Archiv für die Kategorie ‘Twitter’

#vile12

Veröffentlicht: Dienstag, Februar 21, 2012 in Twitter

Heute hatte ich einen Vortrag in Bad Urach im Rahmen der ViLE-Tagung Demokratie 2.0? Social Web, Gesellschaft und Individuum. ViLE ist die Abkürzung für Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener, und der Vortrag fand in einem ähnlichen Setting statt wie mein Impro-Vortrag vom letzten Jahr (Resümee dazu). Ziel des Vortrags: Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an ein paar Beispielen den Nutzen des Social Web erläutern – und auch die Risiken. Da einige Teilnehmer(innen) an der Veranstaltung heute auch damals bei deim Impro-Vortrag anwesend waren, wollte ich nicht dasselbe nochmal machen, sondern habe ich mich für einen vorbereiteten, nicht-improvisierten Vortrag entschlossen mit Twitter-Wall und ohne Streaming. Die Twitter-Wall wollte ich eigentlich diesmal nur beiläufig einbinden, mal eins, zwei Fragen in den Äther stellen, eben um kurz Twitter und Twitterwalls zu demonstrieren. Überrascht wurde ich dann aber von der atemberaubend hohen Aktivität in zwei Räumen: sowohl in Twitter als auch im Seminarraum. Ich hatte nicht gewagt zu hoffen, dass heute eine solche hohe Interaktivität zustande kommt – und bin wirklich froh und wirklich überrascht darüber, was heute passiert ist. Im Folgenden ein paar Gedanken dazu:

  • Zunächst mal: Es gibt kein besseres Publikum als eine Gruppe interessierter und witziger Seniorinnen und Senioren. Da muss man wirklich (!) spontan sein. Kaum beginnt man zu reden, kommt die erste Meldung aus dem Saal: „Sie sind ein hübscher junger Mann!“ Meine verlegene Frage, ob ich das twittern soll, wurde von einer vehementen Bitte übertönt: „Können Sie sich bitte nach da rechts ins Licht stellen? So sieht man sie nicht!“ Also, ich wandere rüber, dann der Einwurf: „Jetzt müssen Sie noch ein bisschen in die Knie gehen!“ – Lachen im Raum – und schon waren wir mittendrin! 🙂
  • Kurz zuvor – während die Teilnehmer noch beim Abendessen waren – hatte ich über Twitter um ein Hallo gebeten. Kurz nach Beginn des Vortrags waren schon so viele Hallos, Helaus und Alaafs eingegangen, dass ich von der Twitterwall in die Twittersuche wechseln musste, um alle Hallos zeigen und alle Twitterer vorstellen zu können. Die Vorstellung machte ich ausfühlich und im Detail, um zu zeigen, wer alles so twittert und dass nicht alles Studenten sind (das war die erste Vermutung von einigen Teilnehmern).
  • Ich führte zuerst kurz in Twitter ein, zeigte meine Timeline und stieß sofort auf einen Tweet von @ankegroener: Baby, frischer Majoran ist der Kracher! Weitere Recherchen ergaben: Linsensuppe in the making. Prima Einstieg in Twitter! Ich erklärte, dass solche Information eben keine Sinnlos-Information ist, sondern „sozialer Kitt“. Menschen sind eben nicht überwiegend an Inhalten interessiert, sondern an Menschen, und gerade das ist das Schöne an Twitter: Zwischen den ganzen Inhalten bekommt man auch persönliche, vermeintlich nutzlose Statusmeldungen, die einem aber in der Summe ganz viel über eine Person vermitteln und letztlich auch für den Witz und den sozialen Zusammenhalt auf Twitter sorgen. Die Abendessen-Diskussion wurde dann zum Running Gag die ganze Veranstaltung hindurch. Als schließlich @otacke per Twitter das Publikum im Raum bat, darüber abzustimmen, ob er heute abend kochen oder nur einen Salat machen soll, waren im Raum alle völlig begeistert: Wir stimmten ab (30 zu 15 für Kochen) und meldeten @otacke das Ergebnis zurück. Später bestanden (!) die Teilnehmer darauf, @ankegroener nach ihrer Suppe zu fragen und @otacke danach, was er denn kocht. Menüfolge? Somit war letztlich glasklar: Solche Informationen sind eben doch nicht unwichtig, im Gegenteil. Verbal überzeugen konnte ich bislang noch nie jemanden davon, heute hat sich’s einfach so ergeben.
  • Auch die anschließenden Fragen an die Twitter-Gemeinde (z.B., ob sie Facebook nutzen und warum, oder ob 140 Zeichen nicht zu einengend seien) und die Fragen im Raum ergaben eine äußerst interessante Diskussion. Die Teilnehmer waren sehr neugierig und haben viel gefragt. So machen Vorträge Spaß! …Also, was heißt hier eigentlich „Vortrag“: Es war definitiv nicht „mein Vortrag“, sondern irgendwie eine Netzaktivität im Offline, im Online und im Dazwischen.
  • Deutlich wurde in der zweiten Hälfte: ein Twitter-Moderator muss her, ein Manuel Andrack; diese Funktion hat @tracernet dankenswerterweise spontan übernommen. Hätte ich mit DIESER heftigen Netzaktivität gerechnet, hätte ich mir das vorher überlegt; trotzdem gut, dass es sich noch spontan ergeben hat. Darüber hinaus habe ich mich geärgert, dass ich nicht doch gestreamt habe. Die Anfrage kam ein paar Mal von den Twitterern – zurecht. Also: Eine Twitterwall „nur zur Demonstration mit eins, zwei Fragen“ zu planen mach ich nicht mehr, zukünftig gleich aufs Ganze gehen, mit Streaming und allem drum und dran.
  • Bei solchen Twitter-Aktionen beschleicht mich außerdem immer ein schlechtes Gefühl gegenüber den mittwitternden Menschen „da draußen“: Sie machen alle ganz aktiv mit, bringen sich ein – und ich selbst kann nicht persönlich auf alle Beiträge eingehen, weil die Teilnehmer im Raum einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit beanspruchen; und mehr als ein paar Mal die Twitterwall gemeinsam mit den Menschen im Saal durchzugehen oder mal einen Blick zwischendurch draufzuwerfen schaffe ich einfach nervlich nicht :-). Schließlich kommen noch zahlreiche Fragen aus dem Saal, und ich will „nebenbei“ ja auch noch nen Vortrag halten. Das Ende von solch einer Aktion kommt auch immer recht abrupt, sodass ich das Gefühl habe, die Twitterer „am Ende irgendwie im Regen stehen zu lassen“. Ich fühle mich anschließend dann immer ein bisschen schlecht. Vermutlich (so hoffe ich) ist das unbegründet, weil alle irgendwie ihren Spaß hatten, die Teilnehmer im Saal (im Gegensatz zu mir) auch die Twitterwall ständig im Blick hatten, und der Twitter-Moderator aus dem Saal heraus auf einige Fragen in Twitter reagieren konnte. Trotzdem, das schlechte Gefühl bleibt: Es sind meine Freunde, und ich beschäftige mich zu wenig mit ihnen während des Vortrags. Ist das gerechtfertigt, oder vergesse ich, dass doch das Netz und dessen Interaktion das eigentlich Wesentliche ist?
  • Also: Danke nochmals GANZ HERZLICH an alle, die mitgemacht haben. HERZLICHEN DANK an: @tracernet, @mons7, @Tastenspieler, @heckerstampehl, @walterspannagel, @hosi1709, @TuraSatana, @VolkmarLa, @woxl, @mkarbacher, @otacke, @jeanpol, @LuciLucius, @jpetermo, @nele_we, @fasnix, @FrauFridur, @enicchi, @Antje, @95_BK, @CaroFNG, @deutschonline, @lress, @UserKingsize, @herrlarbig, @TwitLach, @joergeisfeld, @DoreenKroeber, @FriederK, @kprobiesch, @cmarkefka… (ich hoffe, ich habe niemanden vergessen)

Wie habt ihr die Aktion erlebt? Was hat euch gefallen, was nicht?

