Schwere und Leichtigkeit

Veröffentlicht: Sonntag, Juni 8, 2014 in Leben

In den letzten Monaten haben mich verschiedene Dinge gedanklich beschäftigt, ohne bislang zu „mentalen Blogartikeln“ herangereift zu sein. Dazu zählen unter anderem die Themen Menschenbild, Persönlichkeitsentwicklung und Reflexion. Demnächst werde ich ein paar Artikel dazu schreiben, und beginnen möchte ich heute mit einem Thema, das wunderbar zur Atmosphäre des Wave-Gotik-Treffens passt. Das Thema lautet: Tod.

Das Thema Tod ist für mich eine ganz wesentliche Grundlage, weil die eigene Sterblichkeit letztlich alles bedingt. Denn: ich bin Atheist. Ich glaube an keinen Gott. Ich habe ein stofflich geprägtes Weltbild, eine Seele gibt es nicht. Meine eigene Gehirnaktivität und damit auch mein Denken und Fühlen enden mit meinem Tod. Mich selbst gibt es nur bis zu diesem Zeitpunkt. Mit meinem Tod endet mein Ich.

Der Moment meines Todes wird mein ganz persönlicher Moment sein, in dem ich vollkommen auf mich selbst zurückgeworfen sein werde. Die Welt und das ganze Drumherum wird in diesem Moment vermutlich vollkommen irrelevant für mich sein. Ich und nur ich werde in diesem Moment die Schwelle ins Nichts überschreiten. Welch ein Moment!

Kleiner anekdotischer Exkurs: Als ich Darmstadt als Tutor bei der Klausuraufsicht unterstützen durfte, erzählte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die alleine Aufsicht in einem anderen Raum gemacht hat, eine kleine Begebenheit. Der Professor lief von Raum zu Raum, um nach dem Rechten zu sehe. Als er bei ihr in den Raum kam, stellte er fest, dass außer ihr niemand Klausuraufsicht machte. Sie bemerkte seine Irritiation und sagte: „Ich bin alleine.“ Er antwortete: „Sind wir das letzten Endes nicht alle?“ Damals hab ich kurz gelacht, einfach weil’s witzig war. Es gibt aber kaum eine Aussage mit mehr Tiefe als diese. Letzten Endes bin ich allein auf der Welt. Und insbesondere gehen werde ich alleine.

Mein Leben ist endlich. Anschließend kommt unendlich lange nix. Was ist – zeitlich gesehen – ein endliches Leben gegen die Unendlichkeit des Nicht-Seins? Oh man! Ein endliches Leben, dann unendliches Nichts. Unendlichkeit ist verdammt viel länger, und gesamtzeitlich gesehen ist mein eigenes Leben eigentlich nur ein Wimpernschlag oder ein Furz oder so (halt was sehr kurzes). Wie kostbar ist also die eigene Lebenszeit!

Wenn ich im Sterben liegen werde (und aus oben genannten Gründen dauert das hoffentlich noch recht lange), dann will ich mir nicht vorwerfen, mein Leben nicht gelebt zu haben. Das will ich mir am Ende nicht vorwerfen! Das bedeutet aber: Ich kann das Leben nicht herausschieben. Jede Minute Lebenszeit ist kostbar. Der Gedanke ans Sterbebett hat Konsequenzen auf: jetzt.

Also: es ist mein Leben, jede Minute ist kostbar, und ich muss mich darum bemühen, mein Leben so zu gestalten, wie ich mein Leben leben möchte. Das bedeutet also: nicht vor sich herdümpeln in seinem Leben, nicht faul sein, sondern loslegen mit der bewussten Lebensgestaltung. Darin steckt eine große Radikalität!

Neben Radikalität steckt außerdem das ungute Gefühl darin, dass man diesem Anspruch vielleicht nicht gewachsen ist. Schaffe ich das denn? Was, wenn ich zu viel Zeit für Sinnloses verschwende? Oh, und wenn ich über so etwas nachdenke: wieder eine Minute weg! Die Zeit stoppt nie, gnadenlos läuft sie weiter. Tick – tack – tick – tack – …

Ich glaube, ich habe einen ganz guten Weg für mich gefunden, damit umzugehen. Eine Metapher für diesen Weg ist der Schalksnarr. Warum? Er steht für eine wunderbare Kombination aus Ehrlichkeit und Humor. Ehrlichkeit zu sich selbst ist wichtig, damit man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zunächst einmal wahrnehmen und dann auch ernst nehmen kann. Man muss sein Wesen kennen, wenn man sein Leben sich selbst gemäß gestalten möchte. Die Frage lautet letztlich: Wer bin ich? Was ist meine Wahrheit? Meine persönlichen Themen, die ich für mich über einen längeren Zeitraum herausgearbeitet habe, sind beispielsweise Atheismus, Identität und Polyamorie. Das war zum Teil sehr hart und schmerzhaft. Die Beschäftigung mit bislang ignorierten persönlichen Wahrheiten ist nie angenehm – so lange hat man sie für sich totgeschwiegen! Man hat aber die Wahl: bequem sein und irgendwie leben (so wie man aufgewachsen ist und so, wie alle um einen herum leben, unreflektiert halt) oder Aufwand treiben und sein eigenes Wesen verwirklichen. Nur letzteres würde mich glücklich machen. Nur bei letzterem Weg würde ich am Ende (siehe oben) sagen können: gut gemacht! Also: ehrlich zu sich selbst sein und sich mit seinen eigenen Wahrheiten befassen.

Neben Ehrlichkeit ist Humor die zweite wichtige Komponente des Schalksnarren. Vieles im Leben kann man nicht beeinflussen, und die Tragik der eigenen Endlichkeit wäre unerträglich, wenn es sie hier nicht geben würde: Humor, Spaß, Witz. Die tragischen Dinge sehen, Wahrheiten ehrlich auf den Punkt bringen, aber bitte mit einer Prise Humor. Und damit ist nicht schwarzer Humor gemeint, auch nicht Zynismus. Es ist mehr die Aufforderung zur Leichtigkeit: Lasst uns Spielen! Lasst uns Party machen! Lasst uns tanzen!

