Archiv für die Kategorie ‘Kortenkamp und Spannagel’

Ulrich KortenkampViel Spaß mit einer neuen Folge von „Kortenkamp und Spannagel im Gespräch“!  🙂

Ulli: Hi, ich frage mich gerade, wie man möglichst schnell die Kommunikationsinfrastruktur für hochschulübergreifende Studierendenprojekte aufbauen kann. Und was will man eigentlich genau? Im Moment erlebe ich, dass man ständig für jedes Projekt immer wieder alles neu zusammenbaut, und damit einen ungeheuren administrativen Aufwand hat, den man gar nicht haben möchte.

Ist die Lösung, in StudiVZ oder Facebook oder Yahoo oder Google oder wo auch immer eine Gruppe aufzumachen? Dann verliert man leicht den Überblick, denn es ist ja immer auf einer anderen Plattform; ich möchte aber nicht den Tag damit verbringen, auf 15 verschiedenen social networks zu schauen, ob es was neues im Projekt gibt. Klar, man kann per E-Mail benachrichtigt werden, wenn was passiert, aber die Einstellungen dafür sind entweder zu grob oder zu anstrengend.

Der Vorteil bei einer „real world“ Veranstaltung ist, dass man durch die Angabe von Zeit (Mittwoch 10-12) und Raum (B209) sofort alles organisiert hat! Gibt es das auch fürs Internet? Wir treffen uns jede Woche zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten URL?

Ich weiß, dass es alles technisch überhaupt kein Problem ist, ich merke aber, dass es eben nicht so einfach funktioniert, wie man es gern hätte, insbesondere, wenn man Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Organisationen zusammenbringen möchte.

Hast du eine Lösung?

Christian_Tafel_2Christian: Beim Lesen deines Texts kommen mir zwei Ideen, die nicht unbedingt ideale Lösungen in deinem Sinne sind, aber sie kommen mir halt. 🙂

Da wäre zum einen die Überlegung, ob man an dieser Stelle aus Dozenten- oder aus Studentensicht argumentieren sollte. Wenn man letzteres macht und den Web-2.0-Gedanken ernst nimmt, sollte es Studierenden ermöglicht werden, mit denjenigen Tools zu arbeiten, mit denen sie arbeiten möchten. Sie sollten als ihr personal learning environment (PLE) nutzen können und dürfen. Und PLEs bringen es mit sich, dass sie bei jedem Studierenden anders aussehen. Die Situation kann also höchst komplex werden. Wie kann man als Dozent hier den Überblick behalten? Eigentlich nur über RSS-Feeds, die an einer bestimmten Stelle aggregiert werden.

Zum anderen lege ich ganz gerne eine Community-Seite für eine Veranstaltung an, die natürlich auch hochschulübergreifend sein kann. Hierfür nutze ich die Plattform mixxt. Dort hat man alle Funktionalitäten, die man sich so wünscht (Profile, Forum, Wiki, Dateiablage, RSS, …).

Vielleicht ist eine Kombination aus beidem empfehlenswert? Also eine zentrale „Gruppenrepräsentation“ wie eine Online-Community, und die Arbeit wird in den jeweiligen PLEs gemacht und von der Community-Plattform aus verlinkt?

Ulli: Hm, tja, das hilft mir nicht wirklich weiter. Aber die PLEs finde ich klasse!! Das gilt ja auch für mich (mein PLE ist eine Kombination aus Mail.app und NetNewsWire ;-))

Aber noch mal zurück zum Problem: Ich möchte einfach nur sagen „Wir treffen uns dort.“ und alles funktioniert prima. Und am liebsten möchte ich gar nichts dafür tun müssen. Vielleicht ist dafür aber RSS wirklich die Lösung – RSS-feeds kann man auch noch rückwirkend lesen, man hat Überblick darüber, was man schon las und was nicht, und  man muss nicht noch eine Adresse im Web checken.

Also – RSS als Allheilmittel im Web 2.0?