Impro-Vortrag: Resümee

Veröffentlicht: Dienstag, November 15, 2011 in Twitter, Web 2.0

Gestern hab ich nen Impro-Vortrag in Bad Urach im Rahmen eines Treffens des Netzwerks Senioren-Internet-Initiativen zum Thema „Chancen und Risiken im Social Web“ gehalten. Das Prinzip: Über Twitter und Twitterwall wurden Stichpunkte zugeworfen, die ich aufgegriffen und ein wenig darüber erzählt habe. Das Ganze wurde auch gestreamt, damit die Twitterer, die nicht zufällig gerade in Bad Urach saßen, auch was davon hatten. Ein paar resümierende Gedanken im Folgenden:

  • Die hohe Aktivität auf der Twitterwall hat die Dynamik des Social Web wirklich sehr eindrücklich demonstriert. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die sich beteiligt haben! Die Aktivität war so hoch, dass sogar ein Teilnehmer fragte, ob man die Twitterwall-Änderungen nicht langsamer einstellen könnte. Ich konnte tatsächlich bei weitem nicht alles, was über Twitter eingebracht wurde, aufgreifen. Auch das war letztlich eine schöne Demonstration: Man kann nicht alles, was in Twitter passiert, mitbekommen. Das ist aber auch nicht schlimm: Ein Tweet, der uns im Raum nicht erreicht hat, hat vielleicht andere Menschen in der Twittersphäre erreicht. Also: Alles im Lot.
  • Einigen Teilnehmern (on- und offline) hat der rote Faden gefehlt. Klarerweise konnte es bei diesem Konzept keinen roten Faden geben. Dies mag man an dem Vortrag bemängeln, allerdings hat der Vortrag dafür rüber gebracht, wie Netzaktivität in Twitter und ähnlichen Netzwerken beschaffen ist: Diese hat nämlich oft auch keinen roten Faden, sondern ist überaus sprunghaft. Also: Zweck erfüllt, würde ich sagen. Es ging mir nicht darum, einen geschliffenen Vortrag über das Social Web zu halten, sondern darum, das Social Web in den Vortragsraum zu bringen. Und ich glaube, dies ist gelungen.
  • Eine Erfahrung, die ich bei solchen Events öfter mache: Man kommt eine Stunde vorher, baut alles auf, testet, und dann passiert 5 Minuten vor dem Vortrag irgendwas, was einen in extremen Stress versetzt. So auch gestern: Ich hatte meinen ustream-Stream recht früh getestet, alles lief – bis 5 Minuten vor Vortrag. Dann habe ich das Stativ der Kamera etwas höher gestellt, dabei ein wenig am Kabel gewackelt, und schon hat Windows meine Kamera nicht mehr gefunden. Also: Rechnerneustart. Danach funktionierte zwar der Stream wieder, ich war aber nur in „Micky-Maus-Ton“ zu hören. Gottseidank hat @tracernet das Problem kurz nach Beginn dadurch lösen können, dass er die Audioqualität runtergeschraubt hat. (Reminder an mich: Audioqualität runterschrauben). An dieser Stelle übrigens herzlichen Dank an Ralph Schneider und Kai-Uwe Piazzi für die ausgesprochen gute technische Unterstützung vor Ort.
  • @hskzoom hat mich gebeten, mal aufzuschreiben, was man für dieses Setting alles braucht (falls das mal jemand nachmachen möchte). Also:
    1. Präsentationsrechner: Rechner + Beamer für die normale Präsentation, am besten mit Internetanschluss, um flexibel auf Twitter usw. zugreifen zu können.
    2. Twitterwall-Rechner: Rechner + Beamer + Internetanschluss. Damit wird die Twitterwall an die Wand geworfen. Ich habe den Dienst twitterwallr genutzt.
    3. Streaming-Rechner: Rechner + Internetanschluss + USB-Kamera + Stativ + Funkmikro. Die Kamera wird per USB als Webcam verwendet. Das Funkmikro stellt sicher, dass der Ton gut übertragen wird (das Problem ist ja meist nicht das Bild, sondern der Ton). Als Streaming-Dienst habe ich ustream.tv verwendet. (Leider spielt ustream.tv Werbung ein, und gestern war das Werbung für einen Egoshooter. Nicht wirklich passend, aber auch wieder ein Beispiel zum Thema „Chancen und Risiken des Web 2.0“).
  • Eigentlich hatte ich auch ein Etherpad vorbereitet, um Aspekte zu sammeln und gleichfalls die Möglichkeit zu bieten, von außen Änderungen vorzunehmen. Im Laufe des Vortrags habe ich das schlicht vergessen. Und, ehrlich gesagt wäre es dadurch auch noch komplexer geworden.

Auf einer Wikiseite habe ich Links und Materialien zusammengestellt – diese dürfen dort natürlich gerne ergänzt werden.

So, und jetzt bin ich über eure Meinung zum Vortrag gespannt: Wie habt ihr das erlebt? Habt ihr Verbesserungsvorschläge für solche Aktionen? Ich würde mich auch sehr freuen, wenn Teilnehmer, die vor Ort waren, kommentieren würden! Also: Feedback bitte! 🙂

Über soziale Kontakte und den Wert des Vergessens

Veröffentlicht: Sonntag, September 12, 2010 in Twitter, Web 2.0

Nachdem ich vor einiger Zeit mein – so bezeichne ich es – langjähriges Vernetzungsexperiment beendet habe, komme ich immer mehr ins Grübeln über den Wert der permanenten Vernetzung, die uns die Web-2.0-Welt bietet. (Um vielleicht zu Beginn gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen, das mir immer mal wieder entgegengebracht wird: Ich bin nicht aus dem Internet ausgestiegen, ich bin auch nicht aus dem Web 2.0 ausgestiegen. Ich habe „nur“ einige Formen der Vernetzung in Form von Twitter, Facebook und Co. beendet. Die Möglichkeiten des Web 2.0 schätze ich auch weiterhin sehr, ansonsten würde ich kein Weblog führen, keine Videos bei Youtube einstellen oder meine Wikiversity-Seiten pflegen.)

Ich habe lange Zeit die Möglichkeiten der Vernetzung mit Menschen im Web 2.0 sehr geschätzt. Insbesondere findet man in den Netzwerken auch alte Bekannte wieder, die man lange nicht gesehen oder sogar komplett vergessen hatte. Man findet zufällig unter den Kontakten eines Freundes eine Person, die man selbst einmal „kannte“, und vernetzt sich mit dieser. Das kann jede Menge positive Effekte haben: Man entdeckt gemeinsame Interessen, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben, man bringt Menschen seiner unterschiedlichen Netze mehr oder weniger zufällig zusammen („Was, du interessierst dich für StarWars? Mein Kollege XY aus meinem Kontext ABC auch…“), und man partizipiert plötzlich am alltäglichen Leben derjenigen, die man jahrelang „ignoriert“ hat.

Bei mir hat das bekanntlich zu einer erheblichen Überlastung geführt, insbesondere deswegen, weil ich es übertrieben habe. Vielleicht ist es so, dass das Vergessen sozialer Beziehungen eine besondere Bedeutung im sozialen Miteinander zukommt, die im Kontext des Web 2.0 allzuleicht übersehen wird. Ich möchte es mit der Arbeitsweise des Gehirns vergleichen: Das Gehirn nimmt permanent Eindrücke wahr und verarbeitet diese, indem die aufgenommenen Informationen mit Vorwissen verknüpft werden. Über die Zeit hinweg abstrahiert das Gehirn allerdings von diesen Einzelerfahrungen. Nicht die singulären Informationen werden behalten, sondern deren „wesentlicher Gehalt“, eine abstrakte, summative Repräsentation der Einzelerfahrungen. Mit diesen Abstraktionen arbeitet das Gehirn weiter. Die einzelne Information hat somit ihren Anteil an dem behaltenen Extrakt, wird aber selbst wieder vergessen. Würde das Gehirn sich alle Einzelinformationen merken, würde es vermutlich überlastet sein (platzen, explodieren, wasweißich). Vergessen ist wichtig, um handlungsfähig zu bleiben. Vielleicht sollte auch die Neuronenmetapher dahingehend einmal überarbeitet werden (persönlicher Hinweis an JPM).

Mit sozialen Kontakten verhält es sich vermutlich ähnlich. Es ist gut und sinnvoll, soziale Kontakte „im Sande verlaufen“ zu lassen und sogar zu vergessen – um handlungsfähig zu bleiben. Zwischen „ständigem Kontakt“ und „völliger Kontaktlosigkeit“ gibt es darüber hinaus ein ganzes Spektrum von Kontakthäufigkeiten. Es hat auch einen gewissen Wert, sich mit Personen nur ab und zu auszutauschen. Jeder hat inzwischen Erfahrungen gesammelt, aggregiert und verarbeitet, und man kann sich dann über die Summe der Erfahrungen unterhalten (und nicht etwa wie bei Twitter über die jeweiligen Einzelerfahrungen). Wir brauchen – insbesondere im Web 2.0 – auch etwas wie „Korrespondenzpausen“, die in der Briefkommunikation beispielsweise ganz natürlich waren. Die Neuronenmetapher, die das schnelle Interagieren konzeptionalisiert, sollte stattdessen in bestimmten Situationen bewusst eingesetzt werden (beispielsweise im aktiven Plenum), aber nicht permanent und den ganzen Tag hindurch. JPM hat auch bei meinem Ausstieg aus bestimmten Netzwerken die Metapher dahingehend ergänzt. Punkt 10: „Achtung, hohe Suchtgefahr! Das Neuronenverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden!“

In der neuen Ausgabe von Forschung & Lehre (9/10) bin ich auf einen Artikel über Briefkorrespondenz und darin auf ein Zitat von Goethe gestoßen. Es passt wunderbar in diesen Kontext. Goethe, der schreibfaul bzgl. Briefen gewesen zu sein scheint (wie Felix Grigat in diesem Artikel darlegt), schreibt an Achim von Arnim folgendes über Korrespondenzpausen:

So wie die Pausen ebensogut zum musikalischen Rhythmus gehören als die Noten, ebenso mag es auch in freundschaftlichen Verhältnissen nicht undienlich sein, wenn man eine Zeitlang sich wechselseitig mitzuteilen unterläßt. Strebende Menschen, von welchem Alter sie auch seien, können nicht immer parallel nebeneinander gehen; will man sich nun gar beständig bei der Hand halten, so entsteht daraus ein Hin- und Widerzerren, beiden Teilen unbequem und retardierend wo nicht schädlich.

