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Die Bildungspläne vieler deutscher Bundesländer behandeln das Fach Informatik eher stiefmütterlich. Jörg Ostertag hingegen ist ein vehementer Verfechter informatischer Bildung in den Schulen. In diesem Beitrag fragt er nach den bildungspolitischen Konsequenzen der NSA-Affäre. Zu seiner Person: Er studierte zunächst Lehramt und Medienpädagogik und schloss dann mit dem Master of Arts (Bildungswissenschaften) vorerst ab. Er beschäftigt sich seit seiner Masterarbeit mit der Kompetenz von Lehrkräften zum Einsatz von Informationstechnologien im Unterricht und den Potenzialen offener Bildungsressourcen.

Wer als technisch versierter Mensch, der entweder als „digital native“ aufgewachsen ist oder sich als „digital immigrant“ in die IT-Nutzung eingefunden hat, die Diskussion um die Enthüllungen der Snowden-Affäre in den Medien verfolgt, dem fallen zwei Dinge auf:

  1. Die nahezu totale Abhängigkeit von amerikanischer und chinesischer Hard- und Software: Diese Abhängigkeit beginnt beim Betriebssystem des eigenen Computers sowie dessen Hardware und endet beim Smartphone, das in seiner allerneuesten Generation auch noch mit einem Fingerabdruck-Scanner ausgestattet ist. Alternative Angebote aus dem eigenen Land oder Europa sind praktisch nicht zu haben oder werden nicht von der breiten Masse genutzt (z.B. Linux).
  2. Die erschreckende Naivität, mit der man nun nach der Politik ruft: Plötzlich verstehen alle, dass Daten im Internet nicht sicher sind und wir von (einem) befreundeten Staat(en) ausspioniert werden. Dabei scheinen wir schnell zu vergessen, dass wir alle durch die Nutzung einschlägiger Anbieter wie z.B. Facebook, Google oder Apple der weiteren Nutzung und Speicherung unserer Daten bereits zugestimmt haben… Aber wer liest schon die AGBs? Kurzum, man fordert die Politik auf, etwas für die Sicherheit unserer Daten zu tun – in einem weltumspannenden Netz, das nahezu anarchische Strukturen aufweist, kein leichtes Unterfangen für einen einzelnen Staat.

In diesen oder ähnlichen Forderungen kommt meiner Meinung nach das zu geringe informatische Hintergrundwissen vieler Internet-Nutzer zum Vorschein. Für sie scheint das Internet etwas zu sein, das auf dem eigenen Bildschirm stattfindet und das man mit Hilfe politischer Mittel regulieren könnte. Für mich ein Beleg von vielen, dass die Vermittlung von Medienkompetenz, und dazu gehört auch ein Mindestmaß an informatischem Grundwissen, in der Schule zu kurz kommt. Wir leben in einer Welt der digitalen Immigranten, der digitalen Nativen und der digitalen Naiven!

Diese im ersten Punkt genannte Abhängigkeit will die Bundesregierung nun mit einer europäischen IT-Initiative beenden. Dazu soll eine nationale und europäische Strategie in der Informations- und Kommunikationstechnik vorgestellt werden.

Dieses Vorgehen erinnert stark an den sogenannten Sputnikschock. Als die Sowjetunion 1957 den ersten künstlichen Satelliten ins All schoss, erstarrte der Westen vor dem technischen Vorsprung des Ostblocks. Die Ursachen für das westliche Versagen wurden in Amerika im Bildungssystem gefunden, das daraufhin massiv unterstützt und umstrukturiert wurde. Dabei wurde viel Geld investiert, u.a. in die Lehrerbildung, und die bestehenden Lehrpläne wurden überarbeitet.

Ein vergleichbares Vorgehen wäre nun auch für die IT-Initiative der Bundesregierung wünschenswert. Nicht nur die Wirtschaft sollte umstrukturiert werden, sondern auch Teile des Bildungssystems. Dabei müssen zwei Aspekte berücksichtigt werden. Zum einen im Sinne der Medienbildung, die einen verantwortungsvollen und reflektierten Umgang auch mit digitalen Medien vermitteln soll, zum anderen im Sinne einer informatorischen Bildung, die das notwendige, technische Hintergrundwissen vermittelt. Die Grenze zwischen beiden Aspekten ist jedoch aufgrund der Medienkonvergenz fließend.

Ähnlich wie es nach dem Sputnikschock in den USA geschah, müsste erstens dafür gesorgt werden, dass Lehrkräfte den Computer als selbstverständliches Lern- und Lehrinstrument akzeptieren und im Unterricht sicher damit umgehen können. Dazu müssten Lehrkräfte aller Unterrichtsfächer in der Lage sein, Materialien für das Unterrichten mit dem Computer bereitzustellen. Dafür bieten sich zum Beispiel offene Bildungsressourcen (OER) an, die kostenlos verbreitet und verändert werden dürfen. Hiervon könnte vor allem die sogenannte bildungsferne Schicht profitieren. Zweitens muss die Informatik als Schulfach bestehen bleiben oder (wieder) eingeführt werden, denn hier wird der IT-Nachwuchs von morgen ausgebildet oder entdeckt seine Fähigkeiten. Im Zusammenspiel von Medienbildung und informatischer Grundbildung kann so die Schule die benötigten IT-Fachleute hervorbringen. Diese Gedanken führen zu den folgenden Fragen:

Kommt Medienbildung und informatische Bildung in unseren Schulen zu kurz? Müssen angehende Lehrkräfte im Studium besser auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht vorbereitet werden? Müssten Bildungspläne im Zuge der IT-Initiative an den benötigten IT-Fachkräftebedarf angepasst werden?

Was meint ihr?

Gastbeitrag: Spielerisch lernen?

Veröffentlicht: Mittwoch, Juli 17, 2013 in Gastbeitrag, Spiel

ODER:  Was EDV- Trainings mit Sport und Spiel zu tun haben

Seit einiger Zeit experimentieren wir in der Playgroup Heidelberg mit spielerischen Elementen im Hörsaal und schreiben darüber. Und über diese Texte kommen wir mit Menschen in Kontakt, die ähnlichesselbst schon einmal ausprobiert oder sogar intensive Erfahrungen damit gemacht machen. Zur zweite Gruppe gehört Leila Concetti, die in ihren EDV-Schulungen Spiele eingesetzt hat. Leila gibt uns einen Einblick in ihre Erlebnisse mit Spielen… Leila, voilá!

Ich war elf Jahre lang selbstständig als EDV-Trainerin (Office-Palette und Co.) tätig. Auf die Idee, meine EDV-Trainings anders zu gestalten, kam ich über den Sport. Ich war 17 Jahre lang ehrenamtliche, aber lizenzierte Trainerin für Gerätturnen für Jungs.

Für die Trainerlizenz war ich an einigen Wochenenden beim Landessportbund zur Ausbildung. Dort sind mir deren Trainingsmethoden aufgefallen. Die Lehr-/Trainings-Einheiten dort begannen häufig mit Spielen. Ich erinnere mich z. B. an eine Runde Handball. Wir haben einfach nur Handball gespielt. So lange, bis auch der/die Letzte aufgehört hat. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich mich seinerzeit sehr darüber geärgert hatte, dass ich nicht länger durchgehalten hatte. Ich hatte mich total überschätzt. Nach dieser Einheit hatten wir theoretischen Unterricht. Dort ging es dann um Kondition, Aufgabe, Selbsteinschätzung.

Und so spielten wir uns durch Themen wie Erfolg, Enttäuschung, Motivation, Zusammenhalt und selbstverständlich auch durch Konditions-, Technik-, Aufwärm- und Aufbautrainings u. v. m. und arbeiteten die Erkenntnisse aus den Spieleinheiten später in der Theorie auf. Dann wussten wir, wovon die Rede war und wie sich das alles anfühlt.

Die Grundaussage von den Trainern des Landessportbundes: man könne wirklich alles über das Spiel vermitteln, ansprechen, aktivieren – und viel mehr dabei erreichen, als wenn man darüber referiere. Das kann ich nur bestätigen. Die Ausbildung ist schon Jahrzehnte her, aber die Emotionen spüre ich noch immer als wäre das gestern.

Unterricht mit Bewegung (und umgekehrt: Bewegung mit Denksportaufgaben) ist ein Stilmittel, das ich bis heute innig liebe. Und wenn ich ein verschmitztes Funkeln in den Augen sehe und der Mund breit grinst, dann weiß ich, es war gut.

Nun muss man im EDV-Training kein Wettrennen machen, man kann stattdessen eine ähnliche Atmosphäre schaffen, wenn man z. B. die Zeit für eine Aufgabe bei jedem Durchgang weiter beschränkt. Man hat also immer weniger Zeit, eine Aufgabe zu erledigen und setzt die Teilnehmer einem gewissen „Stress“ aus. Das ist aber kein negativer Stress, das kann man sehen –  die Gesichter der Teilnehmer fangen an zu funkeln und man merkt, sie haben Spaß. Und erstaunlicherweise ist man auf diese Weise auch noch ein klein wenig schneller durch die Aufgabe durch. Ist doch einfach faszinierend, nicht wahr? Wenn ich solche Ergebnisse erzielen konnte, war auch ich sehr glücklich. Man stelle sich vor: Glückliche Schüler, glückliche Dozenten – wo ist das schon so? 😉

Sich Spiele auszudenken war ein Akt für sich, die anderen zum Mitmachen zu bewegen manchmal aber auch. Man fand das schon ganz schön schräg, sich für ein EDV-Training anzumelden und dann darin zu spielen. Aber ich habe das nicht aufgegeben. Das war sehr mutig von mir, denn als selbstständige EDV-Trainerin ist man bei Nichtgefallen schnell weg und wird schlicht einfach nicht mehr engagiert. Was mich aber antrieb war die Überzeugung, dass das der bessere Weg zum Lernen und Lehren ist.

