Archiv für die Kategorie ‘Schule’

Weshalb Web 2.0 in der Schule?

Veröffentlicht: Dienstag, März 27, 2012 in Schule, Web 2.0
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Auf der digilern habe ich einen Vortrag gehalten zum Thema „Web 2.0 in der Schule – weshalb sollte ich das denn auch noch machen?“. Diesen Vortrag hat Lutz Berger freundlicherweise aufgezeichnet und noch freundlicherweiserer aufgehübscht, mit Folien versehen und gerendert. Danke, Lutz! 🙂

So, und hier ist das Video dazu:

Kommentare natürlich wie immer erwünscht!

Wikis im Geschichtsunterricht

Veröffentlicht: Dienstag, März 20, 2012 in Schule, Web 2.0
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In den LernZeitRäumen arbeiten wir gerade mit Schülerinnen und Schülern in einem Wiki. Das Oberthema ist Mittelalter. Verschiedene Schülerteams arbeiten an unterschiedlichen Mittelalter-Themen (wie beispielsweise „Bauwerke“, „Essen und Trinken“ und „Schrift und Buchkunst“). Die beiden Gruppen (Tiger und Geckos) werden inhaltlich von Axel Ohnesorge und Kirsten-Heike Pistel betreut. Ein wesentliches Ziel dabei ist, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, aus Texten Informationen zu entnehmen (hierfür haben sie ausführliche Reader und Bücher zur Verfügung), die Informationen in eigenen Texten zusammenzufassen, dabei korrekte Quellenangaben zu machen und das Ganze für andere Leserinnen und Leser attraktiv aufzubereiten. Hier liegt eine große motivationale Chance des Wikis: Die Texte landen nicht einfach nur auf dem Schreibtisch des Lehrers, sondern stehen im Web und können von jedem gelesen werden. (Ein Beleg, dass das für Schüler bedeutsam ist, kommt weiter unten. ;-)).

Das Schulwiki der LernZeitRäume wird freundlicherweise von der ZUM gehosted, und dank toller Vorbilder wie dem RMG-Wiki, dem DSD-Wiki und vielen anderen Wikis in der ZUM-Wiki-Family konnten wir auf zahlreichen Beispielen aufbauen und von reichhaltigen Erfahrungen anderer profitieren.

Hier möchte ich mal alle möglichen Eingangsüberlegungen zusammenfassen, die den Start des Wikis und die Arbeit in den ersten Wochen begleitet haben:

  • Wir haben uns dazu entschieden, dass sich die Schülerinnen und Schüler nur mit Pseudonymen und nicht mit Realnamen anmelden. Die Wahl der Pseudonyme erschien uns angemessen, weil wir vermeiden wollten, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht mit Realnamen im Web auftreten.
  • Es hat sich bewährt, dass die Schülerinnen und Schüler einen Anmeldebogen ausfüllen, den ich aufbewahre und immer mit dabei habe. Denn: Schüler vergessen Passwörter, und die kann ich dann bei Bedarf nachschlagen. (Ich bin sozusagen Vertrauensstelle für vergessene Passwörter.)
  • Mit den Schülerinnen und Schülern haben wir eine Wiki-Abmachung getroffen. Darin unterschreiben sie, dass sie sich respektvoll im Internet verhalten, keine persönlichen Daten von sich preisgeben und das Urheberrecht beachten. Außerdem habe ich unterschrieben, dass ich den Schülerinnen und Schülern sowohl offline als auch online mit Rat und Tat zur Seite stehe. Die Abmachung ist also tatsächlich eine gegenseitige Vereinbarung und keine einseitige Verpflichtung.
  • Diese Abmachung wurde gleich in der ersten Woche gebrochen (auf einer Benutzerseite stand „ihr Deppen!“). Perfekt! Wir hatten gleich eine Gelegenheit, nochmals über die Abmachung zu sprechen und die Ernsthaftigkeit der Abmachung zu unterstreichen. Seitdem ist nichts mehr vorgefallen. Genau das gefällt mir an der Wiki-Arbeit in der Schule: Man stellt nicht nur die Gefahren und Probleme des Internets heraus, sondern hebt zunächst einmal die Möglichkeiten der produktiven Zusammenarbeit hervor. Die Probleme sind dann mehr Seitenaspekte, die auch wichtig sind, die aber nicht im Vordergrund stehen.
  • Die technische Einführung hielt sich im Rahmen. In ca. 15 Minuten habe ich den Schülern die Basics gezeigt (Bearbeiten, Vorschau, Speichern, Texteingabe, fett, kursiv, Überschriften). Alles weitere gibt es dann als Hilfe „on demand“. Relativ schnell wollten Schüler Tabellen erstellen. Weil das ein bisschen komplizierter ist, habe ich das dann im Einzelgespräch gezeigt. Hier wird dann auch den Schülern deutlich, wie hilfreich das Verwenden von bereits vorhandenem Code ist.
  • Neben den zahlreichen Hilfen (die, glaub ich, bislang kaum ein Schüler angeschaut hat), habe ich auch eine Oops!-Seite eingerichtet. Das ist die Seite für die Offline-Hilfe. Wenn ich mal nicht an der Schule bin und ein Schüler ein Problem hat, dann kann er dieses auf die Oops!-Seite schreiben, und ich antworte dort.
  • Ganz klar: Ich muss täglich den RSS-Feed des Wikis checken, um zu schauen, was dort passiert. Das ist aufwändig, aber notwendig. (An dieser Stelle wundere man sich über die Schreibweise dieser beiden Wörter.)
  • Apropos Rechtschreibung: Wenn Schüler im Wiki arbeiten, entstehen logischerweise Rechtschreib- und Tippfehler. Wir haben uns vorgenommen, dass die Wiki-Arbeit mit 10 Minuten Korrektur der Seiten von anderen endet. Das heißt, Schülerinnen und Schüler sollen am Ende einer Stunde durchs Wiki gehen und Fehler korrigieren. Und wir müssen es aushalten, dass mal eine Zeit lang Fehler enthalten sind. Wikiarbeit ist schließlich ein Prozess.
  • Der Diskussionsbereich zu jeder Seite ist ein prima Platz für Feedback der Lehrer an die Schüler (z.B. hier die Rückmeldung von Axel zum Thema Burgen). So ist das Feedback nahe am Text, aber nicht im Text, und der Prozess lässt sich im Nachhinein noch nachvollziehen.
  • Schülerinnen und Schüler finden es klasse, dass die Seiten im Internet stehen und andere sich diese ansehen können. Jedenfalls sind alle ganz wild darauf, unten auf der Seite immer zu schauen, wie viele Zugriffe es auf die Seite gab (ein regelrechter Wettbewerb unter manchen Schülern).

Ein paar Bilder wurden von Schülern auch schon eingefügt. Wenn die Texte fertig sind, werden wir noch eine Quiz-Seite gemeinsam erstellen, in der die Schüler Multiple-Choice-Tests, Lückentexte, Rätsel und sonstige Aufgaben als Wissenstest zum Mittelalter gestalten können.

Schule 3.0: digital total?