„Strebende Menschen […] können nicht immer parallel nebeneinander gehen“ – darüber lohnt es sich einmal nachzudenken. Insbesondere wenn man bedenkt, dass durch die permanente Vernetzung im Netz sich nicht nur zwei, sondern zig Menschen tagtäglich austauschen.

Martin Linders Interpretation

Veröffentlicht: Freitag, Mai 28, 2010 in Twitter, Web 2.0

Im Blog von Lutz Berger bin ich auf einen Teaser gestoßen, in dem sich Martin Lindner unter anderem über meine Entscheidung, die Netzaktivität zu kanalisieren, ausführlich äußert. Ich finde, Martin bringt es in zwei Minuten wirklich auf den Punkt. Zum Nachdenken hat mich insbesondere die Deutung angeregt, dass es im Web 2.0 immer wieder „euphorische Phasen“ gibt, und „dann gibt es die Punkte, an denen es ungemütlich wird“ und an denen man Position beziehen muss. Waren wir in einer „euphorischen Phase“, und startet jetzt so etwas wie eine „Phase der Reflexion“?

Breit oder tief?

Veröffentlicht: Donnerstag, Mai 27, 2010 in Twitter, Web 2.0

Mein letzter Weblog-Beitrag über Lobhudelei hat einiges an Unmut hervorgerufen. Er ist zugegebenermaßen etwas forsch formuliert. Ich wollte damit natürlich niemanden verprellen, persönlich angreifen oder gar den Spaß verderben. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir uns langsam mehr Gedanken darüber machen müssen, wie wir im Netz miteinander kommunizieren wollen (das macht ihr sicher auch schon, insofern freue ich mich auf eure Ansichten dazu). Ich möchte in diesem Beitrag einen konstruktiven Vorschlag hierzu machen.

Zunächst aber nochmal zum Problem: Seit einiger Zeit beschleichen mich gewisse Zweifel zum Ertrag und zur Qualität des Kommunikationsverhaltens im Netz (im Allgemeinen) und im Weblog (im Speziellen). Wir produzieren massenweise „content“: Hier ein Text, dort ein Kommentar, hier ein Tweet, noch ein Tweet, ein Link, noch ein Link, vielleicht auch mal ein Video, ein Link, ein Link. Das alles wird zudem noch doppelt und dreifach gepostet und verlinkt und vernetzt. Wir produzieren diese Contentmasse nicht nur, wir rezipieren sie auch. Wir surfen durchs Netz und streifen die von anderen produzierten Inhalte. Ich finde, niemals besser hat der Begriff „surfen“ gepasst. Wir tauchen nicht ein, nicht in die Tiefe. Wir bewegen uns an der Wasseroberfläche, schweben gleichsam auf den Wellen, die wir nur kurz nutzen, um uns zu den nächsten Wellen zu bewegen. Mich selbst habe ich zunehmend dabei beobachtet, dass ich die Texte, denen ich begegne, nicht intensiv lese. Längere Weblog-Beiträge waren mir ein Gräuel. Ich habe mich nur manchmal mit einem Text länger beschäftigt. Ansonsten wurde „gescannt“. Twitter – Scan – Link – Klick – Scan – Link – Klick – Scan – Twitter – Tweet absetzen – Scan – Link – Klick – Scan … Hin und wieder ringt man sich dabei zu einem Kommentar durch. Der darf aber nicht zu lange dauern – es geht gleich zur nächsten Welle. Also mal kurz  ein „Super, weiter so!“ in das Kommentarfeld geklotzt und – Twitter – Scan – Link – … Das Absetzen eines solchen Kommentars wird einem in gewissen Communities noch viel einfacher gemacht: „Gefällt mir“ braucht nur angeklickt und nicht etwa noch eingetippt zu werden, und der nächste Input braucht nicht lange zu warten.

Dabei sehe ich zwei Gefahren:

Gefahr 1: Wir verlieren uns in Quantität. Darunter muss (!) die Qualität leiden. Eine relativ simple und naive Einsicht ist, dass jeder von uns nur bestimmte Ressourcen zur Verfügung hat, die er in Quantität oder in Qualität umsetzen kann. Lasst uns das mal mathematisch modellieren: Gehen wir mal davon aus, dass die einem zur Verfügung stehenden Ressourcen eine Rechteckfläche sind. An der einen Seite des Rechtecks steht „Qualität“, an der anderen „Quantität“. Die Ressourcen (Rechteckfläche) sind begrenzt. Das bedeutet: Wenn ich die eine Rechteckseite (Quantität) vergrößere, muss zwangsläufig die andere Seite (Qualität) kleiner werden, damit die Rechteckfläche nicht zu groß wird. Lege ich hingegen mehr Wert auf Qualität, muss wiederdum die Quantitätsseite verkürzt werden. (Mathematisch Interessierte können das Ganze noch etwas detaillierter funktional modellieren, mit der Anzahl der Dinge (Quantität) auf der x-Achse, der Qualität pro Ding auf der y-Achse, die Ressourcen werden dann durch das Integral repräsentiert; ist aber auch wurscht). Mit meinem Ausstieg aus der permanenten Vernetzung (Twitter, Facebook und Co.) habe ich die Quantitätsseite gekürzt und Raum geschaffen für eine Vergrößerung der Qualitätsdimension.

Gefahr 2: Es entstehen Bewertungsverzerrungen (und darauf bezog sich mein letzter Blogartikel). Ein „Super, gefällt mir!“ ist schnell eingetippt, auch zwei, drei… Dadurch wird eine Atmosphäre geschaffen, die es Kritikern schwer macht, auch Kritik zu äußern. Dies wurde mir von mehreren Personen berichtet, die sich nicht „getraut“ haben, gegen die „eingeschworene Gemeinschaft“ in den Kommentarthreads etwas zu sagen. Jeder, der mal schnell im Vorbeigehen ein Lob loslässt, muss wissen, dass er zu dieser übersteigert-positiven Atmosphäre beiträgt und dass er dadurch die ein oder andere inhaltliche Diskussion verhindert. „Totaler Blödsinn!“ schreibt übrigens kaum jemand im Vorbeigehen. Bei den Lesern entsteht dadurch das Gefühl, dass alles gaaaanz toll ist, ohne dass man sich näher über die Fallen und Stricke Gedanken macht. Warum auch – gleich geht’s ja woanders weiter. Mit einem Inhalt auseinandersetzen ist irgendwie anders.

Was können wir dagegen machen?

Zu Gefahr 1: Hier heißt es: sich selbst beschränken, die Quantität der Qualität zuliebe „opfern“. Ich glaube auch, dass man hierfür nicht unbedingt Zeitmanagement-Kurse belegen muss, denn die dienen ja auch gerade dazu, die Masse zu managen. Ich verzichte einfach bewusst auf die Nutzung bestimmter Systeme und der darin enthaltenen Informationen. Bewusster Informationsverzicht also.

Zu Gefahr 2: Ich werde mich in Zukunft bemühen, meine Weblog-Artikel so zu verfassen, dass sie kritische Punkte hervorheben und vielleicht mit der ein oder anderen „Denkanfrage“ enden. Ich muss sozusagen selbst versuchen, den Blick auf mögliche Kritikpunkte, die mir selbst auffallen, zu lenken. Darüber hinaus wäre es meiner Ansicht nach sinnvoll, wenn Kommentatoren nicht einfach „Super!“ schreiben, sondern beispielsweise „Ich finde das gut, weil…“ oder „Ich finde daran gut, dass…“, „Ich finde das ganz und gar nicht gut, weil…“, „Mich stört daran, dass„, gespickt mit konstruktiver Kritik wie „Wäre es nicht besser, wenn…“ und „Könnte man nicht stattdessen…“. Es geht mir also nicht darum, dass man sich nicht positiv äußern darf. Es ist viel wichtiger, dass man begründet, warum man etwas gut oder schlecht findet. Die Begründungen beziehen sich dabei nämlich auf die Inhalte und tragen somit zu einem inhaltlichen Austausch bei (und nicht nur zum gegenseitigen Schulterklopfen). Wer sich Zeit für Begründungen nimmt, setzt sich intensiver mit einem Thema auseinander und leistet zudem einen wertvollen inhaltlichen Beitrag.

