Archiv für die Kategorie ‘Teaching’

Internetrecherche in der Schule

Veröffentlicht: Donnerstag, April 15, 2010 in Teaching
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In unserer digitalen Welt erlangt die Fähigkeit, sich selbstständig Information aus dem Web zu beschaffen, immer mehr Bedeutung. Daher ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen, Internetrecherchen durchzuführen.

Aber da fangen die Probleme an. Ich habe jetzt mehrfach Schülerinnen und Schüler im Internet recherchieren lassen und festgestellt, dass es nicht wirklich gut funktioniert.

Ich nenne einfach mal ein paar Phänomene, die ich beobachten konnte:

  • Schülerinnen und Schüler lesen die Seiten nicht wirklich, die sie finden. So wird bei einer Wikipedia-Seite oft höchstens der erste, einführende Absatz „gelesen“ und meist wortwörtlich als Lösung übernommen.
  • Die Übernahme von Text geht meist damit einher, dass Schüler denken, sie hätten den Text „verstanden“ und ihre Pflicht getan.
  • Wikipedia-Texte sind für die Hauptschule definitiv zu schwer zu verstehen. Daher rate ich den Schülerinnen und Schülern auch in der 9. Klasse noch, die Suchmaschine blindekuh.de zu verwenden. Eine langfristige Lösung kann das aber auch nicht sein. Schließlich sollen sie ja befähigt werden, später auch Informationen in „Erwachsenenseiten“ zu finden.
  • Vielen Schülerinnen und Schülern greifen gar nicht erst zu Texten, sondern zu Bilder und Videos. Sie suchen beispielsweise in google und gehen gleich auf die Ergebnisse der Bildersuche. Oder sie greifen direkt auf YouTube zu. Klar: Die Verarbeitung visueller Medien ist viel weniger anstrengend als das aufmerksame Lesen von Texten.

Es ist also verdammt schwierig, Schülerinnen und Schüler dazu zu bewegen, Texte im Internet (und vermutlich nicht nur dort) verständnisvoll zu lesen. Eine Kollegin z.B. lässt die recherchierten Seiten ausdrucken und dann damit weiterarbeiten. Das mutet zwar erst einmal seltsam an, ist aber keine so schlechte Lösung.

Ich habe mir überlegt, eine wissenschaftliche Hausarbeit für Studierende der PH Heidelberg auszuschreiben, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt: Internetrecherche in der Hauptschule – Förderung verständnisvollen Lesens. Ich empfinde es wirklich als großenVorteil, gleichzeitig an der Hochschule und Schule tätig zu sein: Aus der Tätigkeit im Praxisfeld Schule erwachsen Fragen, die im wissenschaftlichen Kontext Hochschule angegangen werden können. Ich bin gespannt, ob sich eine Studentin oder ein Student findet, der das Thema gerne angehen möchte.

Nebenbei: Wissenschaftliche Hausarbeiten sind sozusagen die Abschlussarbeiten an den Pädagogischen Hochschulen. Ich habe meine Themenausschreibungen vor kurzem ins Wiki gestellt und auch Hinweise zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten. Wer Lust hat, mal drin zu stöbern…

Habt ihr Ideen, wie man verständnisvollen Lesen bei Internetrecherchen fördern könnte? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen und Ideen!

Pacman und die bösen Geister

Veröffentlicht: Samstag, April 3, 2010 in Teaching

Schülerinnen und Schüler bzw. Studierende haben oft Angst vor Mathe-Klausuren, selbst wenn sie gar nicht schlecht in Mathe sind. Oft berichten sie, dass sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass sie bei einer Aufgaben (meist einer der ersten) nicht recht weiter wussten und dadurch in Panik geraten sind. Dann konnten sie auch die anderen Aufgaben nicht lösen, obwohl sie – später festgestellt – gar nicht so schwer waren.

Eigentlich muss man in solchen Klausuren einen kühlen Kopf bewahren. Man muss versuchen, möglichst viele Punkte in der gegebenen Zeit zu sammeln. So empfehle ich meist, zu Beginn der Klausur zunächst auszurechnen, wie viel Zeit man für eine Aufgabe verwenden darf. Wenn eine Klausur beispielsweise 90 Minuten dauert, und wenn man insgesamt 90 Punkte erzielen kann, und wenn es auf eine Aufgabe 10 Punkte gibt, dann darf man folglich nur in etwa 10 Minuten damit verbringen. Wenn man wesentlich mehr Zeit für diese Aufgabe braucht, dann sollte man damit aufhören und zur nächsten übergehen, denn hier kann man wahrscheinlich effizienter Punkte sammeln. Man kann ja, wenn man am Schluss noch Zeit hat, zu der begonnenen Aufgabe zurückkehren. Meist klappt das natürlich nicht, aber man hat eine Strategie verwendet, mit der man möglichst viele Punkte gesammelt hat.

Als Bild, das man sich während einer Matheklausur vor Augen halten kann und das die Strategie sehr schön veranschaulicht, ist Pacman. Pacman muss auch Punkte sammeln, und natürlich wählt er den Weg, auf dem es auf ungefährliche Weise viele Punkte zu sammeln gibt. Wenn aber ein böser Geist kommt (= Aufgabe, die man nicht lösen kann), dann sollte man einen anderen Weg einschlagen und dort Punkte weiter sammeln.