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 12, 2012 in Schule, Web 2.0

Am nächsten Donnerstag darf ich an einer Podiumdiskussion auf der didacta zum Thema „Schule 3.0: digital total?“, veranstaltet vom Verband Bildungsmedien, teilnehmen. Inhaltlich sollen die folgenden Fragen besprochen werden (auf Seite 6 des Programmhefts zu entnehmen; ich finde es übrigens immer noch cool, dass sie DIESES Bild genommen haben :-)):

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet rasant voran: Ständig verfügbares Internet, soziale Netzwerke und zahllose Apps gehören bereits heute für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Doch wie wird sich diese Entwicklung auf den schulischen Unterricht auswirken, wie sieht die Zukunft des Lernens aus? Vor diesem Hintergrund soll der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht beleuchtet werden: In welchen Lernszenarien bieten diese Medien überhaupt Vorteile? Ist das klassische Schulbuch ein Auslaufmodell? Wie steht es um die Medienkompetenz der Lehrkräfte, welche Rolle spielt die Lehrerbildung? Und über allem schwebt die Frage, welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Unterrichtsqualität durch den Einsatz von digitalen Medien effektiv zu erhöhen.

Ich habe mir einmal ein paar Statements zu den Punkten überlegt, möchte gerne vorab mit euch in die Diskussion einsteigen und eure Beiträge mit in die Podiumsdiskussion nehmen (um gleichzeitig ein Beispiel für den Nutzen des Internets in Lehr-/Lernsituationen zu geben). Ihr könnt natürlich gerne eigene Statements hinzufügen oder die bestehenden kommentieren. Also, neine Statements:

  1. Die Schule hat die Verpflichtung, digitale Medien in den Unterricht in erheblich stärkerem Maße zu integrieren. Zum einen sind digitale Medien im Alltag der Schülerinnen und Schüler omnipräsent (Alltagsrelevanz) und es lässt jetzt schon abschätzen, dass die Digitalisierung noch weiter voranschreiten wird (Zukunftsrelevanz; vgl. auch hier). Ich frage mich, wann „die Schule“ (ganz gemein verallgemeinernd) es schafft, digitale Medien im Sinne der Weltorientierung alltäglich und selbstverständlich in den Unterricht zu integrieren. Solange dies nicht der Fall ist, muss sich Schule vorwerfen lassen, weltfremd zu sein. Auf das Leben in welcher Welt bereitet Schule heute eigentlich noch vor? Schule ist der einzige Ort, an dem die Förderung von Medienkompetenz systematisch verankert werden kann. Es gibt keine Alternative: Schule muss digital werden.
  2. Über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus können digitale Medien im Unterricht unzählige Funktionen als Werkzeuge übernehmen: Sie dienen der Informationsdarbietung, der Veranschaulichung, der Kommunikation, der Zusammenarbeit, der Recherche, der Präsentation (siehe zum Beispiel den L3T-Artikel Mehr als eine Rechenmaschine). Und eben weil der Alltag digital ist, können sie nicht nur diese Funktionen übernehmen, sondern sie müssen es – zumindest zu einem ordentlichen Anteil.
  3. Aufgrund der Vielfalt der vorhandenen Werkzeuge und deren Einsatzmöglichkeiten fallen mir keine Lernszenarien ein, in denen digitale Medien keine Vorteile bringen können. (Fallen euch welche ein? Nennt mal ein Szenario, in dem es sinnlos wäre, digitale Medien einzusetzen!)
  4. IT wird aber vermutlich in der Breite erst dann in den Unterricht einziehen können, wenn wir unabhängig werden von Computerräumen und Laptop-Schränken. Das Zukunftsszenario ist das folgende: Schülerinnen und Schüler nutzen ihre eigenen Devices (Smartphones, Tablets, …) mit Internet-Flatrate bei Bedarf („on demand“), und zwar ähnlich wie jetzt die Taschenrechner. Also: Völlig raum- und zeitunabhängig. Dort, wo sie gerade sind. Auch zu Hause.
  5. Schüler haben zukünftig also keine Bücher mehr dabei (eine Ende der schweren Ranzen und Rucksäcke!), sondern ein Device (z.B. Tablet) mit multimedialen Dokumenten, interaktiven Anwendungen und Zugang zum Internet. Schüler haben auch keine Schulhefte mehr, sondern erstellen digitale Produkte, die sie darüber hinaus einfach teilen und wiederverwenden können.
  6. Der Anreiz, offene Lernmaterialien (Open Educational Resources; vgl. die Diskussionen bei Herr Larbig) zu verwenden, wird zukünftig sicher größer werden, so zumindest meine Hoffnung, die, denke ich, nicht ganz unbegründet ist: Es macht kaum Sinn, Schulbücher als PDF-Dateien auf Tablets zur Verfügung zu stellen. Der Druck ist relativ hoch, dass „Schulbücher“ dann multimedial und interaktiv sein müssen. Aber – schaffen Schulbuchverlage das, solche Materialien in angemessener Qualität und Zeit zu produzieren? Das ist ein riesiger Aufwand! Welch Vorteil hingegen, wenn solche Materalien verteilt auf der ganzen Welt produziert und an zentralen Stellen gesammelt bzw. verlinkt werden. Ich warte schon länger auf Community-Projekte, die (ähnlich wie bei Wikipedia) kollaborativ freie Online-„Schulbücher“ zu allen Fächern in allen Schulstufen erstellen. Das heißt: Was wird passieren, wenn man im Web qualitativ bessere Lernmaterialien finden wird als in kommerziellen Angeboten? Schulbuchverlagen müssen – um am Leben zu bleiben – vermutlich ziemlich bald zu alternativen Geschäftsmodellen übergehen (vgl. auch diese Diskussion bei Herr Larbig).
  7. Ganz zentral: Medienkompetenz der Lehrpersonen. Medien- und IT-Lehrerfortbildungen werden von Lehrerinnen und Lehrern zu wenig besucht (mein persönlicher Eindruck; ist aber auch klar, wenn man weiß, welche Qualität solche Fortbildungen oft haben). Lehrerfortbildungen reichen hier aber auch konzeptuell nicht aus, sondern können allenfalls winzige Einstiegspunkte sein; dafür ist die digitale Welt viel zu gewaltig. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich selbstständig weiterbilden – und das Internet ist voll von Hilfen und Einstiegspunkten! Sie müssen nicht nur die Schüler aufs lebenslange, selbstverantwortliche Lernen vorbereiten, sondern müssen dies als Lehrende selbst praktizieren und vorleben. Letztlich muss Lehrern klar sein: Es ist ihre Mitverantwortung, Schülerinnen und Schüler aufs digitale Leben vorzubereiten. (Und, überhaupt, was heißt hier „vorbereiten“? Das Leben der Schüler ist bereits digital.)
  8. Wichtiger Punkt auch: Die Lehramtsausbildung. Wie und in welchem Umfang werden digitale Medien eigentlich im Lehramtsstudium eingesetzt? Und im Referendariat? Leben denn Dozentinnen und Dozenten bzw. Mentorinnen und Mentoren vor, wie man digitale Medien nutzbringend zum Lernen und Lehren einsetzen kann? Wer wagt sich denn über die Verwendung von „PDF-Schleudern in Learning Management Systemen“ hinaus? Ich kenne zahlreiche Beispiele Dozentinnen und Dozenten, die Medien vorbildlich einsetzen, ich vermute aber, wenn man flächendeckend Deutschland diesbezüglich in den Blick nimmt, dann wird man auch hier ein ordentliches Verbesserungspotenzial aufdecken.
  9. Welche politischen, welche finanziellen Rahmenbedingungen sind notwendig? Meine These wäre: Es sollte (vielleicht absurderweise) nicht die Finanzierung technischer Maßnahmen in den Fokus gerückt werden. Die Beschaffung technischer Endgeräte für Schüler macht keinen Sinn, denn hierdurch wird teure, oft ungenutzte Technik beschafft, die relativ schnell sowieso veraltet ist, und Schüler werden in relativ naher Zukunft ohnehin eigene Geräte haben, die eingesetzt werden können (mit Ausnahme vielleicht von Leihgeräten für finanziell schwächere Familien). Finanziert werden sollte auch kein Funknetz und keine WLAN-Infrastruktur an den Schulen, denn Endgeräte werden per LTE (oder Nachfolgern) ins Internet kommen. Im technischen Bereich sollte allenfalls – zentral – eine Serverstruktur finanziert bzw. weiter ausgebaut werden, so eine Art „Schulcloud“ oder so etwas. Nein, der wesentlich größere finanzielle Batzen sollte für Personal aufgewendet werden. Für Lehrerinnen und Lehrer. Denn mit kleineren Gruppen und weniger Lehrdeputat wird Raum und Zeit geschaffen für die persönliche Weiterbildung, für die Umsetzung innovativer Ideen, für die Planung von Unterricht unter neuen (digitalen) Bedingungen. Und für technisches Support-Personal an den Schulen, zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer.
  10. Politisch muss gefordert werden: Eine noch stärkere Verankerung der Medienbildung in den Curricula. In allen Altersstufen, in allen Fächern.

