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Gastbeitrag: Spielerisch lernen?

Veröffentlicht: Mittwoch, Juli 17, 2013 in Gastbeitrag, Spiel

ODER:  Was EDV- Trainings mit Sport und Spiel zu tun haben

Seit einiger Zeit experimentieren wir in der Playgroup Heidelberg mit spielerischen Elementen im Hörsaal und schreiben darüber. Und über diese Texte kommen wir mit Menschen in Kontakt, die ähnlichesselbst schon einmal ausprobiert oder sogar intensive Erfahrungen damit gemacht machen. Zur zweite Gruppe gehört Leila Concetti, die in ihren EDV-Schulungen Spiele eingesetzt hat. Leila gibt uns einen Einblick in ihre Erlebnisse mit Spielen… Leila, voilá!

Ich war elf Jahre lang selbstständig als EDV-Trainerin (Office-Palette und Co.) tätig. Auf die Idee, meine EDV-Trainings anders zu gestalten, kam ich über den Sport. Ich war 17 Jahre lang ehrenamtliche, aber lizenzierte Trainerin für Gerätturnen für Jungs.

Für die Trainerlizenz war ich an einigen Wochenenden beim Landessportbund zur Ausbildung. Dort sind mir deren Trainingsmethoden aufgefallen. Die Lehr-/Trainings-Einheiten dort begannen häufig mit Spielen. Ich erinnere mich z. B. an eine Runde Handball. Wir haben einfach nur Handball gespielt. So lange, bis auch der/die Letzte aufgehört hat. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich mich seinerzeit sehr darüber geärgert hatte, dass ich nicht länger durchgehalten hatte. Ich hatte mich total überschätzt. Nach dieser Einheit hatten wir theoretischen Unterricht. Dort ging es dann um Kondition, Aufgabe, Selbsteinschätzung.

Und so spielten wir uns durch Themen wie Erfolg, Enttäuschung, Motivation, Zusammenhalt und selbstverständlich auch durch Konditions-, Technik-, Aufwärm- und Aufbautrainings u. v. m. und arbeiteten die Erkenntnisse aus den Spieleinheiten später in der Theorie auf. Dann wussten wir, wovon die Rede war und wie sich das alles anfühlt.

Die Grundaussage von den Trainern des Landessportbundes: man könne wirklich alles über das Spiel vermitteln, ansprechen, aktivieren – und viel mehr dabei erreichen, als wenn man darüber referiere. Das kann ich nur bestätigen. Die Ausbildung ist schon Jahrzehnte her, aber die Emotionen spüre ich noch immer als wäre das gestern.

Unterricht mit Bewegung (und umgekehrt: Bewegung mit Denksportaufgaben) ist ein Stilmittel, das ich bis heute innig liebe. Und wenn ich ein verschmitztes Funkeln in den Augen sehe und der Mund breit grinst, dann weiß ich, es war gut.

Nun muss man im EDV-Training kein Wettrennen machen, man kann stattdessen eine ähnliche Atmosphäre schaffen, wenn man z. B. die Zeit für eine Aufgabe bei jedem Durchgang weiter beschränkt. Man hat also immer weniger Zeit, eine Aufgabe zu erledigen und setzt die Teilnehmer einem gewissen „Stress“ aus. Das ist aber kein negativer Stress, das kann man sehen –  die Gesichter der Teilnehmer fangen an zu funkeln und man merkt, sie haben Spaß. Und erstaunlicherweise ist man auf diese Weise auch noch ein klein wenig schneller durch die Aufgabe durch. Ist doch einfach faszinierend, nicht wahr? Wenn ich solche Ergebnisse erzielen konnte, war auch ich sehr glücklich. Man stelle sich vor: Glückliche Schüler, glückliche Dozenten – wo ist das schon so? 😉

Sich Spiele auszudenken war ein Akt für sich, die anderen zum Mitmachen zu bewegen manchmal aber auch. Man fand das schon ganz schön schräg, sich für ein EDV-Training anzumelden und dann darin zu spielen. Aber ich habe das nicht aufgegeben. Das war sehr mutig von mir, denn als selbstständige EDV-Trainerin ist man bei Nichtgefallen schnell weg und wird schlicht einfach nicht mehr engagiert. Was mich aber antrieb war die Überzeugung, dass das der bessere Weg zum Lernen und Lehren ist.