(Bild von Aaron_M)

Mir persönlich hat das Bild in meiner eigenen Studienzeit sehr geholfen. Ob es anderen auch hilft, hab ich bislang noch nicht überprüfen können. 🙂 Kennt ihr ähnliche Bilder bzw. Empfehlungen für Personen, die Angst haben, durch eine schwierige Aufgabe in Panik zu geraten?

studiVZ und warum ich nicht drin bin

Veröffentlicht: Freitag, April 2, 2010 in Teaching, Web 2.0

Ich bin ja so ziemlich in allen social networks angemeldet, die es gibt: facebook, XING, Linked-In, myspace, werkenntwen und wie sie alle heißen. Ab und zu werde ich gefragt, ob ich auch in studiVZ bin und ob ich mich nicht anmelden möchte. Meine Antwort: Nein, möchte ich nicht.

Dann werden mir die Vorzüge aufgezeigt, die es hätte, wenn ich dort vertreten wäre. Ich könnte mich dort mit meinen Studierenden vernetzen, und ich würde beispielsweise mitbekommen, was Studierende dort über meine Lehrveranstaltung sagen. Trotzdem: Nein.

Warum nicht? Die Begründung ist ganz einfach: Meiner Ansicht nach ist studiVZ ein Netzwerk, in dem sich Studierende unter sich vernetzen sollten. Sie sollen die Möglichkeit haben, in diesem Raum über meine Lehrveranstaltung zu sprechen, ohne dass ich das mitbekomme. Der Austausch in studiVZ soll genau so sein, als wenn Studierende in der Pause zusammenstehen und sich über meine Veranstaltungen oder über mich unterhalten. Sie sollen irgendwo im Web die Möglichkeit haben sich über Dozenten und Vorlesungen zu unterhalten, ohne dass sie belauscht werden. Ich respektiere diesen geschützten Raum und werde dort nicht eindringen. Aus dem gleichen Grund werde ich mich auch nicht in schuelerVZ „einschmuggeln“. Vernetzen kann ich mich mit Studierenden und Schülerinnen und Schülern auch in den anderen Netzwerken, und das reicht mir vollkommen.

Wie seht ihr das?

LdL radikal

Veröffentlicht: Donnerstag, Oktober 22, 2009 in Didaktik des Informatikunterrichts

Mit der Zeit wird man beim Ausprobieren ja bekanntlich radikaler. 🙂 Heute hab ich der ersten Sitzung meiner Veranstaltung „Didaktik des Informatikunterrichts“ mit ca. 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mal was Neues  ausprobiert.

Zu Beginn der Sitzung habe ich eine leere Mindmap projiziert (mit dem Titel der Veranstaltung in der Mitte). Anschließend habe ich folgendes verkündet: Ich übergebe nun die Veranstaltung in eure Hände und damit in eure Verantwortung. Danach habe ich mich in die letzte Reihe gesetzt und abgewartet.

Es folgte eine kurze Phase der Irritation, die aber überraschend kurz andauerte. Schnell ergriff Nico die Initiative, ist vorgelaufen und hat die Funktion des Mindmap-Managers übernommen. Schnell kamen die ersten inhaltlichen Assoziationen zu „Didaktik der Informatik“ – Methoden, Sozialformen, Bildungsplan, Praktische Probleme im Umgang mit Computer, … Ich habe mich weitestgehend herausgehalten. Nach einiger Zeit habe ich die Studierenden darauf hingewiesen, dass sie bislang sehr schön inhaltlich diskutiert haben, aber dass sie auch noch Organisatorisches zur Veranstaltung klären müssen.

Schnell war klar, was sie nicht haben wollen (z.B. Referete halten). In der darauf folgenden Diskussion fiel ein Satz, der sich mir besonders eingeprägt hat: Wenn wir jetzt schon mal die Chance haben, die Veranstaltung so zu gestalten wie wir wollen, dann können wir ja auch mal was Außergewöhnliches machen, etwas was man sonst nicht macht. Grandios!

Im Laufe einer durchaus kontroversen Diskussion schälte sich nun folgendes Modell heraus: Die Studierenden hatten die Idee, an Schulen zu gehen und Informatikunterricht zu filmen, Lehrer, Schüler, Eltern und Schulleiten zu interviewen und die Ergebnisse verschiedener Schulen (Haupschule, Realschule, Gymnasium, Berufsschule, …) zu vergleichen. Darüber hinaus entstand die Idee, auch mal mit Ausbildern zu sprechen, was sie von Schulabgängern erwarten. Expedition pur!

Ich freue mich außerordentlich, dass die Studierenden dieses Modell entwickelt haben und ihre Freiheit auch tatsächlich nutzen! Insbesondere gefällt mir natürlich der Expeditionsgedanke. Die Idee, in Schulen zu gehen, stammte wirklich von den Studierenden und nicht von mir (ehrlich!). 🙂 Passend dazu: Kaum setze ich mich an Twitter, lese ich den Tweet von cervus:

„warum macht @cspannagel das pilotprojekt #be09 nicht mit seinen studis weiter? das wäre ein neues format in der lehrerbildung.“ #hackbild

Mach ich doch. 🙂 Aber es war eine vollkommen neue und eigene Idee der Studierenden. Geht’s noch besser? Ich glaube nicht.

Strukturen aufbrechen – Bildung rockt!