Neulich hab ich ein Wort aus der Jugendsprache gelernt (uaaah, wenn ich das schon lese: „Jugendsprache“): YOLO! Das bedeutet: „You only live once!“ Und sagen tut man es, wenn man irgendwas tut, was man normalerweise nicht tut. Und wenn ihr mal eine YOLO-Aktion macht und irgendjemand fragt euch, was für einen Sinn das hatte, dann antwortet: Es muss nicht alles Sinn machen, Hauptsache, es hat Spaß gemacht.

Der Schalksnarr schafft es, unbequeme Wahrheiten so zu verkaufen, dass sie mit Humor akzeptiert werden. Genau so sollte man sich selbst seine eigenen Wahrheiten vermitteln. Schwere durch Leichtigkeit leichter machen.

hutklein2

„Gut gemacht! “ kann ich schon heute zu mir sagen. Ich bin zufrieden, wie ich selbst mit mir und meinem Leben in den letzten Jahren umgegangen bin. Das fühlt sich gut an. Wenn es so weiter geht und wenn sich diese Einschätzung nicht ändert, dann werde ich am Ende vielleicht das gleiche Gefühl haben wie heute, und damit könnte ich glücklich gehen. Und genau das will mich mir zum Ziel setzen: Jeden Tag dieses Gefühl zu haben, das alles so wie es ist genau richtig ist.

Wie sind eure Gedanken dazu? Wie geht ihr mit dem Gedanken an eure eigene Sterblichkeit um?

Kommentare
  1. jeanpol sagt:

    Natürlich wäre es lästig und lächerlich, wenn ich deinen blog mit videos vollspamen würde, aber du weisst, dass ich mich mit den von dir angeschnittenen fragen seit sehr langem beschäftige. Auch ich bin der meinung, dass das kriterium für ein gelungenes leben die intensität ist. Ganz prosaisch könnte man das an der menge und qualität der erlebten „kicks“ und „flows“ messen. Nietzsche meinte mit seiner vorstellung der ewigen wiederkehr des gleichen, dass man den augenblick sehr intensiv gestalten muss, denn er wird immer wiederkehren. Es wäre doch sehr öde, wenn der moment, den ich gerade gestalte, langweilig ist, denn ich muss ihn dann immer wieder durchleben. Besonders intensiv ist die verzükungsspitze, die man erreicht, wenn man mit höchster kraft über sich hinausgewachsen ist und den gipfel erreicht, egal was es auch für ein gipfel sein kann (berg, tiefsee, musik, kunst, wissenschaft, gefühlsintensität, das höchste eben…).

  2. jeanpol sagt:

    Nachtrag: mein posting bezieht sich besonders auf diesen deinen satz: „Also: es ist mein Leben, jede Minute ist kostbar, und ich muss mich darum bemühen, mein Leben so zu gestalten, wie ich mein Leben leben möchte. Das bedeutet also: nicht vor sich herdümpeln in seinem Leben, nicht faul sein, sondern loslegen mit der bewussten Lebensgestaltung. Darin steckt eine große Radikalität!“

  3. jeanpol sagt:

    „Wahrheiten „verkaufen“? Was bedeutet „verkaufen“?
    Und noch was, dann höre ich auf: angesichts deiner schilderungen ist klar, dass angesichts der vergänglichkeit man schon schauen muss, dass man ein intensives leben führt. Aber soviel konzentration auf die eigene, letztlich lächerlich kleine person? Ist das nicht etwas übertrieben? Du bist natürlich für dich das wichtigste, das ist klar. Aber für die anderen? So viel tamtam um die eigene person im anblick der ewigkeit? Ist das noch humor?

  4. Lore Reß sagt:

    Ich habe festgelegt, dass nach meinem Tod mein Körper verbrannt werden soll und die Asche a) im Weltraum ausgetreut b) in einen Bergbach geschüttet werden soll, der ins Mittelmeer fliesst oder c) in irgeneinem Meer verteilt werden soll (Auswahl der Alternativen nach Kostengründen). Boshafterweise habe ich eine weitere Auswahl hinzugefügt: d) in einer Urne auf dem Kaminsims (wird wohl keiner machen wird).
    Das bedeutet, es gibt keine „Ruhestätte“. Die brauch ich dann nicht mehr, kann es ja sowieso nichts mehr empfinden. Das ist etwas egoistisch, da ich gerade in der letzten Zeit erlebt habe, dass der Besuch am Grab eines geliebten Menschens einigen Personen Trost spendet.

    Hat der Tod etwas erschreckendes? Nein, Erschrecken würde es mich, wenn sich die eine oder andere Religion bewahrheiten würde, und es tatsächlich ein „Leben nach dem Tod“ geben würde. Ein grausiger Gedanke.

    Der Tod hat eher etwas tröstliches. Irgendwann ist es vorbei. Ich habe auch eher Angst davor, dass sich der eigene Tod zu lange hinausschiebt. Meine Mutter versank in tiefe Demenz und wusste zum Ende hin nicht mehr wo sie war und wer sie war. Davor habe ich Angst. Der Tod ist dann eine Erlösung.

    Dieser Aussage kann ich nicht zustimmen: „Also: es ist mein Leben, jede Minute ist kostbar, und ich muss mich darum bemühen, mein Leben so zu gestalten, wie ich mein Leben leben möchte. Das bedeutet also: nicht vor sich herdümpeln in seinem Leben, nicht faul sein, sondern loslegen mit der bewussten Lebensgestaltung.“
    Ja, ich möchte, dass meine Nachkommen in einer guten Welt leben können. Ich befürchte allerdings für die nahe Zukunft Schlimmeres, aber sicher wird die Menschheit irgendwann einmal schlauer werden – oder die Vulkanier kommen endlich🙂 Dafür versuche ich etwas zu tun.

    Warum nicht vor sich hin dümpeln? Wäre doch auch ganz nett? Diese Freiheit sollten wir auch den anderen lassen – aber ich kann das auch nicht so richtig🙂

    Zitat JeanPool: „So viel tamtam um die eigene person im anblick der ewigkeit? Ist das noch humor?“ Wenn das keiner tun würde (das Tamtam) wären wir schon wieder zurück in der Steinzeit.

