Regenbogen-Schulbücher!

Veröffentlicht: Freitag, Februar 14, 2014 in Beziehung

Zurzeit gibt es eine hitzige Diskussion um die Bildungsplan-Entwürfe des Landes Baden-Württemberg. Ihr kennt bestimmt die Petition und die Gegenpetition. Vorab: Ich habe die Gegenpetition unterzeichnet, weil ich es wichtig finde, dass dem Thema „Vielfalt sexueller Orientierungen“ mehr Raum in der Schule eingeräumt wird. Wenn eine Gesellschaft möchte, dass die Vielfalt der Liebesformen zur Normalität wird, dann ist die Schule eine wichtige Einflussgröße. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass dem Thema „Sexuelle Vielfalt“ in dem Papier eine seltsam prominente Rolle eingeräumt wird – besser wäre es, wenn die Vielfalt bezüglich ganz vieler Aspekte in den Vordergrund gerückt wird (also auch Vielfalt bzgl. Kultur, Religion, Behinderung – Nichtbehinderung usw.). Nichtsdestotrotz weist der Bildungsplanentwurf aus meiner Sicht den richtigen Weg, und ich wundere mich über die Emotionalität und  die Heftigkeit, mit der gegen diese Ideen vorgegangen wird.

Ich will hier gar keine allgemeine Diskussion über den Entwurf und die Petitionen anregen (das wurde an vielen anderen Stellen schon ausreichend getan). Ich möchte mal eine Idee in den Raum werfen, die mir persönlich in der Diskussion zu kurz kommt. Aber bevor ich zu der Idee komme, will ich erst mal einen Versuch machen, die Vorstellungen darüber, wie sexuelle Vielfalt in den Unterricht aufgenommen werden soll, zu ordnen.

Eine sehr oberflächliche Vorstellung geht davon aus, dass es sich um eine neue Form des Sexualkundeunterrichts handelt. Dabei geht es bei der Diskussion um die Vielfalt sexueller Orientierungen gar nicht um Sex (die Begriffsverwendung ist missverständlich), sondern um die Vielfalt von Formen von Liebesbeziehungen:  die Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen oder polyamoren Menschen usw. Es geht nicht um die sexuellen Praktiken von diesen Personengruppen. Wenn man die Vorstellung eines „modernen Sexualkundeunterrichts“ hat, dann fragt man sich natürlich, welche Bedeutung dieses Thema im Sinne eines Querschnittsthemas durch alle Fächer hindurch hat. Sexualkundeunterricht findet schließlich nicht in allen Fächern statt. Aber eben das ist ja auch nicht gemeint.

Vielmehr ist damit gemeint, dass Unterricht auf die Toleranz und Akzeptanz (ja, auch über diesen Unterschied wurde viel philosophiert) alternativer Formen sexueller Orientierungen im Sinne alternativer Liebesbeziehungen ausgerichtet sein muss, und natürlich spielt dies in vielen Fächern eine Rolle. In den Fächern Deutsch, Geographie, Ethik, Biologie, Kunst, … lassen sich sicherlich vielerlei Bezüge und Diskussionsanlässe herstellen.

Mir persönlich geht das alles aber nicht weit genug. Selbst wenn dieses Thema in mehreren Fächern diskutiert würde, so würde es trotzdem den Anstrich an „Anomalität“ haben: Wir müssen darüber sprechen, dass „auch diese Lebensweisen normal sind“, und deswegen sind sie es ja gerade nicht (sonst müssten wir nicht drüber sprechen). Jede explizite Diskussion im Sinne eines „Unterrichtsthemas“ birgt die Gefahr, dass eben diese alternativen Formen als nicht gleichwertig betrachtet werden. Schließlich bedürfen sie einer gesonderten Behandlung.

Ich stelle mir die Umsetzung dieses Themenbereichs durch alle Fächer hindurch ganz anders vor. Beispiel: In einem Schulbuch zum Fach Englisch kommt ab und an ein schwules Paar in den Geschichten vor. Einfach so, ohne Thematisierung von Homosexualität. Ganz normal. Es wird nicht problematisiert. Es wird nicht thematisiert. Es gibt einfach Jack und John als Paar. Fertig. Wenn die Kinder von sich aus nachfragen, was es mit Jack und John auf sich hat, dann wird es gemeinsam besprochen. Wenn nicht, dann nicht. Nur so kann doch das Thema im Geiste der Normalität behandelt werden.