Veröffentlicht: Donnerstag, Oktober 22, 2009 in Teaching

Mein Vortrag in der DaF Community zum Thema Bildung rockt! ist nun online (in zwei Teilen). Wer möchte, kann ihn sich nun anhören:

Thematischer Schwerpunkt des Vortrags war das Ausbrechen aus bestehenden Strukturen, z.B. das Ausbrechen aus schlechten Gewohnheiten (wie Referatsseminaren), aus Inkonsistenzen (wie Vorlesungen über Projektunterricht), aus dem Elfenbeinturm, außerdem Ausbrechen durch Öffnung und Ausbrechen durch Expedition.

Wunderschön passt hierzu das folgende Bild:

Was bedeutet für mich das Bild in diesem Kontext?

  • Man muss neugierig sein, um aus bestehenden Strukturen auszubrechen. Was ist hier den Mauern, die mich umgeben?
  • Zusätzlich braucht man Mut: Man weiß nicht, was passieren wird. Man gibt die Kontrolle ab und begibt sich in eine Situation von Unsicherheiten.
  • Das Bild zeigt: Der Rücken ist ungeschützt. Das heißt, man braucht Rückendeckung! Diese bekommt man  insbesondere von Menschen im Web, welche die gleichen Ideale und die gleiche Auffassung haben. Ich kann jedem empfehlen, die eigenen Ausbrüche in einem persönlichen Weblog zu reflektieren. Die Stütze und Motivation, die man von Kommentatoren bekommt, ist wirklich enorm!

Was haltet ihr von dem Vortrag? Wie brecht ihr aus bestehenden Strukturen aus? Oder sollte man überhaupt ausbrechen? (Es ist doch schön kuschelig und gemütlich drin, oder?)

[Update] Die DaF Communtiy hat freundlicherweise den Vortrag auch als mp3s zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Anmeldung zur Sprechstunde per Wiki

Veröffentlicht: Sonntag, Oktober 4, 2009 in Teaching, Web 2.0

Eine Anfrage von Kerstin Mayrberger auf meiner Facebook-Pinnwand hat mich inspiriert, mal einen Weblog-Artikel über eine wirklich praktische Sache zu schreiben: Die Sprechstundenanmeldung per Wiki.

Studierende beklagen sich oft, dass sie zu Sprechstunden kommen und dann ewig warten müssen, bis sie drankommen. Im Extremfall ist die Sprechstunde vorher zu Ende und sie müssen wieder von dannen ziehen. Manchmal kommt man auch gleich von vorneherein umsonst: Man steht vor der Tür des Dozenten und muss lesen, dass die Sprechstunde wegen Krankheit entfällt. Dann ist man aber schon angereist – und das nicht selten mit einem größeren Anfahrtsweg.

Die Abhilfe von all diesen Probleme habe ich vor einiger Zeit bei Thomas Raith an der PH Heidelberg entdeckt: Die Online-Anmeldung zur Sprechstunde per Wiki. Ich habe das Konzept gleich adaptiert und leicht weiterentwickelt. Seit einiger Zeit habe ich nun meine Wiki-Sprechstunden-Anmeldeseite – und die funktioniert folgendermaßen:

  • Die nächsten Sprechstundentermine sind dort eingetragen mit 15-Minuten-Zeitslots. Die Studierenden können jeweils einen Slot für sich belegen, indem sie sich dort eintragen. Da es ein Wiki ist, kann jeder einfach ändern. Erste Bedenken, dass Studierende ohne Wiki-Erfahrung Probleme haben, haben sich nicht bestätigt: Es funktioniert problemlos.
  • Wer nur eine  Unterschrift benötigt, kann einfach so vorbeikommen und muss sich nicht eintragen.
  • Studierende werden darauf hingewiesen, dass sie sich nicht mit vollem Namen eintragen müssen (das wäre nicht ok, weil öffentlich), können es aber. „Micky Maus“ oder „B. K.“ tun’s natürlich auch – es geht ja nur darum, den Zeitslot zu belegen.
  • Wenn mal eine reguläre Sprechstunde ausfällt, dann gibt es einfach keine Eintragungsmöglichkeit für diesen Termin.
  • Zu Beginn der Seite weise ich auch darauf hin, dass die Studierenden kurz bevor sie in die Sprechstunde gehen nochmal auf die Seite schauen sollen, um nachzusehen, ob sich etwas geändert hat. So stelle ich sicher, dass Studierende nicht umsonst kommen, wenn ich kurzfristig krank geworden bin. Das schreibe ich dann nämlich einfach ins Wiki. Das Konzept hilft also dabei, verlässlich zu sein.
  • An meiner Bürotür hänge ich keine Sprechstundenzeiten mehr aus, weil dieses System zu starr ist und nicht mit der Flexibilität des Wikis mithalten kann. Dort hängt nur der Hinweis auf die Webseite aus.
  • Falls bei großem Andrang eine zusätzliche Sprechstunde außer der Reihe notwendig wird, dann kann ich einfach eine hinzufügen, auch von zu Hause aus, und Studierende können sich gleich dort eintragen. Wirklich sehr flexibel!

Ich habe immer mal wieder Studierende in der Sprechstunde auf die Anmeldung angesprochen. Ausnahmslos alle waren begeistert. Daher halte ich das Konzept wirklich für gelungen und werde es weiterhin verwenden. Ich freue mich, dass auch Kerstin Mayrberger es sofort adaptiert hat, und bin auf ihre Erfahrungen damit gespannt.