Hier ein paar Spiel-Beispiele:

  1. Ich habe mehrere Gruppen gebildet und einen Wettbewerb gestartet: „Welche Gruppe ist als erste fertig?“.
  2. Es gab einige Aufgaben(so eine Art Serie). Davon wussten die Teilnehmer erst einmal nichts. Es gab also erst die eine Aufgabe, dann eine zweite, die schneller zu lösen war. Die dritte hatte noch weniger Zeit für die Lösung bekommen usw. Irgendwann steigen alle aus. Aber die Stimmung ist witzig. Alle kichern.
  3. Die Teilnehmer stellen sich in der Reihe am Lehrer-PC an. Thema ist das Wiederholen der letzten Stunde (z. B. eine Anwesenheitsliste in Excel erstellt). Jeder, der dran ist, macht den einen nächsten Schritt. Nicht mehr.
  4. Zu allen Abschiedsveranstaltungen habe ich Essen und Trinken von den Teilnehmern erbeten. Ich selbst habe ein Brettspiel vorbereitet. Ein einfacher Ausdruck auf Papier von einem Spielfeld (eine einfache Tabelle), die auf dem Tisch ausgebreitet ein möglichst langes Brettspiel mit Anfang und Ziel ergab. Mit Würfel und hübschen Spielfiguren aus kleineren Geschenken oder Naschsachen, die man im Ziel aufessen kann. Auf dem Weg zum Ziel sind Aufgaben zu bewältigen. So enthielten einzelne Felder Anweisungen wie z. B. „der Vordermann muss eine Frage zum Thema XY stellen. Wenn diese sein rechter Sitznachbar beantworten kann, darf der Spieler zwei Felder vorrücken – sonst zwei Felder zurück.“ ODER „Finden Sie eine Frage zu Excel, die keiner beantworten kann (Sie müssten die Antwort allerdings kennen). Gelingt Ihnen das, dürfen Sie zwei Felder vorrücken.“ Natürlich könnte ich Fragen vorgeben, wie: „Worauf sollte man beim Kauf im Internet achten?“ – „Wie geht die Formel für Zinsberechnung in Excel?“ – „Wie sind die Tastaturkürzel für XY?“. Aber ich spiele ja schließlich mit und komme ja auch noch zu Wort. Richtig wichtig ist mir, dass die Teilnehmer sich Fragen ausdenken, deren Antwort sie selbst kennen sollten.

Ich habe in meinem Unterricht wirklich viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen gehabt: Senioren, Kinder, Jugendliche, nur Jungs, nur Frauen,  Migranten, Arbeitslose, Manager, Banker. Manche hatte ich über einen längeren Zeitraum betreuen dürfen, manche nur in offenen Seminaren für ein oder zwei Tage. Mit allen habe ich ‚gespielt‘. Die Gesichter verändern sich bei allen.

Meine Selbstständigkeit habe ich nach der Trennung von meinem Mann aufgegeben. Heute arbeite ich in einem großen Konzern in der Arbeitssicherheit. In meinen Bereich fällt das Daten-Management, die Prozessoptimierung und die Schulungen. Aber ich unterrichte nicht mehr selbst. Ich organisiere die Schulungen nur.

Mir fällt auf, dass den dortigen Trainern ein lebhaftes Lehrkonzept regelrecht Angst macht. Ich habe den Eindruck, als ob sie vor allem Angst vor Gesichtsverlust haben, wenn sie sich auf ‚Spielen‘ einließen. Sie scheinen zu denken, dass Professionalität und Spiel nicht vereinbar seien. Das finde ich wirklich sehr schade aus unterschiedlichen Gründen. Aber vor allem, weil ich immer davon überzeugt war, qualitativ sehr hochwertigen Unterricht zu machen.

Ich würde mich freuen, wenn eine rege Diskussion darüber entstünde, ob das Spiel Professionalität ausschließe. Bin gespannt auf Eure Meinung. Wie denkt ihr darüber?

Hat ein ehemaliger Offizier der Bundeswehr, der jetzt Mathematik studiert, einen speziellen Blick auf sein Studium? Stephan Goldammer schaut durch den universitären Pulverdampf. Schon seit längerer Zeit beschäftigt er sich mit dem Thema eLearning, und zur Ergänzung für sein vor Ort stattfindendes Studium nutzt er Vorlesungsvideos aus dem Internet. Vor einiger Zeit hat Stephan eine Mail mit zahlreichen Ideen an mich gesendet. Ich habe ihn gefragt, ob er diese Ideen nicht als Gastblogbeitrag verfassen möchte. Und was soll ich sagen: Oberleutnant Goldammer erstattet Lagebericht! Jetzt heißt es: Still gestanden! 🙂

Wir schreiben das Jahr 2063. Dank eLearning sind schlechte Vorlesungen ausgestorben und nur noch im Museum zu finden. Historiker berichten über vergangene Zeiten, über monotone, langatmige Vorträge, unverständliche Folien und verworrene Präsentationen, aber man kann es nicht glauben. So habt ihr früher studiert? Wie habt ihr das ausgehalten?

Zurück in die Gegenwart. Erste Abschnitte auf der eBaustelle sind fertig, aber ein nüchterner Blick reicht, um zu sehen: Bis zum Paradies ist es noch weit. Viele Fragen sind offen. Kann man durch eLearning aus einer schlechten eine gute Vorlesung machen? Kann technisch intelligent konstruiertes eLearning zu einer fortwährenden, automatischen Verbesserung der Lehre führen? Kann eLearning die Basis für lebenslanges Lernen schaffen, und wie kann die Politik hilfreiche Unterstützung leisten? Einige Antworten auf diese Fragen mögen vielleicht als Spinnerei erscheinen, könnten aber schon bald Wirklichkeit werden. Die helle Seite der dunklen Seite, ein bisher gänzlich unbekannter Prof. Spinnagel, hat mich gebeten, mal auf den synaptischen Putz zu hauen und allen Spinnereien freien Lauf zu lassen.

eVorlesung: Wahrscheinlich wird es an der Hochschule vorerst auf das Modell „Klassische Vorlesung plus Videoaufzeichnung“ hinauslaufen. Lehrmethoden wie die umgedrehte Vorlesung werden dem Großteil der Dozenten wohl noch zu exotisch sein. Der Dozenten-Tanker hat gern ruhiges Fahrwasser und bewegt sich nicht so schnell. Vorteil der (rein passiven) Videoaufzeichnung: Der Vortragende braucht erst einmal gar nichts zu ändern (psychologisch geschickt), bekommt aber über Jahre hinweg beweiskräftiges Feedback (Kollegen, Studenten, Externe, YouTuber, Klick-Rankings) und kann dann nach und nach sich und seine Vorlesung anpassen. „Der X aus Y erklärt das aber viel besser!“, dürfte wohl keinen Dozenten kalt lassen. Fehlerhafte Begriffsverwendungen oder schwammige, ungenaue Definitionen im jeweiligen Fachgebiet fallen viel leichter auf (und würden möglicherweise als lange mitgeschleppter „Ballast“ abgeworfen). Steter Tropfen höhlt den Stein, so gesehen kann ein sanft vor sich hin plätschernder Strom aus Online-Kommentaren hilfreicher sein als der gute alte pädagogisch-ballistische Ratschlag. Hält ein Dozent auch dieses Feedback in homöopathischen Dosen nicht aus, bleibt ihm natürlich der psychologische Notausgang: Stecker raus.

FAQ: Die folgende Idee stelle ich mir vor wie einen Feedback-Regelkreis, der sich selbst steuert und verbessert. Für jedes Vorlesungsvideo wird ein Frage-Button angeboten. Dadurch wird man direkt mit einem Chatpartner (Tutor) verbunden, der die Frage live beantwortet (eine Art 24-h-Hotline). Der Tutor formuliert anhand aller eingehenden Fragen eine FAQ-Liste. Diese wird unter dem Video zur Verfügung gestellt, wodurch die häufigsten, immer wiederkehrenden Fragen direkt beantwortet werden. Am Ende des Semesters schaut der Professor über die FAQs und versucht diese offenen Fragen in die Vorlesung mit einzubauen und zu beantworten. Im Idealfall würde nach endlich vielen Durchgängen die (aus Studentensicht) perfekte Vorlesung herauskommen.

Feedbackstatistik: Die nächste Idee ermöglicht eine einfache und effiziente Auswertung einer Videoaufzeichnung. Für jedes Vorlesungsvideo werden zwei Buttons angeboten: ein roter und ein grüner oder wahlweise auch die Tasten Plus und Minus. Sobald der Student die Erklärungen des Dozenten nicht versteht, kann er den roten Button drücken. Versteht er etwas besonders gut (Aha-Effekt), kann er Grün drücken. Im Unterschied zu einer normalen Bewertung, wie sie bei YouTube oder Facebook üblich ist („Gefällt mir“), kann man diesen Button über die gesamte Laufzeit des Videos mehrmals drücken. Die Daten werden statistisch ausgewertet. Ein roter Peak würde auf eine besonders unverständliche Erklärung hinweisen. Der Dozent kann sich dann überlegen, warum viele Studenten an dieser Stelle des Videos seine Erklärungen nicht verstehen. Das Diagramm zum Auswerten wäre sehr einfach aufgebaut: Die Laufzeit des Videos wird verbunden mit unterschiedlich hohen grünen und roten Balken, fertig. Erlaubt man auch Studenten eine Einsicht in das Diagramm, wäre es möglich zu sehen, dass man nicht der Einzige ist, der genau an dieser Stelle „nichts versteht“.

Verdrehung: Im Kontext von Online-Vorlesungen entscheidet nicht mehr der Dozent, ob er gut erklären kann, sondern der Student. Prof. X aus Dortmund kann gut Mengenlehre vermitteln, ist aber schlecht im Erklären von Logik. Bei Logik ist Prof. Y aus Hamburg gut im Erklären, der hat aber wiederum in Algebra seine Schwächen. So kann sich jeder Student seinen Online-Vorlesungsbaukasten zusammenstellen. Vielleicht bildet sich auch eine „Hall of Fame“ der besten Videos. Die Prüfungen bleiben natürlich gleich (schwer), wie gehabt. Die fachliche Kompetenz des Dozenten steht außer Frage, aber ob jemand erklären kann, kann letztlich nur der Zuhörer feststellen. Leider ist der Schüler heute (noch) an den „kann-nicht-gut-erklären“ Lehrer gefesselt. Lehrer wechseln impossible => Frust beim Schüler. Wenn alle Vorlesungen und Unterrichtseinheiten im Netz stehen, kann der Schüler direkt evaluieren, wer es am besten erklärt. Ein Student kann nicht fünf Jahre warten, bis die üblichen, bürokratischen Evaluierungsprozesse minimale Veränderungen bewirken (wenn überhaupt). Diesen Aspekt von eLearning könnte man Flipped-Evaluation nennen. Flipped deshalb, weil der Schalter umgelegt wird von (fast) unwirksamer zu wirksamer Evaluation. Sich wirksam zu fühlen ist ein wichtiger Faktor der Motivation. Lassen wir doch den Deckel entscheiden, welcher Topf ihn begeistert. Fünf Jahre didaktische Kohlsuppe schmeckt nicht jedem.

