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Bologna oder wie autonom sind die Hochschulen?

Veröffentlicht: Dienstag, Mai 18, 2010 in Bologna, Hochschuldidaktik

Bologna steht stark in der Kritik: Die Modularisierung der Studiengänge führt zu einer Verschulung des Studiums, die Studierenden leiden unter einem hohen Prüfungsdruck, und die Akkreditierungsverfahren sind aufwändig und belasten die Hochschulen unverhältnismäßig – um nur einige Punkte zu nennen, welche von der KMK angeführt werden.

Grund genug, mal einen Blick in die „Gründungsdokumente“ der Bologna-Reform zu werfen. Was ist das eigentliche Anliegen der Bologna-Reform?  Geht man an die Anfänge zurück und schaut in die Bologna Declaration bzw. die vorausgehende Sorbonne Joint Declaration, also diejenigen Erklärungen, die am Anfang der Reform stehen, dann wird man feststellen, dass dort nirgendwo die Rede von Kompetenzorientierung im Studium, von Modularisierung der Hochschullehre und von Akkreditierungsinstitutionen ist. Das hauptsächliche Anliegen hingegen ist, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen mit dem Ziel, Europa über die wirtschaftliche Dimension hinaus auch in intellektueller, kultureller, sozialer und technischer Hinsicht stärker zusammenwachsen zu lassen: „[…] it must be a Europe of knowledge as well. We must strengthen and build upon the intellectual, cultural, social and technical dimensions of our continent.“ (Sorbonne Joint Declaration, S. 1)

Selbstverständlich handelt es sich neben dem begrüßenswerten Ziel, die kulturelle und geistige Integration Europas stärker voranzubringen, um politische Erklärungen, die strukturelle Maßnahmen implizieren. So führen die Ziele der Bologna-Erklärung direkt zu Folgerungen struktureller Art, welche die heutige Hochschullandschaft belasten und welche im Wesentlichen die an Bologna geäußerte Kritik hervorrufen. Diese Ziele mit entsprechenden strukturellen Folgen sind – neben der Schaffung vergleichbarer Hochschulabschlüsse – unter anderem:

  • „Establishment of a system of credits – such as the ECTS system – as a proper means of promoting the most widespread student mobility.” (Bologna Declaration, S. 3) und weiter: „Promotion of mobility by overcoming obstacles to the effective exercise of free movement“ (ebd., S. 3) – Die Einrichtung eines internationalen Punktesystems, welches Studierenden ermöglicht, an Hochschulen in ganz Europa flexibel wechseln zu können und bereits erbrachte Leistungen “mitzunehmen”, führte letztendlich dazu, Studiengänge zu modularisieren. Eine weitere Implikation ist die Klärung, welche „Kompetenzen“ in welchen Modulen erworben wurden, um diese in anderen Kontexten anrechenbar zu machen.
  • „Promotion of European co-operation in quality assurance with a view to developing comparable criteria and methodologies“ (ebd., S. 4) – Eine Grundvoraussetzung für ein Zusammenwachsen der europäischen Hochschullandschaft ist das Vertrauen in die Qualität der Ausbildung in anderen Ländern. Studienleistungen müssen hohen Qualitätsstandards genügen und vergleichbar sein. Studiengänge müssen sich somit an internationalen Kriterien messen lassen. Hierzu wurde das Akkreditierungssystem geschaffen, welches die Qualität und Vergleichbarkeit deutscher Studiengänge sichern soll.

Während die Ziele der Bologna-Reform – das kulturelle Zusammenwachsen Europas, die Schaffung vergleichbarer Studienabschlüsse, Mobilität von Studierenden und Lehrenden, Erhöhung der Lehrqualität – vermutlich von vielen Personen geteilt werden, rufen die strukturellen Konsequenzen starke Kritik hervor. Die Modularisierung des Studiums wird oft als „Verschulung“ desselben bezeichnet, und es kann zu Recht gefragt werden, welches Bildungskonzept und welcher Kompetenzbegriff den Modularisierungsbestrebungen zugrunde liegen. Die feingranulare Modularisierung mit der fragwürdigen Formulierung von kleinschrittigen Kompetenzen im Sinne der Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit führt zwangsläufig zu der Frage, wie in diesem Kontext eine längerfristige Persönlichkeitsentwicklung  im Sinne einer tief greifenden Bildung ermöglicht werden soll. Darüber hinaus wird die Bewertung von Studiengängen durch das Akkreditierungswesen vom Deutschen Hochschulverband mittlerweile als „teuer, bürokratisch, langsam, ineffizient, rechtlich zweifelhaft und autonomiefeindlich“ bezeichnet.

