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Digitalisierung im Lehramtsstudium

Veröffentlicht: Montag, April 3, 2017 in Uncategorized
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Zusammenfassung: Wenn Schüler*innen Medienkompetenzen erwerben sollen, müssen Lehrer*innen diese bereits besitzen und haben diese am besten auch im Studium erworben. Wenn Lehramtsstuden*innen Medienkompetenzen erwerben sollen, müssen Hochschuldozent*innen diese bereits besitzen. Wer sieht den Fehler im System?

Heute bin ich eingeladen, bei einer Veranstaltung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg im Rahmen eines Workshops teaching4future beim Runden Tisch „Wissenschaft und Kultur digital@bw“ einen kleinen, fünftminütigen Impuls zum Thema „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ (genauer: im Lehramtsstudium) zu geben. Beginnen möchte ich mit folgendem Dreischritt:

  1. Vom Ende her gedacht: Die Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft sollten (neben vielen anderen Dingen) auch produktiv und vernünftig mit digitalen Medien umgehen können. Der einzige Ort, an dem eine Gesellschaft systematisch sicher stellen kann, dass die nachfolgenden Generationen medienkompetent heranwachsen, ist die Schule. Den Lehrer*innen kommt hier also eine besondere Bedeutung zu: Sie müssen die Medienkompetenzen besitzen, die sie ihren Schüler*innen vermitteln sollen (idealerweise noch mehr), und zusätzlich benötigen sie mediendidaktische Kompetenzen.
  2. Der einzige Ort, an dem eine Gesellschaft systematisch sicher stellen kann, dass alle Lehrer*innen medienkompetent sind, ist die Lehramtsaus- und weiterbildung. Obwohl der Erwerb und die Weiterentwicklung von Medienkompetenz natürlich ein lebenslanger Prozess ist, kommt dem Lehramtsstudium eine besondere Rolle zu: Hier werden neben den basalen Theorien und ersten praktischen Erfahrungen auch die grundlegenden Einstellungen und Haltungen gegenüber dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht erworben. Wichtig ist neben den speziellen medienpädagogischen und mediendidaktischen Vorlesungen und Seminaren auch, dass die Studierenden Erfahrungen beim Lernen mit digitalen Medien in nicht-medienbezogenen Lehrveranstaltungen machen, also in den Bildungswissenschaften und den Fächern bzw. Fachdidaktiken: Digitale Medien sind Werkzeuge und können somit in allen Lehrveranstaltungen zum Lernen und Lehren eingesetzt werden – natürlich nur dort, wo es sinnvoll ist. Also müssen alle Dozent*innen, die in der Lehramtsausbildung tätig sind, die Medienkompetenzen und mediendidaktischen Kompetenzen besitzen, die sie ihren Lehramtsstudent*innen vermitteln sollen (idealerweise noch mehr).
  3. Achtung, aufgepasst, jetzt kommt der kritische Punkt: Wo ist der Ort, an dem die Gesellschaft sicher stellen kann, dass alle im Lehramtsstudium tätigen Dozent*innen medienkompetent sind? Genau: den gibt es nicht wirklich. Es wird ja niemand zum Hochschullehrer ausgebildet. Wie in jedem Studium hängt der Einsatz digitaler Medien vom individuellen Interesse und Engagement einzelner Dozent*innen ab. Das ist extrem unbefriedigend. Der Einsatz digitaler Medien im Lehramtsstudium darf doch nicht auf Zufall und Freiwilligkeit beruhen, sondern muss systematisch und strukturell verankert werden.

Wie soll das gemacht werden? Die Antworten darauf sind nicht einfach, aber vielleicht genügt es auch erst einmal, entsprechende detailliertere Fragen zu stellen:

  • Wie kann der Erwerb von Medienkompetenzen und mediendidaktischen Kompetenzen noch stärker im Curriculum des Lehramtsstudiums verankert werden? Problem dabei: Es soll ja nicht nur um entsprechende Inhalte gehen, sondern auch den methodischen Einsatz von digitalen Medien, und Methoden kann man schlechter vorschreiben als Inhalte.
  • Wie kann eine Digitalisierungsstrategie der Hochschule dabei unterstützen, digitale Medien im Lehramtsstudium stärker zu verankern?
  • Welche Anreizstrukturen können geschaffen werden, um den Einsatz digitaler Medien noch mehr zu motivieren?
  • Welche hochschuldidaktischen Fort- und Weiterbildungsstrukturen können aufgebaut werden, um den Erwerb von Medienkompetenzen und insbesondere mediendidaktischen Kompetenzen zu fördern? Problem dabei: Hochschuldidaktische Fortbildungen werden erfahrungsgemäß von nicht so arg vielen Dozent*innen besucht. Ein erster Ansatz könnte vielleicht sein, vermehrt fachbezogene hochschuldidaktische Fortbildungen anzubieten, also beispielsweise ein Workshop zum Einsatz digitaler Medien in Mathematikvorlesungen usw. – das dürfte zumindest die in der Regel eher fachlich als didaktische orientierten Dozent*innen mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit ansprechen.

Ein Kommentar noch am Schluss: Es geht natürlich nicht um Digitalisierung überall und um jeden Preis, sondern den adäquaten Einsatz digitaler Medien. Lehramtsstudent*innen müssen natürlich genauso lernen, mit analogen Medien sinnvoll umzugehen und diese im Unterricht einzusetzen. In medio virtus [1].

Was sind eure Gedanken dazu?

[1] Spannagel, C. (2015). Digitale Medien in der Schule: in medio virtus. LOG IN, 180, 22-27.

Lernzeit effektiv nutzen: Süßer die Glocken nie klingen

Veröffentlicht: Donnerstag, Juli 2, 2015 in Uncategorized
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Wie viel Zeit geht zu Beginn einer Vorlesung oder einem Seminar drauf, bis alle ruhig sind, sodass man anfangen kann? Ziemlich viel. Ich habe früher immer lange gewartet, bis es mucksmäuschen still ist. Das kann dauern, ist aber extrem wichtig. Man muss eine Stecknadel fallen hören. Erst wenn keiner mehr das Holztischchen vor sich herunterklappt, mit dem Mäppchen raschelt, einen Ordner aus dem Rucksack heraus holt oder eine Wasserflasche unter Zischen öffnet, kann man in Ruhe beginnen. Alle konzentrieren sich auf das, was vorne passiert, und als Dozent muss man nicht schreien.

Ich habe andere Dozentinnen und Dozenten noch nie verstanden, wenn diese sich beklagt haben, dass die Studierenden zu laut sind. Ich bin davon überzeugt, dass dies in der Verantwortung der Dozentin bzw. des Dozenten liegt. Wer Ruhe kultiviert, braucht nicht zu schreien. Wer über Lärm hinweg geht, hat keine Chance.

Ruhe ist wichtig, damit alle konzentriert bei der Sache sein können. Ruhe ist umso schwieriger zu gewährleisten, je öfter man zwischen Frontalphasen und Arbeitsphasen wechselt. In der Methode Think – Pair – Share beispielsweise beraten sich Studierende zu nächst mit der Nachbarin oder dem Nachbarn über eine Frage, bevor dann alle im Plenum darüber diskutieren. In der „Pair“-Phase ist somit eine produktive Unruhe erwünscht, in der „Share“-Phase allerdings nicht, denn hier muss es wieder mucksmäuschenstill sein, damit man die studentischen Beiträge versteht.

Früher habe ich auch bei solchen Phasenwechseln immer wieder „ewig“ gewartet, bis alle ruhig sind (also kein Klappern, kein Rascheln usw.). Ständig musste ich „Psssscht!“ sagen oder zur Ruhe ermahnen. Das ist sehr anstrengend und strapaziert die Nerven von allen Anwesenden.

Neulich ist mir im Praktikum an einer Grundschule wieder einmal aufgefallen, wie doof ich eigentlich bin. Ich meine damit: Es gibt doch schon super Methoden und Rituale in der Schule für alle möglichen Zwecke. Wieso komm ich eigentlich nie auf den Gedanken, diese auch in der Hochschule einzusetzen? Insbesondere in den Lehramtsstudiengängen: Weshalb verwenden wir dort nicht auch die Methoden, die unsere zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in der Schule einsetzen werden?