Vielleicht ist das auch ein Konzept für euch? Probiert’s mal aus!

[Update] Ich habe noch zwei Vorteile vergessen zu nennen. Vergessener Vorteil 1: Als Dozent sieht man auch sofort, wenn sich niemand angemeldet hat. Dann kann man sich auch mal länger aus dem Büro entfernen und muss nicht die ganze Zeit umsonst „auf Besuch“ warten. Vergessener Vorteil 2: Es gibt keine Nachteile.

Der verlässliche Dozent

Veröffentlicht: Montag, August 24, 2009 in Teaching

Was versteht ihr unter einem verlässlichen Dozenten? Gerade arbeiten wir in Wikiversity eine Liste aus: Der verlässliche Dozent. Dazu  gibt es auch eine interessante Diskussion. Tragt eure Ideen ein, ergänzt, verbessert und diskutiert mit!

Das Ziel: Ich würde mir wünschen, am Ende eine Liste zu haben, die ich als Selbstverpflichtung unterschreiben kann und die auch als Modell für andere dienen kann.

Gibt es vielleicht schon irgendwo solche „Dozenten-Selbstverpflichtungs-Listen“? Kennt jemand eine? Infos bitte hier her! 🙂

Und: Die Inhalte auf den Wikiversity-Seiten zeigen einmal mehr, dass Twitter äußerst nützlich ist.

Gestern sind wir mit dem Seminar Computereinsatz in der Schule an der PH Ludwigsburg ins Netz gegangen. Das ist nichts ungewöhnliches, wir sind eigentlich immer im Netz. Gestern war’s aber etwas besonderes: Wir haben mit einer Schulklasse geskyped. Und zwar mit der Klasse von Niko Schreiber, der ebenfalls Teilnehmer in dem Seminar ist. Niko hat zunächst davon berichtet, wie Computer an seiner Schule eingesetzt werden, und dann haben die Studenten und die Schüler sich gegenseitig befragt.

Ist das nicht irre? Man kann heute ohne größeren Aufwand eine Liveschaltung überall hin machen, insbesondere in Klassenzimmer hinein und aus Klassenzimmern hinaus. Was für tolle Möglichkeiten sich einem da bieten!

Kritiker werden wahrscheinlich sagen, dass wir mehr davon gehabt hätten, wenn wir zu der Klasse gefahren wären. Ganz klar, das hätte einen anderen Charakter gehabt. Aber es wäre auch viel aufwändiger gewesen. Wir haben gestern sozusagen „mal kurz“ in die Klasse reingeskyped, während wir vorher noch unsere Aktion am Lernfestival geplant hatten. Wir waren also von der Seminarzeit 60 Minuten mit Planen von Lernfestival und Projekten beschäftigt, und 30 Minuten waren wir „mal eben kurz“ in einer Schulklasse. Das soll mal einer eben „in echt“ hinbekommen. Das Gesrpäch wurde übrigens live von Jörg im Wiki protokolliert, und Ulrike und Melanie haben fleißig getwittert. Aktive Produktion im Netz auf allen Kanälen.

Neulich haben wir übrigens eine Schulklasse auch richtig besucht – der Mix machts eben!

Aktives Plenum: Feedback der Studierenden

Veröffentlicht: Sonntag, Mai 10, 2009 in LdL, Teaching

Am letzten Donnerstag habe ich in der Vorlesung „Elementare Funktionen“ von den Studierenden Feedback-Zettel (lachender und weinender Smilie) eingesammelt. Dabei ging es mir im Wesentlichen um eine frühzeitige Evaluation der Vorlesungsform „Aktives Plenum“ im Sinne von Aktionsforschung, damit wir – die Studenten und ich – noch rechtzeitig Schwachstellen im Konzept identifizieren und beseitigen können. Ich habe mich nun zudem entschlossen, aufgrund verschiedener Diskussionen hier und hier und hier diese Vorlesungsform nicht Neuronenvorlesung, sondern Aktives Plenum zu nennen (ein Begriff von Ulrich Iberer), obwohl ich natürlich trotzdem betonen möchte, dass ich die Neuronenmetapher als handlungsleitendes Bild für ganz wichtig halte (aber natürlich muss nicht die Methode danach benannt werden).

Ich muss sagen, ich habe durch das Feedback der Studenten sehr viel gelernt! Das zeigt mir einmal mehr, dass es ganz wichtig ist, frühzeitig auch gemeinsam mit den Studierenden den methodischen Ansatz einer Veranstaltung zu diskutieren. Es besteht nämlich all zu leicht die Gefahr, dass man als Dozent alles soooo toll findet, was man macht und sich mental selbst auf die Schulter klopft, während alle anderen Beteiligten das anders sehen.

Jetzt zum Feedback: Ich liste zunächst die positiven Rückmeldungen auf, anschließend die negativen. Ich habe die Studierenden gleichzeitig gebeten, konstruktives Feedback zu geben, also Verbesserungsvorschläge zu machen. Dabei sind einige tolle Ideen genannt worden!