Zeit: Ein neues Axiom in der Bildung. Schüler und Lehrer müssen sich nicht zeitgleich treffen. Man könnte noch weiter gehen: Der Lehrer muss im Prinzip gar nicht mehr am Leben sein. Eine Vorlesung von Hilbert, Einstein oder Turing wäre auch heute interessant. Wenn Verstorbene eine bestimmte Sache besonders gut erklären können, werden auch alte Vorlesungen nützlich sein. (Einschub: Wo gibt es eigentlich die älteste auf Video aufgezeichnete Vorlesung?) Durch eLearning muss der Schüler seine Konzentrationsfähigkeit nicht mehr an den Rhythmus des Lehrers oder an den Mittelwert der Klasse anpassen. Jeder lernt in seiner eigenen Geschwindigkeit und seiner eigenen Zeit. Die zeitliche Entkoppelung von Lehrer und Schüler verhindert, dass Schüler nach zehn Minuten Mathematikunterricht gedanklich aussteigen, weil sie den Erklärungen nicht mehr folgen können. Online kann ich den Informationskuchen in kleine Häppchen zerteilen, bei der Vorlesung im Hörsaal fliegt mir eine Informationstorte ins Gesicht. eLearning ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert.

Methode: Welches die geeignete Lehrmethode ist, werden die Zuseher (online) wahrscheinlich schneller entscheiden als man mit Studien und Forschung hinterherkommt. Vorschlag: Eine einzelne Standard-Grundlagenvorlesung („Vollständige Induktion“) wird mehrfach aufgezeichnet. Sie bleibt dabei fachlich und inhaltlich gleich, aber die Lehrmethode wechselt. Über die Klickzahlen oder Kommentare könnte man herausfinden, welche Methode besonders gerne angenommen wird. YouTube als Online-Labor der Pädagogik. Dieser Ansatz könnte nutzbringende Erkenntnisse liefern, bei Teilen der pädagogischen Forschung habe ich dagegen den Eindruck, sie gibt Antworten auf Fragen, die keiner mehr stellt. Ich würde mir wünschen, dass man die didaktische Widerlegungshoheit (im Popperschen Sinne) in die Hände der Schüler und Studenten legt. War es gut oder schlecht erklärt, falsifiziert der Student, nicht der Dozent. Oh, rüttle ich hier gerade an einem Grundpfeiler? 🙂 Mit eLearning bekommt der Student wirksame Mittel, um seine Lebenszeit nicht in aus didaktischer Perspektive mittelalterlich anmutenden Vorlesungen absitzen zu müssen. Wer schlecht erklärt, wird weggeklickt, wer gut erklärt, wird angeklickt. Wenn wir in der Universitätsbibliothek ein unverständliches Buch aus dem Regal ziehen, legen wir es zurück und nehmen ein besseres. Bald wird es mit Vorlesungen ähnlich sein.

Prüfung: Ein weiterer Forschungsansatz wäre, vor einer Prüfung die Studenten zu fragen, welche Dozenten und Lehrmethoden sie (zusätzlich zur normalen Vorlesung) im Netz genutzt haben. Im Anschluss analysiert man, wie die Angaben mit den Prüfungsnoten korrelieren. Auf die Ergebnisse wäre ich sehr gespannt.

Wunschvorlesung: Einmal pro Jahr dürfen Studenten (oder Externe) eine Wunschvorlesung wählen. Man stellt (sehr viele) Themen zur Auswahl und lässt abstimmen. Man könnte hier auch neue methodische Konzepte ausprobieren und danach das Feedback auswerten.

Mathematikvorlesung: Ein unkonventioneller Einstieg in die (wissenschaftliche) Mathematik könnte „Die formelfreie Mathematikvorlesung“ sein. Thema: „Warum ist die Mathematik axiomatisch aufgebaut?“ Es geht also um die interessante Frage: „Wo ist der Urknall der Mathematik … und was war davor?“ oder „Wie gebe ich einem besorgten Studenten die Sicherheit, dass das Fundament der Mathematik tragfähig ist?“ – „Machen wir seit 3000 Jahren so, ist bisher immer gut gegangen!“ zählt nicht. 🙂 Im Schulunterricht ist man immer „mittendrin“ in der Mathematik (Bruchrechnen, Addition, Differentialrechnung), aber es wird nicht erklärt, wo der Anfang ist, an dem alles „losgeht“. Und die noch spannendere Frage, was vor dem Anfang war, wird leider auch nicht beantwortet. Ist das Gebäude der Mathematik auf Sand oder auf Beton gebaut? Sind die Axiome fest genug, um Einsturzsicherheit zu gewährleisten? Solche Gedanken könnte man in diese Vorlesung hineinbringen. Hier kann ich mir auch eine interessante Diskussion im aktiven Plenum vorstellen.

Edelstein: Online-Vorlesungen werden zu einer öffentlichen Visitenkarte des Dozenten. Sicher für viele ein Ansporn, sich zu verbessern. Die Vorlesung als ein Edelstein, der ständiger Pflege und Verbesserung bedarf, um in den Augen der anderen zu funkeln. Zeige mir deine Online-Vorlesung und ich sage dir, wer du bist. Eine wissenschaftliche eVorlesung bleibt dabei der wichtige, feste Anker im großen Online-Meer aus Halb- und Viertelwissen.

Wikipedia: Wissenschaftler an der Hochschule könnten durch Wikipedia ihre Erkenntnisse (leicht zugänglich) an die Allgemeinheit weitergeben. Den Elfenbeinturm hochzulaufen, um persönlich das Wissen abzuholen, ist für viele Menschen zeitlich nicht möglich. Vorschlag: An einem Tag im Jahr wird an der Hochschule der „Wikipedia-Tag“ veranstaltet. An diesem Tag werden alle wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren gebeten, freiwillig ihr Wissen in die Wikipedia zu tippen. Wenn genügend Hochschulen mitmachen, würde das Niveau von Wikipedia enorm steigen und alle können daran teilhaben. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Warum nach Weltspartag, Weltfrauentag & Co. nicht auch einen Weltwikipediatag einführen?

Grundeinkommen: Seit zwei Jahren setze ich mich mit der Thematik „Bedingungsloses Grundeinkommen“ auseinander. Für Studenten würde sich einiges ändern, da BAföG, Studienkredite, Büchergeld (und anderer bürokratischer Kleinkram) wegfallen und (für alle) durch ein lebenslanges (bescheidenes, aber menschenwürdiges) Grundeinkommen ersetzt werden würden. Das Grundeinkommen ist ein finanzieller Sockel, der (ohne Bürokratie, ohne Formulare) lebenslang nicht unterschritten werden kann. Es ist die unbefristete, unkündbare Stelle im Leben. Lebenslanges Lernen wäre dann nicht nur ein politisches Motto, sondern wirklich umsetzbar. Ohne existenzielle Ängste kann Lernen und Ideenteilen richtig Spaß machen. Finanzierbar ist das Grundeinkommen, weil es nicht obendrauf kommt, sondern in bereits bestehende Einkommen integriert wird.

Wer von der ganzen Spinnerei gestresst ist, entspannt sich hier oder hier.

Um es mit Douglas Adams zu sagen: „Dozenten haben mit 42 die Antwort, aber die Berechnung der Frage liegt bei den Studenten.“ Diese erhalten durch eLearning ein demokratisches Verfahren, entscheiden aber nicht über den fachlichen Inhalt (Algebra bleibt Algebra), sondern über das Erklärpotenzial. Aber funktioniert ein Konzept, in dem Studenten auf einmal Nein sagen können? Gärt es tief in der Dozentenseele, wenn die seit 30 Jahren gleich gehaltene Vorlesung (didaktisch auf dem Stand von vor 300 Jahren) online keiner mehr aushält, weil sie noch nie jemand ausgehalten hat?

Kommando von dunkelmunkel: „Rührt Euch und Wegtreten in den Kommentarbereich!“

Gastbeitrag: Alternative zu iTunes U und Co.

Veröffentlicht: Montag, März 25, 2013 in Gastbeitrag

Ein gern gesehener Gast in diesem Blog ist Boris Kraut, der schon zwei Gastbeiträge verfasst hat: einen zur Datenethik  und einen zu BYOD in der Schule. Hier kommt sein dritter Wurf, der sich sehr gut mit meinen eigenen aktuellen Überlegungen und Zweifeln zur Frage trifft, welche externen Server und Plattformen man eigentlich nutzen sollte… Boris, it’s your turn! …. ah, bevor es losgeht: Ihr alle seid natürlich auch herzlich eingeladen, einmal einen Gastbeitrag in meinem Blog zu veröffentlichen, z.B. wenn ihr keinen eigenen Blog besitzt… so, jetzt aber: Boris, leg los! 

Der aktuelle Frühjahrsputz bei Google und die damit verbundene Ankündigung, ihren RSS-Reader im Sommer einzustellen, haben für jede Menge Aufruhr gesorgt. Prinzipiell zeigt es aber nur, was eigentlich einleuchtend und allgemein bekannt sein sollte: Man kann sich auf externe Webdienste nicht verlassen. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber jeder hat darauf vertraut, dass so etwas bei einem so großen und bekanntermaßen „nicht bösen“ Unternehmen passieren würde. Es führt uns vor Augen, wie abhängig wir geworden sind – von erwachsenen Bezahldiensten und von jungen, sympathischen Startup-Unternehmen gleichermaßen.