Zu Beginn dieses Semesters habe ich getestet: den Klangstab. In der ersten Sitzung habe ich mit meinen Studierenden ein Ritual eingeübt: Ich lasse den Klangstab ertönen. Nach drei Sekunden schlage ich ihn wieder an. Beim zweiten Schlag darf niemand mehr etwas machen oder sagen. Mucksmäuschenstill müssen alle sein. Keine Bewegung. Zwei, drei mal habe ich das geübt. Und es hat funktioniert: Arbeitsphase („murmel murmel murmel“). Klangstab. Ruhe. Entspannte Diskussion.

klangstab

Alternativ tut es übrigens auch eine sogenannte Pädagogenglocke oder Rezeptionsklingel, die wir einmal beim Hörsaalspiel Ring the Bell! eingesetzt haben. Alles in allem kann man aber sagen: Große Investitionen sind nicht notwendig.

Durch dieses einfache Ritual wird mühsames Ermahnen und lautes „Bitte seid jetzt ruhig.“ komplett überflüssig. Der Klang hat ausreichend Signalwirkung. Relativ schnell konnte ich sogar auf den zweiten Schlag nach drei Sekunden verzichten. Der erste Ton genügte, und alle waren sofort ruhig. Mittlerweile kann ich sogar ganz auf den Klangstab verzichten, weil ein einfaches „Jetzt tragen wir alle Erkenntnisse zusammen.“ genügt, dass alle mucksmäuschenstill sind. Verblüffend.

Ich hab die Idee mal weitererzählt, und einige erste Reaktionen waren: „Das ist ja Konditionierung!“ Ich habe mich auch zunächst gefragt, ob dieses Ritual in der Hochschullehre angemessen ist und ob es sich nicht um „Dressur“ handelt. Aber: Es ist ein wirklich effektives Verfahren, um einen schnellen Phasenwechsel zu gewährleisten, und man gewinnt wertvolle Lern- und Diskussionszeit. Und ganz wichtig: Nerven werden geschont.

Wie seht ihr das?

Flipped Classroom: Frequently Asked Questions

Veröffentlicht: Mittwoch, Juni 3, 2015 in Uncategorized

Einige Fragen werden mir öfters zum Flipped Classroom gestellt:

  • Wie sieht es mit Wirksamkeitsstudien aus?
  • Wie geht man mit großen Gruppen in der Präsenzveranstaltung um?
  • Und was macht man, wenn sich keiner auf die Präsenzsitzung vorbereitet hat?

Ähnliche Fragen haben auch die Teilnehmer_innen eines Kurses von Axel Blessing (PH Schwäbisch Gmünd) gestellt. Daher haben wir uns gestern, als wir so gemütlich beisammen saßen und nix anderes zu tun hatten :-), dazu entschlossen, ein paar Antworten aufzuzeichnen:

Gerne darf hier natürlich wieder diskutiert werden!

Mobil präsentieren im Hörsaal

Veröffentlicht: Donnerstag, Januar 15, 2015 in Uncategorized

Angeregt von ein paar Sessions auf dem EduCamp, von einem Vortrag von Beat Döbeli Honegger in Heidelberg und von Methoden von Michael Gieding habe ich jetzt erste Versuche mit „mobilem Präsentieren“ im Hörsaal gemacht. Die Idee dabei: Ich möchte mit meinem Tablet von jeder Position im Hörsaal aus präsentieren können. Mit Folienpräsentationen funktioniert das sowieso gut, wenn man einen Presenter hat, oder wenn man das iPad mit dem iPhone koppelt. Wenn man aber beispielsweise Tools wie GeoGebra verwenden möchte, dann ist man an das Stehpult gefesselt, weil das Tablet per Adapter am Beamerkabel hängt. Da ich gerne die Position im Raum wechsle, ist es für mich immer mit einem unguten Gefühl verbunden, am Platz stehen bleiben zu müssen. Ich habe gerne räumlichen Kontakt zu den Studenten und befinde mich beispielsweise lieber an der Seite des Raums als vorne am Pult, wenn ich etwas erzähle.