Was meint ihr dazu? Habt ihr weitere Statements?

digilern 2012: Laptops zu gewinnen!

Veröffentlicht: Freitag, Januar 27, 2012 in Announcements, Schule, Web 2.0
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Vom 8. bis 10. März findet in Ottobrunn bei München die digilern 2012 statt, ein Kongress zum Lernen mit digitalen Medien. Der erste Tag wird als BarCamp durchgeführt, die Tage 2 und 3 werden durch Vorträge, Kurzvorträge und Workshops gestaltet. Das alles wird sehr schulbezogen sein: Der Einsatz digitaler Medien in der Schule wird im Mittelpunkt stehen.

Darüber hinaus – haltet euch fest – werden 7 mal 30 Laptops an Schulen verlost. Bewerben müssen sich aber die Schülerinnen und Schüler mit einem Video, in dem sie z.B. erläutern, wie sie sich einen Unterricht vorstellen, indem sie jederzeit ins Internet können (oder ähnliche Fragen). Hier ist das entsprechende Werbevideo:

Das Video wurde von wissmuth aka Lutz Berger und Martin Lindner produziert, wie sich von Kennern der Szene nur unschwer erkennen lässt. Die Gewinner werden am letzten Tag der digilern bekannt gegeben. Organisiert wird die Tagung übrigens von Achim Lebert, Sybille Reimann, Maria Eirich und ihrem P-Seminar-Kurs.

Ich bin im Rahmen der digilern als Jury-Mitglied beteiligt. Außerdem darf ich eine Keynote zum Thema Web 2.0 in der Schule? Weshalb sollte ich das denn AUCH noch machen? halten und einen Workshop mit dem Titel Die YouTube-Hausaufgabe gestalten. Ich freu mich sehr drauf (auch wenn ich leider wegen einer Überschneidung mit der GDM-Tagung erst am Freitag kommen kann).

Also: Kommt zur digilern, verbreitet die Kunde, und motiviert Schülerinnen und Schüler, beim Wettbewerb mitzumachen! 🙂

Weitere Infos zur digilern 2012 (deren Hashtag übrigens #digilern ist):

Tippen lernen in der Schule

Veröffentlicht: Dienstag, Januar 17, 2012 in ITG, LernZeitRaeume, Schule

Eigentlich kann ich dem 10-Finger-Tippen-Lernen a lá Sekretär(inn)enschulung so überhaupt nichts abgewinnen. Ich selbst tippe mit eigenem, selbst antrainierten Sechseinhalbfingertippsystem, das ich seit 20 Jahren pflege, mit dem ich verdammt schnell bin und bei dem ich sogar weitgehend blind schreiben kann, weil ich die Abstände so ungefähr drauf hab. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass Tippen ohnehin bald der Vergangenheit angehört, weil es andere Input-Kanäle geben wird (insbesondere Audio). Die ganze Tipperei hat den Charme der 1980er. Dass explizit in den Bildungsstandards für die Haupt- und Werkrealschule BW drinsteht, dass die Schüler die Computertastatur mit 10 Fingern bedienen sollen, spricht auch Bände, finde ich: Das Ganze hat in vielen Aspekten mehr den Charakter einer Büroschulung und weniger den einer modernen Vermittlung informationstechnischer Grundbildung.

Jetzt kommt es aber: Was macht man denn, wenn Kinder das 10-Finger-Schreiben unbedingt lernen wollen? Naja, was man eben macht, wenn Kinder sich für etwas begeistern: Man unterstützt sie dabei, es zu lernen. Dass ich es nicht mag, bedeutet ja nicht, dass ich es anderen Menschen verwehren sollte. In den LernZeitRäumen gibt es einige Kinder, die das Schreiben mit 10 Fingern gerne lernen möchten. Also hab ich mich dran gemacht, ein passendes Programm zu suchen und experimentell zunächst mit drei Schülern auszuprobieren. Meine Überlegungen und Erfahrungen teile ich mal hier mit euch und würde mich über Kommentare und Anregungen freuen.

  • Zunächst stand die Auswahl eines geeigneten Tipptrainers im Vordergrund. Kriterien waren: Er sollte Freeware, kinderfreundlich und einfach bedienbar sein. Die Sprache Deutsch sollte unterstützt werden, natürlich ebenso deutsche Tastaturen. Es sollte ihn in einer portablen Version geben, sodass die Schüler ihren eigenen Programmzustand mit nach Hause nehmen und dort weiter üben können. Und Statistiken sollten geboten werden, sodass Schüler ihren Leistungsstand und Lernfortschritt selbst überprüfen können. Nach ein paar Twitterumfragen und unzähligen Software-Tests bin ich auf RapidTyping aufmerksam gemacht worden, eine Freeware, die es auch als portable version gibt (sorry, ich hab bei der Vielzahl der Tipps und Tests vergessen, wer mich auf die Software gebracht hat; bitte melden! :-)). Die Software erschien mir sofort schüleradäquat und nett aufgemacht (okay, es geht bestimmt noch mehr auf Schüler zugeschnitten, aber im Vergleich mit anderen freien Programmen ist diese Software wirklich vergleichsweise positiv auffallend).
  • In einem ersten Test mit zwei Schülern und einer Schülerin zeigte sich: Die Software wird nach einer kleinen Einführung ohne Schwierigkeiten intuitiv bedient. Darüber hinaus hat das Lernen mit der Software den Kindern auch sichtlich Spaß gemacht.
  • Aufgefallen ist mir, dass die Kinder gerne von Lektion zu Lektion gesprungen sind, um zu schauen, wie es weiter geht. Ich habe sie zunächst einfach mal machen lassen, weil ich wollte, dass sie – wenn sie das schon möchten – das Programm erst einmal erforschen sollen. Um letztlich aber tatsächlich einen Trainingseffekt zu haben, müssten die einzelnen Lektionen erst bis zu einem bestimmten Grad beherrscht werden, bevor man zur nächsten Lektion übergeht. Beim nächsten Versuch/Durchgang werde ich darauf achten, dass die Explorationsphase kürzer ist und dann eine Phase folgt, in der man erst zur nächsten Lektion gehen darf, wenn man eine bestimmte Leistung in einer Lektion erzielt hat. Ansonsten muss die aktuelle Lektion erst einmal wiederholt werden. Darin steckt sicher auch ein Ansporn: Ich muss hier erst gut sein (wobei „gut“ eine Kombi aus „schnell“ und „mit wenigen Fehlern“ ist), bevor ich weiter komme.
  • Wichtig, wichtig, wichtig: Die Kinder zwischendurch immer wieder auf die Ausgangsstellung der Finger aufmerksam machen und darauf, dass eines der Ziele ist, nicht auf die Finger zu schauen, sondern nur auf den Monitor. Wo die Finger hinwandern, entscheidet sich motorisch aus der Grundstellung heraus.