  5. buktombloch sagt:

    Guten Tag.

    Ein interessanter Beitrag. Ich hatte schon vor längerer Zeit, durch einen Nebensatz irgendwo, mitbekommen, dass Du Atheist bist. Das hatte mich ehrlich gesagt enttäuscht. Etwa um dieselbe Zeit und auf die selbe Art, hatte ich erfahren, dass Deine Gothic – Attitüde „nichts weiter bedeuten soll“. Das war die zweite Enttäuschung.
    Das alles klingt nun evtl. negativer oder unschöner, als es gemeint ist.
    Ich bin eben ein anderer Mensch. Ich glaube nicht an die Kategorien „Raum“, „Zeit“ und in der Folge natürlich auch nicht an „Kausalität“.
    Ehrlich gesagt, erscheinen sie mir sogar absurd.

    Wenn ich mich verorten soll, muss dies im Bereich Pantheismus / Panentheismus geschehen. Wobei in der Umschreibung dieser Positionen natürlich wieder nur unzureichendes menschliches Denkvermögen und ein eben solches menschliches Sprachvermögen am Werke sind …
    Mit Atheisten habe ich sehr viele negative Erfahrungen gemacht, in Diskussionen, fast ausnahmslos.
    Ich kann diese Glaubensrichtung insgesamt eigentlich nur mit der Gruppe religiöser Fanatiker vergleichen, egal welcher Couleur.
    Dennoch gebe ich die Hoffnung auf sinnvolle Kooperationen natürlich nicht auf.

    Des Weiteren kann ich mit Hedonismus herzlich wenig anfangen. Ich will mich nicht besser machen als ich bin – natürlich gibt es auch Dinge, die ich genieße, ich bin durchaus empfindungsfähig, etc. pp.
    Aber grundsätzlich liegt mir das nicht.
    Ich möchte stets etwas sinnvolles, etwas kreatives und / oder humanes / soziales tun.
    Reiner Genuss ist für mich letztlich Zeitverschwendung, als Notwendigkeit der Rekreation, etc. kann ich ihn zuweilen aber akzeptieren.

    Ethik ist mir wichtig. Mein Pantheismus / Panentheismus ist mir da natürlich in der letzten Konsequenz nur wenig hilfreich. Ich versuche dies durch ernsthafte und ehrliche Selbstbefragung zu kompensieren. Ich denke, es gibt da schon eine gewisse „cartesische Klarheit“ die mir dann antwortet und mir zeigt, welches Tun oder Unterlassen richtig und gut, oder aber falsch ist.

    So leben wir also in zwei ganz verschiedenen Welten / Universen.

    MfG
    BukTom Bloch
    aka
    Burkhard Tomm-Bub,M.A.

  6. Frank Vohle sagt:

    Hallo ihr Lieben,

    na, so ein Beitrag, soviel Offenheit, da kann man sich nur wegdrehen oder … freudig antworten!

    Christian, du schreibst gleich im zweiten Absatz, dass dein „Ich“ mit deinem Tod endet. Du glaubst also tatsächlich, dass dein Ich nur in deinem Kopf „existiert“? Dabei hast du es doch schon seit Jahren geteilt, mit deinen StudentenInnen, deinen Freunden und Freundinnen. Du wirst sagen: „geteilt“? Ja, dein ich ist in abgeschatteter und (sehr) grober Form in den Köpfen der anderen, lebt dort, weiter. DAS zumindest glaubt Douglas Hofstaedter, der in seinem Buch „Ich bin eine seltsame Schleife“ http://www.amazon.de/dp/3608944443 die Erfahrungen mit dem Tode seiner Frau verarbeitet. Vielleicht gefällt dir das Buch, es ist u.a. recht mathematisch🙂.

    Zum Zweiten kommt die Diskussion auf „Nutze den Tag“, Jean Pol, du spricht von „über sich hinauswachsen“ und bringst Nietzsche. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern!“ https://www.youtube.com/watch?v=_bs8CamNBsk.

    Vorgestern Abend habe ich auf 3sat die Sendung geschaut „Ideale -Wofür lebst du?“ http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/176973/index.html Am Ende fragte einer der Idealisten eine Schülergruppe nach ihren Idealen. Schweigen. Eine Antwort kam dann doch: Reihenhaus, Hund und gaaaanz viel Sicherheit. Tja, wo fangen wir an, wie fangen wir an.

    Schönen, sonnenreichen Montag!

    Frank

  7. dunkelmunkel sagt:

    Danke für eure Kommentare!

    @jeanpol Der Schalksnarr „verkauft“ Wahrheiten, in dem der den Herrschern Dinge mit Humor sagt, für die man sonst gehenkt werden würde.😉 Sich selbst sollte man natürlich kein Wahrheiten verkaufen, sondern vermitteln.

    „So viel tamtam um die eigene person im anblick der ewigkeit? Ist das noch humor?“ – ich find’s irgendwie witzig, ja. Wie viel Gedanken man um sich selbst macht angesichts der Tatsache, dass man global gesehen bedeutungslos ist. Ist das nicht witzig?

    @Lore Wenn man sich bewusst entscheidet, jetzt ein bisschen zu dümpeln, weil das jetzt für einen genau das richtige ist: klar, das ist sicher sinnvoll genutzte Lebenszeit. Aber „unbewusst geführtes Dümpelleben“ würde ich für mich nicht akzeptieren. Andere dürfen das natürlich machen, es ist ja deren Leben. (Alles, was ich hier geschrieben habe, beziehe ich auf mich.)

    @BukTom Bloch Oh, wo habe ich denn geschrieben, dass mir Gothic nichts bedeutet? Das ist mir sehr wichtig! Eventuell ein Missverständnis?
    Ich bin kein „missionarischer Atheist“ (ich kenne solche Menschen auch), ich denke einfach, dass es keine Götter gibt. Ethisch gesehen hilft das auch nicht viel, allerdings kann man auf diesem Hintergrund deutlich machen: Du kannst die Verantwortung nicht an deinen Gott oder ähnliches abschieben, und kannst auch nicht hoffen, dass er dich „rettet“ usw. – letzten Endes bis du alleine verantwortlich dafür, dass dein Leben gut wird, und du kannst dafür sorgen, dass auch die Menschen um dich herum gut leben können.