Jetzt hab ich erstmals eine technische Lösung zum mobilen Präsentieren ausprobiert. Ich habe verwendet:

Das Prinzip: Den AppleTV schließe ich an den Beamer an. Mit dem mobilen Router, den man einfach in eine Steckdose steckt, baue ich mir ein eigenes WLAN auf. In dieses WLAN binde ich den AppleTV und mein iPad ein. Das ist super easy, denn wenn man die Konfiguration nicht ändert, muss man einfach alles nur einschalten bzw. einstöpseln, und die Verbindung steht. Jetzt kann ich das Display meines iPads über das WLAN mit dem AppleTV synchronisieren, und das Bild des iPads ist auf dem Beamer zu sehen. Einfacher geht’s nicht.

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Erste Erfahrungen:

  • Ich fühle mich sehr wohl, mobil im Hörsaal unterwegs zu sein und von jedem Punkt aus etwas vorführen zu können. So lassen sich leichter Unterrichtsgespräche mit den Studierenden führen. Ich kann das iPad beispielsweise auch mal einer Studentin oder einem Studenten in die Hand drücken und sie bzw. ihn bitten, etwas den anderen zu zeigen.
  • Mit Explain Everything und dem Mikro im iPhone-Kopfhörer dabei gleichzeitig aufzuzeichnen war für mich ein gehöriger cognitive overload. Hat nicht richtig funktioniert, weil’s zu viel auf einmal war. Mein iPad-Stift ist auch noch nicht ideal. Hier gilt vermutlich: Übung macht den Meister.
  • Super geeignet ist die Lösung zur Präsentation studentischer Arbeitsergebnisse (Danke an Micha für diesen Tipp!). Beispiel: Studierende arbeiten an einer Aufgabe. Man läuft herum, fotografiert die Ergebnisse mit dem iPad, und anschließend zeigt man sie über die oben beschriebene Verbindung auf dem Beamer. Dann kann man verschiedene Lösungen präsentieren und mit Studierenden diskutieren. Hierbei sollte man aber die Bildschirmsychronisation zeitweise ausschalten, weil man den Fotografierprozess nicht allen präsentieren möchte, und weil man bei der Auswahl eines Fotos aus der Fotobibliothek gegebenenfalls auch nicht seine Urlaubsfotos allen Studierenden zeigen möchte. Ein eigener Ordner für Hörsaalfotos ist empfehlenswert. Darüber hinaus ist es gut, wenn man den Studierenden Arbeitsblätter oder vorstrukturierte Seiten zum Ausfüllen ausgegeben hat, weil dann alle Fotos eine gewisse Ähnlichkeit in der Struktur haben (im Vergleich zu beliebig aufgeschriebenen Lösungen in einem Block). Das erleichtert die Diskussion und ist eine „Papier-Variante“ des Classroom Presenters.

Für die Schule ist solch eine technische Lösung natürlich super, insbesondere wenn man kein gutes WLAN zur Verfügung hat. Mit dem mobilen WLAN-Router baut man sich einfach schnell ein eigenes auf und kann mobil im Klassenzimmer präsentieren oder Schülerlösungen fotografieren und im Unterrichtsgespräch diskutieren. Und wenn man einen Klassensatz iPads hat, dann können Schülerinnen und Schüler von ihrem Platz aus die Arbeitsergebnisse auf ihrem eigenen iPad einfach selbst vorne auf dem Beamer präsentieren. Solche Lösungen erscheinen mir massentauglich zu sein.

Vorteil der oben beschriebenen Lösung: Sie funktioniert einwandfrei und tadellos mit Apple-Produkten. Nachteil: Sie funktionert nur mit Apple-Produkten. Die gute Nachricht: Es gibt auch Alternativen für Android und Windows, nämlich ChromeCast und Miracast. Wir würden das gerne auch mal mit Android- und insbesondere auch Windows-Geräten ausprobieren (Wir haben Sony Vaio Duo 11 Laptops). Ich habe mal recherchiert, aber die Miracast-Ecke ist wesentlich unübersichtlicher als die Apple-Ecke. Hat jemand von euch Erfahrungen mit einer funktionierenden technischen Konfiguration für Windows-Geräte gemacht und kann uns einen Tipp geben, welches Miracast-Gerät man nehmen kann?