Nach ca. zwei Stunden Üben mit dem Programm haben die Kinder die Software mit ihren Daten auf einem Stick mit nach Hause genommen. Seit dem hab ich mit den Kindern nicht mehr darüber gesprochen (es war vor den Weihnachtsferien), aber ich bin gespannt, ob sie zu Hause weiter geübt haben. Dabei stellt sich mir nun auch die Frage: Wie viel Unterrichtszeit sollte man damit verbringen, wie viel Zeit sollten die Kinder damit lieber zu Hause üben? Sollte man wöchentlich ein oder zwei Stunden Unterrichtszeit dafür „opfern“, um das regelmäßige Üben zu garantieren? Oder sollte man die Schüler lieber zu Hause damit üben lassen, so oft und so lange sie wollen, und – falls sie es nicht wollen, ist es letztlich auch nicht tragisch, weil a) es ist ihr Wunsch es zu lernen b) wenn sie feststellen, dass sie keinen Spaß daran haben, ist es auch nicht so schlimm, wenn sie es lassen, weil c) ich selbst sowieso kein Freund vom 10-Finger-Schreiben bin? Oder sollte ich trotzdem auf regelmäßiges Üben bestehen, weil mir klar ist, dass das notwendig ist, aber den Schülern vielleicht nicht so hunderprozentig bewusst ist? Sollte ich vielleicht alle paar Wochen mal mit den Schülern kurz darüber sprechen und sie fragen, wie weit sie sind, ob sie noch dabei sind usw.? Was meint ihr dazu?

 

 

Komm! Ins Offene, Freund!

Veröffentlicht: Mittwoch, November 16, 2011 in Gastbeitrag, Schule, Web 2.0

Am Wochenende war ich auf der Mitgliederversammlung der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. (ZUM). Die Personen, die in der ZUM aktiv sind, habe ich seit einigen Jahren lieb gewonnen – anders kann ich es nicht sagen. Das Treffen am Wochenende war wieder einmal sehr anregend, unter anderem durch den Vortrag, den Klaus Dautel als inhaltlichen Einstieg in das Wochenende gehalten hat. Ich finde es wunderbar, dass Klaus zugestimmt hat, die Ausarbeitung seines Vortrags hier als Gast-Blogbeitrag zu veröffentlichen. Was soll ich sagen? Komm! Ins Offene, Freund!

Gedanken zum Thema „Offener Unterricht und WEB 2.0“

Piratenpartei und ZUM-Treffen: Der Erfolg der Piratenpartei wird damit erklärt, dass in den etablierten Kreisen das WEB 2.0 vorwiegend von seiner problematischen, gefährlichen Seite thematisiert wird. Größere Teile der jungen Öffentlichkeit sehen das aber anders, und zwar von seinen positiven Potenzialen her, von dem her, was das Internet ermöglicht! Wir ZUM-ler sehen das auch so, wir machen uns diese Perspektive schon lange zu eigen; und die Leute und Initiativen, die heute und hier zusammengekommen sind, haben gemeinsam, dass sie für die positiven Aspekte des Internets Ideen, Materialien und Technik beisteuern.

Nicht Geräte und nicht Plattformen, sondern Schüler-Persönlichkeiten: Wenn man nun in unserem Zusammenhang über Schule und Unterricht nachdenkt, läuft man schnell Gefahr, beides von den Geräten her zu denken, die uns neuerdings immer einfacher zur Verfügung stehen. Ebenso auch von den Plattformen her, auf denen wir und vor allen die Jugendlichen sich bewegen bzw. befinden. Das ist wichtig und höchste Zeit, aber auch eine riskante Verengung. Um dieser Horizont-Verengung zu entgehen hilft es, sich darüber klar zu werden…

  1. …welche Persönlichkeiten und Persönlichkeitsmerkmale, welche Tugenden und welche Haltungen wir für wünschenswert halten.
  2. …welchen Beitrag wir Blogger, ZUM-ler, Twitterer, Googler und Sozialnetzwerker dazu leisten wollen/können.
  3. …in welchem Umfang neue Technologien, Internetangebote und Geräte uns dabei helfen oder auch stören.

Das geht aufs Ganze! Wo ist der Einstieg in diesen ganzen Komplex?

Das Motto: Als Lehrer an einem Gymnasium, das den Namen Friedrich Hölderlins trägt, möchte ich auch mit Hölderlin einsteigen! Es gibt von ihm ein Gedicht (Hymne oder Ode, egal, Hauptsache Hexameter) mit dem Titel: Der Gang aufs Land und das beginnt so:

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter […] und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen … (1801)

Ohne Zweifel hat der geniale Friedrich H. in seiner Seher-Qualität („Was bleibet, stiften die Dichter“) nicht nur die „bleierne Zeit“ und unser Novemberwetter vorausgeahnt, sondern auch die „Cloud“. Und vor allem hat er uns ein großartiges Motto vermacht. Begeben wir uns also mutig „ins Offene“!

Die Ausgestaltung des Offenen: Ich möchte den Begriff des Offenen Unterrichts aus der Perspektive der digitalen Medien betrachten und um einige Aspekte erweitern. Die nachfolgenden Überlegungen könnten dann unter der Fragestellung stehen, welchen Beitrag unsere Aktivitäten und Initiativen zu dieser „Offenheit“ und „Öffnung“ leisten sollen.

Die Vorstellungen vom Offenen oder Offeneren Unterricht (Bovet/Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis, Cornelsen 2000 S. 74) beschränken sich immer noch sehr auf den Klassenraum und den vorgegebenen schulischen Zeitrahmen, z.B. die Unterrichtsstunde. Zeitliche und räumliche Erweiterungen sind zwar in Projekt- und Freiarbeit enthalten, insgesamt verbleiben aber die Vorstellungen im Denken der vor-digitalen Welt, also der 80er Jahre. Bezogen auf die Unterrichtsmethodik der 60er und 70er-Jahre waren Forderungen nach Gruppenarbeit, Projektarbeit, Stationenlernen und ähnlichem natürlich ein Fortschritt. Daraus hat sich heute ein standardisierter Stundenablauf entwickelt, der mindestens 10 Minuten Gruppen- oder Partnerarbeit enthält, im aktuellen Doppelstundenmodell darf es dann auch ein bisschen länger oder mehr sein. Richtet man den Blick auf die Potenziale, die dem Lernen und Lehren durch die digitalen Medien und insbesondere WEB 2.0 zur Verfügung stehen, dann eröffnen sich aber ganz andere Perspektiven für offenen Unterricht:

1. Da ist zuerst einmal die räumliche Öffnung

  • aus dem Klassenzimmer, sogar aus dem Schulgebäude hinaus und
  • hinein ins Internet in die digitale Welt, mit ihren etwas anderen Verkehrsregeln und Kommunikationsformen.

2. Dann ist da die zeitliche Öffnung über den Stundenplan-regulierten Rhythmus hinaus

  • in die Nachmittags-, Abend- und Nachtstunden, in das Wochenende und die so genannte unterrichtsfreie Zeit hinein.
  • Alles ist Lernzeit, der ganze Tag, jeder Tag kann für die Kommunikation von Lehrenden und Lernenden genutzt werden.