  8. Oliver Tacke sagt:

    Ich muss nachdenken.

  9. Marcus Speh sagt:

    Wie passend: liege schon seit über einer Woche krank im Bett, da liegen Gedanken an Sterblichkeit immer näher als üblich. Dein Artikel und die Kommentare, die er hervorgelockt hat, bringt mannigfaltige Assoziationen meinerseits ans Licht dieses schönen Pfingstmontags. Drei davon möchte ich mit euch teilen:

    Bei @Buktoms Antwort, kam mir der kleine Prinz in den Sinn (aus Saint-Exupérys Geschichte, die gar nicht für Kinder ist, sondern eher für melancholische Erwachsene), wie er von Planet zu Planet (eigentlich: Asteroid) hüpft auf der Suche nach einer Antwort, die er schließlich und nicht überraschend für uns, die wir die durch die Stahlgewitter des Existenzialismus hindurchgeritten sind ohne an ihnen zu sterben, aber mit dem erforderlichen (schließlich geht es um Leben und Tod!) Leiden, nicht zur zu Hause findet, sondern bei sich, in seinem eigenen Herzen: „On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.“ („One sees clearly only with the heart. What is essential is invisible to the eye.“) Hätte er sich also gar nicht den Mühen des Planetenhüpfens unterziehen müssen? — Aber ja doch: ohne den wiederholten Verlust der geistig-seelisch-moralischen Heimat gibts keinen Gewinn in der höchsten, der philosophischen Königsklasse. Jedenfalls ist das meine Erfahrung – ich kenne auch andere, die sich, zumeist als geborene Ideologen oder Gläubige, immer schon sicher waren und sind, wie das alles zusammenhängt und was das leben lebenswert macht, aber mein eigener Weg war dorniger und schloss jahrelangen Dornröschenschlaf ein.

    Bei Deiner Auslegung des Schalksnarr-Begriffs, oder der Rolle des Schalksnarren, dachte ich gleich an Till Eulenspiegel und seinen Humor, der auf der Erkenntnis, dass Menschsein paradox ist, und der Entdeckung des Paradoxen im Alltag beruht. Humor ist eine Ausdrucksform des Paradoxen, die selbst auf Paradoxie beruht. Bspw. der Witz: je stärker der Widerspruch zwischen unserer aufgebauten Erwartung und dem erzählten Ende, um so mehr lachen wir). Weniger anekdotisch und besser verankert hierzu die Form, die Augustinus dem Paradox der menschlichen Existenz gegeben hat: „Quid tam tuum quam tu, quid tam non tuum quam tu?“ (“Was ist so sehr dein wie du selbst, und was ist so wenig dein wie du selbst?”): ein wahrhaft (Ehrlichkeit!) sich selbst verstehender Mensch muss begreifen, dass er nur zu sich selbst kommen kann, indem er über sich hinausdeutet, und zwar nicht durch Selbstüberhöhung, sondern durch Beziehungsbildung. Beziehung mit wem? Mit was? Hier scheiden sich die Geister. Für den Gläubigen ist die Beziehung mit Gott die Antwort. Rein vom Wort her gilt das auch für den Atheisten: er bezieht sich genau so (negativ) auf den einen Gott wie der Gläubige sich (positiv) bezieht. Das Bild eines bipolaren magnetischen Feldes passt vielleicht.

    Und schließlich Deine Schlussfrage: wie gehe ich mit der eigenen Sterblichkeit um? Darauf habe ich bereits mehrfach anderswo geantwortet, wenn auch auf Englisch, zum einen in einer Geschichte “Asthmatic” um einen asthmatischen Selbstmörder [1], zum anderen in einem Geburtstags-Blogpost [2], der die Tode meiner Eltern zum Anlass für eine ähnliche Meditation nahm wie deine. Bei den Eltern liegt der eigene Ursprung am nächsten — bis meine Eltern beide verstorben waren, wusste ich eigentlich nichts vom Tod. Jetzt stehe ich selbst in der ersten Reihe, da nimmt die Frage an Schärfe zu. Beschäftigt hat sie mich immer schon. Ich glaube, dass keine diesseitige (diesseits deiner “Schwelle”) Tat, möge sie auch noch so aufwändig, wahrhaftig, glücksbetont, lustig oder lustbetont sein, die Schwere des Paradoxen unserer Existenz oder die Wahrheit des Todes auslöschen kann. Aber ebenso glaube ich, dass die Liebe den Trank versüßen kann. Und ich wundere mich, dass Du dieses Dritte gar nicht erwähnt hast, denn mir ist die Liebe das Wichtigste, wenn es ans Sterben geht. In diesem Sinne viel Erfolg bei der Klärung deiner Fragen!

  10. Marcus Speh sagt:

    PS. die umfassendste Darstellung des „Trickster“ oder Schalknarren-Charakters findet sich bei Shakespeare in der Gestalt des Falstaff – hervorragend umgesetzt von Orson Welles in „Chimes at midnight“ (1965) – also on YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=Xf6fxz1mI6g

  11. jmklinge sagt:

    Als Christ sehe ich die Sache mit dem Tod etwas anders – ansonsten stimme ich dir weitestgehend zu.
    Ich denke allerdings, dass man gar nicht so sehr YOLO-spektakuläre Dinge braucht, sondern eher Demut (Ehrfurcht?) angesichts der Größe des Universums und Dankbarkeit über das, was einem geschenkt ist.🙂

  12. uzeuner sagt:

    Gedanken zu meiner eigenen Sterblichkeit

    Als meine Mutter 2011 und meine Schwiegermutter vor einigen Wochen starb, habe ich mir beide Male das Lied angehört, das Annie Lenox am Ende des dritten Teils der Verfilmung von „Herr der Ringe“ singt (http://youtu.be/M-4iZAXfRqI):

    „Into the West

    Lay down your sweet and weary head
    Night is falling, You have come to Journey’s end

    Sleep now- Dream of the Ones who came before
    They are calling from across a distance shore

    Why do you weep ? What are this Tears upon your Face ?
    Soon you will see, All of your Fears will pass away

    Safe in my arms, You’re only sleeping

    What can you see- On the horizon ?
    Why do the white gulls call ?