 

10 Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien in der Schule

Veröffentlicht: Montag, Dezember 15, 2014 in Uncategorized

Für einen Zeitschriftenbeitrag zum Thema „10 Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien in der Schule“ möchte ich gerne einen Diskussionsraum schaffen. Daher stelle ich hier nochmal meinen Vortrag ein (in der Videobearbeitung von Oliver Tacke). Diskutiert werden darf unten in den Kommentaren.

Zurzeit gebe ich an der PH Heidelberg ein Seminar zum Thema „Aktionsforschung und Design-Based Research“. In dem Seminar ist der Wunsch aufgekommen, einmal ein ausführliches Beispiel zu sehen. Daher habe ich meinen Vortrag im Rahmen des Qualitätstags der PH Heidelberg am 25. November 2014 genutzt, um mal ausführlich darzustellen, wie ich Aktionsforschung im Rahmen meiner Mathematikvorlesungen in den letzten Jahren durchgeführt habe. Hier ist die Aufzeichnung:

Ängste von Erstsemestern: muss ich sensibler werden?

Veröffentlicht: Freitag, November 21, 2014 in Uncategorized

Fazit: Im Mathe-MOOC, den wir auch in unseren eigenen Vorlesungen einsetzen, verfolgen wir ein Konzept, in dem wir weniger „fertige Mathematik“ präsentieren, sondern in dem Studierende sich selbstständig anhand von Aufgaben und Impulsen mathematische Konzepte erarbeiten (basierend vor allem auf den didaktischen Herangehensweisen von Michael Gieding und auch auf der Diskussion mit Peter Baireuther). Das bedeutet: Oftmals gibt es zu Aufgaben keine „Musterlösung“, und es wäre kontraproduktiv, solche bereit zu stellen. Die Mail einer Studentin von heute hat mich aber zum Grübeln gebracht: Ich glaube, ich verstehe tatsächlich zu wenig von Ängsten und Nöten von Erstsemester-Studierenden. Vermutlich bin ich manchmal schon „zu weit weg“. Ich muss versuchen, mich mehr in die Studierenden hineinzudenken, und ich muss mich intensiver erinnern, wie es bei mir damals war. Das Konzept der Veranstaltung (MOOC + Flipped Classroom + teilweises selbstentdeckendes Lernen) verlangt wesentlich mehr Sensibilität für die Probleme mancher Studierender von mir.

Mit Erlaubnis der Studentin drucke ich hier den Mailwechsel ab:

Sehr geehrter Herr Spannagel,

Ich sitze normalerweise in Ihrer Vorlesung „mathematische Grundlagen 1“ und bin am verzweifeln. Ich habe Mathe immer gemocht und meine Lehrer haben mich immer für meine schnelle Auffassungsgabe gelobt. Ich habe auch gerne geknobelt und lange an Aufgaben gesessen und rumprobiert – aber momentan bin ich wirklich am Ende meiner Kräfte. Diese ganze „ich vergesse Mathe“ und wende es dann trotzdem an, finde ich einfach nicht logisch. Ich bin kurz davor alles hinzuschmeißen und habe auch soeben versucht sie telefonisch zu erreichen. Ich brauche einfach in gewissen Dingen klare Anweisungen.

Ich habe ehrlich sehr große Probleme mit dieser Arbeitsweise und leider sind mir auch meine Kommilitonen keine große Hilfe. Mir persönlich würden Lösungen der Aufgaben sehr weiterhelfen – und zwar nicht welche die irgendwer ins Internet postet und unter die drei Tage später mal jemand anders was schreibt, sonder ein Erwartungshorizont Ihrerseits. Ich würde Sie wirklich von ganzem Herzen bitten, uns eine Lösung der von Ihnen gegebenen Aufgaben der letzten und dieser Woche zu geben. Denn etwas derartiges findet man im Internet kaum und ich weiß wirklich nicht, was Sie eigentlich von mir hören wollen. Ich bin nicht unbedingt der belastbarste Mensch, das weiß ich auch, aber ich bemühe mich, die mir gestellten Aufgaben zu lösen. Und nun sitze ich hier und weiß einfach überhaupt nicht, was ich zu den Aufgaben schreiben soll. Denn im Kopf ist das alles klar und ich kann nicht alles vergessen, was ich weiß. Aber ich könnte vielleicht lernen, nachzuvollziehen, was man an bestimmten Stellen noch nicht weiß, wenn ich eine Lösung zum nachvollziehen hätte. Und diese dann, wenn ich auch Zeit und Raum habe, mich damit zu beschäftigen. Oder wenigstens rauszufinden ob sie stimmt – ob mit Taschenrechner oder durch Vergleiche. Aber diese Unwissenheit ob ich völlig auf dem Holzweg bin oder nicht ist echt schwer auszuhalten.