Christian: Ich weiß nicht – wir können es gleich mal hier mit allen diskutieren. 🙂 Gerade eben haben wir übrigens ein Bildungsexpeditions-Interview über Adobe Connect abgehalten. Wäre so etwas wie Adobe Connect nicht genau das, was du suchst? (Zur Erklärung für diejenigen, die Adobe Connect noch nicht kennen: Das ist ein Videokonferenz-Tool mit zahlreichen Zusatzfunktionalitäten).

Also: Was meint ihr zu Ullis Frage?

<a href=“http://kortenkamps.net/“><img class=“alignleft size-full wp-image-695″ title=“Ulrich Kortenkamp“ src=“https://cspannagel.files.wordpress.com/2009/06/kortenkamp-ulrich.jpg&#8220; alt=“Ulrich Kortenkamp“ width=“77″ height=“115″ />

Ulrich KortenkampUlli Kortenkamp und ich haben nach dem Erfolg unseres Twitter-Gesprächs beschlossen, eine regelmäßige Rubrik in diesem Weblog einzuführen: Kortenkamp und Spannagel im Gespräch. Wir werden über ein bestimmtes Thema diskutieren und schließlich zur allgemeinen Diskussion in den Kommentaren einladen. Wie findet ihr die Idee? Hier ist auch gleich die neue Ausgabe von „Kortenkamp und Spannagel im Gespräch“: Der Sinn und Unsinn von Vorlesungen. Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Christian_Tafel_2Christian:

Hi Ulli, in letzter Zeit beschäftige ich mich intensiv mit dem Konzept der „Vorlesung“. Kurz und knapp: Ich finde das Konzept total bescheuert. Selbst wenn sie gut gemacht sind. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass Studenten nicht folgen können, wegnicken, irgendetwas anderes machen. Und zu Hause kommen dann die Fragen – insbesondere in Vorbereitung auf Prüfungen.

Weshalb holt man 200 Leute in einem Raum zusammen, um ihnen was zu erzählen? Und zwar etwas, das sie auch selbst in einem Skript lesen können? Lesen kann jeder in seinem eigenen Tempo. Man kann einen Abschnitt nochmal lesen. Und nochmal. Und vielleicht nochmal. Den Dozenten kann man nicht beliebig zurückspulen – zumindest nicht so, dass es den Lerngeschwindigkeiten von 200 verschiedenen Studenten gerecht wird.

Weshalb diese unidirektionale 1:200 Beschallung? Sollte man nicht lieber die Situation nutzen, um 200 Gehirne gemeinsam Probleme lösen und Fragen beantworten zu lassen? Also: Vorher lesen die Studenten den Text, den man normalerweise an die Tafel gepinselt hätte, zu Hause. In der „Vorlesung“ wird dann gemeinsam über den Text gesprochen, es werden Fragen aufgeworfen und geklärt, und es wird gemeinsam an Aufgaben gearbeitet. Ich setze ein solches Konzept seit ein paar Wochen um, und ich finde es klappt ganz gut (außer in einem Fall) und macht zudem auch noch Spaß (!).

Also, provokante These: Traditionelle Vorlesungen sind vorsintflutliche Didaktik. Wir können heute anders. Was meinst du dazu?

Ulli:

Na danke – damit bin ich jetzt in der Situation, diese „vorsintflutliche Didaktik“ verteidigen zu müssen. 😉

Also vorab: Ich bin kein Fan von solchen traditionellen Vorlesungen, so wie du sie beschreibst. Ich bin aber auch kein Hardcore-Vorlesungsgegner. Und jetzt versuche ich mal herauszufinden, woran das liegt.

Kommen wir erst einmal zum „Vorlesen“. Klar, man darf davon ausgehen, dass Studierende selbst lesen können – aber sie können das, was ich ihnen „vorlese“, nur dann selbst lesen, wenn ich „ablese“. Und das habe ich noch nie gemacht, und auch noch von keinem Kollegen in der Mathematik gehört. Es gibt Vorlesungen, zu denen noch nicht einmal ein Manuskript existiert, das gab es auch schon früher, und wir können froh sein, dass manche so fleißig waren, diese dann mitzuschreiben, so dass später Bücher erscheinen konnten (mein Lieblingsbeispiel: Felix Klein, ein aktuelles Beispiel: die Vorlesung Geometriekalküle von Jürgen Richter-Gebert an der TU München).