    Across the Sea, a pale moon rises
    The ships have come- to carry you home …“

    Ich finde, es ist ein tröstlicher Gedanke, den Tod als das Ende einer Reise zu sehen, bei der man heimkehrt … Oder, wie es im Text des Liedes „Euch zum Geleit“ der Gruppe „Schandmaul“ heißt:

    „Mir geht’s jetzt gut,
    ich bin dankbar für alles;
    für jeden gemeinsamen Schritt….
    … ich bin am Ziel und es war schön, dieses Leben.“ (http://youtu.be/QR7kBBptT1Q)

    Beide Lieder könnte ich mir auf meiner eigenen Beerdigung vorstellen – ich selbst habe dann nichts mehr davon, aber vielleicht wird es ein Trost für die sein, die hier bleiben werden.

    Wir wissen nicht, was am Ende unserer Reise auf dieser Erde auf uns wartet – von dieser „distance shore“ ist noch niemand zurückgekommen.

    Wir wissen aber, auch ohne an einen Gott oder mehrere Götter zu glauben, dass es viel mehr auf dieser Welt gibt, als wir Menschen mit unseren begrenzten Sinnen wahrnehmen und mit unserem begrenzten Verstand denken können. Ich denke da zum Beispiel an Theorien aus der Quantenphysik über viele Welten – vgl. das Interview mit dem Quantenphysiker David Deutsch (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/quantenphysiker-david-deutsch-ich-existiere-unendlich-oft-a-463781.html).

    Philip Pullman hat diese Multiversum-Theorie übrigens in seiner Trilogie „His Dark Materials“ genial verarbeitet (vgl. http://www.philip-pullman.com/books/his-dark-materials/). Im dritten Band – „Das Bernsteinteleskop“ – muss die Heldin Lyra in die Welt der Toten steigen, um eine alte Schuld zu begleichen. Auf Seite 293/294 der Taschenbuchausgabe des Heyne-Verlages heißt es:

    „Und jeder hat seinen eigenen Tod?“, fragte Will verwundert.
    „Aber ja. In dem Augenblick, in dem du geboren wirst, kommt dein Tod mit dir in die Welt, und dein Tod ist es auch, der dich hinausträgt.“
    „Aha“, sagte Lyra,“das ist gut zu wissen, denn wir sind auf der Suche nach dem Land der Toten und haben keine Ahnung, wie wir dorthin kommen. Wie geht das zu, wenn man stirbt?“
    „Dein Tod klopft dir auf die Schulter oder nimmt dich an die Hand und sagt: Komm mit mir, es ist so weit. Das kann sein, wenn du mit Fieber krank im Bett liegst, oder wenn du an einem Stück trockenem Brot erstickst, oder wenn du von einem hohen Gebäude fällst. Mitten in deinen Schmerzen und Qualen tritt dein Tod ganz sanft heran und sagt: Ruhig, mein Kind, komm mit mir, und dann fährst du mit den anderen in einem Boot über den See in den Nebel hinein. Was danach passiert, das weiß keiner; denn noch nie ist jemand von dort zurückgekehrt.“

    Auch ein tröstlicher Gedanke: der Tod als Freund. Es gibt ein Märchen der Brüder Grimm, das heißt „Der Gevatter Tod“ – Gevatter ist ein altes Word für Pate.

    Und wenn unsere Zeit auf dieser Erde auch begrenzt ist und wir nicht wissen können, was am Ende dieser Reise sein wird, so leben wir auf jeden Fall ein wenig weiter in den Menschen, die uns und die wir auf unserem Weg ein Stück weit begleitet haben – in unseren Kindern, in unseren Schülern, in unseren Studenten. Auch das ist doch ein tröstlicher Gedanke.

    Und weil wir nicht wissen können, was am am Ende unserer Reise sein wird, sollten wir jeden Tag so leben, als könnte es unser letzter sein. Das ist nicht unbedingt ein Plädoyer für Hedonismus, aber ein Plädoyer dafür, sinnvoll zu leben. Was das aber heißt – sinnvoll zu leben – ist sicher für jeden von uns ein wenig verschieden. Ich denke aber, es bedeutet immer auch für andere da zu sein, wenn sie uns brauchen.

  13. dunkelmunkel sagt:

    Ich finde eure Kommentare sehr beeindruckend…

  14. dunkelmunkel sagt:

    @Frank Vohle Ich glaube nicht, dass ich mein Ich teile bzw. geteilt habe. Andere Menschen haben (im weitesten Sinne) Informationen über mich (z.B. Gedanken und Gefühle, die sie mit mir verbinden), aber mein Ich (also das, was in mir denkt), wird nach meinem Tod nicht mehr da sein, egal wie viel Information über mich noch in der Welt ist. Und das ist doch irgendwie total scheiße!:/

    @Marcus Speh Liebe habe ich tatsächlich nicht erwähnt, aber nicht, weil ich sie nicht für wichtig erachte (im Gegenteil!), sondern weil ich meinen Schwerpunkt auf meine eigene Haltung gelegt habe. Ehrlichkeit und Humor sind in gewisser Weise Haltungen / Einstellungen / …, Liebe nicht.