Hier ein paar Spiel-Beispiele:

  1. Ich habe mehrere Gruppen gebildet und einen Wettbewerb gestartet: „Welche Gruppe ist als erste fertig?“.
  2. Es gab einige Aufgaben(so eine Art Serie). Davon wussten die Teilnehmer erst einmal nichts. Es gab also erst die eine Aufgabe, dann eine zweite, die schneller zu lösen war. Die dritte hatte noch weniger Zeit für die Lösung bekommen usw. Irgendwann steigen alle aus. Aber die Stimmung ist witzig. Alle kichern.
  3. Die Teilnehmer stellen sich in der Reihe am Lehrer-PC an. Thema ist das Wiederholen der letzten Stunde (z. B. eine Anwesenheitsliste in Excel erstellt). Jeder, der dran ist, macht den einen nächsten Schritt. Nicht mehr.
  4. Zu allen Abschiedsveranstaltungen habe ich Essen und Trinken von den Teilnehmern erbeten. Ich selbst habe ein Brettspiel vorbereitet. Ein einfacher Ausdruck auf Papier von einem Spielfeld (eine einfache Tabelle), die auf dem Tisch ausgebreitet ein möglichst langes Brettspiel mit Anfang und Ziel ergab. Mit Würfel und hübschen Spielfiguren aus kleineren Geschenken oder Naschsachen, die man im Ziel aufessen kann. Auf dem Weg zum Ziel sind Aufgaben zu bewältigen. So enthielten einzelne Felder Anweisungen wie z. B. „der Vordermann muss eine Frage zum Thema XY stellen. Wenn diese sein rechter Sitznachbar beantworten kann, darf der Spieler zwei Felder vorrücken – sonst zwei Felder zurück.“ ODER „Finden Sie eine Frage zu Excel, die keiner beantworten kann (Sie müssten die Antwort allerdings kennen). Gelingt Ihnen das, dürfen Sie zwei Felder vorrücken.“ Natürlich könnte ich Fragen vorgeben, wie: „Worauf sollte man beim Kauf im Internet achten?“ – „Wie geht die Formel für Zinsberechnung in Excel?“ – „Wie sind die Tastaturkürzel für XY?“. Aber ich spiele ja schließlich mit und komme ja auch noch zu Wort. Richtig wichtig ist mir, dass die Teilnehmer sich Fragen ausdenken, deren Antwort sie selbst kennen sollten.

Ich habe in meinem Unterricht wirklich viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen gehabt: Senioren, Kinder, Jugendliche, nur Jungs, nur Frauen,  Migranten, Arbeitslose, Manager, Banker. Manche hatte ich über einen längeren Zeitraum betreuen dürfen, manche nur in offenen Seminaren für ein oder zwei Tage. Mit allen habe ich ‚gespielt‘. Die Gesichter verändern sich bei allen.

Meine Selbstständigkeit habe ich nach der Trennung von meinem Mann aufgegeben. Heute arbeite ich in einem großen Konzern in der Arbeitssicherheit. In meinen Bereich fällt das Daten-Management, die Prozessoptimierung und die Schulungen. Aber ich unterrichte nicht mehr selbst. Ich organisiere die Schulungen nur.

Mir fällt auf, dass den dortigen Trainern ein lebhaftes Lehrkonzept regelrecht Angst macht. Ich habe den Eindruck, als ob sie vor allem Angst vor Gesichtsverlust haben, wenn sie sich auf ‚Spielen‘ einließen. Sie scheinen zu denken, dass Professionalität und Spiel nicht vereinbar seien. Das finde ich wirklich sehr schade aus unterschiedlichen Gründen. Aber vor allem, weil ich immer davon überzeugt war, qualitativ sehr hochwertigen Unterricht zu machen.

Ich würde mich freuen, wenn eine rege Diskussion darüber entstünde, ob das Spiel Professionalität ausschließe. Bin gespannt auf Eure Meinung. Wie denkt ihr darüber?