Also, Vorlesungen können durchaus etwas Kreatives (im Sinne des Wortes) sein, bei dem jemand seine Gedanken in Worte fasst, ohne sie vorher niederzuschreiben.

Nicht in jedem schlummert aber das Genie des Felix Klein, es gibt also Vorlesungen, zu denen Schriftfassungen existieren, entweder von anderen, wenn der oder die Vorlesende sich auf Bücher verlässt, oder eigene. Im ersten Fall ist die wichtige Zutat die Auswahl, Ergänzung, Filterung der vorhandenen Literatur (die man nicht durch eine Empfehlung „Lesen Sie das dritte Kapitel, zweiter Abschnitt von diesem und jedes siebte Wort von jenem Buch“ ersetzen kann), im zweiten Fall kann man darauf hoffen, dass der gesprochene Vortrag zusätzliche Anekdoten, Informationen, Tipps enthält, die nicht im Buch stehen.

Aber nehmen wir jetzt mal den schlimmsten Fall des echten Vorlesens an. Ich habe schon Vorträge gehört, die abgelesen wurden – die waren nicht immer schlecht, und ich habe sie lieber gehört als gelesen. Ich lese meinen Kindern vor, auch denen, die schon lesen können, sie mögen das. Hörbücher sind der Renner, auch bei Personen, die gut lesen können. Kann es sein, dass die Aufnahme über die Ohren für manche besser ist, selbst wenn das Tempo fremdbestimmt ist? Ich denke ja. Ich selbst habe Vorlesungen im Studium genossen, weil ich darin sitzen konnte, selbst Notizen machen, über das Gehörte nachdenken, über was anderes nachdenken, und der „Audiostream“ lief weiter. Ich höre auch gerne Radio, und ich kriege dadurch sehr viel mit, was ich über den Lesekanal nicht aufnehmen kann oder will.

Vorlesungen sind eine andere Form der Wissensvermittlung, und ich möchte sie nicht missen.

Was kann man besser machen? Hier eine Antwort auf tuaw.com:

Brian Brooks, associate dean of the University of Missouri’s Journalism School, knows how his students learn. „Lectures are the worst possible learning format,“ he told Columbia Missourian. „There’s been some research done that shows if a student can hear that lecture a second time, they retain three times as much of that lecture.“

Aha! Also, mitschneiden, am besten samt Video von der Tafel/Beamer, und als Podcast ins Netz stellen!
Überzeugt?  Ulli

Christian:

Überzeugt? – Kein bisschen. 🙂

Zunächst zum „Ablesen“: Ich selbst habe natürlich auch nie abgelesen. Aber ich habe den Stoff deduktiv an der Tafel entwickelt – und dabei auch für zahlreiche einfache Sachverhalte Zeit „verschwendet“. Muss ich den Studenten wirklich erklären, was Teilbarkeit bedeutet? Muss ich ihnen erläutern, was Primzahlen sind, und wie das Sieb des Eratosthenes funktioniert? Summa summarum macht das 30 Minuten Erläuterungen, die wir für wertvolle Diskussionen hätten nutzen können. Studierende können sich diesen Stoff durchaus selbst erarbeiten, was ein Wert an sich ist. Ich möchte ja, dass sie lernen, sich eigenständig in mathematische Sachverhalte einzuarbeiten. Die wertvolle „Gruppenzeit“ können wir dann dazu nutzen, Fragen zu klären oder interessante Fragestellungen in dem Bereich zu diskutieren.

Vorlesungen, in denen nicht „gelesen“ (im Sinne von „vorgetragen“ wird), können dabei natürlich ebenso kreativ sein. Ich möchte sogar behaupten, dass mehr Freiraum für Kreativität besteht, und zwar nicht nur auf Seiten des Dozenten, sondern auch auf Seiten der Studierenden. Kreativität kannst du also nicht als Argument für klassische Vorlesungen ins Feld führen – wer Kreativität fördern will, sollte Vorträge durch intensive Diskussionen zu interessanten Problemstellungen ersetzen.