Ich bin immer noch völlig durch den Wind, weil mich das ehrlich ziemlich mitnimmt. Wahrscheinlich würde ich, wenn ich noch länger nachdenken würde, diese Email gar nicht abschicken. Aber ich weiß auch, dass ich mit dieser Art Aufgaben ohne Erwartungshorizont oder äquivalente Beispielaufgabe nicht auf Dauer klar komme und bitte Sie deshalb ganz herzlich, mein Anliegen zu berücksichtigen und auch darauf einzugehen.

Und hier meine Antwort:

Liebe XY,

vielen Dank für deine Offenheit. Ich kann mir vorstellen, dass manche Aufgaben, die ich stelle, dich verunsichern (z.B. die smarten Quadrate, manche Aufgaben zum „Wundern, Staunen und beweisen“ usw.), weil es keine richtige Lösung gibt, mit der man vergleichen kann.

Ich finde es schade, dass der Schulunterricht dir (und vielen anderen) den Eindruck vermittelt hat, in der Mathematik gibt es immer eine richtige Lösung, gegen die man eigene Ideen vergleichen kann. Es gibt so viele interessante Knobelsituationen, in denen es einfach kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Ich möchte gerade nicht den „Fehler“ fortsetzen, „Musterlösungen“ für alle Aufgaben auszugeben, gegen die man dann seine Lösung vergleicht. Für manche mache ich das – nämlich für diejenigen, bei denen das geht und sinnvoll ist (siehe die Videos, die ich jetzt in der aktuellen Unit online gestellt habe).

„Frische“ Lehrerinnen und Lehrer wiederholen oft den Unterricht so, wie sie ihn selbst erfahren haben, und das ist nicht immer gut. Ich würde euch gerne zum Umdenken bzgl. Mathematiklernen bringen, und Umdenken hat manchmal auch erst mal mit etwas Verunsicherung zu tun – Verunsicherung, weil man mit Dingen konfrontiert wird, mit denen man bislang so nicht in Berührung gekommen ist. In der Psychologie spricht man dabei auch von „kognitiven Konflikten“, die zu einem neuen Verständnis führen, wenn sich durchlebt und aufgelöst worden sind. Das fühlt sich manchmal unwohl an, und in deinem Fall hat es vielleicht auch in eine Krise geführt. Das tut mir leid, so „heftig“ möchte ich euch natürlich nicht verunsichern, sondern „nur ein bisschen“ – mit einer positiven Intention. Vielleicht kannst du dabei auch deine persönliche „Entwicklungsaufgabe“ sehen, gelassener in solchen Situationen zu werden. Ein Stück Gelassenheit ist wichtig, nicht nur in der Mathematik, sondern auch im Lehrberuf, ansonsten besteht die Gefahr, dass du dich selbst zu sehr unter Druck setzt, obwohl es die Situation gar nicht so sehr erfordert.

Ich werde immer wieder Beispielklausuraufgaben einstellen, Beispiellösungen geben, und deutlich machen, an welchen Stellen Aufgaben wirklich „nur zum Entdecken“ sind und „nicht zum Prüfen“. Ich bin mir sicher, du wirst am Ende wissen, wie du dich auf die Klausur vorbereiten musst. Wichtig ist, jetzt nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen, dich durchzubeißen, manchmal vielleicht irritiert zu sein, aber letztenendes klarer zu sehen. Das klappt jetzt vielleicht noch nicht so gut, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du dort hin kommst.