  15. Hannes sagt:

    Kleines Problem hier:
    „Ich und nur ich werde in diesem Moment die Schwelle ins Nichts überschreiten“
    Das Nichts hat keine Schwelle😉

  16. dunkelmunkel sagt:

    @Frank Vohle Noch ergänzend: Das, was du beschreibst, ist der einzige Weg, irgendwie „Unsterblichkeit“ zu erlangen, aber leider ist das trotzdem nur ein fauler Kompromiss.😉

    @Hannes Jede Metapher hat ihre Grenzen.😉

  17. […] Unser Gastautor Christian Spannagel ist Professor für Mathematik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. In seinem Blog “CSPANNAGEL, DUNKELMUNKEL & FRIENDS” erläutert Professor Spannagel aka Dunkelmunkel sein Verhältnis zum Tod. […]

  18. Andreas Lichte sagt:

    „Kilgore Trout schrieb einmal eine Kurzgeschichte, die aus einem Dialog zwischen zwei Hefe-Kreaturen bestand. Während sie Zucker aßen und in ihren eigenen Exkrementen allmählich erstickten, diskutierten sie über den möglichen Sinn des Lebens. Wegen ihrer beschränkten Intelligenz blieb ihnen verborgen, daß sie dabei waren, Champagner herzustellen.

    aus: „Breakfast of Champions“, Kurt Vonnegut

  19. Wichtig für mich ist die Lebensqualität und nicht die Quantität. Sorge bereitet mir dass der Unterschied zwischen armen und reichen Menschen ständig grösser wird. Ist man im Alter todkrank sollte man selbstbestimmt abtreten können. Ich glaube nicht an ein Leben im Jenseits.
    Schöne Grüße aus dem Emsland

  20. Kevin Atkins sagt:

    Hallo zusammen,

    ich finde die gesammelten Gedanken und Meinungen zum Tod, dem eigenen Ableben und dem was danach kommt insgesamt so schön divers. Vieles deckt sich mit eigenen Gedanken und anderes, wie es immer ist, halt nicht. Auch mich treibt diese Frage seit einer Weile um, da sich im letzten halben Jahr viele geliebte Menschen aus meinem Leben verabschiedet haben.

    Um es gleich vorweg zu sagen: ich bin nicht gläubig, schließe aber die Existenz einer höheren „Gewalt“ nicht aus. Das herauszufinden wird warten müssen, bis ich an der Schwelle stehe. Das Vertrauen, dass mich „jemand“ nach meinem Tod in Empfang nehmen wird, habe ich aber nicht. Ich stimme Christian zu, dass mein Tod „mein Moment“ sein wird. Niemand wird mich begleiten, niemand wird sehen, was ich sehe, spüren, was ich spüre. Es wird meine individuelle Erfahrung, ähnlich wie – entschuldigt den Vergleich – den Moment des „La petite mort“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Orgasmus#Parallelen_zwischen_Orgasmuserleben_und_Todesvorstellungen).

    Ich denke oft, dass das Leben nie endet, da ich in meinen Kindern weiterlebe, mein Körper als Teil der Natur weiterexistiert (man denke z. B. an biologisch abbaubare Urnen in Friedwäldern, etc) und – vielleicht nicht in meinem Fall, aber bei einigen Menschen schon – in Form von herausragenden Taten in der Erinnerung vieler Menschen bestehen bleibe. Das alles ist aber gar nicht mein Ziel. Vielmehr geht es mir auch um eine bewusste Lebensgestaltung. Ob ich nachhaltig, ökologisch, fair, o. ä. meine, sei dahin gestellt. Das bleibt jedem selbst überlassen. Ich erfreue mich an den Gedanken und Taten, die ich habe und vollbringe. Und spüre, wie im Falle des Todes meiner lieben Freunde und Verwandte, wie sehr ihr Leben mein eigenes bereichert hat. Dabei ist ihr Tod traurig und schade, aber vielfach auch schlicht ein Teil des Lebens, das in mir und mit mir weiter lebt.

    Ich mag das Bild vom Schalksnarren! Über dieses Thema könnte ich hier ausführlich schreiben, aber ich beschränke mich mal auf das Wesentliche: der Schalksnarr, als Naturgeist bei schamanischen Volksgruppen geboren und der durch die „Kulturisierung“ der Gesellschaften im Laufe der letzten dreitausend Jahre – über den „Dorfdepp“, den „Hofnarren“, den „Harlekin“, etc. – seinen Weg zu uns gefunden hat, spiegelt schlicht durch sein Tun, ohne Wertung. Und diesen Aspekt finde ich an diesem Punkt wichtig, denn der Narr bewertet nicht. Die Wertung findet letztendlich beim Betrachter statt. Der Schalksnarr hat in diesem Falle die vollkommene Freiheit! Seine Wahrnehmung, sein Tun und Handeln, sein Leben hat den Sinn, dass er – er höchstselbst und persönlich – keinen Sinn hat, außer den Mitmenschen die Möglichkeiten zu zeigen. „Es hat Spaß gemacht!“ ist dabei der erste Schritt. Der Zweite ist der Witz, den im Vergleich zum Spaß (der keinen Sinn außer sich selbst hat) steht beim Witz eine gemeinsame Erfahrung im Hintergrund. Bei einem Witz „erkennen sich zwei Dumme“, die über die gemeinsame (vielleicht metaphorische) Erfahrung lachen können. Der letzte Schritt ist der Humor, bei dem die gemeinsame Erfahrung wieder einen Schritt zurück steht und die Überspitztheit einer Situation in der eigenen Wahrnehmung lustig ist. Und dieser finale Schritt ist der Blick des Schalksnarren auf die Welt.
    Ich stimme mit Christians Einschätzungen überein, der schreibt:

    „Das war zum Teil sehr hart und schmerzhaft. Die Beschäftigung mit bislang ignorierten persönlichen Wahrheiten ist nie angenehm – so lange hat man sie für sich totgeschwiegen! Man hat aber die Wahl: bequem sein und irgendwie leben (so wie man aufgewachsen ist und so, wie alle um einen herum leben, unreflektiert halt) oder Aufwand treiben und sein eigenes Wesen verwirklichen.“

    Ich möchte noch eine kurze Idee einwerfen: Ich finde den Gedanken charmant, wenn mich nach meinem Tod „jemand“ fragt „Hast du jeden Tag jemanden zum Lachen gebracht oder hast jeden Tag selbst gelacht?“ und ich diese Frage bejahen kann. Ich glaube, mit heutigem Stand, dass ich dann „erfolgreich gelebt“ habe.