3. Offener Unterricht wird auch öffentlicher Unterricht bedeuten:

  • In Weblogs, Micro-Blogs, Wikis, Foren und Communities kann Unterricht geplant, reflektiert und aufgearbeitet werden.
  • Die Zahl der Mitleser kann größer sein als die der Mitarbeiter, die Mitleser befinden sich in anderen Kontexten, das kann voller Überraschungen sein, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen.
  • Es können sich andere Formen der Zusammenarbeit, andere Zusammensetzungen von Lerngruppen bilden.

4. Dem öffentlichen Unterricht entspricht der veröffentlichte Unterricht, in dem Arbeitsergebnisse als Publikationen verstanden und Arbeitsprozesse für Außenstehende nachvollziehbar werden:

  • Hausaufgaben, Protokolle, Referate, Handouts und Projektergebnisse werden im Internet zur Verfügung gestellt;
  • dadurch könnte für alle Beteiligten eine größere Ernsthaftigkeit und einen höheren Verpflichtungscharakter zum inhaltlich sauberen und rechtlich verantwortungsbewussten Arbeiten erwachsen.
  • Dafür sind Wikis besonders geeignet, Beispiele findet man in den Schulwikis der Wiki-Family.
  • Und ganz ins Offene gedacht: So wie sich z.B. Christian Spannagel sich als öffentlicher Wissenschaftler versteht , so könnte sich die Lehrkraft als „öffentlich Lehrender“ definieren, der sich in der Schülerschaft Mitautoren für seinen Unterricht sucht.

5. Die Lehrer-Schüler-Beziehung öffnet sich in Richtung Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit.

  • Ich mache mich offen, indem ich mir in die Karten sehen lasse, meine Arbeitsweise und Ziele offenlege, Kontrolle zurücknehme, meine Absichten begreifbar und mich angreifbar mache.
  • Lehrende und Lernende sitzen im selben Boot, das bringt sie einander näher, ändert aber wenig an der Rollenverteilung von Kapitän und Mannschaft. Gelegentlicher Rollentausch muss aber möglich sein.
  • Kleiner Exkurs zu einem lesenswerten Blogbeitrag  von Herrn Larbig zum Thema: Kompetenzorientierter Unterricht. Kompetenzorientierung wird darin am Beispiel von Aufgabenstellungen (Stichwort: „echte Aufgaben“) diskutiert. Das ist spannend, aber im Hinblick auf offenen Unterricht noch nicht alles. Kompetenzen werden durch Feedback erworben, ein Schüler/eine Gruppe erhält hilfreiche Rückmeldung über seine Arbeitsschritte und wird dadurch zur Selbstreflexion angeregt. Das muss auch nicht allein der Lehrer machen. Qualifizierte (d.h. kriterienbasierte) Feedbacks können von Mitschülern kommen, und diese müssen nicht einmal in der gleichen Klasse oder Schule sein. Dafür sind nun genau WEB 2.0-Plattformen geeignet, sie haben die Interaktion, das Rückmelden und Kommentieren als wesentliche Bestandteile ihrer Funktionsweise und ihres Selbstverständnisses. Das bedeutet auch: Lehrende und Lernende können gleichermaßen kompetente „Andere“ sein.

6. Die Öffnung in Richtung Unterrichts-Material: Alles kann zum Unterrichtsmaterial werden. Hier sind wir im Zentrum einer heißlaufenden Diskussion angelangt. Unabhängig vom „Schultrojaner“ hat jüngst die UNESCO eine Empfehlung für freie Lehrmaterialien ausgesprochen. Die Argumentation ist zwar noch auf den akademischen Bereich bezogen, nichtsdestotrotz von Belang. Hier spielt uns die augenblicklich aufgeflammte Diskussion um die Open Educational Resources (OER) in die Hände bzw. Tastatur; tatsächlich ist es sehr gut, hier Überlegungen anzustellen und zwar in Richtung Kooperation und Koordination der Internet-Individualisten und WEB2.0-Aktivisten. Eine digitale Bibliothek von Unterrichtsideen und -materialien ist eine quasi utopische Angelegenheit, vergleichbar der Wikipedia, nur schwieriger, und benötigt vor allem Kommunikationsstrukturen. Die technische Seite ist wahrscheinlich die einfachste.

Zwei Schritte scheinen mir sofort machbar, um ein Terrain zu besetzen oder einen Anspruch zu markieren, und da hat Torsten Larbig schon starke Impulse gegeben.

Es gilt

  1. Linksammlungen bereitzustellen, die auf schon vorhandenes Unterrichtsmaterial verweisen, dies ordnen und maßvoll kommentieren,
  2. eine Kennzeichnung, ein Logo, für das Material und die Linksammlungen zu entwerfen: Offener Bildungsinhalt (OER) als Markenzeichen!

Die Forderung nach „qualitativ hochwertigen Bildungsmedien“ würde ich zunächst nicht in den Vordergrund stellen wollen, sie wird uns in Qualitätsdiskussionen verstricken und sich zum Hindernis für den freien Fluss der Ideen entwickeln.

7. Öffnung in Richtung OpenSource

  • Zum offenen Lernen gehört also die OpenSource-Idee, die Philosophie des freien Zuganges und der kontinuierlichen Veränderbarkeit von Arbeitsmitteln, auf die man sich einstellen muss, an der man auch teilhaben kann.
  • Ebenso ein Lizenzrecht, das geistiges Eigentum und Kreativität schützt und gleichzeitig deren Ergebnisse nicht exklusiv macht. Die Creative Commons Vereinbarungen sind hier hilfreich.

8. Zum Verständnis von offenem Unterricht und offener Schule gehören dann auch die Offenen Internet-Plattformen!

  • Die Alternative zwischen Moodle und lo-net und Ilias einerseits und Blogs und Wikis andererseits wäre dann gar keine mehr: Moodle ist ein Programm-Paket, das zwar nominell alles Mögliche erlaubt und in sich aufzunehmen vermag, im End-Effekt aber sehr schnell lehrerzentrierten Unterricht und hierarchisch strukturiertes Lerner-Lehrer-Verhältnis reproduzieren kann.
  • Als Grundregel würde ich formulieren: ein interessierter User sollte ohne Passwort mindestens lesen können, für das Schreiben mag dann ein Registrier- und Authentifizierzwang angemessen sein.

9. Überwinden wir die Allzweck-Computerräume, die alle Bedürfnisse und Aufgaben eines entwickelten Schulbetriebes meistern müssen und dadurch hochkomplizierte Konfigurationen und Sicherheitsvorrichtungen benötigen.

  • Lassen wir für genau definierte Lernszenarien die Medien zu, über die die Lerner schon verfügen: Laptops, Netbooks, Tablet-PCs, Smartphones …
  • Vergessen wir die Computerräume mit ihren pädagogischen Netzen und Kontroll-Mechanismen und machen wir den Unterricht offen für die Lernmittel in der Schülerhand.