Damit würde auch der Einspruch relativiert, man konfrontiere Kinder mit Themen, die sie noch gar nicht beschäftigen, ganz im Sinne „Kinder, wir müssen mal über Homosexualität sprechen.“ (Dies wurde beispielsweise bei Maischberger geäußert.) Sondern: Alternative Formen werden als Normalität abgebildet, und wenn Kinder dazu Fragen haben, dann bespricht man sie. So würde sich das für mich gut anfühlen.

Also, ich hätte gerne Deutschbücher, Englischbücher, Mathebücher, Ethikbücher, Physikbücher, Geographiebücher, … in denen heterosexuelle Paare, homosexuelle Paare, polyamore Beziehungen, Patchwork-Familien , …, Menschen unterschiedlicher Kulturen, behinderte und nicht behinderte Menschen, … einfach so auftauchen, in Geschichten und Kontexten, in denen es gerade nicht um diese Themen geht. Das wäre ein plausibles fächerübergreifendes  Vorgehen, das wäre die konsequente Umsetzung der Normalität der Vielfalt. Ich will Regenbogen-Schulbücher haben.

@Schulbuchverlage Könnt ihr das bitte so machen?

@all Wie denkt ihr darüber?

Kommentare
  1. Schulbücher veralten immer sehr schnell, somit bin ich ehr für Tablets. Schnell lässt sich eine Diskussion entfachen und hinterher ein Kommentar verschicken. Über Kommunikation lernt sehr viel…..

  2. Fontanefan sagt:

    Weshalb tauchen diese Paare/Beziehungen in der gebräuchlichen Texte nicht einfach so auf?

    Warum muss sexuelle Vielfalt zum Querschnittsthema gemacht werden? Weshalb kann sie nicht im Zusammenhang von Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung „einfach so auftauchen“?

  3. Danke für diese Ausführungen. Genau das ist der richtige Weg. Die Einheit „Schwul – na und?“ im Englischbuch unterstreicht die gefühlte Anormalität.

    Du wendest dich an die Schulbuchverlage. Sind in dieser Sache Entscheidungen von Schulbuchverlagen notwendiger als Entscheidungen von Politikerinnen?

  4. Lord Sylmarash Regulus sagt:

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Etwas zu ändern geht einfach nur von Grund auf, nämlich in der Bildung. Schulbücher gehören da dazu und sind folglich eine gute Möglichkeit einen Anfang zu machen. Ich schreibe selbst gerade an einem Physik-Buch für die Oberstufe des Gymnasiums in Österreich und wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich sicher das ein oder andere schwule Pärchen, körperlich-oder psychisch „beinträchtigte“ Menschen, oder Menschen anderer Kulturen in Beispielen auftauchen lassen. Die Petitionen betreffen mich, als nicht Baden-Württemberger nicht, jedoch würde ich wie Sie die Gegenpetition unterzeichnet, auch wenn ich ebenfalls der Meinung bin, dass Aspekte wie oben aufgeführt mehr in den Vordergrund rücken hätte sollen im Verhältnis zum Aspekt „sexuelle Vielfalt“. Eigentlich ist es ja so, dass man sich regelrecht auf alle stürzt, die „anders“ sind, aber sind wir nicht alle ein wenig „anders“. Wär ja sonst langweilig.😉

  5. mschaki sagt:

    Auch ich stimme zu. Wenn wir eine Akzeptanz von Vielfältigkeit in Kultur und Lebensformen wollen wie es ja politisch immer wieder betont wird und auch entsprechende Gesetze hierzu erlassen werden, dann müssen wir diese auch in den (Schul-) alltag inkludieren und sie nicht immer durch die Besonderheit in der Darstellung wieder separieren. Leider zeigt sich zum Beispiel auch in den Petitionen zum Sexualkundeunterricht, das die Gesellschaft noch gar nicht so weit ist, wie sie vorgibt.