Zusätzliche Anekdoten, Informationen, Tipps – genau dafür ist in Vorlesungen, in denen Studierende sich den Stoff in Vorbereitung selbst erarbeitet haben, viel mehr Raum. In dieser Art der Vorlesung bleibt der Dozent ja schließlich nicht stumm. Stattdessen hat er viel mehr Zeit, solche persönlichen Färbungen einzubringen. Und wenn als Literatur ein Werk eines anderen Autors verwendet wird, haben die Studenten gleich die Sichtweise von zwei Experten erfahren.

Und schließlich zu deinem letzten Argument, dass auch abgelesene Vorträge sehr interessant sein können. Das ist natürlich richtig, obgleich ich dies ebenso nicht als Argument gelten lassen möchte – zumindest nicht für die Mathematik. Erstens gibt es meiner Erfahrung nach nur wenige begnadet-gute Vorleser, und ich würde mich nicht dazu zählen. Zum anderen: Was sind denn unsere Lehrziele in Mathematikveranstaltungen? Möchten wir, dass Studenten Erzähltes wiedergeben können? Oder möchten wir, dass sie lernen, Mathematik zu treiben? Ich sehe Prozesse wie Kommunizieren, Argumentieren und Problemlösen im Mittelpunkt meiner Lehre. Hierfür muss ich Zeit einräumen. Und diese Prozesse lernt man hauptsächlich nicht durch zuhören, sondern durch machen. Ich gebe den Studenten 90 Minuten Zeit zu diskutieren und ihre Meinung zu begründen. Stoffinput ist natürlich notwendig. Auch die Inhalte sind wichtig, nicht nur die Prozesse. Wenn ich aber den Stoffinput auslagere, dann fördere ich auch hier Prozesse, nämlich eher „methodische“: das eigenständige Einarbeiten in einen Fachtext, das Stellen von Fragen, die virtuelle Kommunikation (ich lasse Fragen, die während des Lesens aufkommen, gleich in einem virtuellen Forum diskutieren).

Selbst wenn es Übungen zu Vorlesungen gibt, in denen die Prozesse der Studierenden im Mittelpunkt stehen (wenn sie also richtig gemacht sind, also nicht vorlesungsartig, sondern teilnehmeraktivierend wie in SAiL-M), würde ich jederzeit die Vorlesung so gestalten wie ich es im Moment gerade mache. Der Grund: Ich möchte so viel wie möglich Zeit einräumen für gemeinsame Erfahrungen rund um mathematische Prozesse. Ich will, dass die Studenten lernen, mathematisch zu denken und zu handeln und sich eigenständig mit mathematischen Fragen auseinanderzusetzen – in jeder Minute.

Mitgeschnittene und als Podcast bereitgestellte Vorträge sind natürlich auch sehr gut als Vorbereitung und könnte ein Ersatz für den zu lesenden Text sein – und dann kann man sich wieder während der eigentlichen Vorlesungszeit den Prozessen widmen!

Überzeugt?

Ulli:

Nee, keineswegs 😉

Du schreibst etwas von „wertvoller Gruppenarbeit“. Blasphemisch gesagt: Meine Zeit als Dozent ist auch wertvoll (ich bin ja schließlich der Einzige, der dafür bezahlt wird, an der Veranstaltung teil zu nehmen). Wieso ist die Gruppenarbeit wertvoller? Ich erinnere mich an mein Studium, da gab es Gruppenzeiten, die fanden aber ohne Dozenten statt, wir haben uns (vor und nach den Vorlesungen, und wenn es sein musste auch nachts) gemeinsam die Köpfe zerbrochen, was denn „der da vorne“ von uns wollte. Du möchtest das rumdrehen — vorher einzeln lernen, in der „Vorlesungszeit“ gemeinsam diskutieren. Warum? Ist das wirklich besser? Wo bleibt die Zeit, in der man etwas erzählt bekommt? Ist die Sendung mit der Maus schlecht, weil ich mir das ja auch selbst zusammensuchen könnte, was ich da erzählt bekomme? Ich sehe auch nicht, dass Diskussionen die Kreativität des Dozenten eher fördern als — ganz krass gesagt — Monologe. Das hängt bestimmt von dem oder derjenigen ab, die erzählen, klar. Aber dass das ganze sowieso eine sehr individuelle Sache ist, darüber sind wir uns eh einig, oder?