Zeitverschwendung ist die leichteste aller Verschwendungen.
Henri Ford

Über radikale Vernetzung und radikale Ehrlichkeit

Veröffentlicht: Freitag, Mai 7, 2010 in Twitter, Web 2.0

Mein Ausstieg aus der radikalen Vernetzung hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Hiermit möchte ich mich ganz herzlich bei euch für alle Kommentare und Mails, die ich erhalten habe, bedanken. Im Folgenden möchte ich ein paar Gedanken zu meinem Austritt aus Twitter, Facebook und Co. loswerden (eigentlich hatte ich ein Video gedreht, allerdings hab ich Probleme mit der Konvertierung. Also doch als Text.)

Der Ausstieg aus der permanenten Vernetzung war ein wichtiger Schritt für mich (und nicht nur für mich – danke an Gonnie für den Link). Jahrelang habe ich propagiert, dass ein Vorteil von Twitter und ähnlichen Tools ist, dass man immer und überall mit all seinen Bekannten vernetzt sein kann: ehemalige Schulkameraden, Studierende, Kollegen, Gleichgesinnte. Als problematisch hat sich für mich persönlich allerdings herausgestellt, dass ich mich zu einem „prominenten Netzknoten“ entwickelt habe, zu einem „Hub“, wie Mo und Helge es ausdrücken. Rein netzwerktheoretisch betrachtet führte dies – wie Helge bemerkt – zu einer Knotenüberlastung. Zahlreiche Verbindungen wurden immer stärker, es kamen immer mehr Anfragen an mich, und ich fühlte mich verpflichtet, darauf auch zu antworten. Im sozialen Netz erlebte ich so etwas wie eine soziale Verpflichtung zur Kommunikation. Diese Informationsvielfalt kann man als einzelner nicht bewältigen.

Welche Bedeutung hat nun die Neuronenmetapher für mich? Ich empfinde sie immer noch als grandioses handlungsleitendes Bild für Lehr-Lernsituationen. So haben Studierende in der Mathematik oft die Angst, etwas Falsches zu sagen und als dumm zu gelten. Im Sinne der Neuronenmetapher ist jeder Beitrag wertvoll – auch wenn er falsch ist. Fehlerhafte Äußerungen werden somit zum Diskussionsgegenstand, und potenzielle Denkfallen können besprochen werden, weil sie durch das Neuronenverhalten erst sichtbar werden. Allerdings hat jede Metapher ihre Grenzen. Man kann nicht permanent als Neuron agieren, weil man dadurch seine Ruhe verliert. Ich hatte einen kurzen Mailwechsel mit Jean-Pol, der daraufhin seine Metapher durch eine 10. Regel ergänzt hat: „Achtung, hohe Suchtgefahr! Das Neuronenverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden.“

Genau das trifft den Punkt: Ich werden zukünftig das Web 2.0 zielgerichtet, situationsabhängig und punktuell einsetzen. Ich werde Web-2.0-Anwendungen selektiv nutzen: In meinem Weblog werde ich punktuell durchdachte Gedankeneinheiten äußern und mit euch diskutieren. Wikis werde ich einsetzen, um mit anderen gemeinsam an Texten zu arbeiten. Und Social Bookmarking u.ä. werde ich ebenso weiterhin verwenden. Die permanente Vernetzung in Twitter und in Communities funktioniert ab einem bestimmten Vernetzungsgrad allerdings nicht mehr. Darauf werde ich verzichten.

Interessant ist, dass ich ein paar Tage vor meinem Ausstieg noch ein Euroscience Tip Sheet verabschiedet habe mit dem Titel How an open scientist can use twitter. Dort beschreibe ich, welch großen Nutzen Twitter für die öffentliche Wissenschaft hat. Dies führte bei einer Bekannten von mir zu der Frage, ob ich denn meine Überzeugungen alle drei, vier Tage ändere. Selbstverständlich nicht: Es war nur ein ungutes Zusammentreffen zweier Ereignisse, und ich habe lange Zeit die im Tip Sheet dargestellte Position uneingeschränkt vertreten. Und ich bin auch immer noch der Meinung, dass Twitter einen Nutzen hat (so wie dargestellt). Allerdings gefällt mir nun überhaupt nicht, dass ich dort nicht auf die Gefahren und Grenzen eingehe. Ich werde ein zweites Tip Sheet erstellen, das diese Punkte aufgreift.

Letztlich habe ich ein jahrelanges Selbstexperiment durchgeführt. Die Erfahrungen, die ich dabei gesammelt habe, bis hin zum Abbruch dieser Aktivitäten können nun in meine weitere Lehr- und Forschungstätigkeit einfließen. Und nicht nur in die: Ich muss mich selbst wiederfinden und weiterentwickeln.

Mein letzter Twitter-Profilspruch war: „süchtig nach Komplexität“. War es eine Sucht? Das ist eine Frage, die ich wirklich nicht beantworten kann. Ich habe zumindest keine Entzugserscheinungen in dem Sinne, dass ich das Gefühl habe, jetzt unbedingt twittern zu müssen. Aber es war schon eine gewissen Abhängigkeit, in die ich mich da begeben habe. Lange Zeit habe ich die Position vertreten, dass im Netz nicht die einzelne Person mit ihrer Entwicklung wichtig ist, sondern das, was im Netz entsteht („kollektives Wissen“). Man selbst beginnt dann, sich über seine Wirkung im Netzwerk und über den Austausch zu definieren. Demnach muss der Ausstieg zu einer Identitätskrise führen.

„Man selbst ist nicht wichtig, sondern das Netz.“ – „Nicht der einzelne ist wichtig, sondern das Kollektiv.“ Ich bekomme hier – ohne viel von Politik zu verstehen – Assoziationen zu entsprechenden politischen Systemen. Der Vergleich mag übertrieben sein, aber das Hineinsteigern in einen – ja, in letztlich einen ideologischen – Gedanken bis hin zum radikalen Bruch erinnert mich schon an die im Buch „Die Welle“ beschriebene Entwicklung. Vielleicht sollten wir darüber mal intensiver diskutieren: Verbreiten wir eine „Vernetzungsideologie“? (Diesen Gedanken hat grade ein Kollege in einem Gespräch geäußert. Überhaupt muss ich sagen, dass ich seit meinem letzten Weblog-Eintrag so viele persönliche Gespräche wie schon lange nicht mehr geführt habe – offline und intensiv.)

Da ich die „Idee der Vernetzung“ wirklich mit Vehemenz vertreten habe, ist der Ausstieg durch entsprechende Emotionen begleitet. Die Begriffe digital suicide und Grabrede treffen es ganz gut.

Letztendlich bleibt die Frage, wie man eine solche fatale Entwicklung verhindern kann. Mir ist eines klar geworden: Richtig problematisch ist am Web 2.0 die selektive Wahrnehmung. Man vernetzt sich tendenziell mit Personen, welche dieselbe Einstellung wie man selbst hat, also mit Gleichgesinnten. Peter Kruse hat dies beim tazlab in einer analogen Situation kritisiert: Wenn Firmen Mitarbeiter einstellen, dann dürfen sie sich gerade nicht diejenigen heraussuchen, die „so denken wie sie“, sondern gerade diejenigen, die komplett anders denken. Nur so ist eine fruchtbare Entwicklung möglich.

Mir ist aufgefallen, dass alles, was ich mache, bejubelt wird. Wenn ich die permanente Vernetzung propagiere (und im Zusammenhang mit dem Ideologiebegriff von oben muss ich mich wirklich fragen, ob es sich um Propaganda handelt), dann finden es alle gut. Jetzt steige ich komplett aus, und wieder finden es zahlreiche Personen gut. Ich bin extrem verunsichert, ob ich das Richtige tue, weil ich nicht weiß, wie ehrlich das Feedback im Web 2.0 ist. Ich habe neulich mit einem Kollegen darüber gesprochen, und er hat mir gesagt, dass er sich bei meiner Kritik des Schulmeister-Artikels nicht getraut hat, meine Position öffentlich zu kritisieren, weil die entsprechende „Atmosphäre“ nicht da ist, und weil es schwierig ist, solche Kritik ohne Gesten und Mimik überhaupt so zu vermitteln, ohne dabei missverstanden zu werden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich seine Kritik auch tatsächlich verarbeitet hätte – vermutlich hätte ich nicht intensiv drüber nachgedacht.