Zunächst zum positiven Feedback (wörtliche Zitate in Anführungsstrichen):

  • In der Veranstaltung ist klar: Fragen sind erwünscht! Studierende äußern, dass die gestellten Fragen genau denjenigen Fragen entsprechen, die sie selbst haben, dass Erklärungen „untereinander“ manchmal besser helfen als Erklärungen vom Dozenten (da eine einfachere Sprache gewählt wird) und dass alle Frage ernst genommen werden. Dabei handelt es sich um ein Grundprinzip von LdL: Es wird eine Situation der Unklarheit geschaffen, und anschließend werden die Unklarheiten in Klarheiten verwandelt. Erst wenn Unklarheiten offen im Raum stehen, können fruchtbare Diskussionen entstehen. Und: Der Raum für die Klärung von Unklarheiten steht zur Verfügung! Oder wie es eine Studentin formuliert hat: In traditionellen Vorlesungen verfolgt man mehr oder weniger den Vortrag, und die Fragen kommen dann zu Hause (insbesondere in Vorbereitung auf die Klausur). Wann soll man sie klären? Hier ist es anders herum: Man liest den Text zu Hause (in seinem eigenen Tempo), schreibt sich Fragen heraus, und stellt sie in der nächsten Woche im Plenum.
  • Es kann und darf auch etwas Falsches gesagt werden. Fehler sind Lerngelegenheiten! Anschließend wird gemeinsam diskutiert und der Fehler ausgeräumt. Und ich möchte hinzufügen: Das schließt den Dozenten nicht aus. Beispielsweise dachte ich selbst in der Vorbereitung zur letzten Stunde, etwas verstanden zu haben (was aber nicht der Fall war). Erst in der Diskussion mit den Studenten ist mir selbst klar geworden, dass ich vollkommen falsch gedacht hatte! Als Dozent muss man dann natürlich auch als Vorbild agieren, seinen eigenen Fehler zugeben und damit konstruktiv umgehen. Das war eine sehr lehrreiche Situation für mich. Und: Hätte ich eine traditionelle Vorlesung gemacht, hätte ich das Ganze vermutlich falsch dargestellt und keiner hätte sich getraut zu fragen.
  • Es herrscht dabei eine angenehme Atmosphäre. „Man kommt sich nicht so doof vor.“ – „Keine Angst vor Beschämung“ – „Man merkt, dass auch andere etwas nicht wissen.“ Das liegt meiner Erachtens an der Tatsache, dass die Studenten „unter sich“ diskutieren. Wenn vorne ein Student steht und moderiert, dann steht der Dozent nicht mehr im Mittelpunkt. Jetzt gibt es nur noch „die Gruppe“, die gemeinsam Fragen beantwortet und Problemfälle diskutiert.
  • Die Besprechung der Kapitel zwingt dazu, das Buch auch zu lesen. Der Informationsinput findet zu Hause statt als Vorbereitung. Die „Neuronen“ machen sich fit für die Diskussion. „Das Kapitel vorher zu Hause durchlesen macht viel mehr Sinn.“ In der eigenen Auseinandersetzung mit den Inhalten wird das Verständnis erleichert. „Lernen mit dem Ziel zu verstehen ist sinnvoller als das Lernen auf Klausuren“.
  • Weitere Adjektive wurden genannt: motivierend, nicht langweilig, spannend, nicht ermüdend. Man ist die ganze Zeit über aktiver als sonst. Das aktive Plenum führt zu höherer kognitiver Aktivität. Und ich möchte hinzufügen: Es werden mathematische Prozesse wie Argumentieren und Begründen, Kommunizieren und Problemlösen gefördert. Das aktive Plenum ist weniger inhaltsorientiert, sondern mehr prozessorientiert.
  • Außerdem wurde die Bearbeitung von Aufgaben, die Spaß machen, als positiv hervorgehoben. Dies liegt in erster Linie allerdings nicht am aktiven Plenum, sondern an der Auswahl der Aufgaben. Dies macht übrigens den meisten Vorbereitungsaufwand für den Dozenten aus: die Auswahl geeigneter Aufgaben, die auch im Plenum gut diskutiert werden können.
  • Ebenso wird begrüßt, dass ich Fotos der Tafelbilder schieße und in unser E-Learning-System STUD.IP einstelle. (Kritisiert wird allerdings das Tafelbild an sich. Dieses entsteht durch Aktivitäten mehrere Studierender und von mir. Wenn jemand einen Tipp hat, wie man erreichen kann, dass das am Ende besser aussieht, auch wenn sich mehrere Menschen am Tafelbild beteiligen, nur her damit!)

Die Rückmeldungen haben mich in der Durchführung des Konzepts bestärkt. Ich glaube, dass ich mit dem „aktiven Plenum“ auf dem richtigen Weg bin. Aber: Auf dem richtigen Weg zu sein bedeutet nicht, angekommen zu sein. Dies haben mir die zahlreichen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge der Studenten gezeigt, die ich jetzt im Folgenden darstellen werde.