  6. Leila sagt:

    Genau so soll’s sein, Christian! Schön formuliert, schön auf den Punkt gebracht – ich bin der gleichen Meinung = )

  7. Juli sagt:

    Ich stimme dem zu. Möchte aber noch einen weiteren, wie ich finde, wichtigen Aspekt mit anführen.
    Angenommen einige Schulbuchverlage folgen der Bitte, was ist denn dann mit den Lehrern, die darauf im Unterricht adequat reagieren sollen? Wird dieses Thema denn an unserer Pädagogischen Hochschule in der Lehrer (Pädagogen usw.)bildung ausreichend thematisiert? Ich bezweifle, dass dies, trotz allgemeiner reger Diskussionen ausreichend reflektiert wird. Reflexion im Sinne eines Einbezugs der eigenen persönlichen Einstellung dieser Thematik gegenüber.

    Ich studiere Bildungswissenschaften im Master an der PH Heidelberg und wir haben während der ganzen Zeit über dieses Thema kein einziges Mal gesprochen (beispielsweise im philosophischen Seminaren?!).
    Auf den ersten Blick scheint es sich um abgedroschene Themen zu handeln, die jetzt doch auch endlich Einzug in den Schule gehalten soll. Sexualkunde oder, wie Sie richtig beschrieben haben Herr Spannagel, die Diversität von Liebesbeziehungen – diese großen und emotionalen Themen sind aber in der Tat nicht in genügend (Pädagogen-)Köpfen. Im Vergleich zu Kanada, die ihre Kampusstraßen in Regenbogenfarben besprühen, sind wir Deutschen doch sehr vorsichtig und denken erst einmal länger darüber nach. An den Unis dort wird es thematisiert, es gibt eine sogenannte Woche der Sexual- und Gesundheitsbildung. Studenten, Dozierende und Interessierte diskutieren offen darüber, ohne große Angst, es zu überdramatisieren. Tun wir das denn dann auch wirklich in den Schulen, wenn wir es mal explizit diskutieren?

    Ich stimme Ihnen zu, Herr Spannagel, dass es unter Umständen gefährlich sein kein, diese Themen im Unterricht explizit anzusprechen. Gefährlich im Sinne, es wird nie als „normal“ angesehen. Auch muss es auf unterschiedliche Weise in den Alltag miteinfließen (durch beispielsweise Bücher, andere Unterrichtsmaterialien, aber auch durch authentische Lehrer und eine offene Kommunikation), aber sind wir schon soweit, dass dies ausreicht? Ist ein Großteil der Lehrer und anderer Pädagogen schon soweit, dies auch als normal zu behandeln? Mit welchen Einstellungen stehen Lehrer dahinter, wenn das Schulbuch aufgeschlagen wird, und erstmal die ganze Klasse anfängt zu lachen und zu toben? (Kann passieren, wir erinnern uns alle daran😉 als wir selbst vielleicht mal ausgeflippt sind als junge Spunde)
    Meiner Meinung nach, sollte es weiter diskutiert, aber vor allem reflektiert werden. In erster Linie wenn ich als Lehrer authentisch unterrichten möchte und auch meine Person miteinbringen möchte.
    Her mit den Regenbogen Büchern (Normalität!!), UND lasst uns mal eine Kampusstraße besprühen (auch mal etwas ausgefallen), aber bitte gemeinsam reflektieren!!

  8. dunkelmunkel sagt:

    @Juli Du hast vollkommen recht: Selbst wenn wir solche Schulbücher hätten, dann bräuchten wir auch Lehrer_innen, die damit umgehen können und die entsprechend (re)agieren können, wenn es dadurch zum Thema wird. Ich hätte größte Befürchtungen, dass solche Bücher in den Händen diesbezüglich nicht-offendenkender Pädagoge_innen eher das Gegenteil bewirken könnten. Wir brauchen nicht nur die Schulbücher, sondern auch Lehrer_innen, die auf den Einsatz solcher Materialien vorbereitet sind.