10. Den Google-verengten Horizont verhindern und darüber hinaus und dahinter schauen lernen – sich nicht begnügen mit dem, was das Netz uns auf den ersten Blick liefert. Hier möchte ich aus einem Zeitungsartikel von Peter Glaser aus dem Jahre 2006 zitieren:

„Bildung heißt heute, zu wissen, was sich hinter dem Google-Suchschlitz befinden könnte, zu wissen, was es zu wissen gibt. und auch zu wissen oder zumindest abschätzen zu können, welche Informationen und Quellen vertrauenswürdig sind. Das zu lernen sollte heutzutage zur Allgemeinbildung gehören. (…) Nun ist der Witz von dem Mann, der nur ein Buch hat, Wirklichkeit geworden. Das Buch heißt Google, und es wird immer dicker. Seine Dienste bieten genug Komfort, dass ein Großteil der Netznutzer gar nicht erst nach Alternativen sucht – die durchaus vorhanden sind. Es gibt eine Menge Informationen, die einem keine Suchmaschine liefern wird.“ („Das Orakel unseres Universums – Google verändert die Welt“, Stuttgarter Zeitung 10.6.2006)

Das bedeutet, dass wir uns über die Grenzen des Google-Kosmos verstärkt Gedanken machen, dass wir überlegen,

  • wie wir uns weitere Horizonte bewahren und den „digital natives“ weitere Horizonte vermitteln können als die medial naheliegenden,
  • wie wir an das Wissen kommen, das nicht gleich auf dem Bildschirm erscheint und von undurchsichtigen Algorithmen vorstrukturiert wurde.

Aus diesem Grund fällt es mir übrigens auch schwer, der Philosophie des Schwarms zu folgen, denn es ist zuerst zu fragen, unter welchen Voraussetzungen das Wissen, das der Schwarm generiert, zustande kommt. Es gilt mehr denn je der Satz vom einfachen User, der immer der Loser ist, weil er sich in digitalen Welten bewegt, die zwar für ihn gestaltet wurden, aber aus ihm fremden Motiven heraus.

Die Reflexion: Jede dieser zehn Öffnungen verlangt nach Differenzierungen, Beispielen und Rechtfertigungen. Manches ist Zukunftsmusik oder wird sich als undurchführbar, vielleicht auch unwichtig erweisen. Nicht wenige Elemente sind aber auch schon Realität: Klassen legen E-Mail-Listen an, bilden digitale Arbeitsgruppen, LehrerInnen lassen sich Protokolle, Handouts, Hausaufgaben zumailen, kommunizieren auch mit Eltern, Kollegen, Schulleitung über E-Mails oder in (noch geschlossenen) virtuellen Räumen. Es wird experimentiert, kommuniziert und es werden Erfahrungen gesammelt. Überall öffnen sich auch Pespektiven in Richtung selbst verantwortetes Lernen, individuelle Betreuung und Förderung, Umgang mit Heterogenität,

  • wenn z.B. per E-Mail-Korrespondenz eine gezielte Rückmeldung auf eine individuelle Frage gegeben wird,
  • wenn in einem Wiki Schüler die Schreibprodukte ihrer Mitschüler im Diskussions-Feld gewissenhaft kommentieren,
  • wenn Schüler im Team einen Arbeitsauftrag erfüllen und dabei ihre eigenen Lösungswege und Darstellungsformen finden
  • wenn Schüler Themen-Portfolios und Doku-Mappen entsprechend ihrer individuellen Stärken gestalten können
  • und so weiter.

Es gibt noch viel zu tun, dafür möchte ich zum Schluss folgende Fragen formulieren und zum Gespräch anbieten:

  1. Wie steht es um die didaktisch-methodische Aufarbeitung dieser „Öffnungen“ durch WEB 2.0? Wer leistet diese: Die Blogger, die Universitäten, die Schulen, die Ausbildungsseminare, der LehrerInnen-Schwarm?
  2. Wie müssen die Plattformen, Communities, Institutionen aussehen, um die neuen Anforderungen, die da heißen: differenzierter Unterricht in heterogenen Klassen in neuen Schulformen (Einheits-, Gemeinschafts-, Stadtteilschulen), gerecht zu werden?
  3. Droht endgültig die Grenzverwischung zwischen Arbeitszeit und Freizeit? Sitzt die Lehrkraft ab jetzt auch noch nachts am Computer und kommuniziert, publiziert, redigiert und gibt Feedback per E-Mail, Wiki, Blog und Twitter?
  4. Und zu guter Letzt: Nehmen wir uns nicht zu viel vor? Sind wir Burn-Out-Kandidatinnen und Kandidaten?

Good morning, Mr. Schmid! – Schulalltag? :)

Veröffentlicht: Montag, Mai 23, 2011 in Schule, Spaß

Vor ein paar Tagen hat mir Silvi diesen Link hier geschickt… 😀

„Good morning, boys and girls!“ – „Good morning, Mr. Schmid“…. 😀

Diskussion zur Lehrerbildung

Veröffentlicht: Samstag, Mai 7, 2011 in Bildung, Schule

Eben komme ich gerade vom Bildungskongress der Grünen in Berlin. Die Diskussionsatmosphäre war hervorragend, und die Mischung der anwesenden Personen hat tatsächlich ganz verschiedene Bereiche des Bildungssektors abgedeckt: Schule, Kindertagesstätten, Lehrerbildung, Eltern, …

Im Forum zur Lehrerbildung , das von Anja Schillhaneck moderiert wurde, habe ich die Ergebnisse der Diskussion in meinem Weblog zunächst in einem kurzen Impulsreferat eingebracht (Folien).  Anschließend hat sich eine wirklich sehr angeregte ca. einstündige Diskussion ergeben. Ich habe den Teilnehmern versprochen, die Diskussion hier zusammenzufassen. Damit habt auch ihr einen Einblick in die Diskussion, und ich würde mir wünschen, dass wir weiterhin (jetzt auch gemeinsam mit den Teilnehmern des Forums) hier über gute Lehrerbildung diskutieren.

Zunächst einmal wurde festgehalten, dass die Schülerorientierung nicht erwähnt wurde (KS hatte dies bereits kommentiert). Eine Teilnehmerin (systemische Coachin) erwähnte, dass manches mal in einer Open-Space-Veranstaltung mit Lehrerinnen und Lehrer als „überraschendes“ Endergebnis herauskommt, dass die Schüler im Mittelpunkt stehen. Dies muss immer wieder bewusst gemacht werden: Schule ist für die Schüler da.

Kritisch angesprochen wurde der Begriff der Lehrerpersönlichkeit: Welche Elemente hat denn eine solche Lehrerpersönlichkeit? Welche muss man versuchen zu fördern? Welches Lehrerbild steckt dahinter? Und welches Menschenbild? Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Jean-Pol hat bereits einen Vorschlag gemacht. Was zählt für euch zur Lehrerpersönlichkeit? Und: Sollte man hier nicht auch Vielfalt zulassen? (vgl. den Kommentar von tomvieth). Ab wann genau handelt es sich um einen „hoffnungslosen Fall“?

Ein Hinweis einer Teilnehmerin zur Lehrerpersönlichkeit: Lehrer müssen die Einstellung der gegenseitigen Wertschätzung und Anerkennung haben. Wenn beispielsweise Kinder in einer Stadt für eine längere Zeit aufs Land fahren, um dort Erfahrungen zu sammeln, aber einige Kinder in der Stadt bleiben, dann muss die Stadt sich verantwortlich fühlen, diesen Kindern ebenfalls einen Landbesuch zu ermöglichen (und sich dabei  nicht auf die Eltern verlassen). Letztlich müssen die Lehrer sich hier verantwortlich fühlen. Sie brauchen genau diese Grundhaltung: Wertschätzung und Anerkennung der anderen (letzlich sich verantwortlich fühlen, sich kümmern), und sich weniger um die eigene Sicherheit bemühen (die ja oft Motiv für das Lehramtsstudium ist).

Darüber hinaus die Frage der Auswahl zu Beginn: Wie kann man gut passende Lehramtskandidaten gleich zu Studienbeginn auswählen? Vermutlich sind hier Fragebogen wenig hilfreich. Eine Möglichkeit: Frühe Praktika mit einer guten Begleitung und ehrlichem (!) Feedback. Dozenten müssen auch genug Rückgrat haben, mal jemandem das Praktikum nicht als bestanden zu testieren. Immerhin geht es nicht nur um diesen einen Studenten, sondern um die Scharen von Schülern, die von demjenigen später unterrichtet werden müssen.