Ich habe es für einen Vorteil des Web 2.0 gehalten, immer positives Feedback zu bekommen, weil man dadurch motiviert wird, weiter zu machen, und in Flow geraten kann. Letztendlich ist dies aber ein fataler Trugschluss. Viel wichtiger ist die aufrichtige, manchmal auch harte Kritik, denn nur durch sie können wir uns wirklich (!) weiterentwickeln.

Ich war durch meine Einstellung zur permanenten Vernetzung nicht ehrlich zu mir selbst – und damit auch nicht zu euch.

Das Entscheidende, was ich in den letzten Tagen gelernt habe, ist: Radikale Ehrlichkeit ist wohl das wichtigste Gut, was wir einander schenken können. Online und offline.

Am Samstag darf ich auf einem Podium im Rahmen des tazlab teilnehmen. Das Thema: Uni 2.0. Vorab kann man schon über Fragen abstimmen, die wir – ciffi, cervus, literatenmelu, ich und andere – diskutieren sollen. Leitfragen sind:

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke beim Studium 2010 ff? Ist Twitter ein Studientool, wie kann es dazu werden? Wie sieht das E-Learning aus, wenn das E-Learning tot ist? Macht Uni 2.0 Wilhelm von Humboldt erst wirklich möglich – weil sich erst jetzt ProfessorInnen und StudentInnen auf Augenhöhe begegnen?

Zur Vorbereitung habe ich mir 3 Statements überlegt und bereits vor einiger Zeit in Wikiversity eingestellt:

  • E-Learning ist tot. Es lebe E-Learning!
  • Im Web 2.0 überzeugt Authentizität, nicht Autorität
  • Neuronenverhalten führt zu einer veränderten Wissenschaftspraxis

Hier jetzt eine etwas ausführlichere Diskussion der Statements. Ich freue mich über Kommentare!

Statement 1: E-Learning ist tot. Es lebe E-Learning!

Dieses Statement hängt eng mit der Frage zusammen, was eigentlich unter E-Learning verstanden wird. E-Learning im „klassischen“ Sinne ist die Bereitstellung von Online-Inhalten (Texte, Videos, multimediale Materialen) zum Selbstlernen, in der Regel begleitet durch Überprüfungsfragen mit Feedback o.ä. Diese Form des E-Learning ist eine Übertragung des instruktionalen Ansatzes aus Realräumen (wie der Vorlesung) ins Web. Damit verbunden sind zwar einige Vorteile (Studierende können im eigenen Tempo und an jedem Ort lernen), aber auch einige Nachteile: Man lernt „einsam“, denn auch Foren und Chats (so meine intuitive Auffassung) sind nur schwer dazu geeignet, ein echtes „Gruppengefühl“ aufkommen zu lassen. Darüber hinaus muss auch irgendjemand die Inhalte erstellen – und Contentproduktion ist extrem aufwändig, insbesondere wenn die Inhalte auch noch ansprechend, d.h. motivierend, gestaltet sein sollen.

Mit dem Web 2.0 ist das anders: Hier tritt die Rezeption vorgefertigter Inhalte in den Hintergrund. Stattdessen ist Wissensproduktion das zentrale Konzept: Lernenden erstellen gemeinsam Inhalte, sie konstruieren Wissen kollaborativ. Darüber hinaus sind sie in jeder Hinsicht vernetzt, auch über die Beschäftigung mit den eigentlichen Lerninhalten hinaus. Wenn Lernende erst einmal über Twitter, Facebook o.ä. miteinander verbunden sind, dann vernetzen sie sich auch über private bzw. persönliche Themen. Und das ist meiner Ansicht nach ganz zentral! Denn: Inhalte schön und gut. Aber Menschen wollen sich nicht nur mit Inhalten beschäftigen, sondern insbesondere auch mit anderen Menschen. Das soziale Netz wird so zu einer Umgebung, in der man sich „ganzheitlich“ kennen lernt und so eine Basis für die gemeinsame inhaltliche Arbeit schafft. Vergleichen wir das mal mit einem Arbeitsplatz: Menschen, die eng zusammen arbeiten, müssen sich doch auch persönlich verstehen, und man tauscht sich auch gerne über persönliche Themen aus. Wenn diese Basis stimmt, dann geht auch die Arbeit besser von der Hand. In einer funktionierenden Gruppe, in der man den anderen Gruppenmitgliedern vertraut, ist man eher bereit, neue Felder zu erforschen, Risiken einzugehen und auch einmal Fehler zu machen. Wenn Steinzeitmenschen früher gemeinsam auf die Jagd gegangen sind, dann musste auch erst mal die Gruppe funktionieren, damit man sicher sein konnte, sich auf den anderen verlassen zu können. Vermutlich haben diese Menschen sich zunächst auch nicht nur über Jagdstrategien unterhalten, sondern haben erst mal Freundschaften geschlossen.

Zurück zur Erstellung von Inhalten durch die Lernenden: Wenn im Team an Inhalten gearbeitet wird, dann kommt sofort der Projektgedanke zum Tragen: Man hat ein Projektziel (irgendein inhaltliches Produkt), und alle müssen gemeinsam mitwirken, um dieses Ziel zu erreichen – wie im Arbeitsleben auch. Und genau das ist alles andere als einfach. Gruppenprozesse sind kompliziert. Studierende müssen aber lernen, mit Konflikten und Problemen umzugehen. Web-2.0-Tools machen diese kollaborativen Arbeitsprozesse sichtbar, da sie schriftlich oder wie auch immer festgehalten sind. Damit werden sie der Reflexion zugänglich gemacht, und die Teamarbeit selbst wird zum Lerngegenstand. Prozessorientierung, Kompetenzorientierung, wie auch immer man diese Art des Lernens bezeichnen möchte: Web 2.0 bietet eine Plattform, diese umzusetzen.

Selbstverständlich wird man weiterhin auch vorgefertige Inhalte in „traditionellen E-Learning-Angeboten“ weiterhin benötigen – nur Wissen im Team konstruieren zu lassen ist Quatsch. Schließlich ist es nur sinnvoll und effizient, wenn das bisherige Wissen der Menschheit nicht immer wieder selbst konstruiert werden muss, sondern wenn Menschen auch auf fertige Wissensbausteine zurückgreifen können. Was wir benötigen, ist eine Verschränkung von instruktionalen und kollaborativen Anteilen in der universitären Lehre.

Statement 2: Im Web 2.0 überzeugt Authentizität, nicht Autorität

Twitter ist „anarchisch“, „bottom up“ – jeder darf gerne ähnliche, weitere Adjektive dazuerfinden. Menschen sind hier nicht hierarchisch „verortet“, sondern in komplexe Netze eingebunden. Es ist eine gänzlich andere Struktur, als sie an Universitäten bislang vorherrschte: Hier gibt es Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Tutoren und Studierende. Hat ein Student eine Frage, geht er erst mal zum Tutor. Man belästigt ja nicht den wissenschaftlichen Mitarbeiter mit trivialen Fragen. Kann der Tutor die Frage nicht beantworten, geht man zum wissenschaftlichen Mitarbeiter. Man belästigt ja nicht den Professor mit trivialen Fragen. Erst wenn der nicht weiter weiß, geht man zum Professor – und hat in dessen Sprechstunde das Gefühl, in zu belästigen, weil er einem das Gefühl gibt, eigentlich besseres zu tun zu haben. Naja, ok – das Bild ist irgendwie überzogen, aber jeder, der mal studiert hat, kennt solche Situationen in der ein oder anderen Form. Das Lernen an der Universität ist bislang durchzogen von hierarchischen Beziehungen und der damit einhergehenden „Autorität durch Position“. Und dies wird von Professoren auch hin und wieder als „Schutz“ verwendet. Denn Studierende dürfen sich nich erdreisten, einen Professor zu kritisieren! Immerhin: Er ist der Professor! Was er sagt, ist Gesetz!

Derartige Hierarchien werden durch Bottom-Up-Strukturen unterlaufen. Man nehme das Bild von twitternden Studierenden in der Vorlesung: Der Professor beschallt von vorne, und Studierende „verbünden“ sich zeitgleich „im Untergrund“. Erlebt habe ich das in ähnlicher Form auf der Delfi-Tagung: Hier hat am Ende der Ausrichter der Tagung gesagt, dass das Web 2.0 stärker in Tagungen eingebunden werden sollte – und wir haben die ganze Zeit über schon getwittert und eine parallele Netzstruktur außerhalb der „offensichtlichen Struktur“ geschaffen. Solche Bottom-Up-Kräfte machen Personen, die in der hierarchischen Struktur leben, Angst. Denn die Position hilft auch dabei, einen gewissen „Schein“ aufzubauen, eine „Schutzfassade“. Studenten sind wüste Revolutionäre – also sollten sie besser klein und stumm gehalten werden. Diese Haltung wird in Zukunft keinen Bestand mehr haben.