Auf diese Mail hat die Studentin positiv reagiert und sich für die Erklärung bedankt. Bei mir bleibt jetzt trotzdem ein Unbehagen: Der MOOC soll Spaß an Mathematik vermitteln und nicht einschüchtern. Wie aber kann man solche Krisen bei Studierenden vermeiden, ohne dabei das Konzept aufgeben zu müssen? Wie kann man das didaktische Design des MOOC vertreten, ohne Prüfungsängste zu schüren? Wie kann man Spaß an diesem Konzept vermitteln und trotzdem die Prüfungssituation ernst nehmen? Wie kann man die Ängste bereits von Anfang an sensibel aufgreifen und abfedern? Wie schafft man das bei 150 verschiedenen Menschen im Hörsaal?

Freie Bildungsmedien (OER)

Veröffentlicht: Samstag, November 8, 2014 in Uncategorized

Neulich habe ich am Medienkompetenztag in Pforzheim einen Vortrag gehalten zum Thema Freie Bildungsmedien (OER) für den eigenen Unterricht entdecken, erstellen und teilen. Die Zuhörer waren Lehramtsanwärter_innen, also Personen, die jetzt in erheblichem Maße Arbeitsblätter usw. erstellen. Eine prima Situation also, alles gleich von Anfang an richtig zu machen. 🙂

Kelche, die an einem vorüberziehen

Veröffentlicht: Donnerstag, August 28, 2014 in Uncategorized

… oder auch nicht.

Forschungsgruppe: check

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 17, 2013 in OeffentlicherWissenschaftler, PlayGroupHD, Uncategorized

Die Ausgangssituation

Seit ca. vier Jahren bin ich nun an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg (krass, sooo lange schon, kann ich gar nicht glauben). Mittlerweile stellt sich so langsam in verschiedenen Bereichen ein Gefühl des Angekommenseins und der Routine ein. Ich habe mich zwar seit der ersten Minute an der PH Heidelberg ausgesprochen wohl gefühlt, aber man braucht doch eine ganze Zeit, um sich in einer neuen privaten und beruflichen Umgebung neu zu strukturieren. Insbesondere sind auch zahlreiche neue und durchaus auch umfangreiche Aufgaben auf mich zugekommen, mit denen ich vorher noch nie zu tun hatte (wie beispielsweise die wissenschaftliche Leitung des Instituts für Datenverarbeitung/Informatik (IfD/I), das an der PH das Rechenzentrum ist). Darüber hinaus: in Heidelberger Variante der alten Prüfungsordnungen einfinden, neue Prüfungsordnungen mitgestalten, Master Bildungswissenschaften mitbauen, Kapazitäts- und Auslastungsberechnungen verstehen und durchführen, im Hochschulrat beteiligen, Mitwirkung in den LernZeitRäumen aufbauen, Dossenheim zur Kreidezeit mitentwickeln, Vorlesungen flippen, usw. usw. ufz.

Ein Bereich, der ein wenig gelitten hat, ist die Forschung. Sicherlich kann ich mir hier keine Untätigkeit vorwerfen: Mein eigenes Aktionsforschungsprojekt Die umgedrehte Mathematikvorlesung habe ich konsequent weiter verfolgt,“alte“ (Ludwigsburger) Projekte mit abgeschlossen (z.B. SAiL-M),  jede Menge Veröffentlichungen gemacht und mehrere Drittmittel-Projektanträge gestellt (erfolglos), außerdem meine beiden Doktoranden Florian und Felix betreut. Richtig „strukturiert“ bzw. „organisiert“ empfand ich den Bereich meiner Forschung bislang aber nicht. Da man an der PH auch keinen „Lehrstuhl“ oder sowas hat, sondern in einem Fach-Team aus mehreren Professor(inn)en und Rät(inn)en und wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n arbeitet, stellt sich auch nicht das Gefühl ein, eine „Arbeitsgruppe“ oder „Forschungsgruppe“ oder ähnliches zu haben. Und Florian und Felix haben auch keine Stelle an der PH, sondern promovieren extern, was natürlich die Zusammenarbeit erschwert.

