die kann ich mit mir alleine ausmachen.

    Beim Spiel zwingst Du einen gewissen aus meiner Sicht nicht zu vernachlässigenden Teil der Lernenden ihre Emotionen mit Menschen zu teilen, die sie sich nicht aussuchen durften. Das dürfte negative Auswirkungen bzgl. des Lernerfolgs dieser Teilnehmer haben.

    Ich schätze, dass etwa ein Drittel der Erwachsenen bei Euren derzeitig doch recht dürftigen Spielideen mehr oder weniger angepisst ist, wenn man zum „Spielen“ aufgefordert wird.

    Es könnte vielleicht anders sein, wenn die Ideen doch etwas origineller wären. Ich könnte mir vorstellen, dass dann die Neugier auch bei denen, die eher nicht spielen wollen obsiegt. In diesem Fall wird Dir aber jeder Psychologe sagen, lass die Finger von dem Spiel, wenn Du Lernerfolg haben willst. Jetzt dominiert das Spiel das Lernen und verhindert die wirkliche Durchdringung des Lernstoffs.

    Grüße
    Micha

  14. Leila Concetti sagt:

    Wer sagt, dass ein Brettspiel niemanden vom Hocker haut? Alles halt zu seiner Zeit und an seinem Ort. Oder warum muss jemand einem ein Spiel vorgeben („Ansonsten, gib mir eine neue noch nicht dagewesene massentaugliche Spielidee und ich probiere sie im Hörsaal aus.“)? Das Spiel entsteht doch aus der Situation heraus und kann von niemandem vorgegeben werden.

    Das Brettspiel habe ich eingeführt als ‚leises‘ Begleitspiel zur Abschiedsfeier bei gemütlichem Essen und Trinken nach einem Kurs mit ausschließlich Migrantinnen, die viel erlebt haben und neu in Deutschland angekommen waren. Da hat das Spiel einfach hingepasst. Es kann schon sein, dass Studenten hier die Nase rümpfen würden. Aber wer sagt das? Intelligent gemacht funktionieren Brettspiele auch für Studenten. Da bin ich einfach so etwas von überzeugt. Man muss es halt einfach nur können!

    Die Leute, die an meinen Kursen teilgenommen haben, haben dafür bezahlt (oft gar nicht wenig). Und nach jedem Training haben sie mich bewertet. Damit war ich 11 Jahre lang ziemlich erfolgreich und gefragt.

    Hat sich jemand mal gefragt, warum das funktioniert? Es ist ganz einfach: die Menschen wollten das.

    Ich habe viele ‚Spielverweigerer‘ auch in meinen Kursen gehabt. Ich hatte es weiter oben schon erwähnt. Sie mussten nicht mitspielen UND wurden nicht ausgeschlossen. Das widerspricht sich nicht und funktioniert gut. Sie haben einfach eine passende Rolle bekommen. Hierfür benötigt man viel Fantasie und Fingerspitzengefühl und noch viel mehr. Den Beurteilungen zufolge waren auch diese Teilnehmer am Ende zufrieden.

    Hier wird unheimlich viel darüber diskutiert, warum das alles nicht funktioniert oder nicht gut ist. Was ich viel spannender finde ist, warum funktioniert das eigentlich (und dass es funktioniert ist für mich unumstritten. Sämtlichen Unkenrufen zum Trotz. Und das ist auch gut so.)

    Na ja. Und dann würde ich mir einen freundlicheren Umgang miteinander wünschen.

    Zitat: „Ich schätze, dass etwa ein Drittel der Erwachsenen bei Euren derzeitig doch recht dürftigen Spielideen mehr oder weniger angepisst ist, wenn man zum “Spielen” aufgefordert wird.“

    Wer sagt denn, dass meine Spielideen oder die von Luci ‚dürftig‘ sind? Nur weil nicht alle Umstände zu den Spielen dargestellt und beleuchtet wurden. Es war sehr schwer für mich, das alles in Einzelheiten darzustellen.

    Ich hätte mir gewünscht, man hätte wenigsten versucht mich zu verstehen bevor man ein Urteil fällt. Dazu hätte es lediglich ein paar Fragen benötigt und der Wille so mit mir umzugehen.

  15. Luci sagt:

    @Leila „Das Spiel entsteht aus der Situation heraus.“ Wenn das passiert vermute ich, dass ein Profi am Werk ist und mir schwant, dass Du eine Menge Ahnung davon hast, wann und wie man Spiele am besten einsetzen kann.

    @m.g. 1. Wo liegt eigentlich das Problem, wenn alte Spiele verwendet werden? 2. Wo bleiben die Emotionen beim Pokern? 3. Ausgerechnet Psychologen verwenden u. a. Spiele als Methode, um den Lernerfolg zu steigern.

    @dunkelmunkel Liegt das Dilemma nicht eher darin, innerhalb einer Gruppe nur eine Methode zu verwenden?

  16. dunkelmunkel sagt:

    @m.g. Ich glaube, du nimmst das mit den Emotionen zu ernst. Ich glaube auch, dass man die emotionalen Auswirkungen von Brettspielen, Sportspielen und Hörsaalspielen nicht unbedingt miteinander vergleichen kann. Es handelt sich um völlig andere Situationen. Die hitzige Diskussion rechtfertigt, finde ich, hier forschungsmäßig genauer hinzusehen: Studierende befragen, Lehrende befragen, … @Luci siehste!