  9. Ulf sagt:

    Ja, Christian, genau das ist der Ansatz. Gab es doch auch vor 20/30 Jahren noch Leute, die sich über die ersten Mehmets und Alis in Grundschulwerken ereifern konnten. Oder über Farbige in der Sesamstraße. Heute ist das ganz normal, weil es einfach die Realität abbildet. Alles was künstlich zum Unterrichtsthema hochstilisiert wird stößt bei denen, bei denen es ankommen soll, zunächstmal auf Misstrauen bis Ablehnung. Gut gemeint ist halt oft das Gegenteil von gut gemacht. Ich habe die Gegenpetition auch unterzeichnet, aber hauptsächlich weil ich mich als Baden-Württemberger für die vielen Unterzeichner dieser unsäglich dumm-frömmelnden Petition so geschämt habe.

  10. Passend dazu ‚führt‘ Facebook über 50 verschiedene Geschlechter ein – hätte es ein leeres Textfeld nicht auch getan?
    Ich stimme dir voll und ganz zu – Normalität ist dann erreicht, wenn niemand mehr drüber spricht und ja, ich würde eine buntere Vielfalt an Bildern und Texten absolut begrüßen.
    Ich empfinde jedoch eine Gratwanderung zwischen „Ich bin total dagegen, weil ich Homosexuelle/Behinderte/Ausländer/… nicht in meinem Alltag sehen will“ auf der einen Seite, einem
    „ich will nicht darüber sprechen, weil es für mich normal/egal ist“ in der Mitte und einem „jede Minderheit muss jetzt zu ihrem Recht kommen, das bedeutet jede Behinderung, jede Nationalität, jedes der (~50?) Geschlechter und jede sexuelle Orientierung muss wenigstens einmal im Schulbuch/der Fernsehserie/blabla vorkommen“ auf der anderen Seite.

    Wie viele verunstaltete, hässliche oder dicke Menschen siehst du denn in Schulbüchern? Auch die Freunde der „12 Stämme“ (oder wie diese Schulverweigerer heißen) gehören zu unserer Gesellschaft, genauso wie radikale Muslime – müssen auch die ins Schulbuch?

    In meinem Alltag sind Männer und Frauen völlig gleichberechtigt (es ist „normal“) – ich verspüre keinen Ehrgeiz für den Feminismus in den Kampf zu ziehen. Die Kolleginnen von Femen sehen das sicher anders: Aus ihrer Sicht ist meine „mir doch egal“-Haltung entsetzlich.

    Irgendwen wird man immer verprellen und aus meiner Sicht sind das alles Ablenkungsdiskussionen – insbesondere, wenn sie von den Medien geführt werden.

    (Und als Linkshänder, Vegetarier, überdurchschnittlich großer Mensch und Antialkoholiker gehöre ich einer mikroskopisch kleinen Minderheit an, die auch nicht in Schulbüchern vorkommt :-D)

  11. (Was ich eigentlich sagen will: Ja, gerne neue und bunte Schulbücher – aber bitte nicht auf Teufel komm raus unbedingt jedem gerecht werden wollen:
    Man stelle sich vor, ich müsste im Rahmen des Sexualkundeunterrichts alle 50 Facebook-Geschlechter besprechen, nur damit ja keine Minderheit ausgelassen wird… – geht es wirklich darum?)
    🙂

  12. dunkelmunkel sagt:

    Hi Jan-Martin,

    klar, ich denke auch, man muss nicht alle Ausprägungen von „Geschlecht“ oder „Beziehungsform“ usw. berücksichtigen, aber zumindest mehrere Alternativen aufnehmen, einfach um die Vielfalt darzustellen, ohne sie komplett abzudecken.

  13. Steffen sagt:

    M.E. ein typischer Fall für Open educational resources. Bis die Schulbuchverlage da aus’m Tee kommen ists eh zu spät. Die schaffen es noch nicht mal, ein Lehrbuch als E-Book oder eine Lernsituation als Moodle-Kurs (bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen) herauszubringen. Und wenn man dann nach den Kosten für eine Einzel-, Klassen- und Schullizenz fragt ists gleich ganz vorbei.

  14. Martin sagt:

    Ich kann mich nur anschließen. Eine bunte Gesellschaft funktioniert nur, wenn Vielfalt als selbstverständlich angesehen wird.

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