Es gibt nur eine Lösung: Alle Personen im universitären Lehrbetrieb – insbesondere auch Professoren – müssen aus der autoritären Position heraus in das Netz eintauchen und – authentisch sein. Auch Professoren machen Fehler. Prima! Perfekt! Gibt es etwas, was Studierende noch mehr darin bestärken kann, mit eigenen Fehlern konstruktiv umzugehen, als Professoren, die das in aller Öffentlichkeit tun? Sollten Professoren nicht gerade folgende Position beziehen: „Ok, ich habe in meiner letzten Vorlesung einen wirklich großen Fehler gemacht. Studentin XYZ hat diesen Fehler entdeckt und korrigiert. Super! Schaut her: So geht man mit Fehlern in der Wissenschaft um! Niemand ist als Einzelgänger perfekt, und wenn man in der Gruppe denkt, dann gibt es immer jemanden, der Fehler bemerkt.“ Darüber hinaus sinkt die „Unnahbarkeit“ von Professoren, wenn sie in Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen sozialen Netzwerken kontaktierbar sind. Sie werden so zu Denkpartnern innerhalb des Netzes und verstehen sich auch als „permanent Lernende“.

Ähnlich wie bei Statement 1 bedeuten diese Überlegungen nicht, dass wir das eine aufgeben und das andere machen sollten. Auch hier gilt: Selbstverständlich haben Professoren immer noch ausgezeichnete „Expertenknoten“ im Netz, und auch eine gewisse Autorität muss bestehen bleiben (schließlich prüfen sie ja noch). Hier gilt es, ein „gesundes Mittelmaß“ zu finden: Bestehende Strukturen dürfen nicht beseitigt, sondern müssen aufgebrochen werden. Das ist ein Unterschied.

Statement 3: Neuronenverhalten führt zu einer veränderten Wissenschaftspraxis

Wer als Wissenschaftler das Web 2.0 ernst nimmt, der nutzt es als Plattform für die gemeinsame Konstruktion wissenschaftlichen Wissens. Er verlässt den Elfenbeinturm und vernetzt sich öffentlich mit Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern, die sich ebenfalls in seinem Inhaltsgebiet tummeln und so zu wertvollen Denkpartnern werden können. Er hält Ideen nicht zurück, sondern diskutiert sie öffentlich. Dies beschleunigt das Vorankommen der Wissenschaft, da Ideen, die „praxisfern“ oder „irrelevant“ sind, schnell identifiziert und aufgegeben werden können. Jean-Pol meinte mal: „Menschen aus der Praxis sind diejenigen, die die Relevanzfrage besonders gut stellen können.“ In der Bildungsforschung wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass diese Frage zu Beginn des ein oder anderen Forschungsprojekts gestellt worden wäre.

Durch solche „kurzfristigen (Mini-)Projekte“ von Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern ändert sich die Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft: Wissenschaftskommunikation findet nicht „unidirektional“ statt (wissenschaftliches Wissen wird für die Allgemeinheit aufbereitet), sondern bidirektional bzw. vernetzt: Information fließt in verstärktem Maße auch von der „Gesellschaft“ in die Wissenschaft hinein, Wissenschaftler lernen von Nichtwissenschaftlern. Damit werden letztere auch zu Wissenschaftlern – schließlich sind sie am Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion beteiligt. Dies wirft die Frage auf: Was ist ein Wissenschaftler?

Auch hier wieder: Selbstverständlich wird durch diese Art des gemeinsamen Austauschs nicht jeder zum „Wissenschaftler“ im „herkömmlichen“ Sinn. Aber: Das Web 2.0 hilft dabei, verschiedene gesellschaftliche Bereiche stärker miteinander zu vernetzen und Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen. Jeder hat dadurch die Möglichkeit, in den Bereich des jeweils anderen „hineinzuwirken“. Dies ist vergleichbar mit der Vernetzung verschiedener „Hirnareale“: Unterschiedlich spezialisierte Neuronen werden „zusammengeschaltet“ und können Informationen austauschen und sich gegenseitig „korrigieren“.

So, jetzt genug geschwafelt – was ist eure Meinung?

Über Neuronen und Methodenvielfalt

Veröffentlicht: Freitag, März 26, 2010 in LdL, Twitter
Schlagwörter:, , ,

Heute habe ich einen Vortrag in  der Heidelberg International Business Academy gehalten zum Thema Neuronen im Seminarraum und im Web. Teilnehmer waren 15 Dozentinnen und Dozenten der HIB Academy. Inhalte des Vortrags waren das aktive Plenum, LdL, die Neuronenmetapher und Twitter und Co. Mir standen zwei volle Stunden zur Verfügung, und so habe ich auch aus den Vollen geschöpft. Die Devise: Alle Register ziehen.

Aus dem Vortrag habe ich einen Workshop gemacht und dabei verschiedene Methoden eingesetzt, die gleichzeitig beispielhaft für die behandelten Inhalte waren. Der Ablauf in Steno:

  • Einstieg: NICHT theoretisch. Sondern: Aktives Plenum. Ich habe den Raum in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte sollte Power-Point-Vorträge als Methode verteidigen („PPT-Vorträge sind himmlisch“), die andere Hälfte kritiseren („PPT-Vorträge sind Teufelswerk“). Erst mal mit Nachbarn/Nachbarin Argumente sammeln. Dann zwei Personen aus dem Plenum nach vorne geholt: Eine Moderatorin, welche die Diskussion managt, und eine Protokollantin, die Argumente an der Tafel festhält. Ich: wie immer beim aktiven Plenum und bei LdL hinter dem Plenum stehend und das Plenum selbst machen lassen. Resultat: Hitzige Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten.
  • Nach der Vorbereitung mit dem Partner, aber bevor die Moderatorin und die Protokollantin nach vorne gekommen sind: Kurze Twitter-Einführung, parallele Twitterwall erklärt, Tweet abgesetzt: „Bitte euer Statement LIVE mit Tag #hiblive in meinem Vortrag JETZT: PowerPoint-Vorträge sind himmlisch/Teufelswerk, weil… – Danke! :-)“. Twitterwall parallel zum aktiven Plenum laufen lassen. Resultat: Zahlreiche Beiträge, auch teilweise diskussionsartig, beeindruckende Demonstration des Potenzials von Twitter.
  • Anschließend: Video von Erich Hammer gezeigt. Aktives Plenum als Methode eingeführt. Vom aktiven Plenum in der Hochschule berichtet. Neuronenmetapher eingeführt. Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Dann: Vom Maschendraht-Seminar berichtet (mit Folien). LdL eingeführt. Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Dann: Neuronenmetapher-Regeln ausgeteilt. Auftrag: Welcher Regel stimmen Sie vollkommen zu? Welcher Regel stimmen Sie überhaupt nicht zu? Begründung! Anschließend: Diskussion der Regeln, denen überhaupt nicht zugestimmt wird. Aber nicht mit mir, sondern mit Jean-Pol, den ich überraschend per Skype zugeschaltet habe. Ist gleichzeitig Beispiel für die Zuschaltung von Experten in Seminare. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Zum Schluss: Link zu Wiki-Seite für weitere Diskussion und Anregungen mitgeteilt.

Insgesamt war das Feedback der Teilnehmer durchweg positiv. Ich glaube, es hat Spaß gemacht – und vermutlich mir am meisten. 🙂

Danke auch all denen, die sich über Twitter beteiligt haben. Ich finde es nur immer schade, dass ich während der Vortrags/Workshops nicht direkt antworten kann, weil die Situation einfach zu komplex ist. Ich hoffe, das nimmt mir keiner derjenigen, die sich eingebracht haben, übel. 🙂 In Zukunft werde ich mir überlegen, wie man vielleicht sogar die Teilnehmer dazu bewegen kann, auf die Tweets zu antworten. Das wär doch mal was.

Letzte Woche war ich auf der Tagung E-Learning 2009, einer Gemeinschaftstagung der DeLFI 2009, GMW 2009 und des Medida-Prix. Es war eine wirklich außergewöhnlich inspirierende Tagung. Aber nicht etwa wegen der Vorträge – die waren in etwa so wie immer. Nein, der Grund war der persönliche Gedankenaustausch mit ganz vielen äußerst interessanten Personen. Ich habe wirklich sehr viele Bekannte auf der Tagung getroffen, auch Menschen, die ich bislang nur aus dem Web kannte. Und viele Gespräche waren wirklich tief und haben mich sehr nachdenklich gestimmt.