Es wurde hinzugefügt, dass vor der Auswahl von Studierenden auch die Werbung entscheidend ist: Wie bekomme ich die Top-Leute ins Lehramt? Ebenfalls wurde angesprochen, dass eine strenge Auswahl auch Werbung ist: Die künstlich erzeugte Verknappung bewirkt, dass mehr (auch gute) Menschen das machen wollen.

Zu den Inhalten der Hochschule: Hier wurde kommentiert, dass ganz viel träges Wissen erzeugt wird, und das oft auch nur auf mäßigem Niveau. Doch wie erzeugt man daraus Handlungswissen? Ideen: enge Verzahnung mit der Praxis mit intensiver Selbstreflexion, später bessere ganzheitliche Einbettung in der Schule (alle Lehrer ziehen mit unterschiedlichen Kompetenzen am selben Strang und machen sich gegenseitig „auf Augenhöhe“ fit im Sinne kollegialen Feedbacks).

Selbstreflexion benötigt Zeit, die man im bolognamäßigen Studium kaum hat. Ebenso hat man keine Zeit, neben dem Studium irgendwo arbeiten zu gehen (z.B. in einer Firma), um dort Lebenserfahrung zu sammeln, die zur Persönlichkeitsentwicklung dienen kann. Einzige Stellschraube hier: Die Struktur der Studiums ändern.

Eine Ethnologin kommentierte, dass es für das Verständnis, wie Schule funktioniert, nützlich sein kann, wenn Studierende während ihres Studiums eine ethnologische Studie in einer Schule machen, und zwar nicht mit Fokus auf die Schüler, sondern mit Fokus auf die Organisation Schule.

Zur Rolle der Fachlichkeit wurde ich rückgefragt. Ich habe nochmals verdeutlicht, dass das Fachstudium eine sehr wichtige Rolle spielt, wenn es sich nicht um „irgendwelche Fachinhalte“ handelt, sondern um die Vertiefung der schulrelevanten Bereiche. Ebenso muss sich das bildungswissenschaftliche Studium direkt um die Praxisrelevanz kümmern (sicher nicht überall, aber zu einem überaus großen Teil!)

Darüber hinaus habe ich die Wiedereinführung von Pädagogischen Hochschulen auch in anderen Bundesländern vorgeschlagen. Die Abschaffung hat dem Bildungssystem nicht gut getan. Die Universitäten haben gezeigt, dass sie nicht ausreichend an der Lehrerbildung in inhaltlicher Weise interessiert sind (höchstens in kapazitärer).

Wenn man die Ausbildung und Weiterbildung stärken will, woher soll man die entsprechende Ressourcen dafür nehmen? Ideen: Weniger sauteure psychologische Vergleichsforschung machen. Überhaupt den ganzen Kompetenzstandards-Formulierungs und Evaluations-Mess-Vergleichs-Bürokratieapparat abschaffen. Oder wie wäre es mit einem einheitlichen nationalen Bildungssystem? Immerhin leisten wir uns 16 lokale Bildungssysteme. Ist das nicht verdammt teuer?

Was meint ihr zur Diskussion? Habt ihr weitere Ideen?

Statements zur Lehrerbildung

Veröffentlicht: Samstag, April 23, 2011 in Bildung, Hochschuldidaktik, Schule

Am 7. Mai 2011 findet in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin ein Bildungskongress von Bündnis 90/Die Grünen statt. Im Rahmen dieses Bildungskongresses wird in verschiedenen Foren über Bildungsqualität gesprochen. Ich bin dorthin eingeladen worden, um am Forum zum Thema Gute Schule braucht gute LehrerInnen – ein Forum zur LehrerInnenbildung teilzunehmen. Ich darf dort ein zehnminütiges Impulsreferat halten, mit dem in die Diskussion eingeleitet wird. Die Leitfrage dabei ist, welche Kompetenzen Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Studium erwerben sollen, um später guten Unterricht machen zu können.

Ich habe mir ein paar Statements überlegt, die ich dort gerne einbringen möchte. Im Folgenden erläutere ich die Statements kurz. Darüber hinaus würde ich gerne EURE Anliegen/Ideen/Vorstellungen mit nach Berlin nehmen. Insofern möchte ich gemeinsam mit euch hier diskutieren, auf welche Aspekte ich ebenfalls eingehen soll. Vielleicht habt ihr auch Beispiele, die erwähnenswert sind, und Erfahrungen, mit denen ich die Statements unterfüttern kann? Vielleicht habt ihr weitere Statements?

Statement 1: Im Lehramtsstudium müssen bildungswissenschaftliche, fachliche, fachdidaktische und unterrichtspraktische Kompetenzen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander und miteinander vernetzt erworben werden, und zwar in lehramtsspezifischen Lehrveranstaltungen!

Viele Lehramtsstudierende beklagen sich über die Curricula der universitären Lehramtsstudiengänge: Zu viel Fachliches, kaum Pädagogik/Didaktik. Darüber hinaus gibt es beispielsweise in der Mathematik häufig die Situation, dass die Lehrveranstaltungen für Bachelor- oder Masterstudierende und für Lehramtsstudierende gemeinsam angeboten werden, die Ausrichtung der Veranstaltungen aber an den Anforderungen der „reinen“ Mathematikstudierenden erfolgt, obwohl weitaus mehr Lehramtsstudierende in der Veranstaltung sitzen. Lehramtsstudierende werden oft nicht als bedeutsam wahrgenommen, man „schleppt die Lehrämtler halt so mit“. Sie haben also nicht nur überwiegend fachliche Veranstaltungen, sondern diese werden auch noch auf einem Niveau abgehalten, das nicht auf das spätere Berufsfeld zugeschnitten ist. Selbstverständlich ist ein solides fachliches Fundament für Lehrerinnen und Lehrer unerlässlich, und zwar vertieftes Wissen in den schulrelevanten Bereichen. Spezifisch fachdidaktisches Wissen ist aber ebenso unerlässlich, z.B. um Kenntnis darüber zu haben, wie man Schülerinnen und Schüler mit guten Aufgaben kognitiv aktiviert (siehe z.B. die COACTIV-Studie).

Darüber hinaus müssen Studierende logischerweise umfassende theoretische Kenntnisse über pädagogische, allgemeindidaktische und lern- und entwicklungspsychologische Aspekte erwerben. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass man seine Kinder weder vom pädagogisch unfähigen Fachidioten noch vom fachlich unfähigen Superpädagogen unterrichtet sehen möchte. Das bedeutet letztlich, dass bildungswissenschaftliche, fachliche und fachdidaktische Kompetenzen in einem ausgewogenen Verhältnis erworben werden müssen – und miteinander vernetzt werden müssen! Dabei ist es aber wichtig, dass die Studierenden nicht nur den historischen Blick über die Pädagogik von Comenius bis Montessori erhalten, sondern insbesondere Inhalte, Ideen und Theorien kennen lernen, die im Zusammenhang mit der Unterrichtspraxis stehen.

Richtig: Ebenso müssen frühzeitig unterrichtspraktische Erfahrungen gemacht werden, damit man sein zukünftiges Berufsfeld kennen lernt und sich selbst in der Unterrichtssituation erproben kann. Wie immer gilt: Es ist nicht die Erfahrung, die zählt, sondern die reflektierte Erfahrung. Das heißt, die Unterrichtspraxis muss begleitet und gemeinsam mit einem Hochschuldozenten reflektiert werden.