Speziell zum Thema Webdienste habe ich z.B. im letzten Jahr einen Vortrag darüber gehalten, dass wir uns solcher Gefahren bewusst sein müssen und dass vor allem der häufig verwendete Begriff des „Tool“ bzw. „Werkzeug“ nichts mit der Realität eines Webdienstes zu tun hat, ja diese Realität sogar (absichtlich) verschleiert und beschönigt. Dieser Vortrag fand im Rahmen der GML² 2012 – Von der Innovation zur Nachhaltigkeit an der FU Berlin statt, weshalb ich von den aktuellen Geschehnissen um iTunes U an der FU Berlin (siehe Berichte auf netzpolitik.orggolem.detaz.detagesspiegel.de oder den Blogpost von Anatol Stefanowitsch besonders geschockt war und dies auch per Mail kundtat. Haben die denn nichts gelernt?

Was ist das Problem?

Eigentlich ausgelöst wurde der Sturm der Entrüstung eigentlich durch die in einer Mail bekannt gewordene Bitte bzw. Aufforderung des Kanzlers der FU Berlin, dass von der Nutzung anderer externer Internet-Plattformen zur Verbreitung von aufgezeichneten Lehrveranstaltungen und audiovisuellen Materialien abzusehen sei. Diese Exklusivität führt in eine totale Abhängigkeit und ist natürlich nicht hinnehmbar. Einige weitere Punkte, die Anatol anführt:

Die Inhalte wären nicht barrierefrei (sie könnten weder auf freien Betriebssystemen [Anmerkung (krt): ohne Aufwand] genutzt werden, noch in andere Anwendungen importiert werden); sie wären nicht offen (Apple hätte eine unbefristete weltweite kommerzielle Lizenz, was z.B. die Verwendung von CC-BY-NC-lizenzierten Materialien unmöglich macht; zudem ist unklar, wie die eingestellten Materialien ihrerseits weiterverwendet werden könnten); sie würde Lehrende in ein Vertragsverhältnis mit Apple zwingen. Um nur ein paar offensichtliche Gründe zu nennen.

Der letzte Punkt würde übrigens nicht nur Lehrende betreffen, denn prinzipiell ist jedes Angebot, dass über iTunes U verfügbar ist, Werbung für Apple. Man kann nur hoffen, dass das nicht dazu führt, dass Apple damit so erfolgreich ist, dass irgendwann kein Weg mehr an iTunes U vorbeiführt. Das wäre dann auch die Gelegenheit, wo sicherlich einige daran denken würden, auch die internen Systeme umzustellen. Noch geht es natürlich nicht darum, sind es nur Dystopien, aber wer kann heute schon sagen, wohin die Reise geht. Was mit externen Diensten, die nicht unter der eigenen Kontrolle stehen, passieren kann, hat man ja unlängst erlebt.

Inzwischen rudert die FU Berlin zwar per Pressemitteilung zurück (siehe auch: netzpolitik.orgtageswebschau oder tageswebschau (Einzelbeitrag))…

Eine exklusive Nutzung der Plattform iTunes U zur Präsentation von Lehrveranstaltungen und audiovisuellen Materialien ist nicht vorgesehen. Die Plattform soll in Ergänzung zu den an der Freien Universität Berlin verwendeten E-Learning-Systemen und dem offiziellen Internetauftritt zum Einsatz kommen.

…, aber wirklich erledigt hat sich das Thema damit nicht, denn auch der optionale Einsatz birgt weiterhin Probleme. Es scheint als ob man mit der Pressemitteilung lediglich die Wogen glätten wollte, ohne von von der bisherigen Position abzuweichen: Es wurde zwar den Befürchtungen Rechnung getragen, die darin den Anfang vom Ende des internen Learning-Management-Systems der FU sahen, worum es aber (momentan?) explizit nicht geht, und es wurde klargestellt, dass es sich in der Exklusivnutzung nur um eine Bitte handelt. An der eingeschlagenen Richtung ändert sich allerdings nichts, wie auch Anatol konstatiert.

Trotz der ganzen Aufregung, scheint sich aber niemand die eigentliche Frage zu stellen: Warum setzen immer mehr Universitäten bei ihrer Öffnung für die Allgemeinheit auf geschlossene Systeme? Natürlich ist iTunes U dafür ein Paradebeispiel, aber es gibt zig andere Hersteller die ähnliche Dienste anbieten. Und um ehrlich zu sein: Videos auf Youtube (oder Vimeo), Einträge auf Wikiversity oder auch eigene Downloadportale an den Hochschulen sind zwar ganz nett, lösen aber nicht das Problem. Auch bei der Forderung nach Open Educational Resources (OER) bleibt die Frage nach der Auffindbarkeit, Ausfallsicherheit und Einfachheit oft ungestellt. Und so verwundert es nicht, dass man sich lieber ein zentralisiertes und geschlossenes System ins Boot holt, als die rechtlichen, organisatorischen und technischen Probleme endlich selbst anzugehen.

Lösungsvorschlag: OER-Tauschbörse

Vor einigen Semestern habe ich an der PH Karlsruhe ein Seminar zur Entwicklung von Webservices betreut. Konkret ging es – nach etwas Motivation durch den Dozenten Ulrich Kortenkamp – um einen Dienst, der die Erstellung, Auffindung und Bearbeitung von eigenen wie auch fremden Unterrichtsverlaufsplänen vereinfacht. Der schnelle Austausch von Unterrichtsphasen war genau so möglich wie der Zugriff auf für die Stunde benötigtes Material. Wie auf jeder „sozialen“ Plattform konnte man natürlich auch Bewertung und Kommentieren. Wie sooft fehlte es an Zeit und motivierten Mitarbeiten, um das Projekt wirklich voran zu bringen, aber auch nach dem Ende des Seminars, habe ich mich weiter damit beschäftigt. In einem ersten Schritt habe ich die Weboberfläche weggeschmissen und stattdessen alles zu einem schlanken „RESTful“ Webservice umgebaut. Um das User-Interface sollten sich Leute kümmern, die davon mehr Ahnung haben, Designer. Dabei wäre es egal gewesen, ob die Oberfläche als Webpage oder in Form einer nativen Anwendung umgesetzt worden wäre.

Doch auch diese Idee kam nicht über einen Prototypen hinaus. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass die Leute sich schon für die Software entschieden haben, mit der sie solche Sachen erstellen. Ebenfalls haben sie sich (leider) auch schon auf ein Dateiformat festgelegt. Hier gibt es zwar überall noch Verbesserungsbedarf, aber die eigentlich ungelösten Frage sind doch: Wenn ich jemanden ermutige, Inhalte freizugeben, wo und wie soll er diese veröffentlichen? Und – nicht unabhängig davon – wie findet ein Interessierter diesen Inhalt dann auch?

Genau die gleichen Fragen sind auch im aktuellen Fall wichtig zu beantworten. Das interessante ist, dass die Verfügbarkeit und eine leichte Auffindbarkeit teilweise gegenläufige Ziele sein können: Einfache Auffindbarkeit spricht für einen zentralen Dienst, z.B. wie iTunes U, was aber gleichzeitig die Verfügbarkeit absenkt. Natürlich kann man sich mit entsprechenden viel Hard- und Software-Ressourcen absichern oder gar komplett in die Cloud ausweichen, aber das schützt den Nutzer ja nicht davor, dass die zentrale Stelle selbst das Interesse verliert oder andere Vorstellungen und Ziele verfolgt – siehe das Google Reader Beispiel aus der Einleitung. Aber „Cloud“ ist ein gutes Stichwort. Statt eine gekaufte Rechnerfarm hinter einem zentralen Einstiegspunkt zu nutzen, könnte man das Bild umdrehen: Eine Datenwolke aus gleichberechtigten Peers, die die Daten verteilt anbieten, und dazu zentrale Anlaufstellen, die einen Teil der Daten als ihren eigenen oder zumindest als nutzenswert prominent bewerben? Das Konzept ist nicht neu, es ist erprobt und funktioniert. Es nennt sich BitTorrent.

Datenspeicherung

Um das Problem nochmal zu verdeutlichen ein Beispiel: Wer auf YouTube eine Aufzeichnung seiner Vorlesung veröffentlicht, der muss damit rechnen, dass diese irgendwann nicht mehr verfügbar ist [Anm. cspannagel: Seufz! 😉 ]. Zwar ist es allein bei der Größe von Google/YouTube nicht sehr wahrscheinlich, dass das technische Gründe haben kann, aber die Sperrung aufgrund von – mal mehr, mal weniger ersichtlichen – Urheberrechtsverstößen oder aufgrund von Nutzerbeschwerden kann durchaus vorkommen. Vielleicht entscheidet Google auch einfach nur, dass dieser Inhalt nicht zu ihren AGB passt oder dass die dauerhafte Speicherung zu teuer wird. Aber was dann? Kein Problem, denkt man sich, denn es gibt ja nicht nur YouTube, also lade ich es einfach auf Vimeo und Co. hoch, vielleicht habe ich das auch schon per Cross-Posting getan. Aber damit haben wir das Problem nicht gelöst, sondern verschoben. Und außerdem hat so ein Wechsel einen großen Nachteil: die URL des Videos hat sich geändert. Wir brauchen die quasi-eindeutige Adressierbarkeit über den Speicherort hinaus, die also auch dann nicht kaputt geht, wenn die Original-Quelle weg bricht. Auch das leistet BitTorrent.

Wie würde das also konkret aussehen? Nun, eine Hochschule (um mal wieder mehr auf den Auslöser iTunes U einzugehen) legt ihre Aufzeichnungen und Materialien auf den eigenen Servern ab und veröffentlicht sie über BitTorrent. Sie garantiert, dass es eine Quelle gibt, die die Dateien komplett verfügbar hat, andere diese also auch komplett runterladen können. So viel nichts neues, das wäre auch mit FTP o.ä. ähnlich. Idealerweise werden jetzt von anderen Hochschulen und Universitäten diese Inhalte – nach sorgfältiger Prüfung – auf deren eigenen Servern gespiegelt, also dupliziert. Das passiert heute auch schon sehr häufig, aber der Unterschied ist, dass jeder, der diese Dateien über BitTorrent herunterlädt oder bereitstellt, automatisch als weitere Quelle genutzt wird. Das liegt daran, dass nicht direkt auf den Speicherort gelinkt wird, sondern auf eine Beschreibung der Datei selbst, die automatisch alle verfügbaren Quellen kennt.