Und auch bei deiner Erwiderung zu den „Ablesern“ kannst du mich nicht überzeugen. Da ist doch ein Fehlschluss: Natürlich möchte ich *nicht*, dass unsere Studierenden Erzähltes wiedergeben können… äh… doch, das möchte ich natürlich schon, es wäre schon mal eine gute Grundlage. Aber das meintest du ja auch nicht. Also – ich möchte *nicht*, dass unsere Studierenden *nur* Erzähltes wiedergeben können. Aber wo ist denn da die Kausalität? Können sie denn nur das replizieren, was sie selbst erleben? Kann man nicht jemandem erzählen, wie, sagen wir, Projektarbeit funktioniert, sondern muss man sie durchführen? Muss ich jemanden in den Rhein schmeißen, damit er weiß, dass das gefährlich ist? Das Reden und Vorlesen ist eine Kommunikationstechnik, die uns eigentlich davon befreit, alles selbst nachzuerleben. Und das muss weder schlecht noch langweilig noch ineffektiv sein. Nur kurz noch einmal der Hinweis, dass ich nicht sage, dass klassische Vorlesungen super und toll und prima sind. Und ich finde es auch nicht richtig, zu lehren, wie man in der Schule lehren kann, ohne die Erkenntnisse dann auch umzusetzen. Und es ist auch nicht gut, sklavisch jede Woche 1,5 Stunden in der 1:n-Situation zu „belehren“, da sind wir uns einig. Aber ich sehe auch Vorteile, und zwar mehr, als ich vorher dachte… insbesondere dann, wenn man Vorlesungen mit anderen Lehr/Lernformen kombiniert (Tutorien, Exkursionen, Projektarbeit, …), können sie richtig sinnvoll sein. Wir kommen da also nicht weiter. Was meinen denn die Leserinnen und Leser? Wir freuen uns auf Kommentare!!

Überzeugt uns!

Ulli

In den letzten zwei Tagen habe ich einen intensiven Mailwechsel mit Ulli Kortenkamp zum Thema Twitter geführt, den wir im Nachhinein so interessant finden, dass wir ihn gerne im O-Ton veröffentlichen wollen. Hier ist er:

Christian: Hast du etwa deinen Twitteraccount gelöscht??

Ulli: yep.

Christian: Warum denn das??

Ulli: Weil es (mir) nichts bringt. Ich verwende Zeit für Twitter, die ich
anders besser nutzen kann. Und ich setze mich selbst unter einen
Informations-Druck, der mich belastet, ohne mir einen echten Gewinn zu
bringen.

Ich vermisse jedenfalls nichts bis jetzt, ist ja schon mal ein gutes
Zeichen.

Warum brauchst du Twitter?

Christian:
https://cspannagel.wordpress.com/2008/11/19/twitter-und-der-sechste-soziale-sinn/
https://cspannagel.wordpress.com/2008/12/02/twitter-chats-grosraumburos-und-jogginghosen/
https://cspannagel.wordpress.com/2008/11/20/die-maschendraht-community/

🙂

Ulli: Ja, die Argumente kenne ich alle (ich lese ja deinen blog). Aber: nein – mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype. Wenn ich was wissen möchte, dann frage nicht ins Großraumbüro, sondern frage die Experten, die ich kenne (entweder per chat oder mail). Wenn ich ganz allgemeine Fragen habe, dann habe ich Mailinglisten mit communities, die mich nicht von der Arbeit abhalten, sondern mir weiterhelfen.

Twitter ist mir zu flüchtig, zu verrauscht, und vor allem nimmt es eine zu hohe Bandbreite auf dem Input-Kanal weg.

Ich könnte mir nicht vorstellen, auf chat zu verzichten, aber da ist halt klar, ob ich zuhöre, ob andere zuhören, ich kann längere Nachrichten verschicken, etc.

Und ob ich gerade auf den Zug warte oder nicht, das ist für den Rest der Welt so dermaßen unwichtig, das muss ich nicht kundtun (da reicht eigentlich mein Chat-Status).

Was ist eigentlich die CO2-Bilanz für einen Tweet ;-)?