Letztlich bleibt fraglich, ob die Bologna-Reform nur vordergründig ideeller Natur ist, aber im Wesentlichen ökonomische Ziele verfolgt: die Schaffung eines europäischen Hochschulraums als Voraussetzung für die international wettbewerbsfähige Qualifikation europäischer Bürger („employability“; vgl. Sorbonne Declaration, S. 3).

Ich bekomme immer mehr den Eindruck. dass die Hochschulen nicht ganz unschuldig an der „Bologna-Misere“ sind. Hätten sie nicht viel eher einlenken und sich gegen bestimmte Bestrebungen stellen müssen? Die Bologna-Reform ist eine politische Reform. Es ist keine Bildungsreform in dem Sinne, dass Diskussionen darüber geführt wurden, wie man die Hochschullehre inhaltlich verbessern kann. Es wäre an den Hochschulen gewesen, sich zu überlegen, wie die Reformen inhaltlich sinnvoll umgesetzt werden können und gegebenenfalls rechzeitig und vehement zu protestieren. Stattdessen wird der Modularisierungs- und Akkreditierungswahn fleißig mitgetragen bzw. ertragen.

Es ist an der Zeit, dass sich die Hochschulen zunächst einmal überlegen, wie ein sinnvolles Studium inhaltlich aussieht und inwieweit die Ziele der Bologna-Reform dabei mitgetragen werden können. Hierzu zählen unter anderem die folgenden Fragen:

  • Welche Kompetenzen lassen sich in feingranularen Strukturen vermitteln? Welche Kompetenzen benötigen mehr Entwicklungszeit als ein Semester? Gibt es Kompetenzen, die sich nicht in einer Modulnote abbilden lassen?
  • Welchen Stellenwert nimmt die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden ein? Welchen Wert hat die Freiheit der Studierenden, auch neben dem strikten Studienplan Veranstaltungen zu besuchen, die „einfach nur“ interessant sind? Müssen hierfür nicht Freiräume in Studienplänen geschaffen werden?
  • Wie prüft man Kompetenzen? Gibt es Alternativen zu Klausuren und Referaten? Wie kann man verhindern, dass der immerwährende Prüfungsdruck ein freies Studium verhindert? Welche Prüfungsformate nehmen die Kompetenzentwicklung in den Blick? (siehe hierzu auch den Artikel von Gabi Reinmann zu Bologna und Web 2.0)
  • Bis zu welchem Grade ordnet man sich selbst der Vergleichbarkeit unter? Gibt es Grenzen der Vergleichbarkeit? Könnte man in gewissen Bereichen auf die Vergleichbarkeit bewusst verzichten?
  • Hat die „employability“ der Hochschulabgänger höchste Priorität? Welche Rolle spielen ökonomische Interessen der Wirtschaft bei der Ausgestaltung eines Studiums? Gibt es Elemente eines Studiums, die nicht der Beschäftigungsvoraussetzung dienen? Welche sind das?

Die Autonomie der Hochschulen ist eine Farce, wenn sie nicht alle Freiheiten nutzen, die ihnen die politischen Strukturen gewähren, und wenn sie sich nicht gegen diejenigen Strukturen stellen, die ein sinnvolles Studium erschweren. Insofern hoffe ich, dass die Hochschulen nun „erwachen“ und sich verstärkt auf ihre Autonomie besinnen. Vielleicht ist die Erklärung des DHV gegen den Akkreditierungswahn ein Anfang. Vielleicht – und da verstehe ich vermutlich zu wenig von Hochschulpolitik bzw. den politischen Zwängen, denen die Hochschulen unterliegen – vielleicht müssen hierzu den Hochschulen auch zunächst mehr Freiheiten eingeräumt werden.