Natürlich gibt es auch einige Probleme oder Nachteile. So sind z.B. von einmal veröffentlichten Dateien keine Aktualisierungen möglich. Hat sich bei der Erstveröffentlichung ein Fehler eingeschlichen, muss ein komplett neuer Torrent-Download erstellt werden, der die aktualisierte Fassung enthält. Man kann zwar auf den eigenen Servern die alte Fassung löschen, aber wenn andere Nutzer und Server noch die alte Version anbieten, werden für eine gewisse Zeit beide Versionen im Netz verteilt werden. In gewissem Maße lässt sich das ganze aber so weit eindämmen, dass das kein relevanter Kritikpunkt ist. Auch bei herkömmlichen Downloads lässt sich nicht erzwingen, dass jeder Nutzer automatisch die aktuellste Fassung nutzt. Ein Spezialfall von Updates ist natürlich die Löschung von Inhalten. Auch hier gilt: Man kann sie von den Rechnern unter der eigenen Verwaltung löschen, aber was andere tun, das lässt sich nicht vorhersagen oder gar erzwingen. Ein weiterer Punkt, den man ansprechen sollte ist ebenfalls kein Problem, sollte aber der Klarheit wegen angesprochen werden: Tauschbörsen jeglicher Art werden in den Medien häufig im Zusammenhang mit Urheberrechtsverstößen genannt, da macht BitTorrent keine Ausnahme. Doch da die Hochschulen selbst nur Eigenproduktionen oder geprüfte Fremdinhalte anbieten, besteht hier keine weitere Gefahr. Eine Analogie: Die Hochschulen betreiben ja auch eigene Websites, auch wenn es anderswo im Web sicherlich auch illegale Angebote gibt. Inzwischen wird BitTorrent sogar vermehrt von der Industrie oder auch schon von Universitäten genutzt, einige Beispiele (entnommen aus Wikipedia):

Eine schöne interaktive Visualisierung der Funktionsweise von BitTorrent findet sich auf mg8.org.

Auffindbarkeit

Um entsprechende Inhalte jedoch in so einer Datenwolke finden zu können, bräuchte man einen idealerweise zentralen und globalen Suchindex. Dieser müsste nicht nur als Linkliste fungieren, sondern auch Metadaten über die einzelnen Ressourcen haben: Autor (und/oder Institution), Alter, Medientyp, Zielgruppe, Fach, Lizenz usw. Auch Kommentare, Bewertung und die typischen „social“ Eigenschaften sind hier angesiedelt. Diese zentrale Führungsrolle hat in anderen Bereichen PirateBay eingenommen, wäre es also nicht an der Zeit, die Technik zum guten zu Nutzen und ein EduBay zu starten?

Ob mit oder ohne so eine Zentralstelle, besteht natürlich die Möglichkeit, dass die einzelnen Hochschulen für ihren eigenen Downloadbereich, einen entsprechenden Indexer-Dienst betreiben, was gerade am Anfang für einen schnellen Start sorgen könnte. Es sollte jedoch die Option geschaffen werden, die Metadaten des Indexers abgreifen und weiternutzen zu können. Damit wäre es dann kein Problem mehr, eine entsprechende Suchmaschine zu speisen oder – im Falle eines Ausfalls – den nahtlosen Weiterbetrieb zu sichern. Ein universelles Austauschformat für die Metadaten wäre hilfreich.

Fazit

Was wir brauchen ist ein Piratebay für OER, doch die Idee an sich ist nicht neu: Schon 2010 hat Stephen J. O’Connor ähnliches formuliert. Dabei hat BitTorrent auch einige Probleme, die hier nicht näher genannt wurden, es ist nur eine Möglichkeit – eine andere Idee wäre das an der Standford University entwickelte LOCKSS – Lots Of Copies Keeps Stuff Safe – die Ziele zu erreichen:

  • Jeder verteilt nur den Inhalt, den er vertreten kann.
  • Jeder kann jeden Inhalt ohne Anmeldung komplett herunterladen und diesen…
  • …unter dem selben Identifier weiterverteilen, auch wenn die Original-Quelle nicht mehr existiert.
  • Ein globaler Such-Index ist möglich und wünschenswert, auch mehrere sind möglich.

Was sind eure Erfahrungen? Ist das Problem vielleicht gar keins? Gibt es schon andere Lösungen, die ich übersehen habe? Was nutzt ihr persönlich, um Inhalt zu veröffentlichen? Was nutzen ggf. die Hochschulen und andere Institutionen im Bildungsbereich? Und wo sucht ihr nach OER-Inhalten? Ich würde mich auf eine lebhafte und erkenntnisreiche Diskussion freuen!

BYOD in der Schule: Lehrer, ihr iPad und der Datenschutz

Veröffentlicht: Samstag, Mai 5, 2012 in Datenschutz, Gastbeitrag
Schlagwörter:

Beim folgenden Beitrag handelt es sich um einen Gastblog-Beitrag von Boris Kraut – bereits in diesem Blog allseits bekannt durch einen Beitrag zur Datenethik vor einiger Zeit. It’s your turn, Boris!

Wie oft haben wir uns schon über die komplette Verweigerungshaltung oder zumindest die mangelnden Kenntnisse unserer Lehrerkollegen beim Thema „neue Medien“ herablassend geäußert. Wie oft waren wir nach gehaltenen Fortbildungen deprimiert über die Ergebnisse. Wie oft haben wir uns eine bessere IT-Ausstattung an Schulen gewünscht. Für uns scheinen die Probleme klar zu sein, doch sind wir nicht auch ein Teil des Problems?

Im Februar bin ich im Rahmen der Learntec auf die Verwaltungsvorschrift Datenschutz an öffentlichen Schulen (Az. 11-0551.0/38) gestoßen und seither – der Blogentwurf liegt schon einige Zeit brach – plagen mich doch einige Zweifel. Ich selbst bin medienaffin, wo es Sinn macht versuche ich auch neue Medien in der Schule einzusetzen. Meist muss ich dazu auf eigene Hardware zurückgreifen – BringYourOwnDevice (BYOD) ist ja sowieso gerade das Zauberwort. Zum Glück beschäftigte ich mich auch mit dem Thema „Datenschutz“, achte also sehr darauf, ob ich sensible Daten von Dritten speichere/verarbeite.

Wie ich allerdings vor einiger Zeit schon hier im Blog klargemacht habe, dass ich den rechtlichen Aspekt zwar für wichtig, aber zum einen nicht für ausreichend, zum anderen (leider) auch nicht für besonders interessant halte. Am Ende der Diskussion ging es dann nicht mehr um Datenschutz, sondern um Datenethik.

Doch ohne die Juristerei kommt man eben doch nicht aus, also zurück zu der o.g. Verwaltungsvorschrift. Ich frage mich, wie viele der Lehrer sich wirklich beim Einsatz eigener Hardware an die dort geforderten Regeln halten:

Lehrkräfte, die sich schriftlich zur Beachtung der datenschutzrechtlichen Hinweise der Anlage 3 zu dieser Verwaltungsvorschrift verpflichtet haben, dürfen zur Erfüllung ihrer Aufgaben private Datenverarbeitungsgeräte zur Verarbeitung personenbezogener Daten verwenden. (Absatz II.7; Hervorhebung durch den Autor)

In Anlage 3 heißt es dann weiter (Hervorhebungen durch den Autor):

Der Schulleiter muss über Art und Umfang der vorgesehenen Verarbeitung personenbezogener Daten auf einem privaten Datenverarbeitungsgerät einer Lehrkraft informiert sein und dieser Datenverarbeitung schriftlich zustimmen. Die Schulleitung und ggfs. der Landesbeauftragte für den Datenschutz hat gegenüber der Lehrkraft ein Auskunftsanspruch über die auf dem privaten Gerät gespeicherten dienstlichen personenbezogenen Daten. Besonders sensible Daten, etwa über das Verhalten von Schülerinnen und Schülern, dürfen nicht auf dem privaten Datenverarbeitungsgerät verarbeitet werden.

[…]

Die Nutzung fremder Internetzugänge (z. B. in Internet-Cafes oder Hot-Spots an öffentlichen Plätzen) ist verboten.

[…]

Legen Sie die dienstlichen Daten nur auf verschlüsselten und durch Passwörter geschützten Datenträgern ab. Empfohlen wird z. B. ein USB-Stick, auf dem die Daten verschlüsselt abgelegt werden und der durch ein Passwort geschützt ist.

Für mich ergeben sich allein schon aus den zitierten Textstellen Fragen über Fragen. Nachdem auch Christian sich nur noch dunkel erinnern konnte, das Thema mal auf dem Schirm gehabt zu haben, aber nichts Genaues mehr reproduzieren konnte, war klar: Aktivieren wir doch die Macht des Netzes!

Mich würde daher einfach mal interessieren – insbesondere von denen, die etwas näher am eigentlichen Lehrerberuf sind -, wie ihr es mit dem Datenschutz in der Schule handhabt? Befolgt ihr die Auflagen der Verwaltungsvorschrift? Ist sie noch aktuell (ich habe auf die Schnelle nichts neueres gefunden)? Wie ist Schule 2.0/3.0 damit machbar? Gibt es in eurem Bundesland etwas ähnliches? Nutzt jemand z.B. die TeacherTool-App ? (…)

Gastbeitrag: netzforschen.de

Veröffentlicht: Sonntag, April 15, 2012 in Gastbeitrag, OeffentlicherWissenschaftler

Nach meinem Vortrag über die sieben Todsünden in der Wissenschaft hat mich Roman Szymanski von der TU Darmstadt angemailt. Ihn hatten die Ausführungen zur öffentlichen Wissenschaft in dem Vortrag angesprochen, und er hat mir von dem Projekt netzforschen.de erzählt. Er und Thies Schneider, beide Psychologen in Darmstadt, haben dieses Projekt vor kurzem ins Leben gerufen. Ich finde, dieses Projekt darf verbreitet werden, und deshalb habe ich Roman angeboten, einen Gastbeitrag zu schreiben. Hier ist er. 🙂

„Am Anfang jeder Forschung steht das Staunen. Plötzlich fällt einem etwas auf.“

Der Titel meines Gastbeitrags ist ein Zitat des Verhaltensforschers und Zoologe Wolfgang Wickler. Das Zitat enthält eine grundlegende Idee, die wir durch unser Projekt netzforschen.de aufzugreifen versuchen: Jeder Mensch ist in seinem Alltag ein Wissenschaftler bzw. eine Wissenschaftlerin. So wie wir neugierig unsere Welt erleben, stellen wir uns Fragen über sie und unser Erleben, und sind dabei stets bestrebt geeignete Antworten zu finden, indem wir Vermutungen aufstellen, die wir dann durch mehr oder weniger geeignete Maßnahmen zu überprüfen versuchen. Mit Forschungsfragen, die den Kriterien der wissenschaftlichen Forschung entsprechen, sind viele der Fragen aus dem Alltag natürlich nicht zu vergleichen. Dennoch ist das Staunen bzw. das Suchen nach Antworten eine Eigenschaft, die jedem Menschen angeboren ist. Da diese Eigenschaft uns allen gemein ist, versucht das Projekt netzforschen.de neben dem gemeinsamen Fragestellen das gemeinsame Forschen zu fördern. Und zwar zu einem Thema, welches neuerdings das Leben einer Vielzahl von Menschen mitbestimmt. Ich möchte im Folgenden berichten, wie es zu dem Projekt kam und genauer durchleuchten, welche Ideen wir mit netzforschen.de verfolgen.