Spaßige, kreative und kommunikative Spontan-Gelegenheiten

Veröffentlicht: Dienstag, April 19, 2011 in Spaß, Spiel

Neulich habe ich die Wand vor meiner Bürotür neu gestaltet: Ich habe ein magnetisches Tafel-Memo-Spiel, das ich im Unterricht verwendet habe, daran angebracht. (Danke an die netten Tutorinnen der Mathematikdidaktischen Werkstatt, die bei der Produktion des Spiels geholfen haben!) Die Aufforderung „Spielt doch mal!“ lädt dazu ein, das Spiel auch zu verwenden, beispielsweise wenn man auf die Sprechstunde wartet oder wenn man einfach daran vorbei geht. Ich habe mir auch überlegt, dass ich bestimmte Fragen von Studierenden nur dann beantworte, wenn Sie ein Match gegen mich gewinnen. 🙂

Spielt doch mal!

Seit dem das Spiel dort hängt, wird es immer wieder verwendet, und die Menschen haben Spaß damit. Manche hängen die Karten auch einfach zu einem geometrischen Muster um, ohne zu wissen, was der eigentliche Zweck des Spiels ist. Aber das ist auch vollkommen egal – jeder kann kreativ mit dieser „Situation“ umgehen. Locker erinnert mich das an die Hole-in-the-Wall-Experiments von Sugata Mitra: Er hat Computer in indischen Slums installiert und beobachtet, wie die Kinder dort dadurch angeregt werden und sich selbst Dinge beibringen (Vielleicht sollte ich auch einmal vor meiner Bürotür filmen? :-)):

https://ted.com/talks/view/id/175

Dann ist mir neulich beim Laufen durch Würzburg etwas (entfernt) ähnliches aufgefallen: Dort steht auf einem Platz nicht nur eine kleine Bank (wie eben Bänke in Städten rumstehen), sondern es sind gleich zwei Bänke mit einem Tisch. Einfach so, mitten auf einem kleinen Platz. Welch eine Einladung! Man könnte sich beispielsweise dort hinsetzen und gemeinsam Pizza essen oder ein Gesellschaftsspiel spielen.

Weshalb gibt es in unserer Welt so wenige Kreativanregungen, Spaßeinladungen, Kommunikationsgelegenheiten? Hätten wir nicht alle mehr Spaß, wenn man draußen beim Warten auf den Bus einfach mit jemandem, der auch wartet, irgendetwas spielen könnte, was dort einfach so „ist“? Stattdessen findet man in deutschen Einfahrten folgende Hinweise:

Spielverderber

Viel Spaß beim Füße still halten und ruhig sitzen bleiben.

Playing the Name Game and the Positioning Game

Veröffentlicht: Samstag, Oktober 2, 2010 in Maputo, Spiel
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Ich werde in den nächsten zwei Wochen in Maputo mit einer Studentengruppe intensiv arbeiten. Daher ist es empfehlenswert, am Anfang eine persönliche Basis zu schaffen und „das Eis zu brechen“. Das ist insbesondere aufgrund sprachlicher Barrieren schwierig: Ich spreche kein Portugiesisch, und die Studierenden sprechen nur mehr oder weniger gut Englisch. Als erster Schritt ist es also bedeutsam, dass die Studierenden beginnen, in kleinen Schritten Englisch zu sprechen, und dass man sich gleichzeitig etwas näher kennen lernt, zumindest gegenseitig beim Namen nennen kann. Ich habe mir überlegt, hierzu am Anfang zwei Spiele zu spielen: The Name Game und The Positioning Game. Auch wenn es albern klingt, „Kennenlernspiele“ zu spielen – jeder spielt doch letztendlich gerne, und es macht einfach Spaß. Außerdem: Normale Kennenlernrunden sind total trocken und erzeugen irgendwie eine peinliche Stimmung („Oh Gott, ich muss mich vorstellen!“).