    YOLO, Carpe diem, … bis zum Ende. Dann verstummt das Lachen. And the rest ist silence.

  21. alcessa sagt:

    *delurk*

    Meines Erachtens ist die Selbst(er)kenntnis eine der wichtigsten Aufgaben, die wir irgendwann im Leben in Angriff nehmen und zu einem befriedigenden Abschluss führen sollten – am besten so bald wie möglich.
    Es macht auch nichts, dass man sich dabei vor allem in scheinbar ewigen Selbstreflexions- und Selbstbeobachtungskreisen dreht: Wer sonst sollte eine zuverlässigere Quelle von eventuell relevanten Beobachtungen und Informationen über uns sein sein, wenn nicht wir selbst?! Denn unwichtig sind diese Meta-Daten nicht: Sie helfen uns, Beziehungen wertvoller zu machen. Vielleicht auch, im Job voranzukommen. Menschen besser zu verstehen, da das mentale Personenkenntnissystem mit dem dazugehörigen Vokabular schon zu einem wichtigen Teil ausgearbeitet ist und jederzeit für Neuzugänge angepasst werden kann. Und genauso wie die meisten sonstigen Lektionen im Leben, helfen uns unsere hart erarbeiteten Meta-Ergebnisse, reagieren zu können, ohne durch ausdrükliches Wissen und Ausformulieren belastet zu sein: Man radelt wie von selbst, Hände weg vom Lenkrad, und das ist auch gut so, glaube ich.
    Genau so gut, wie einfach dazu zu stehen, was man beim Wühlen in der Seelenkiste gefunden hat und keine andere Person dafür verantwortlich zu machen, wenigstens, wenn diese tatsächlich unschuldig ist.
    Persönlich finde ich vor allem dieses Sich-selbst-vergessen-können als Ergebnis von Selbstreflexionen großartig. Am meisten behagt mir die Rolle einer menschlichen Informationsschnittstelle: Input rein, Input verdaut und gelagert, Unverständliches, Vergessenes und auch Nützliches raus, die Persönlichkeit der Schnittstelle ist dabei nur insofern wichtig, als dass sie Input und Output gemäß jeweiligen persönlichen Voraussetzungen formen kann und sich fragen soll, ob das gut ist.
    Nicht erschrecken, das ist nur die technisierte Version davon, was mir häufig Behagen verursacht. Informationen, Sport, Natur, liebe Mitmenschen – und keine Reihenfolge daran beteiligt.

    Und das absolut Beste an einer vertiefen Kenntnis der eigenen, im Gefüge des Universums wohl tatsächlich unwichtigen Person? Man kann treffsicher Scherze auf eigene Kosten machen und herrlich über sich selbst lachen und keiner nimmt’s übel.🙂

    Die Stelle in meinem Hirn, wo Glauben an Götter hätte entstehen sollen, ist recht verkümmert und weitgehend unvernetzt, deswegen bekommen heilige Wesen keine Rolle in meinem Leben zu spielen. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass ich die Vorstellung von einem allmächtigen VATER, der den ersten Menschen, einen MANN, schuf, die Wahrheiten von einem PROPHETEN erklären ließ und in einer der Versionen seinen SOHN auf die Erde geschickt hat, lächerlich finde – tut mir leid! Normalerweise erzähle ich überhaupt nicht von meinem fehlenden Glauben, aber etwas in mir nörgelt ständig rum mit der Frage, wieso denn keiner sieht, dass da jemand den Gott nach seinem eigenen Vorbild erschaffen hat?
    Und wenn schon … vielleicht treffe ich nach dem Tod eine oder die Göttin: wenn es sie gäbe, würde sie mich verstehen, nehme ich an. Und in Ruhe lassen.

    Ja, ja: ich zahle meine Steuern gern und habe keine Vorbildin, der ich damit nacheifern würde🙂

  22. Oliver Tacke sagt:

    Leichtigkeit fällt mir schwer.

  23. Marcus Speh sagt:

    PPS. Twin post zu meinem Kommentar oben, der von dem Augustinus-Zitat losgetreten wurde…: http://bit.ly/bookbaking — sehr fruchtbarer Austausch hier.

    @Oliver Mir auch!

  24. Vor kurzem hat mich ein Artikel über das Sterben, aufgrund seiner realistischen Beschreibung, sehr beeindruckt: http://www.bild.de/ratgeber/2014/ratgeber/palliativschwester-erklaert-phasen-des-todes-35233750.bild.html

    Jeder wird dort mal so liegen, egal ob mächtiger Bundeskanzler, Diktator, Hausfrau, Professor, Obdachloser, Arzt oder Fitness-Trainer. Alle werden so, oder so ähnlich, ihr letztes Stündlein erleben. Ich habe genug Phantasie, um mir vorzustellen, dass ich selbst dort mal exakt genau so liegen werde.

    Auch diese Geschichte über das nicht-sterben-lassen-wollen hat mich beeindruckt: http://www.bild.de/storytelling/topics/storytelling/die-letzte-reise-des-gernot-fahl-33338936.bild.html

    Kurz-Gedanken:

    1. Gut darüber mehr zu erfahren, fernab von „Er ist sanft entschlafen“. Realistisch über Sterbensvorgänge zu reden, ist vielleicht nicht unbedingt ein Tabu-Thema, aber machen tut es trotzdem (kaum) einer.
    2. Vielleicht doch lieber kurz und schmerzlos vom Bus überfahren werden.