Wie wollen wir lehren? Am Anfang des Projekts netzforschen.de stand ein Lehrauftrag. Ich sollte einem Teil der Studierenden im 2. Semester des Studiengangs Psychologie das empirische Forschen näher bringen. Im Modulhandbuch war die Kompetenz, welche die Studierenden nach erfolgreichem Abschluss erlangt haben sollten, folgendermaßen umschrieben:

  Die Studierenden können exemplarisch eine theoretische Fragestellung in ein empirisches Forschungsprojekt umsetzen… Sie haben diese Kenntnisse in einer eigenen Untersuchung angewandt und kennen die besonderen Vorkehrungen, die bei deren Durchführung mit menschlichen (oder tierischen) Versuchsteilnehmern zu beachten sind…

Die Studierenden werden zum ersten Mal mit einer Forschungsfrage konfrontiert, sollen ein geeignetes Forschungsdesign erstellen, als Versuchsleiter agieren, Daten sammeln, auswerten, die Ergebnisse interpretieren und einen Bericht schreiben. Damit bietet sich eine optimale Gelegenheit, den Studierenden das Forschen „schmackhaft“ zu machen. Aber wie erreicht man dieses Ziel?

Warum nicht jegliche Kreativität und Neugier nutzen, die vorhanden ist? Thies Schneider (der zu diesem Zeitpunkt meine studentische Hilfskraft war) und Ich wollten das kreative Potential, welches in den Studierenden steckt, gleich zu Beginn fördern. Es war uns wichtig, dass die Studierenden gerade in dieser Veranstaltung, die ihre erste richtig Begegnung mit der Forschung darstellt, entdecken, wie kreativ sie beim Finden und Umsetzen eigener Forschungsideen sein können und dass Forschen Spaß machen kann. Wir benötigten ein interessantes Thema, welches die Studierenden betrifft und welches die Möglichkeit bietet, viele Fragen aufzuwerfen, die es Wert sind erforscht zu werden. Das Thema sollte das Interesse der Studierenden wecken, nach dem Motto: „diese Frage habe ich mir auch schon gestellt“. Wir kamen auf die Idee, „Soziale Netzwerke“ im Internet als Thema vorzugeben. Mehr nicht. Die Studierenden sollten eigenständig entscheiden, was sie bezüglich des Themas erforschen wollten.

Was macht das soziale Netzwerken im Internet zu einem interessanten und wichtigen Forschungsgebiet? Das Knüpfen und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen hat durch diese Netzwerkseiten eine neue Form erhalten, die nun mittlerweile bei einer Vielzahl von Menschen zum Alltag gehört. Nach Angaben der Betreiber sind fast 800 Millionen Menschen alleine bei Facebook registriert. Es gibt kaum noch eine Marke, einen Hinweis, ein Lokal, eine Sendung, welches nicht den Facebook „Like Daumen“ auf einem Plakat, unter dem Logo oder in der Werbung enthält. Virtuell trifft man sich auf den Plattformen wie Facebook, StudiVZ, myspace, legt Profile an, gibt Informationen preis, kommuniziert, lernt sich kennen, stellt sich dar, managt eine neue Form der Identität usw. Man trifft in den Medien auf viele Aussagen über soziale Netzwerke und es werden dabei viele Fragen gestellt, was beweist, dass dieses Thema viele Menschen bewegt. Es folgen nur ein paar der Aussagen, welchen man in den Medien begegnet:

  • Der Autor Daniel Kehlmann sagte kürzlich in einem Interview: „Ich kenne Leute, die ihr Sozialleben komplett auf Facebook verlagert haben. Für viele Menschen ist es das neue Sozialeben, aber auf Dauer ein unbefriedigendes.“ (nachzulesen in der aktuellen Neon Ausgabe April 2012).
  • Die Neon schrieb in der April Ausgabe im Jahr 2010 einen Artikel, wie die Selbstdarstellung im Internet auf  den Charakter abfärbt.
  • Man muss nur auf spiegel.de das Stichwort Facebook eingeben und man merkt gleich, dass sich die Menschen nicht nur dafür interessieren, wie Facebook ihre Daten nutzt, sondern dass häufig Phänomene und Fragestellungen beschrieben werden, die unser Leben und Erleben mit diesen sozialen Netzwerkplattformen an sich betreffen (Beispiel): Wie wir uns fühlen, verhalten, denken und agieren mit und durch dieses, zwar nicht mehr unbekannte, aber doch immer noch relativ neue Medium.

Wie können mögliche Forschungsfragen gemeinsam entdeckt und entwickelt werden? Die Studierenden bekamen in der ersten Sitzung ausgewählte Literatur zu dem Thema und hatten die Aufgabe, sich bis zur zweiten Sitzung mögliche Forschungsfragen zu überlegen. Die Literatur diente als Anstoß und Hilfestellung. In der zweiten Sitzung wurde gemeinsam in der Gruppe über das Thema diskutiert, wobei Thies und ich eine moderierende Funktion einnahmen. Zu Beginn der Diskussion tauschten die Studierenden Erfahrungen aus, die sie oder andere in sozialen Netzwerken im Internet gemacht hatten. Nach kurzer Zeit stellten die Studierenden Verbindungen zu der Literatur her, die wir als Hausaufgabe ausgegeben hatten, oder zu anderen Theorien, die ihnen geläufig waren. Oder sie entwickelten eigene Theorien, über die sie dann in der Gruppe reflektierten. Sie fingen an, sich relevante Fragen zu erarbeiten und diese Fragen weiter zu differenzieren. Die Studierenden taten sich in Kleingruppen zusammen und wählten als Gruppe jeweils die Frage aus, für die sie sich am meisten interessierten. In den Kleingruppen entwickelten sie im Laufe der Veranstaltung ein geeignetes Forschungsdesign, um  die gewählten Fragen zu untersuchen, führten das entsprechende Experiment durch und interpretierten schließlich die Ergebnisse. Wir nahmen von Anfang an die Rolle der beratenden Experten ein, für die an oberste Stelle das Interesse der Studierenden stand. Wir bekamen von den Studierenden am Ende der Veranstaltung sehr positives Feedback. Schon während der Veranstaltung konnte man sehen, mit welcher Motivation und mit welchem Ehrgeiz die Studierenden bei der Sache waren. Es war erstaunlich, auf welche kreativen Ideen die Studierenden teilweise kamen, wenn es darum ging, ihr Forschungsvorhaben umzusetzen.

Soll es das gewesen sein? Während dieser Zeit waren uns die Begriffe öffentlichen Wissenschaft oder mode 2 noch nicht bekannt. Als der Lehrauftrag zu Ende war, setzten Thies und ich uns dennoch das Ziel, andere an unserer Forschung zu sozialen Netzwerken im Internet teilhaben zu lassen. Wir sind seither bestrebt, kontinuierlich mit anderen gemeinsam zu forschen. Vor allem mit Personen, die von den Fragen, die es zu erforschen gilt, betroffen sind. Gemeinsames Forschen bedeutet in unseren Augen, dass jeder teilhaben kann. Jeder, der möchte, soll die Möglichkeit besitzen, Ideen, Forschungsvorhaben, Umsetzung, Ergebnisse usw. zu diskutieren. Es soll fortwährend ein Austausch von Meinungen und Erfahrungen stattfinden, sowie das Potential von Vielen genutzt werden.

Das Projekt braucht einen Namen, wie sollen wir es nennen? Wir kamen auf die Idee, einen Blog zu entwickeln. Ein Blog ist in der Regel für jeden mit Internetzugang erreichbar, und es wird jedem ermöglicht Kommentare zu Artikeln zu hinterlassen, oder man kann auch Leute dazu einladen, Artikel zu schreiben. So können Ideen, Meinungen, Kritikpunkte usw. kontinuierlich und zu jedem veröffentlichtem Thema ausgetauscht werden. Wir haben unserem Projekt schließlich den Namen „netzforschen“ gegeben. Den Namen kann man auf zwei Arten verstehen: Einerseits enthält er das übergeordnete Thema Netzwerken (umgangssprachlich, für das Erleben und Verhalten in sozialen Netzwerken im Internet). Andererseits soll es auch als Aufforderung gelten: „Lasst uns ein Netzwerk aus Forschern aller Richtungen und Schichten bilden“. Unser Symbol ist die wissbegierige Eule, die mit der Lupe Sachverhalte genauer betrachten will.

Was genau soll untersucht werden? Cameron Marlow ist der Haussoziologe von Facebook. Er und sein Team haben das Netzwerk einer ersten Analyse unterzogen. Anhand der Nutzerdaten hat das Team das Beziehungsgeflecht der aktiven Facebook Nutzer analysiert. Das Team kann anhand der Nutzerdaten zum Beispiel „nur“ Fragen darüber beantworten, wer wen über wie viele Ecken kennt und wie viele Freunde der aktive Facebook Nutzer im Durchschnitt hat. „Gefühle bleiben für unsere Computer ein Rätsel“, ist eine Aussage, die Cameron Marlow selbst getroffen hat (Interview in der aktuellen Neon Ausgabe, April 2012). Und genau da setzen wir mit unserem Forschungsinteresse an:

  • Welche Faktoren beeinflussen das Verhalten und Erleben auf diesen Seiten? Und wie wirkt sich das Ganze auf unser Leben außerhalb des Netzwerkes aus?
  • Von welchen Faktoren hängt es ab, wie man sich im Netz selbst dargestellt?
  • Sind wir in unserer Darstellung im Internet immer ehrlich?
  • Werden wir auch so im Internet wahrgenommen, wie wir auch im Leben außerhalb des Internets erscheinen, oder wollen wir das vielleicht gar nicht? Inwieweit spielt hier die Persönlichkeit ein Rolle?
  • Sind wir eigentlich nur darin bestrebt, Feedback durch „Likes“ und positive Kommentare zu sammeln und führt das langfristig zu einer Veränderung, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen?
  • Wovon hängt es ab, ob wir viel oder wenig Zeit auf solchen Seiten verbringen?