Also, ich bin einfach mal Trendsetter und sage: Twitter ist out. Das ist irgendwie letztes Jahrzehnt. (10 Jahre früher hätte ich gesagt: das ist soooo 90er).

Vielleicht blogge ich das ja auch.

Christian:

> mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype.

Mmh… ok, kann ich natürlich nachvollziehen, und ich will ja auch nicht missionieren. Aber Twitter hat schon einige andere Eigenschaften. So liest beispielsweise mein Projektmitarbeiter meine Tweets. Ich muss ihm also nicht erzählen, was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm natürlich auch erzählen – aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also schreibe ich einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr doppelt und dreifach erzählen. Ist doch super, oder? 🙂 Das kriegst du mit den anderen Tools nicht hin.

Und: Abhalten tut mich twitter nicht. Es ist ja nicht so, dass ich alle Tweets meiner Friends lese. Ich schaue ab und zu mal rein, scroll vielleicht mal nach unten. Vieles sehe ich nicht – was aber auch nicht schlimm ist. Man darf nicht den Überblick über alles behalten wollen. Dann lebt es sich damit recht entspannt…

🙂

Ulli:

> Ich muss ihm also nicht erzählen,
> was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm
> natürlich auch erzählen –
> aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also
> schreibe ich
> einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr
> doppelt und dreifach erzählen.
> Ist doch super, oder? 🙂

Nee. 🙂

Denn:

1) Du weißt nicht sicher, ob es jeder weiß, du kannst dich also nicht darauf verlassen
2) Du produzierst ein Rauschen, weil nicht jeder alles wissen will, was du tust
3) Du hast keine Abstufung in der Kommunikation – du kannst nicht (oder nicht gut) einzelne Events hervorheben
4) Du hast nicht die Rückmeldung, die du bei einer direkten Kommunikation hättest (halt „nur“ Maschendraht — das ist schon ganz fein, aber eben nicht direkt)

Das ist also mehr so ein „brute force“-Ansatz zur Problemlösung. Sowas macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Vielleicht hilft hier ein Vergleich mit Optimierungs-Algorithmen. Genetische Algorithmen oder Simulated Annealing sind lustige Lösungsansätze, die auch oft ganz gut helfen, und vor allem dann geeignet sind, wenn man nicht mehr über die Struktur eines Problems kennt. Sobald man aber mehr darüber weiß, kann man einen besseren Lösungsansatz wählen — kürzeste Wege auf diese Art und Weise zu finden geht zwar, ist aber „vernünftigen“ Algorithmen weit unterlegen, außer es kommt dir auf nur ganz grobe Annäherungen an, dann findet man suboptimale Lösungen mit den generischen Lösungsalgorithmen evtl. schneller.

Wenn ich was wissen muss oder kommunizieren möchte, dann rüttele ich nicht am Maschendrahtzaun, sondern ziehe an einem speziellen Draht, notfalls auch an mehreren. Das funktioniert natürlich nur, weil ich bereits ein großes Kommunikationsgeflecht mit vielen Spezialisten habe.

Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Christian:

> Das ist also mehr so ein „brute force“-Ansatz zur Problemlösung. Sowas
> macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Genau – deshalb dieser Ansatz. Oft weiß ich gar nicht, welche Effekte Tweets haben können. Es kommen oft Anregungen aus Ecken, von denen ich das gar nicht vermutet hätte.

Ich benutze natürlich auch die direkten Wege. Ich mache beides. So habe ich sowohl die direkte Antwort als auch das Rauschen, aus dem ich vielleicht das ein oder andere noch rausziehen kann. Und da können durchaus sehr spannende Sachen drunter sein.

Durch diese Art nutzt man auf der einen Seite „das Gehirn des Experten“, den man direkt anschrieben hat. Das ist gut. Auf der anderen Seite nutzt man „800 Gehirne seiner Peer-Group“. Wenn nur 1 oder 2 Gehirne dabei sind,
die ungewöhnliche Assoziationen haben: Perfekt!

> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler Entscheidungen – und in der Regel nicht um die „wahren“ Gründe. 🙂

Christian: … wie würdest du so eine Frage beantworten, wenn du daran interessiert bist, was „die Leute“ (damit meine ich die Webmenschen) das handhaben?

http://twitter.com/cspannagel/status/1244646314

Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf Antworten! 🙂

Ulli:

>> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
>> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.
>
> Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei
> handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler
> Entscheidungen – und in der Regel nicht um die „wahren“ Gründe. 🙂

🙂 schon klar. Auch ich kann mich nicht frei von kognitiver Dissonanz machen.

Mein Problem mit dem „800 Gehirne nutzen“ ist volkswirtschaftlich: Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt, dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

(schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu twittern 🙂 — aber die Diskussion macht mir Freude)

Christian:

> Mein Problem mit dem „800 Gehirne nutzen“ ist volkswirtschaftlich:
> Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt,
> dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit
> abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich
> spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann
> über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

Es ist ein halber Tag Gehirnzeit, der praktisch ohne großen Aufwand zur kollektiven Wissenskonstruktion aufgewendet werden kann – im Gegensatz zum Dahindümpeln der 800 Gehirne in dieser Minute. Außerdem: Durch einen einzigen Tweet kann man so die Konstruktionen der anderen Gehirne beeinflussen, ihnen neue Ideen geben, selbst neue Ideen aufnehmen usw. Man bildet eine „Gehirngruppe“, die intern über viele neue Wege vernetzt ist, und diese Vernetzungen kann man prima nutzen. Natürlich geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts aber auch in meinem Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich erweitere aber auch die guten Konstruktionen. Prozentual bleibt das gleich – allerdings habe ich eine größere Wissensbasis, auf die ich zugreifen kann. (Und auch das System an sich profitiert davon)

> (schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu
> twittern 🙂 — aber die Diskussion macht mir Freude)

So geht’s mir auch. 🙂

Ulli:

> Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf
> Antworten! 🙂

Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Oder ich frage Ulli, und der sagt: „ich habe ein update gemacht“

Ulli:

> Natürlich
> geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts
> aber auch in meinem
> Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich
> erweitere aber auch die guten Konstruktionen.

Da kommt natürlich das psychologische Problem hinzu, dass man sich meist besser als der Durchschnitt wähnt. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Twitter mehr mit Schrott erweitere als mit guten Konstruktionen.

Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Christian:

> Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Witzig – kannte ich noch gar nicht. Leider findet man dabei natürlich heraus, dass es eigentlich „geupdatet“ heißen müsste, nicht „geupdated“. Sowas bekommt man nur durch Befragung vieler Menschen heraus. 🙂

> Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Das würdest du nie machen, weil es dafür nicht SOOO wichtig ist. Es hat ja nur eine gewisse Relevanz – irrelevant ist es aber nicht, weil mich gerade die Frage beschäftigt. So relevant, dass ich es an eine Mailingliste schreiben würde, isses aber auch nicht. Also: Was tun?

Christian:

> Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst
> dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht
> vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass
> ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als
> würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Doch, das ist genau mein Gegenargument. Das war schon mein Gegenargument bei den ganzen Menschen, die gesagt haben „Ah, ich will kein Handy. Ich will nicht immer erreichbar sein.“ Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen, die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. 🙂

Ulli:

> Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen,
> die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. 🙂

Es geht um das Gefühl. Ich habe das Gefühl, ich verpasse etwas, das ist ungefähr so, wie man sich auf einer Party ärgert, wenn man mal aufs Klos muss und die anderen in der Zwischenzeit weitererzählen.

Ulli:

> Also: Was tun?

Wie gesagt: „ein update machen“ 🙂

Und aufheben für den nächsten real-life-Kaffee und dort diskutieren.

Ulli

(und natürlich muss es am Ende ein „t“ sein, es ist ja die deutsche
Endung)

Christian: Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für dich? (Darfst natürlich auch nein sagen…)

Ulli:
> Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für
> dich?

ja, auf jeden Fall, ich würde das dann gerne parallel-bloggen 🙂

Wir können ja auch noch eine Abstimmung zu dem Thema einrichten – was ist deine Meinung, soll Ulli twittern oder nicht?

🙂

Christian: Hier ist der Link zur Abstimmung – soll Ulli twittern oder nicht?