  • Die Fragenklärung beginnt am Anfang sehr zäh und lahm und dauert auch sehr lange („kein effizientes Zeitmanagement“). Ich glaube, das liegt unter anderem daran, dass sich viele noch nicht wirklich getrauen, ihre Fragen zu stellen. Dies kommt auch in folgendem Kommentar zum Ausdruck: „Man schafft nicht das ganze Kapitel zu besprechen – es bleiben immer noch Fragen.“ – obwohl wir ausdrücklich immer so lange diskutieren, bis keiner mehr eine Frage stellt. Hier könnte (ein Vorschlag eines Teilnehmers) helfen, wenn wir die Fragen bereits zuvor in STUD.IP sammeln, also wenn die Studenten bereits beim Lesen Fragen stellen können. Vielleicht kann ja sogar jemand schon die Anwort. Übrig bleiben all diejenigen Fragen, die keiner beantworten kann – und diese können wir dann mit in die nächste Sitzung nehmen und dort beantworten. Ich finde diese Idee großartig. Ich glaube, so kann die Fragerunde effektiver gestaltet werden!
  • Der Vorbereitungsaufwand ist hoch, das zu lesende Kapitel sehr lang. Hier gebe ich den Studierenden vollkommen recht. Ich habe den Aufwand unterschätzt. Ich habe daraufhin gleich für diese Woche den Leseumfang halbiert. Die Devise lautet: Den Vorbereitungsaufwand wohl dosieren.
  • Ganz oft wurde folgende Rückmeldung gegeben: Der Dozent soll bei längeren Diskussionen mit vielen Verwirrungen früher eingreifen. Beim „Stochern im Nebel“ soll ich mich früher einschalten und Tipps geben bzw. die Unklarheit aufklären, ansonsten geht zu viel Zeit verloren. „Die Studenten sind sich oft nicht sicher, und vieles bleibt vage.“ Auch das kann ich nachvollziehen. Es ist wirklich eine Gratwanderung, wann man sich in die Diskussion einschaltet (das wurde auch gestern auf dem LdL-Tag geäußert). Wenn man sich zu spät einschaltet, schleppt sich eine Diskussion dahin. Schaltet man sich zu früh ein, zerstört man die Dynamik der Gruppendiskussion. Ich verspreche, mich ab sofort früher einzuschalten – und sei es nur, um die Diskussion in bessere Bahnen zu lenken.
  • Ebenso kritisiert wurde die fehlende Struktur: es gibt keinen richtigen Einstieg, Ablaufplan, Schluss, es gibt keine Zusammenfassungen. Hier muss ich sagen: Stimmt, das ist verbesserungswürdig. Es wurde das folgende gewünscht, und ich werde diesem gerne nachkommen: Zu Beginn werde ich das Wichtigste des Kapitels kurz zusammenfassen. Manche haben sich einen 30-minütigen Vortrag gewünscht. Das halte ich für zu lang, weil ein so langer Vortrag nicht ins Gesamtkonzept passt und ich befürchte, dass währenddessen alle einschlummern und dann anschließend weniger aktiv sind – oder es wird nicht mehr gelesen, weil ich sowieso nochmal vortrage. Aber was ich machen werde, ist einen kurzen Überblick zu geben und die Wesentliche Punkte des Kapitels zu nennen (nicht zu erklären). Das führt dazu, dass trotzdem als Vorbereitung gelesen werden muss, zu Beginn aber die grobe Struktur des Inhaltsbereichs klar ist. Ebenso werde ich nach Diskussionen und nach der Bearbeitung von Aufgaben die Ergebnisse zusammenfassen (also z.B. die einzelnen Schritte eines von Studenten durchgeführten Beweises nochmals kurz nennen und kommentieren). Am Ende der Veranstaltung werde ich ebenfalls nochmal eine Zusammenfassung geben. Insgesamt möchten die Studierenden somit Überblickswissen und zusammenfassende Einordnungen vom Dozenten bekommen. Joachim Grzega hat gestern ähnliches in seinem Vortrag geäußert. Also wieder was gelernt: Ich bin für den strukturellen Rahmen verantwortlich.
  • Es wurde beklagt, dass von dem Gesamtkapitel sehr wenig besprochen wird. Das stimmt, aber ich denke, das dürfte ebenso durch die Einleitung (siehe Punkt vorher) behoben werden.
  • Bei den Studierenden herrscht große Unsicherheit bezüglich der Staatsexamensprüfung. Sie haben Angst, der Prüfung nicht gewachsen zu sein. Welche Inhalte sind relevant? Welche Fragen können drankommen? Auch diese Bedenken sind verständlich: Ich werden exemplarische schriftliche Prüfungsfragen herausgeben.
  • Die Studenten möchten mehr Aufgaben lösen und dafür auch Lösungen haben. Ich würde folgendes vorschlagen: Wir richten in STUD.IP einen Raum für Lösungen ein, und Studierende können ihre Lösungen zu den Aufgaben im Buch dort einstellen und diskutieren. So erstellen wir kollaborativ ein Lösungsheft zu den Aufgaben. Darüber hinaus wurde der Wunsch geäußert, eine Hausaufgabe zu bekommen, die in der nächsten Sitzung besprochen wird. Auch das können wir gerne einrichten, wenn dieser Wunsch allgemein befürwortet wird.
  • Nur wenige Studierende stehen dem Konzept komplett ablehnend gegenüber: „Ich finde es besser, wenn Sie direkt die richtige Lösung sagen, anstatt erst rumzudiskutieren.“ – „Allgemein mag ich auch sehr gerne Frontalunterricht, um vom Wissen des Dozenten zu profitieren und nicht alles alleine erarbeiten zu müssen.“ – „In regulären Vorlesungen hat man wenigstens das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben. Auch wenn hier die Illusion vorliegt, man hätte alles verstanden.“ – „LdL ist TOLL, doch leider utopisch […] Kaum ein Student kann sich regelmäßig vorbereiten, und das ist bei LdL weitaus notwendiger als bei konventionellen Vorlesungen. -> Was hinten rauskommt zählt, und das sind die Noten!“ Das ist richtig – und ich bin davon überzeugt, dass die Noten der Studierenden bei diesem Konzept besser werden, weil sie sich über einen größeren Zeitraum aktiv mit den Inhalten auseinandersetzen müssen, auch wenn dies mühsamer ist. Ich glaube wirklich, dass die Studierenden viel mehr von diesem Konzept haben und davon auch in Mathematikprüfungen profitieren (übrigens auch in mündlichen Prüfungen, weil man hier mathematisch argumentieren und kommunizieren muss, und genau das wird im aktiven Plenum gefördert). Ich hoffe, auch diejenigen Studenten, die das Konzept ablehnen, letztendlich von der Wirksamkeit zu überzeugen.