Das sind nur Beispiele an Fragen, die man sich stellen und ausarbeiten könnte. Einigen dieser Fragen sind die Studierenden in unserer Veranstaltung nachgegangen und kamen auf interessante Ergebnisse.

Was ist als Nächstes geplant? Der Blog befindet sich noch im Aufbau. Es gibt noch viel zu tun. Damit Netzforschen frei und unabhängig funktionieren kann, ist es ein Projekt, welchem wir uns in unserer Freizeit widmen. Es wurden mittlerweile ein Teil der Ergebnisse aus den Experimenten, die unsere Studierenden in der Lehrveranstaltung mit uns gemeinsam entwickelt und durchgeführt hatten, veröffentlicht. Aktuell sind wir dabei einer der Forschungsfrage bezüglich Offenheit der Menschen in sozialen Netzwerken im Internet nachzugehen. Dazu haben wir einen Fragebogen entwickelt, welcher nun getestet werden soll. Dabei geht es unter anderem auch um die Dimensionalität des Konstrukts Offenheit im Internet. Wir erhoffen uns dadurch später ein Messinstrument zur Verfügung zu haben, welches in weiteren Forschungsvorhaben eingesetzt werden kann. Vor allem wenn es um die Fragen geht, wie Menschen mit ihren persönlichen Daten im Internet umgehen, inwieweit die Offenheit mit dem tatsächlichem Verhalten, der Selbstdarstellung usw. zusammenhängt, oder ob an der Aussage etwas dran ist, dass vor allem Jugendliche im Internet allzu offen mit ihrer Person umgehen. Wir brauchen dafür noch eine Menge Leute, die unseren Fragebogen ausfüllen. Jede Weiterleitung und jede Beantwortung des Fragebogens hilft uns weiter.

Ideen für die nächsten Forschungsvorhaben sind auch schon vorhanden, aber noch nicht umgesetzt. Wir wollen die Facebooksucht untersuchen. Gibt es dieses Phänomen und inwieweit ist es mit anderem Suchterleben vergleichbar? Und wir wollen in Zuge der Diskussion über das Urheberrecht, in Erfahrung bringen, wie es um die subjektive Wahrnehmung des Urheberrechts tatsächlich bestellt ist.

Wir würden uns freuen, wenn viele auf die Seite aufmerksam werden und evtl. etwas an unserer Idee abgewinnen können. Unterstützen kann man das Projekt durch Kommentare zu den jeweiligen Artikeln, die auf netzforschen.de zu finden sind, oder man kann uns gerne Meinungen, eigene Ideen oder Vorschläge per E-Mail schicken:  info@netzforschen.de. Wir sind auch auf Facebook und würden uns über jedes „Like“ freuen.

Ich bedanke mich herzlich bei Christian, dass ich einen Gastbeitrag schreiben durfte und ich freu mich darauf, hier oder auf netzforschen.de von Euch/Ihnen zu lesen.

Viele Grüße

Roman

 

 

Komm! Ins Offene, Freund!

Veröffentlicht: Mittwoch, November 16, 2011 in Gastbeitrag, Schule, Web 2.0

Am Wochenende war ich auf der Mitgliederversammlung der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. (ZUM). Die Personen, die in der ZUM aktiv sind, habe ich seit einigen Jahren lieb gewonnen – anders kann ich es nicht sagen. Das Treffen am Wochenende war wieder einmal sehr anregend, unter anderem durch den Vortrag, den Klaus Dautel als inhaltlichen Einstieg in das Wochenende gehalten hat. Ich finde es wunderbar, dass Klaus zugestimmt hat, die Ausarbeitung seines Vortrags hier als Gast-Blogbeitrag zu veröffentlichen. Was soll ich sagen? Komm! Ins Offene, Freund!

Gedanken zum Thema „Offener Unterricht und WEB 2.0“

Piratenpartei und ZUM-Treffen: Der Erfolg der Piratenpartei wird damit erklärt, dass in den etablierten Kreisen das WEB 2.0 vorwiegend von seiner problematischen, gefährlichen Seite thematisiert wird. Größere Teile der jungen Öffentlichkeit sehen das aber anders, und zwar von seinen positiven Potenzialen her, von dem her, was das Internet ermöglicht! Wir ZUM-ler sehen das auch so, wir machen uns diese Perspektive schon lange zu eigen; und die Leute und Initiativen, die heute und hier zusammengekommen sind, haben gemeinsam, dass sie für die positiven Aspekte des Internets Ideen, Materialien und Technik beisteuern.

Nicht Geräte und nicht Plattformen, sondern Schüler-Persönlichkeiten: Wenn man nun in unserem Zusammenhang über Schule und Unterricht nachdenkt, läuft man schnell Gefahr, beides von den Geräten her zu denken, die uns neuerdings immer einfacher zur Verfügung stehen. Ebenso auch von den Plattformen her, auf denen wir und vor allen die Jugendlichen sich bewegen bzw. befinden. Das ist wichtig und höchste Zeit, aber auch eine riskante Verengung. Um dieser Horizont-Verengung zu entgehen hilft es, sich darüber klar zu werden…

  1. …welche Persönlichkeiten und Persönlichkeitsmerkmale, welche Tugenden und welche Haltungen wir für wünschenswert halten.
  2. …welchen Beitrag wir Blogger, ZUM-ler, Twitterer, Googler und Sozialnetzwerker dazu leisten wollen/können.
  3. …in welchem Umfang neue Technologien, Internetangebote und Geräte uns dabei helfen oder auch stören.

Das geht aufs Ganze! Wo ist der Einstieg in diesen ganzen Komplex?

Das Motto: Als Lehrer an einem Gymnasium, das den Namen Friedrich Hölderlins trägt, möchte ich auch mit Hölderlin einsteigen! Es gibt von ihm ein Gedicht (Hymne oder Ode, egal, Hauptsache Hexameter) mit dem Titel: Der Gang aufs Land und das beginnt so:

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter […] und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen … (1801)

Ohne Zweifel hat der geniale Friedrich H. in seiner Seher-Qualität („Was bleibet, stiften die Dichter“) nicht nur die „bleierne Zeit“ und unser Novemberwetter vorausgeahnt, sondern auch die „Cloud“. Und vor allem hat er uns ein großartiges Motto vermacht. Begeben wir uns also mutig „ins Offene“!

Die Ausgestaltung des Offenen: Ich möchte den Begriff des Offenen Unterrichts aus der Perspektive der digitalen Medien betrachten und um einige Aspekte erweitern. Die nachfolgenden Überlegungen könnten dann unter der Fragestellung stehen, welchen Beitrag unsere Aktivitäten und Initiativen zu dieser „Offenheit“ und „Öffnung“ leisten sollen.

Die Vorstellungen vom Offenen oder Offeneren Unterricht (Bovet/Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis, Cornelsen 2000 S. 74) beschränken sich immer noch sehr auf den Klassenraum und den vorgegebenen schulischen Zeitrahmen, z.B. die Unterrichtsstunde. Zeitliche und räumliche Erweiterungen sind zwar in Projekt- und Freiarbeit enthalten, insgesamt verbleiben aber die Vorstellungen im Denken der vor-digitalen Welt, also der 80er Jahre. Bezogen auf die Unterrichtsmethodik der 60er und 70er-Jahre waren Forderungen nach Gruppenarbeit, Projektarbeit, Stationenlernen und ähnlichem natürlich ein Fortschritt. Daraus hat sich heute ein standardisierter Stundenablauf entwickelt, der mindestens 10 Minuten Gruppen- oder Partnerarbeit enthält, im aktuellen Doppelstundenmodell darf es dann auch ein bisschen länger oder mehr sein. Richtet man den Blick auf die Potenziale, die dem Lernen und Lehren durch die digitalen Medien und insbesondere WEB 2.0 zur Verfügung stehen, dann eröffnen sich aber ganz andere Perspektiven für offenen Unterricht:

1. Da ist zuerst einmal die räumliche Öffnung

  • aus dem Klassenzimmer, sogar aus dem Schulgebäude hinaus und
  • hinein ins Internet in die digitale Welt, mit ihren etwas anderen Verkehrsregeln und Kommunikationsformen.

2. Dann ist da die zeitliche Öffnung über den Stundenplan-regulierten Rhythmus hinaus

  • in die Nachmittags-, Abend- und Nachtstunden, in das Wochenende und die so genannte unterrichtsfreie Zeit hinein.
  • Alles ist Lernzeit, der ganze Tag, jeder Tag kann für die Kommunikation von Lehrenden und Lernenden genutzt werden.

3. Offener Unterricht wird auch öffentlicher Unterricht bedeuten:

  • In Weblogs, Micro-Blogs, Wikis, Foren und Communities kann Unterricht geplant, reflektiert und aufgearbeitet werden.
  • Die Zahl der Mitleser kann größer sein als die der Mitarbeiter, die Mitleser befinden sich in anderen Kontexten, das kann voller Überraschungen sein, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen.
  • Es können sich andere Formen der Zusammenarbeit, andere Zusammensetzungen von Lerngruppen bilden.

4. Dem öffentlichen Unterricht entspricht der veröffentlichte Unterricht, in dem Arbeitsergebnisse als Publikationen verstanden und Arbeitsprozesse für Außenstehende nachvollziehbar werden:

  • Hausaufgaben, Protokolle, Referate, Handouts und Projektergebnisse werden im Internet zur Verfügung gestellt;
  • dadurch könnte für alle Beteiligten eine größere Ernsthaftigkeit und einen höheren Verpflichtungscharakter zum inhaltlich sauberen und rechtlich verantwortungsbewussten Arbeiten erwachsen.
  • Dafür sind Wikis besonders geeignet, Beispiele findet man in den Schulwikis der Wiki-Family.
  • Und ganz ins Offene gedacht: So wie sich z.B. Christian Spannagel sich als öffentlicher Wissenschaftler versteht , so könnte sich die Lehrkraft als „öffentlich Lehrender“ definieren, der sich in der Schülerschaft Mitautoren für seinen Unterricht sucht.