  25. […] Schwere und Leichtigkeit – Erst dachte ich, naja, muss das sein, sich so mit privaten Überlegungen zum Sinn des Lebens, zu Leben und Tod in einem Blogbeitrag zu äußern. Aber als ich ihn zu Ende – und dazu noch die Kommentare – gelesen habe, war ich Christian Spannagel dankbar, auch bei mir ein (erneutes) Nachdenken darüber angestossen zu haben, nicht zuletzt, weil ich mich immer noch nicht an meine neue Lebensphase gewöhnt habe. […]

  26. idk sagt:

    „Wie sind eure Gedanken dazu? Wie geht ihr mit dem Gedanken an eure eigene Sterblichkeit um?“

    Etwas Musik an.. in Stimmung bringen … so … los geht es. Ich beschäftige mich seit sehr langer Zeit mit solchen Themen. Das heißt nicht, dass sie dadurch wahnsinnig reflektiert sind, aber auch nicht gerade unausgereift.
    Generell heiße ich es sehr gut, dass Du Dir so viele Gedanken darum machst und für Dich einen Weg suchst und ihn Dir selbst erklären kannst, auf dass Du mit Deinem Weg auskommst. Wenn Du damit wirklich zufrieden bist, dann spielt die Meinung der anderen wohl eine untergeordnete Rolle und zeugt nur von Interesse … ?

    Ich kann mich ein wenig anfreunden mit dem Gedanken an den Atheismus, den Du Dir selbst mit dem Glauben (Glauben!) erklärst. Für meinen Teil kann ich im Angesicht so philosophischer Fragestellungen, die sich ein Mensch in der Lage ist zu stellen, nicht davon ausgehen, dass ich absolutieren „darf“. Viel blabla – soll heißen, woher denn wissen? Die Mathematik ist auch aus der Philosophie entstanden und beruht zum Teil auf wackeligen Axiomen, die stand halten, weil wiederum Axiome diese stützen. Auch so die Theoretische Informatik. Für mich gibt es zu viele Unbekannte als das ich sagen könnte: „es ist so“. Aber ich finde trotzdessen Deinen Glauben daran gut, solange er für Dich schlüssig ist.

    Ich denke nicht, dass ich sagen kann, welche Glaubensrichtung ich angehöre. Dem Atheismus kann ich viel abgewinnen, weil er weniger fanatisch wirkt (im ersten Moment) und das weltliche Dasein ein wenig fassen kann.

    Was ich immer wieder erstaunlich finde ist jedoch das Streben nach einem Zustand – „glücklich sein“. Es gibt Phasen da betrachte ich das gar garstig und Phasen, da ist es mir egal. Aber ich denke das Streben nach einem Gefühl von „glücklich sein“ ist zum einen ein hohes Ziel und zum anderen auch medial „beauftragt“. Du musst glücklich sein heißt es da heute. Ich rette mich immer mit der Formulierung „zufrieden sein“. Aber klar, das ist Auslegungssache😉

    Ich finde es toll, dass Du sagst Du kannst momentan so etwas von Dir behaupten bzw. Dir selbst sagen. Ich kenne seit Jahren auch andere Seiten und in diesen kann der Zustand „zufrieden sein“ oder gar „glücklich sein“ auch bedeuten – destrudo. Ich weiß, die Theorie und der Begriff sind umstritten und ich lege mich da auch nicht fest, aber ich denke die Seite der Medaillie darf auch beleuchtet werden. Das „zufrieden sein“ auch heißen sein kann – nicht zu sein. Weil das „Sein“ zu viele Brüche hat. Irgendwann ist es auch keine Frage von Perspektive oder Grundhaltung mehr. Ich glaube es gibt gewisse Grenzen, die überschritten werden können, die dazu führen, dass eine völlig andere Form von zufrieden sein entsteht – nicht der Wunsch nach Erhaltung.

    Warum ich das schreibe? Du fragtest nach Gedanken und es schien mir nur recht platziert, mal eine völlig kontroverse „logik“ mit einzubringen.

    Ich hoffe weiterhin, Du kannst Deiner Logik treu bleiben, sie klingt sehr angenehm. Was ich nicht ganz verstehe ist die Polyamorie. Ist das etwas was Du Verstehen musstest oder ist es aktiver Teil Deines Lebens? Scheint mir sehr privat zu sein, aber Du hast den Beitrag ja veröffentlicht😉

  27. dunkelmunkel sagt:

    @idk Danke für deinen Beitrag! Zu deiner letzten Frage: Das ist etwas, das ich zunächst für mich klären musste (in einem längeren Prozess) und das jetzt aktiver Teil meines Lebens ist. Also: beides.🙂

  28. bosshoss sagt:

    selten so eine Gülle gelesen…

  29. Shadowflower sagt:

    Ich halte es da (so abgedroschen es auch klingt) wie Gandalf: „Das tun alle, die solche Zeiten erleben, aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu entscheiden. Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist.“
    Ich kann mich noch nicht mal entscheiden, ob ich an etwas glaube, oder nicht. Ich habe Angst vor dem Tod und habe Leute aus derselben Angst heraus weinen sehen. Ich wünsche mir, dass wenn ich gehe, ich bis dahin meinen Frieden mit mir selbst gemacht habe und zumindest das Gefühl „es ist gut, ich darf jetzt gehen“ in mir trage, wenn sich meine Augen für immer schliessen. Ich möchte in diesem Leben kein Held sein, ich möchte keine Statuen oder Siegessäulen, die mein Name ziert. Aber wenn ich es mir raussuchen kann, dann möchte ich ein emotionales Monument hinterlassen. Etwas, das auch nach mir noch existiert und worüber die Leute sprechen und sich vielleicht darüber erfreuen. Und trotz der kurzen Zeit, die mir hier gegeben ist, kann ich nichtmal in diesem WIssen auch nur ansatzweise Dinge richtig und gut machen. Ich verletze, ich werde verletzt, ich baue Mauern und reisse andere ein. Und dennoch, in all diesem Chaos findet sich immer wieder ein Keim von Glück. Ob ich jemals den Finde, der es wert ist zu wachsen, das weiss ich nicht. ABer ich werde es immer wieder versuchen.

  30. bosshoss sagt:

    @shadowflower
    so sehe ich das auch. Es ist eben wichtig im hier und jetzt zu leben, aber doch nicht darüber nachzudenken, wann und wie man abdanken wird. Mir ist es auch wurscht mit den ganzen Religionen etc., denn nach dem Tod ist nichts mehr. So denn, genießt den Tag und die vielen schönen Stunden.

    Und jeder Mensch wächst im Leben von Tag zu Tag und du bist immer du, ob du es willst oder nicht!

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