Insgesamt lassen sich die Verbesserungen folgendermaßen zusammenfassen:

  • Es werden die Fragen bereits beim Lesen des Kapitels in STUD.IP gesammelt. Entweder die Fragen werden dort gleich von Studierenden beantwortet, oder wir nehmen sie mit in die nächste Sitzung und können dadurch die Fragerunde effektiver gestalten.
  • Ich werde weniger als bislang zu Lesen aufgeben (habe ich diese Woche schon umgesetzt)
  • Ich werde versuchen früher einzugreifen, wenn sich Diskussionen zu verzetteln.
  • Mehr Struktur: Ich werde zu Beginn die wesentlichen Punkte des Kapitels nennen (Überblick über Kapitel), und ich werde zentrale Ergebnisse von Diskussionen und Aufgaben zusammenfassen. Ich werde mich also mehr um den strukturellen Rahmen bemühen.
  • Wir werden mehr Aufgaben lösen und gemeinsam ein Lösungsheft für die Aufgaben im Buch erstellen. Außerdem werde ich exemplarische schriftliche Prüfungsfragen herausgeben.

Ich bin wirklich froh, jetzt eine Feedback-Runde gemacht zu haben. So können wir gemeinsam sofort die Verbesserungen umsetzen!

Gibt es noch weitere Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge? Dann einfach hier kommentieren!

Neuronenvorlesungen: methodische Aspekte

Veröffentlicht: Samstag, Mai 2, 2009 in LdL, Teaching

In dieser Woche habe ich wieder meine Vorlesungen im Sinne der Neuronenmetapher gehalten. Insgesamt muss ich sagen, dass es recht gut funktioniert. Die Studenten sind wirklich super! Sie diskutieren über die Definition des Begriffs „Funktion“, über die Pros und Contras von mathematischer Modellbildung im Unterricht, und sie machen gemeinsame Brainstormings zu Themen wie „Daten“.

Ich bin aber erst auf dem Weg – das merke ich ganz deutlich. Dabei ist es für mich ganz wichtig, meine Erfahrungen zu reflektieren und in methodische Empfehlungen münden zu lassen (sofern dies nach zwei Wochen schon möglich ist). Ich versuche hier mal, einige methodische Aspekte herauszuarbeiten, die ich für wesentlich halte.

Komplexität der vorbereitenden Texte. Die Studenten lesen Texte, die sie gemeinsam zu Beginn der Vorlesung diskutieren. Hierzu kommt ein Student nach vorne und stellt Fragen wie „Was war euch unklar am Text?“ und „Habt ihr Fragen zu Begriffen?“. Die Studenten diskutieren also ihre Fragen „unter sich“ – und da ich nicht die Diskussion leite, getrauen sie sich auch, unklare Punkte anzusprechen. Allerdings müssen die Texte, die zur nächsten Sitzung gelesen werden, auch so komplex sein, dass Fragen aufkommen können. Es müssen Texte sein, die förmlich Diskussionsbedarf „induzieren“.

Positionierung des Dozenten. Es ist wichtig, wo ich mich während der Diskussionen platziere. Wenn ich am Rand oder gar vorne im Hörsaal stehe, dann schauen mich die Studenten nach Beiträgen immer an, als wollten sie sich bei mir vergewissern, dass sie auch nichts Falsches gesagt haben. So wie es Erich Hammer macht ist es richtig: Man sitzt als Dozent hinten. So ist man aus dem Blickfeld, und die Studenten können (wie oben bereits beschrieben) „unter sich“ diskutieren. Lediglich wenn die Gruppe selbst nicht weiterkommt, darf man sich einschalten und sich dabei auch an den Rand stellen oder nach vorne laufen.

Zurückhaltung üben. Ich hatte zig mal das Gefühl, gerne etwas erklären zu wollen. Es gibt so schöne Erklärungen für die Definitionen von injektiven, surjektiven und bijektiven Funktionen. Und man ist es so sehr gewöhnt, gute Erklärungen abzugeben (oder vielleicht sollte ich sagen: solche Erklärungen, die man selbst für gut hält?). Ich musste mich extrem zurückhalten. Insbesondere das viel gescholtene Lehrerecho ist eine große Gefahr für die Umsetzung der Neuronenmetapher. Nein: Man muss als Dozent nicht das eben von einem Studenten Gesagte nochmal „richtiger“ formulieren. Es ist gut so. Und man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen. Eine harte Übung. Aber sie heilt.