Die wichtigste Erkenntnis für mich aus dieser Tagung ist (Achtung – provokante These): Das Zentrale an einer Tagung ist die persönliche Begegnung, die Vorträge sind zweitrangig. Oder anders formuliert: Die Vorträge bieten höchstens Impulse für inhaltliche Diskussionen. Das Wichtige ist aber der gemeinsame Gedankenaustausch unter den Teilnehmern. Aber wie viel Raum für Diskussionen gibt es auf einer solchen Tagung?

Kaum. Die Vorträge dauern 20 Minuten, anschließend gibt es 10 Minuten „Diskussion“. Die Anführungsstriche sind berechtigt: diskutiert wird nämlich praktisch nicht. Es handelt sich um Frage-Antwort-Spiele, nicht um Diskussionen. Ich bin vermutlich von Barcamps verwöhnt, auf denen ich an wirklich spannenden Gesprächsrunden teilgenommen habe. Mein Vorschlag für zukünftige Tagungen: Die Sessions bestehen aus 10 Minuten Vortrag und 20 Minuten Diskussion. Jeder Vortrag muss mit einigen provokanten Thesen oder interessanten Fragen ans Publikum enden, sodass die Diskussion „angeheizt“ wird. Wer keine spannenden Thesen oder Fragen präsentieren kann, darf keinen Vortrag halten. Wie wär das?

Interessant unter dem Aspekt des gemeinsamen Gedankenaustauschs war auch die Podiumsdiskussion am Ende der Tagung. Gelinde gesagt empfand ich sie als Katastrophe. Es war keine Podiumsdiskussion, es war mehr eine Pressekonferenz. Das lag nicht an den Podiumsteilnehmern – hier fiel der ein oder andere wirklich gute Kommentar. Es lag vielmehr an der Struktur: Die Moderatorin stellt einzelnen Podiumsteilnehmern fragen, diese antworten. Mal ehrlich: Was ist daran eine Diskussion? Als noch viel schlimmer empfand ich, dass dem Auditorium keine Möglichkeit zur Partizipation gegeben wurde. Weshalb durften wir keine Fragen stellen? Es sitzen ca. 200 Fachexperten im Raum und werden „mundtot“ gemacht. Wirklich schade – viel echtes Diskussionspotenzial wurde verschenkt.

Als (fast) vorbildlich empfand ich die Twitter-Integration in die Tagung. Es gab Twitter-Walls, wie ich sie nur von Barcamps kenne. Und fast wäre es auch während der Podiumsdiskussion gelungen, eine Twitterwall zu projizieren – immerhin! Die Verwendung von Twitter führte auf der Tagung zu kontroversen Diskussionen. Wirklich spannend! Auch im Nachhinein beschäftigt die Verwendung von Twitter auf dieser Tagung noch die Gemüter, wie man zum Beispiel hier und hier und hier nachlesen kann. Ein paar Gedanken zur Verwendung von Twitter auf Tagungen aus meiner Perspektive:

  • Es wurde vielfach kritisiert, dass Twitter und Twitterwalls während Vorträgen Aufmerksamkeit abziehen. Klar – allerdings wird die Aufmerksamkeit in die aktive Verarbeitung der Vorträge investiert und nicht etwa in das Abarbeiten von Mails (übrigens auch  ein häufig vorkommendes Phänomen während Vorträgen). Twitter ist für mich ein Denkwerkzeug: Gedanken, die ich während eines Vortrags habe und ich für wichtig halte, twittere ich. Damit werden sie zu Gedankenimpulsen für die anderen Twitterer, die wiederum ihre Gedanken twittern, die ebenso Impulse für mich sind usw. Wird eine Twitterwall gezeigt, können auch die nichtwitternden Personen derartige Impulse bekommen. Über Twitter verarbeitet das Publikum die Vorträge aktiv und gemeinsam – was wünscht man sich als Vortragender mehr?
  • Ideal wäre es, wenn der Vortragende während seines Vortrags Rückmeldung über die Twitterbeiträge bekommt und evtl. gleich Fragen oder Kritik aufgreifen kann. Für zukünftige Tagungen würde es sich anbieten, dass eine Person im Publikum („Twittermanager“) die Diskussion beobachtet und gegebenfalls dem Vortragenden eine zusammenfassende Rückmeldung gibt, auch zwischendurch.
  • Einige Twittermeldungen wurden als „unter der Gürtellinie“ klassifiziert.  Für meinen Geschmack waren die Tweets alle noch  im Rahmen – von Barcamps bin ich durchaus anderes gewöhnt. Nichtsdestotrotz – hier gibt es unterschiedliche persönliche Grenzen. Davon mal abgesehen: Ich habe nur Beschwerden von nichtwitternden Zuhörern gehört, nicht aber von Vortragenden (was nichts zu bedeuten hat, ich bekomme ja nicht alles mit). Vortragende sollten meiner Ansicht nach die Tweets nach dem Vortrag unemotional als Feedback auswerten: Wie ist mein Vortrag angekommen? Was wurde kritisiert? Was kann ich besser machen? Die Tweets können auch so für Wissenschaftler zur Lerngelegenheit werden.
  • Ebenso kritisiert wurde, dass die Tweets öffentlich sind. Mo’s und meiner Ansicht nach muss dies unter gewissen Einschränkungen gesehen werden. Viele Tweets lassen sich nur im jeweiligen Kontext verstehen. Sie stehen zwar im öffentlichen Raum, anfangen können damit aber  oft nur anwesende Personen etwas. Manche Tweets aber – beispielsweise Zitate von besonders tollen Aussagen in den Vorträgen – werden gerne von außen aufgegriffen und kommentiert. Hier sind somit Impulse auch von außen möglich: Die Twittergemeinde holt sich durch Kommentieren der Vorträge Anregungen von Menschen außerhalb des Tagungsorts. Die Reichweite von Vorträgen geht somit weit über den Vortragsraum hinaus, und das Gesagte wird in Interaktion mit Auswärtigen aktiv verarbeitet. Ist das für Vortragende nicht großartig? Ich finde das grandios: Ein Vortrag bewirkt die aktive, kollaborative Auseinandersetzung mit den Inhalten bei Menschen im Raum und außerhalb des Raums.
  • Neben den inhaltlichen Diskussionen ist Twitter auch ein fantastisches Medium für die Pflege persönlicher Beziehungen und sorgt für jede Menge Spaß auf einer Tagung. Ich hätte niemals gedacht, dass mein Tweet „Auf dieser Tagung fehlen definitiv die Kekse“ eine solche Welle von spaßigen Interaktionen erzeugt. Außerdem wurde so Michael Kerres zum Keksretter – ist das nicht total witzig?

In Zukunft würde ich mir wünschen, dass Twitter noch konsequenter in Tagungen integriert wird. Ich vermute, Tagungen würden dadurch intensiver, lockerer, witziger werden. Mir jedenfalls machen Tagungen mit Twitter hundertmal mehr Spaß als ohne. Danke an die Organisatoren, dass ihr Twitter integriert habt!

In den letzten zwei Tagen habe ich einen intensiven Mailwechsel mit Ulli Kortenkamp zum Thema Twitter geführt, den wir im Nachhinein so interessant finden, dass wir ihn gerne im O-Ton veröffentlichen wollen. Hier ist er:

Christian: Hast du etwa deinen Twitteraccount gelöscht??

Ulli: yep.

Christian: Warum denn das??

Ulli: Weil es (mir) nichts bringt. Ich verwende Zeit für Twitter, die ich
anders besser nutzen kann. Und ich setze mich selbst unter einen
Informations-Druck, der mich belastet, ohne mir einen echten Gewinn zu
bringen.

Ich vermisse jedenfalls nichts bis jetzt, ist ja schon mal ein gutes
Zeichen.

Warum brauchst du Twitter?

Christian:
https://cspannagel.wordpress.com/2008/11/19/twitter-und-der-sechste-soziale-sinn/
https://cspannagel.wordpress.com/2008/12/02/twitter-chats-grosraumburos-und-jogginghosen/
https://cspannagel.wordpress.com/2008/11/20/die-maschendraht-community/

🙂

Ulli: Ja, die Argumente kenne ich alle (ich lese ja deinen blog). Aber: nein – mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype. Wenn ich was wissen möchte, dann frage nicht ins Großraumbüro, sondern frage die Experten, die ich kenne (entweder per chat oder mail). Wenn ich ganz allgemeine Fragen habe, dann habe ich Mailinglisten mit communities, die mich nicht von der Arbeit abhalten, sondern mir weiterhelfen.

Twitter ist mir zu flüchtig, zu verrauscht, und vor allem nimmt es eine zu hohe Bandbreite auf dem Input-Kanal weg.