The Name Game: Dieses Spiel wurde von Morris und Fritz intensiv empirisch erforscht, und die Wirksamkeit auf das Namenbehalten ist praktisch belegt. Ich habe es schon oft in Seminaren eingesetzt, und es hat eigentlich immer ganz gut funktioniert. Das Spiel gibt es in verschiedenen Varianten, prinzipiell läuft es aber folgendermaßen ab: Alle sitzen in einer Runde, und die erste Person nennt ihren Namen und z.B. was sie gerne macht: „My name is Ana, and I like to go to the cinema.“ Die nächste Person sagt: „This is Ana, and she likes to go to the cinema. I am Tomás, and I like to read books.“ Die dritte Person wiederholt alles von Ana und Tomás gesagte und fügt ihren Namen und Hobby wieder hintenan undsoweiter undsofort. (Wenn ich das Spiel bislang immer erklärt habe, gab’s an dieser Stelle schon den ersten Lacher, weil alle wussten, dass die Person am Ende total gelitten hat.) Wenn das Spiel in etwa zur Hälfte rum ist, wirft der Dozent ein, dass am Ende die erste Person (in diesem Fall Ana) nochmal alles wiederholen muss. Wenn jemand „hängt“, dann darf die Gruppe helfen.

Das Spiel hat die folgenden Vorteile: Die Namen werden nicht nur gehört (wie in klassischen Kennenlernrunden, wo sich jeder vorstellt), sondern jeder muss die Namen wiederholen, d.h. aktiv abrufen (retrieval), und dadurch prägen sich die Namen besser ein. Dies gilt nicht nur für denjenigen, der gerade dran ist, sondern auch für all diejenigen, die noch drankommen werden – im Geiste üben diese nämlich bereits mit. Damit diejenigen, die schon dran waren, sich nicht zurücklehnen, gibt’s den Einwurf in der Mitte, der letztlich bedeutet: Jeder kann potenziell nochmal drankommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Abstände, in denen ein und derselbe Name wiederholt werden, im Laufe des Spiels größer werden, weil neue Namen dazukommen. Das ist eine Form des spaced retrieval, eine Methode, die auch beim Vokabellernen erfolgreich eingesetzt wird. Die Zusatzinformation (Hobby, wasweißich, …) hilft übrigens wenig, die Namen zu behalten – es macht dadurch aber einfach mehr Spaß.

The Positioning Game: Das Spiel hab ich mal so getauft, weil mir keine bessere Übersetzung von „Aufstellungsspiel“ eingefallen ist. Das Spiel hab ich schon ein paar Mal im Unterricht gespielt, und es hilft, sich einen groben Eindruck über Verteilungen innerhalb einer Gruppe zu machen. Es funktioniert so: Man räumt den Raum leer, sodass genug Platz da ist. Jetzt wird der Raum genutzt, damit die Personen sich bezüglich einiger Eigenschaften positionieren, und zwar relativ zueinander. Mögliche Aufträge sind:

  • Imagine this floor is Mozambique (here is north, here is south, …). Go to the place where you live.
  • Go to the place where you were born.
  • Image a line from this side of the room to the other side. Order yourself with regard to your age.
  • Order yourself with regard to how much you like mathematics.
  • Imagine two spots on the floor, a „yes“ spot and a „no“ spot. Place yourself: Do you have a computer at home?
  • Order yourself with regard to how long you work at the computer every day (on average).

Die Teilnehmer müssen sich dann einerseits unterhalten, um sich relativ zu den anderen zu positionieren. Außerdem kommen dann oft interessante Gemeinsamkeiten heraus (Du bist auch in Beira geboren?), und es werden persönliche Bindungen geschaffen. Auf der anderen Seite erhält man als Dozent einen guten Überblick über die Gesamtgruppe (80% haben einen Computer, …).

Das Name Game ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn die Studierenden sich auch gegenseitig nicht gut beim Namen kennen. Falls Sie sich alle gut kennen, lasse ich es weg und mache nur das Positioning Game. Am Dienstag ist es soweit: Dann habe ich meine erste Sitzung. Ich bin gespannt, wie die Studierenden auf die Spiele reagieren. Darüber hinaus würde mich interessieren, ob ihr Erfahrung mit anderen guten Kennenlernspielen gemacht habt, und die man auch in Hochschulseminaren einsetzen kann. Evtl. muss ich nämlich am Dienstag flexibel sein, und da wäre es gut, wenn ich noch was anderen im Repertoire hätte…