Zum Nachfragen animieren. Die Teilnehmer bleiben oft noch stumm, wenn ein Student einen Begriff nennt, der nicht gekannt wird (z.B. „Boxplot“). Die Neuronenmetapher ist natürlich noch nicht als Handlungsmuster komplett internalisiert. Hier muss man immer noch nachhaken: „Kennt jeder den Begriff? Kennen Sie ihn? Dann fragen Sie nach!“ Die Teilnehmer tun dies dann tatsächlich. Sie müssen nur unter Umständen daran erinnert werden, dass sie das dürfen. Ich denke aber, dass das in Zukunft nicht mehr notwendig sein wird. (Ich bin gespannt.)

Länge der Diskussionen. Insbesondere bei großen Teilnehmerzahlen besteht die Gefahr, dass sich bestimmte Diskussionen in die Länge ziehen, weil ganz viele Leute etwas beitragen wollen. Hier muss man ein Gespür dafür entwickeln, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dass man zum nächsten Diskussionspunkt übergeht. Hier muss man sich eventuell einschalten, wenn man merkt, dass der Großteil der Studenten beginnt sich zu langweilen.

Absolute Stille. Eine wichtige Aufgabe des Dozenten ist es, für Ruhe zu sorgen, und zwar für absolute Stille. Insbesondere in großen Hörsälen ist es sonst schwierig, die Beiträge einzelner Teilnehmer zu verstehen. Jean-Pol Martin berichtet dies aber auch für wesentlich kleinere Schulklassen. Der Dozent ist der Garant für die richtige Atmosphäre. Wenn es laut wird, muss er sich sofort einschalten (und bei Bedarf erklären, warum Stille wichtig ist).

Paare vorne. Ein einzelner Student vorne kann zu wenig sein, insbesondere wenn dieser an der Tafel auch noch die Diskussionspunkte festhalten soll. Während er schreibt, stockt die Diskussion. Folgendes Modell erscheint mir sinnvoller: Es stehen zwei Studenten vorne; einer leitet die Diskussion, der andere schreibt. Wenn ein Punkt abgeschlossen ist und der „Schreiber“ diesen an der Tafel festhält, kann der „Moderator“ bereits die Diskussion weiterführen.

Tafelbilder abfotografieren. Ich fotografiere die Tafelbilder ab und stelle sie den Studierenden im E-Learning-System zur Verfügung. Dadurch müssen die Teilnehmer nicht mitschreiben und können sich besser an den Diskussionen beteiligen.

Schwierige Vorbereitung. Ich empfinde die Vorbereitung der einzelnen Sitzungen als sehr schwierig im Vergleich zu Vorlesungen, in denen man das Skript vorträgt. Ich muss mir überlegen, welche Aufgaben die Studierenden begeistern können und welche Aufgaben gute Diskussionen versprechen. Aufgaben mit klarem Lösungsweg und eindeutigem Ergebnis sind eher ungeeignet. Gut sind Aufgaben, die polarisieren. So habe ich die Teilnehmer in meiner Didaktik-Veranstaltung in zwei Hälften geteilt: Die einen sollten sich Pro-Argumente für mathematische Modellbildung im Unterricht überlegen, die anderen Contra-Argumente (5 Minuten). Anschließend sollte im Hörsaal ein Streitgespräch zwischen beiden Seiten geführt werden. (Zu Beginn ein bisschen schleppend, beim Einsatz von zwei Personen vorne dann flüssiger.) Außerdem zwingt einen das Konzept dazu, verschiedene Methoden und Medien einzusetzen…

Vielfalt. Ich bereite keine Folienpräsentationen mehr vor, sondern eher zwei, drei einzelne Folien, die Diskussionsanregungen bieten. Ergebnisse werden stichpunktartig an der Tafel festgehalten. Die Studenten blicken dabei zeitgleich in ihr Skript oder in ihr Buch. Darüber hinaus finden Partnergespräche und Gruppendiskussionen statt, und manchmal erkläre ich auch ein bisschen was. Ich glaube, dass sich ganz große Chancen für die Vielfalt von Methoden, Medien und Sozialformen bieten, wenn man sich selbst aus der Standardrolle des Vermittlers herausnimmt. Das ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Was mir aber vorher nicht klar war: Es kann auch in Vorlesungen mit vielen Teilnehmern funktionieren.

Brainstorming. Aktivierung von Vorwissen ist eine altbekannte methodische Strategie, die das Erlernen von Neuem vorbereiten kann. Daher ist es gut, wenn man in den letzten 10 Minuten die Studenten ein Brainstorming zu demjenigen Thema machen lässt, dass sie in Vorbereitung auf die nächste Woche lesen sollen. Hier muss wieder ein Student vorne stehen und die Diskussion leiten – damit die Hemmschwelle gesenkt wird und die Studierenden einfach etwas äußern oder nachfragen. Der Dozent sitzt hinten und beobachtet.

Insgesamt lässt sich als Fazit sagen: Es ist aufregend, etwas an seinen Veranstaltungen radikal zu ändern und dann zu schauen, wie man selbst mit dieser geänderten Situation umgeht. Man wirft sich selbst als Dozent in eine Situation der totalen Unsicherheit – um diese in Sicherheit zu verwandeln. Und dadurch entsteht ja bekanntlich Flow. Es macht Spaß.