  17. Ich würde gerne in die Diskussion ein Video von der re:publica einbringen:

    Marcel-André Casasola Merkle ist (Brett)Spiel-Entwickler bzw. „Ausdenker“ und gibt in dem Vortrag seine (Spiel)Erfahrungen weiter.

    Zitat aus dem Einstiegstext zum Video:

    „Wie bringt man Menschen dazu freiwillig Regeln anzunehmen? Warum sind Spiele leicht verständlich, machen Spaß und animieren zu kooperativer Konkurrenz? Warum sind Gesetze kompliziert, erzeugen Widerwillen und wirken so oft unfair?

    Von Kulturbetrieb und Wirtschaft weitgehend ignoriert hat sich in Deutschland der weltweit größte Brettspielmarkt der Welt entwickelt. Brettspielautoren beschäftigen sich seit Jahren ganz praktisch mit dem menschlichen Verhalten in Regelsystemen, wann diese Eigeninitiative, Selbstbestimmung und Lust vermitteln und wann nicht.“

  18. m.g. sagt:

    Wichtiger Satz aus dem Video, das uns Stephan Goldammer an die Hand gab: 0:11:10 „Ein Spiel spiele ich freiwillig.“

    Im Unterricht und auch in Lehrveranstaltungen ist diese Freiwilligkeit nur bedingt gegeben. Selbst wenn mir explizit erlaubt ist, der Spielteilnahme eine Absage zu erteilen, komme ich in eine unangenehme Lage. Auf der einen Seite steht meine Abneigung auf der anderen Seite der Druck einer gewissen Mehrheit. Niemand möchte als Spielverderber dastehen, der Druck der Mehrheit kann immens sein. Letztlich wird dieser Druck bei Gamification am Arbeitsplatz ausgenutzt. Man verteilt irgendwelche sinnlosen Badgets und lobt Mitarbeiter die sich auf diesen Schwachsinn einlassen. Schließlich bekomme ich eine Mail, die mir nahe legt, mich doch mal mit Paul Pseudokreativ zusammen zu setzen, weil der schon 15 Pseudokreativbadgets bekommen hat und ich immer noch nicht mitspielen will. Bienchenstempel für Erwachsene. Demnächst haben wir auch noch ein Mitteilungsheft für die Ehefrau, die uns dann auf Kurs bringen muss. Oder wir müssen Badgets kaufen mit realem Geld, damit wir weiter mitspielen dürfen.

    Aus meiner Sicht hat seit den 90-ger Jahren mit der Techno Generation eine immer stärker werdende Infantilisierung der Gesellschaft eingesetzt. Die alternden Technomädels, die heute noch mit Zöpfchen herumlaufen, sind ein Sinnbild dafür. Heute erfreuen wir uns sinnloser Gadgets für sogenannte Smartphones. Jede Sekunde klicken damit hunderttausende auf irgendwelche Like-Buttons wie die Kleinkinder mit der Schippe in die Modderpampe. Die Welt ist kompliziert und undurchsichtig. Wir werden betrogen, belogen und über die Ohren balbiert. Dabei hätten wir so gerne eine Welt, die schon die Kinder begreifen können. Dieser Wunsch ist offenbar so stark, dass wir uns einfach wie Kinder benehmen. Wir „liken“ und „socialen“ uns die Welt schön. Es ist auf einmal alles so einfach. Jeder kann ein König sein und wenn es nur bei Foursquare ist. Facebook macht mit unseren Daten was es will, mit dem infantile Spaß des „Likens“ lassen wir uns davon ablenken. Wieder so ein Druck: letztlich kommst Du an Facebook irgendwann nicht mehr vorbei. Die Diktatur der Dummheit zwingt irgendwann auch den letzten Widerwilligen in die Knie.

    Vor diesem Hintergrund ist es geradezu evident, dass man anfängt, Eckenrechnen mit Erwachsenen im Hörsaal zu spielen.

    Liebe Freunde von der Spielefront, ich vermisse bei Euch einfach ein wenig die kritische Distanz zu dem ganzen Spaß.

    @christian, für Menschen wie mich kann man die Sache mit den Emotionen gar nicht zu ernst nehmen. Zumindest bedarf es einer wissenschaftlichen Untersuchung, wie vielen Teilnehmern Eure angedachten Spiele unangenehm sind. 10% der Männer sind schwul. 10% der Lehrveranstaltungsteilnehmer, die unangenehm berührt durch die Spiel sind, wäre eine gewisse Grenze für den Einsatz des jeweiligen Spiels.

    @Luci Ich habe nie geleugnet, dass Spiele gewisse Lerninhalte transportieren können. Meine Bemerkung mit den Psychologen bezog sich auf die seit Jahren bekannte lernpsychologische Grundweisheit, dass zuviel Schnick-Schnak rings herum um den Lerninhalt diesen dominiert und damit den Lernerfolg schmälert. Gerade an Dich wende ich mich mit der Bemerkung zur Distanz. Ideologischer Übereifer schadet der Sache.

    @Leila Wenn man etwas veröffentlicht, muss man damit leben, auch Kritik zu bekommen. Ich nehme Deine an.

  19. dunkelmunkel sagt:

    @m.g. Diese Untersuchungen werden wir machen. Ich bin tierisch gespannt auf die Ergebnisse…

  20. Leila Concetti sagt:

    @StephGoldhammer: Der Mann spricht mir aus der Seele. Genau das meinte ich. Danke für den Input.

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