5. Die Lehrer-Schüler-Beziehung öffnet sich in Richtung Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit.

  • Ich mache mich offen, indem ich mir in die Karten sehen lasse, meine Arbeitsweise und Ziele offenlege, Kontrolle zurücknehme, meine Absichten begreifbar und mich angreifbar mache.
  • Lehrende und Lernende sitzen im selben Boot, das bringt sie einander näher, ändert aber wenig an der Rollenverteilung von Kapitän und Mannschaft. Gelegentlicher Rollentausch muss aber möglich sein.
  • Kleiner Exkurs zu einem lesenswerten Blogbeitrag  von Herrn Larbig zum Thema: Kompetenzorientierter Unterricht. Kompetenzorientierung wird darin am Beispiel von Aufgabenstellungen (Stichwort: „echte Aufgaben“) diskutiert. Das ist spannend, aber im Hinblick auf offenen Unterricht noch nicht alles. Kompetenzen werden durch Feedback erworben, ein Schüler/eine Gruppe erhält hilfreiche Rückmeldung über seine Arbeitsschritte und wird dadurch zur Selbstreflexion angeregt. Das muss auch nicht allein der Lehrer machen. Qualifizierte (d.h. kriterienbasierte) Feedbacks können von Mitschülern kommen, und diese müssen nicht einmal in der gleichen Klasse oder Schule sein. Dafür sind nun genau WEB 2.0-Plattformen geeignet, sie haben die Interaktion, das Rückmelden und Kommentieren als wesentliche Bestandteile ihrer Funktionsweise und ihres Selbstverständnisses. Das bedeutet auch: Lehrende und Lernende können gleichermaßen kompetente „Andere“ sein.

6. Die Öffnung in Richtung Unterrichts-Material: Alles kann zum Unterrichtsmaterial werden. Hier sind wir im Zentrum einer heißlaufenden Diskussion angelangt. Unabhängig vom „Schultrojaner“ hat jüngst die UNESCO eine Empfehlung für freie Lehrmaterialien ausgesprochen. Die Argumentation ist zwar noch auf den akademischen Bereich bezogen, nichtsdestotrotz von Belang. Hier spielt uns die augenblicklich aufgeflammte Diskussion um die Open Educational Resources (OER) in die Hände bzw. Tastatur; tatsächlich ist es sehr gut, hier Überlegungen anzustellen und zwar in Richtung Kooperation und Koordination der Internet-Individualisten und WEB2.0-Aktivisten. Eine digitale Bibliothek von Unterrichtsideen und -materialien ist eine quasi utopische Angelegenheit, vergleichbar der Wikipedia, nur schwieriger, und benötigt vor allem Kommunikationsstrukturen. Die technische Seite ist wahrscheinlich die einfachste.

Zwei Schritte scheinen mir sofort machbar, um ein Terrain zu besetzen oder einen Anspruch zu markieren, und da hat Torsten Larbig schon starke Impulse gegeben.

Es gilt

  1. Linksammlungen bereitzustellen, die auf schon vorhandenes Unterrichtsmaterial verweisen, dies ordnen und maßvoll kommentieren,
  2. eine Kennzeichnung, ein Logo, für das Material und die Linksammlungen zu entwerfen: Offener Bildungsinhalt (OER) als Markenzeichen!

Die Forderung nach „qualitativ hochwertigen Bildungsmedien“ würde ich zunächst nicht in den Vordergrund stellen wollen, sie wird uns in Qualitätsdiskussionen verstricken und sich zum Hindernis für den freien Fluss der Ideen entwickeln.

7. Öffnung in Richtung OpenSource

  • Zum offenen Lernen gehört also die OpenSource-Idee, die Philosophie des freien Zuganges und der kontinuierlichen Veränderbarkeit von Arbeitsmitteln, auf die man sich einstellen muss, an der man auch teilhaben kann.
  • Ebenso ein Lizenzrecht, das geistiges Eigentum und Kreativität schützt und gleichzeitig deren Ergebnisse nicht exklusiv macht. Die Creative Commons Vereinbarungen sind hier hilfreich.

8. Zum Verständnis von offenem Unterricht und offener Schule gehören dann auch die Offenen Internet-Plattformen!

  • Die Alternative zwischen Moodle und lo-net und Ilias einerseits und Blogs und Wikis andererseits wäre dann gar keine mehr: Moodle ist ein Programm-Paket, das zwar nominell alles Mögliche erlaubt und in sich aufzunehmen vermag, im End-Effekt aber sehr schnell lehrerzentrierten Unterricht und hierarchisch strukturiertes Lerner-Lehrer-Verhältnis reproduzieren kann.
  • Als Grundregel würde ich formulieren: ein interessierter User sollte ohne Passwort mindestens lesen können, für das Schreiben mag dann ein Registrier- und Authentifizierzwang angemessen sein.

9. Überwinden wir die Allzweck-Computerräume, die alle Bedürfnisse und Aufgaben eines entwickelten Schulbetriebes meistern müssen und dadurch hochkomplizierte Konfigurationen und Sicherheitsvorrichtungen benötigen.

  • Lassen wir für genau definierte Lernszenarien die Medien zu, über die die Lerner schon verfügen: Laptops, Netbooks, Tablet-PCs, Smartphones …
  • Vergessen wir die Computerräume mit ihren pädagogischen Netzen und Kontroll-Mechanismen und machen wir den Unterricht offen für die Lernmittel in der Schülerhand.

10. Den Google-verengten Horizont verhindern und darüber hinaus und dahinter schauen lernen – sich nicht begnügen mit dem, was das Netz uns auf den ersten Blick liefert. Hier möchte ich aus einem Zeitungsartikel von Peter Glaser aus dem Jahre 2006 zitieren:

„Bildung heißt heute, zu wissen, was sich hinter dem Google-Suchschlitz befinden könnte, zu wissen, was es zu wissen gibt. und auch zu wissen oder zumindest abschätzen zu können, welche Informationen und Quellen vertrauenswürdig sind. Das zu lernen sollte heutzutage zur Allgemeinbildung gehören. (…) Nun ist der Witz von dem Mann, der nur ein Buch hat, Wirklichkeit geworden. Das Buch heißt Google, und es wird immer dicker. Seine Dienste bieten genug Komfort, dass ein Großteil der Netznutzer gar nicht erst nach Alternativen sucht – die durchaus vorhanden sind. Es gibt eine Menge Informationen, die einem keine Suchmaschine liefern wird.“ („Das Orakel unseres Universums – Google verändert die Welt“, Stuttgarter Zeitung 10.6.2006)

Das bedeutet, dass wir uns über die Grenzen des Google-Kosmos verstärkt Gedanken machen, dass wir überlegen,

  • wie wir uns weitere Horizonte bewahren und den „digital natives“ weitere Horizonte vermitteln können als die medial naheliegenden,
  • wie wir an das Wissen kommen, das nicht gleich auf dem Bildschirm erscheint und von undurchsichtigen Algorithmen vorstrukturiert wurde.

Aus diesem Grund fällt es mir übrigens auch schwer, der Philosophie des Schwarms zu folgen, denn es ist zuerst zu fragen, unter welchen Voraussetzungen das Wissen, das der Schwarm generiert, zustande kommt. Es gilt mehr denn je der Satz vom einfachen User, der immer der Loser ist, weil er sich in digitalen Welten bewegt, die zwar für ihn gestaltet wurden, aber aus ihm fremden Motiven heraus.

Die Reflexion: Jede dieser zehn Öffnungen verlangt nach Differenzierungen, Beispielen und Rechtfertigungen. Manches ist Zukunftsmusik oder wird sich als undurchführbar, vielleicht auch unwichtig erweisen. Nicht wenige Elemente sind aber auch schon Realität: Klassen legen E-Mail-Listen an, bilden digitale Arbeitsgruppen, LehrerInnen lassen sich Protokolle, Handouts, Hausaufgaben zumailen, kommunizieren auch mit Eltern, Kollegen, Schulleitung über E-Mails oder in (noch geschlossenen) virtuellen Räumen. Es wird experimentiert, kommuniziert und es werden Erfahrungen gesammelt. Überall öffnen sich auch Pespektiven in Richtung selbst verantwortetes Lernen, individuelle Betreuung und Förderung, Umgang mit Heterogenität,

  • wenn z.B. per E-Mail-Korrespondenz eine gezielte Rückmeldung auf eine individuelle Frage gegeben wird,
  • wenn in einem Wiki Schüler die Schreibprodukte ihrer Mitschüler im Diskussions-Feld gewissenhaft kommentieren,
  • wenn Schüler im Team einen Arbeitsauftrag erfüllen und dabei ihre eigenen Lösungswege und Darstellungsformen finden
  • wenn Schüler Themen-Portfolios und Doku-Mappen entsprechend ihrer individuellen Stärken gestalten können
  • und so weiter.

Es gibt noch viel zu tun, dafür möchte ich zum Schluss folgende Fragen formulieren und zum Gespräch anbieten:

  1. Wie steht es um die didaktisch-methodische Aufarbeitung dieser „Öffnungen“ durch WEB 2.0? Wer leistet diese: Die Blogger, die Universitäten, die Schulen, die Ausbildungsseminare, der LehrerInnen-Schwarm?
  2. Wie müssen die Plattformen, Communities, Institutionen aussehen, um die neuen Anforderungen, die da heißen: differenzierter Unterricht in heterogenen Klassen in neuen Schulformen (Einheits-, Gemeinschafts-, Stadtteilschulen), gerecht zu werden?
  3. Droht endgültig die Grenzverwischung zwischen Arbeitszeit und Freizeit? Sitzt die Lehrkraft ab jetzt auch noch nachts am Computer und kommuniziert, publiziert, redigiert und gibt Feedback per E-Mail, Wiki, Blog und Twitter?
  4. Und zu guter Letzt: Nehmen wir uns nicht zu viel vor? Sind wir Burn-Out-Kandidatinnen und Kandidaten?