Ich könnte mir nicht vorstellen, auf chat zu verzichten, aber da ist halt klar, ob ich zuhöre, ob andere zuhören, ich kann längere Nachrichten verschicken, etc.

Und ob ich gerade auf den Zug warte oder nicht, das ist für den Rest der Welt so dermaßen unwichtig, das muss ich nicht kundtun (da reicht eigentlich mein Chat-Status).

Was ist eigentlich die CO2-Bilanz für einen Tweet ;-)?

Also, ich bin einfach mal Trendsetter und sage: Twitter ist out. Das ist irgendwie letztes Jahrzehnt. (10 Jahre früher hätte ich gesagt: das ist soooo 90er).

Vielleicht blogge ich das ja auch.

Christian:

> mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype.

Mmh… ok, kann ich natürlich nachvollziehen, und ich will ja auch nicht missionieren. Aber Twitter hat schon einige andere Eigenschaften. So liest beispielsweise mein Projektmitarbeiter meine Tweets. Ich muss ihm also nicht erzählen, was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm natürlich auch erzählen – aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also schreibe ich einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr doppelt und dreifach erzählen. Ist doch super, oder? 🙂 Das kriegst du mit den anderen Tools nicht hin.

Und: Abhalten tut mich twitter nicht. Es ist ja nicht so, dass ich alle Tweets meiner Friends lese. Ich schaue ab und zu mal rein, scroll vielleicht mal nach unten. Vieles sehe ich nicht – was aber auch nicht schlimm ist. Man darf nicht den Überblick über alles behalten wollen. Dann lebt es sich damit recht entspannt…

🙂

Ulli:

> Ich muss ihm also nicht erzählen,
> was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm
> natürlich auch erzählen –
> aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also
> schreibe ich
> einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr
> doppelt und dreifach erzählen.
> Ist doch super, oder? 🙂

Nee. 🙂

Denn:

1) Du weißt nicht sicher, ob es jeder weiß, du kannst dich also nicht darauf verlassen
2) Du produzierst ein Rauschen, weil nicht jeder alles wissen will, was du tust
3) Du hast keine Abstufung in der Kommunikation – du kannst nicht (oder nicht gut) einzelne Events hervorheben
4) Du hast nicht die Rückmeldung, die du bei einer direkten Kommunikation hättest (halt „nur“ Maschendraht — das ist schon ganz fein, aber eben nicht direkt)

Das ist also mehr so ein „brute force“-Ansatz zur Problemlösung. Sowas macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Vielleicht hilft hier ein Vergleich mit Optimierungs-Algorithmen. Genetische Algorithmen oder Simulated Annealing sind lustige Lösungsansätze, die auch oft ganz gut helfen, und vor allem dann geeignet sind, wenn man nicht mehr über die Struktur eines Problems kennt. Sobald man aber mehr darüber weiß, kann man einen besseren Lösungsansatz wählen — kürzeste Wege auf diese Art und Weise zu finden geht zwar, ist aber „vernünftigen“ Algorithmen weit unterlegen, außer es kommt dir auf nur ganz grobe Annäherungen an, dann findet man suboptimale Lösungen mit den generischen Lösungsalgorithmen evtl. schneller.

Wenn ich was wissen muss oder kommunizieren möchte, dann rüttele ich nicht am Maschendrahtzaun, sondern ziehe an einem speziellen Draht, notfalls auch an mehreren. Das funktioniert natürlich nur, weil ich bereits ein großes Kommunikationsgeflecht mit vielen Spezialisten habe.

Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Christian:

> Das ist also mehr so ein „brute force“-Ansatz zur Problemlösung. Sowas
> macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Genau – deshalb dieser Ansatz. Oft weiß ich gar nicht, welche Effekte Tweets haben können. Es kommen oft Anregungen aus Ecken, von denen ich das gar nicht vermutet hätte.

Ich benutze natürlich auch die direkten Wege. Ich mache beides. So habe ich sowohl die direkte Antwort als auch das Rauschen, aus dem ich vielleicht das ein oder andere noch rausziehen kann. Und da können durchaus sehr spannende Sachen drunter sein.

Durch diese Art nutzt man auf der einen Seite „das Gehirn des Experten“, den man direkt anschrieben hat. Das ist gut. Auf der anderen Seite nutzt man „800 Gehirne seiner Peer-Group“. Wenn nur 1 oder 2 Gehirne dabei sind,
die ungewöhnliche Assoziationen haben: Perfekt!

> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler Entscheidungen – und in der Regel nicht um die „wahren“ Gründe. 🙂

Christian: … wie würdest du so eine Frage beantworten, wenn du daran interessiert bist, was „die Leute“ (damit meine ich die Webmenschen) das handhaben?

http://twitter.com/cspannagel/status/1244646314

Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf Antworten! 🙂

Ulli:

>> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
>> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.
>
> Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei
> handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler
> Entscheidungen – und in der Regel nicht um die „wahren“ Gründe. 🙂

🙂 schon klar. Auch ich kann mich nicht frei von kognitiver Dissonanz machen.

Mein Problem mit dem „800 Gehirne nutzen“ ist volkswirtschaftlich: Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt, dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

(schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu twittern 🙂 — aber die Diskussion macht mir Freude)

Christian:

> Mein Problem mit dem „800 Gehirne nutzen“ ist volkswirtschaftlich:
> Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt,
> dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit
> abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich
> spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann
> über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

Es ist ein halber Tag Gehirnzeit, der praktisch ohne großen Aufwand zur kollektiven Wissenskonstruktion aufgewendet werden kann – im Gegensatz zum Dahindümpeln der 800 Gehirne in dieser Minute. Außerdem: Durch einen einzigen Tweet kann man so die Konstruktionen der anderen Gehirne beeinflussen, ihnen neue Ideen geben, selbst neue Ideen aufnehmen usw. Man bildet eine „Gehirngruppe“, die intern über viele neue Wege vernetzt ist, und diese Vernetzungen kann man prima nutzen. Natürlich geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts aber auch in meinem Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich erweitere aber auch die guten Konstruktionen. Prozentual bleibt das gleich – allerdings habe ich eine größere Wissensbasis, auf die ich zugreifen kann. (Und auch das System an sich profitiert davon)

> (schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu
> twittern 🙂 — aber die Diskussion macht mir Freude)

So geht’s mir auch. 🙂

Ulli:

> Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf
> Antworten! 🙂

Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Oder ich frage Ulli, und der sagt: „ich habe ein update gemacht“

Ulli:

> Natürlich
> geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts
> aber auch in meinem
> Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich
> erweitere aber auch die guten Konstruktionen.

Da kommt natürlich das psychologische Problem hinzu, dass man sich meist besser als der Durchschnitt wähnt. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Twitter mehr mit Schrott erweitere als mit guten Konstruktionen.

Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Christian:

> Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Witzig – kannte ich noch gar nicht. Leider findet man dabei natürlich heraus, dass es eigentlich „geupdatet“ heißen müsste, nicht „geupdated“. Sowas bekommt man nur durch Befragung vieler Menschen heraus. 🙂

> Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Das würdest du nie machen, weil es dafür nicht SOOO wichtig ist. Es hat ja nur eine gewisse Relevanz – irrelevant ist es aber nicht, weil mich gerade die Frage beschäftigt. So relevant, dass ich es an eine Mailingliste schreiben würde, isses aber auch nicht. Also: Was tun?

Christian:

> Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst
> dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht
> vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass
> ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als
> würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Doch, das ist genau mein Gegenargument. Das war schon mein Gegenargument bei den ganzen Menschen, die gesagt haben „Ah, ich will kein Handy. Ich will nicht immer erreichbar sein.“ Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen, die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. 🙂

Ulli:

> Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen,
> die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. 🙂

Es geht um das Gefühl. Ich habe das Gefühl, ich verpasse etwas, das ist ungefähr so, wie man sich auf einer Party ärgert, wenn man mal aufs Klos muss und die anderen in der Zwischenzeit weitererzählen.

Ulli:

> Also: Was tun?

Wie gesagt: „ein update machen“ 🙂

Und aufheben für den nächsten real-life-Kaffee und dort diskutieren.

Ulli

(und natürlich muss es am Ende ein „t“ sein, es ist ja die deutsche
Endung)

Christian: Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für dich? (Darfst natürlich auch nein sagen…)

Ulli:
> Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für
> dich?

ja, auf jeden Fall, ich würde das dann gerne parallel-bloggen 🙂

Wir können ja auch noch eine Abstimmung zu dem Thema einrichten – was ist deine Meinung, soll Ulli twittern oder nicht?

🙂

Christian: Hier ist der Link zur Abstimmung – soll Ulli twittern oder nicht?