Also: Fachliche, fachdidaktische, bildungswissenschaftliche und unterrichtspraktische Kompetenzen müssen das ganze Studium hindurch gleichermaßen erworben werden. Das Verhältnis dieser Kompetenzbereiche passt an den Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs meines Erachtens sehr gut und kann als Beispiel für andere Hochschulen und Bundesländer dienen.

Statement 2: Keine Bildung ohne Medien

Ein besonderes Anliegen ist mir persönlich die Medien- und IT-Kompetenz. Wir bilden heute Lehrerinnen und Lehrer aus, die 40 Jahre ihren Beruf ausüben werden. In diesen 40 Jahren wird sich UNGLAUBLICH viel tun im IT- und Medienbereich. Lehrerinnen und Lehrer dürfen also nicht nur heutige Technologien kennenlernen, weil diese sowieso schnell wieder „out“ sind, sondern sie müssen fit gemacht werden, mit der Zeit gehen und sich vernünftig mit neuen Entwicklungen auseinander setzen zu können. Denn eins ist sicher: Die Kinder und Jugendlichen jeder Zeit werden mit den Technologien spielend umgehen können, nur leider unreflektiert. Dies muss in der Schule aufgegriffen werden.

Das Internet wird eine nie dagewesene Rolle in Lern- und Bildungsprozessen einnehmen, und wir können heute kaum einschätzen, was da noch alles passieren wird. Wir können heute aber bereits das Web konstruktiv und produktiv in Lernprozesse einbinden und damit die Lehramtsstudierenden an die reflektierte und vernünftige Nutzung von Web-Tools heranführen. Denn: Diese Werkzeuge lassen sich prima für die Öffnung von Lehr-Lern-Situationen einsetzen. (Auch dies wird ein Punkt in dem Forum sein)

Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass auch andere allgemeine Kompetenzen wichtig sind: interkulturelle Kompetenz, Klassenführung, Sprechkompetenzen und wie sie alle heißen. Es wird ganz schön viel abverlangt von Lehrerinnen und Lehrern…

Statement 3: Nicht Wasser predigen, aber Wein trinken

Wer kennt nicht die 90-minütigen Frontalvorlesungen über selbstentdeckendes Lernen? Oder die Vorlesungen, in denen der Dozent eine PowerPoint-Folie nach der anderen zeigt mit der Überschrift „Methodenvielfalt“? Wir, d.h. diejenigen, die in der Lehramtsausbildung tätig sind, müssen Vorbilder sein. Wir müssen unsere Fachvorlesungen nach allen Regeln der Fachdidaktik gestalten. Welch eine Chance! Man kann dann mit Studierenden in Fachvorlesungen über die didaktisch-methodische Gestaltung der Fachvorlesung diskutieren. Wir müssen zeigen, dass wir mit Kritik und eigenen Fehlern konstruktiv umgehen. Wir müssen zeigen, dass wir an Rückmeldungen und Verbesserungsvorschlägen von den Studierenden interessiert sind und diese auch begründet umsetzen (oder auch nicht, Hauptsache begründet!). Wir müssen Medien und IT kompetent einsetzen. Oh – richtig – wir müssen uns selbst in diesem Bereich ständig up-to-date halten und weiterbilden, denn: Schließlich sagen wir ja den Studierenden, dass sie es in ihrem Lehrerberuf später auch tun müssen. Lasst uns in unseren Veranstaltungen nicht über Didaktik reden, lasst sie uns leben.

Statement 4: Kampf den Platitüden!

In pädagogische Grundhaltungen schleichen sich sehr leicht extreme Ansichten ein: Frontalphasen sind schlecht. Eigenes Handeln ist immer gut. Alles muss selbstentdeckt werden. Es muss konstruktivistisch gelernt werden. Und so weiter. Und so weiter. Und so weiter. Wie seicht ist das denn? Wir müssen dringend weg von solchen Platitüden. Nehmen wir mal den Konstruktivismus. „Dabei handelt es sich um konstruktivistisches Lernen.“ Wenn ich solche Sätze höre, dreht sich mir der Magen um. Selbstverständlich ist Lernen immer konstruktivistisch. Es geht ja gar nicht anders. Das ist ja der Witz am Konstruktivismus. Es wird immer vom Individuum in Lernkontexten eine eigene Bedeutung konstruiert. Solche Platitüden schleichen sich in die Hochschullehre ein, wenn rein theoretisch gearbeitet wird und dadurch immer mehr Luftschlösser gebaut werden. Ich plädiere dafür, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und einen klaren Blick auf Unterricht und die lernenden Schülerinnen und Schüler zu behalten. Dabei hilft es Hochschuldozenten übrigens, selbst ab und zu mal in der Schule zu unterrichten.

Selbstverständlich haben auch frontale Unterrichtsgespräche ihre Berechtigung – aber auch Phasen entdeckenden Lernens. Es geht um die Vielfalt, die Abwechslung, die angemessene Methodenwahl. Und es geht darum, ehrlich und aufrichtig einzusehen, dass eine Methode in dieser oder jener Situation völlig in die Hose gegangen ist, und anschließen zu reflektieren, welche Methode wohl geschickter gewesen wäre – und dies beim nächsten Mal auszuprobieren. Ich plädiere dafür, dass wir uns in der Lehramtsausbildung nicht von pädagogischen Ideologien, sondern von Visionen leiten lassen. Das ist ein Unterschied.

Statement 5: Selbstreflexion ist absolut notwendig, aber verdammt anspruchsvoll.

Tja. Mir wird in letzter Zeit immer mehr bewusst, wie schwierig Selbstreflexion eigentlich ist, und wie viele Menschen Probleme damit haben. Sein eigenes Verhalten ständig auf den Prüfstand zu stellen und immer zu reflektieren ist verdammt anspruchsvoll. Aber wir müssen das tun! Lehrerinnen und Lehrer müssen letztlich Aktionsforscherinnen und Aktionsforscher sein. Dazu zählt, die Schwierigkeiten und Probleme im Unterricht sehen zu wollen und anzunehmen, sie zu ergründen, sich kundig zu machen, kreative Ideen zu haben, diese tatsächlich in die Tat umzusetzen und anschließen kritisch zu prüfen. Und auch hier gilt: WIR (die Hochschuldozenten) müssen es vormachen!

So, das wären meine 5 zurzeit noch etwas rohen Statements. Welche Statements würdet ihr ergänzen? Welche Ideen habt ihr zu meinen Statements? Erzählt mir, was ich noch erzählen könnte! 🙂 Lasst uns diskutieren und gemeinsam die Statements schärfen und weiterentwickeln – wir haben noch zwei Wochen Zeit!

Allgemeinbildung und freie Entfaltung: Eine Diskussion

Veröffentlicht: Mittwoch, Dezember 1, 2010 in Bildung, Educamp, Schule

Auf dem Educamp in Aachen haben Friedrich A. Ittner und André May eine Diskussionsrunde zum Thema „Zukunft der Bildung“ organisiert, die per Video aufgezeichnet wurde. Teilnehmer: Thomas Bernhardt, Felix Schaumburg, Karl-Heinz Pape, Marcel Kirchner und ich (Mostafa Akbari und Jean-Pol Martin sind später noch hinzugestoßen). In der Diskussion, die recht offen angelegt war, unterhielten wir uns über den Wert von Allgemeinbildung, über Möglichkeiten, Unterricht offener zu gestalten, und über Bildungsvisionen.