Nun hat es sich zugetragen (hey, klingt wie im Märchen), dass einige Personen sich interessiert gezeigt haben, mit mir zusammen etwas zu machen (z.B. als externe Promotion oder als Masterarbeit o.ä.). Mit verantwortlich war dabei unter anderem auch meine Seite zu Forschungsideen, die andere angeregt haben, einige davon aufzugreifen (YES! Strike! Es funktioniert, das Prinzip!). Jetzt zeichnete es sich ab, dass ich in „bilateralen“ 1-zu-1-Gesprächen diese Arbeiten betreue und dadurch im Forschungsbereich alles noch komplexer wird. Nebenbei gibt es auch immer jede Menge Abschlussarbeiten im Lehramt zu betreuen, die inhaltlich mehr oder weniger auch an meine eigenen Forschungsinteressen anknüpfen. Ende des letzten Jahres / Anfang diesen Jahres war also eine beachtliche Komplexität entstanden, und es musste eine „Lösung“ für verschiedene Herausforderungen her:

  • Einige der forschungsinteressierten Menschen (weiter unten dann „Mitspieler(innen)“ genannt) beschäftigen sich mit ähnlichen Themen, insbesondere aus den Bereichen game-based learning und gamification. Das wäre doch schade, wenn diese sich nicht kennen und untereinander austauschen würden!
  • Fast alle Personen sind nicht an der PH Heidelberg, einige wohnen auch nicht hier. Dies ist eine schwierige Situation, eine gute Betreuung zu gewährleisten (und Betreuung muss sein, da stimme ich Gabi Reinmann zu).

Das Ziel musste also sein: Wir müssen uns als Forschungsgruppe a) finden und b) vernetzen. Okay, vernetzen, das kann ich, dachte ich mir. 🙂

Der Startschuss

Wir trafen uns Anfang Februar in Heidelberg zu einem Kolloquium, wie ich es in früheren Zeiten in Ludwigsburg und auch bei meinem Besuch bei Gabi Reinmann in Augsburg kennen gelernt hatte: Ein Tag gegenseitige Vorstellung der Projekte, gemeinsames Brainstorming, dann abends gemütlich zusammen essen gehen. Ein sehr wertvoller Tag, der nun ritualisiert wird: alle drei oder vier Monate machen wir ein solches Treffen, bei dem es sicherlich weniger, aber dafür noch intensiver besprochene Beiträge geben wird, und zusätzlich kleine Workshops. Das Ganze soll also didaktisch gestaltet werden gemäß des Prinzips „Reflexion durch Produktion“ (wie es von Gabi Reinmann hier beschrieben wird).

Im Anschluss an das Treffen lag es sozusagen auf der Hand, dass wir uns als Gruppe auch virtuell vernetzen und austauschen müssen, insbesondere weil wir alle „in der Gegend verteilt“ sind und weil wir unsere Treffen nicht wöchentlich abhalten können. Zwei Prinzipien sollten dabei verfolgt werden:

  1. open science: Na, also wenn wir uns als Gruppe virtuell vernetzen, dann durchaus auch öffentlich. Sicher wird man nicht alles öffentlich diskutieren wollen, aber bei vielen Dingen ist es sinnvoll, Diskussionen untereinander im Öffentlichen zu führen und dabei auch Personen außerhalb unserer Gruppe mit einzubinden (open science eben).
  2. gamification: Gerade weil sich viele von uns mit diesem Themenbereich befassen, lag es nahe, auch unsere gemeinsame Arbeit zu gamifizieren mit dem Ziel: Spaß zu haben.

 

Das Resultat: Play Group Heidelberg

Beim gemeinsamen Abendessen wurde der Name geboren, die virtuelle Repräsentanz folgte sofort: Wir nennen unsere Arbeitsgruppe Play Group Heidelberg (oder kurz: Play Group HD, hashtag #playghd), ganz nach dem Motto: Forschen muss Spaß machen! Sogleich wurden eine Gilde-Seite mit den Mitspieler(innen), eine Mailingliste und ein Game Forum eingerichtet, der Hashtag #playghd ist schon in intensiver Benutzung. Meine bisherigen Forschungsideen wurden zu unseren. Tausend weitere Ideen schwirren in meinem Kopf herum: Weshalb nicht Badges einführen? Für einen angenommenen Artikel bei einer Fachtagung gibt’s den „Conference Badge“, für ein angenommenes Exposé den „Doktoranden-Badge“ usw.? 🙂 Okay, zu Beginn nicht zu viel, die Struktur und weitere Game-Elemente kann man sukzessive aufbauen.

Vermutlich wird die Kritik kommen, dass das alles „zu wenig ernsthaft“ sei, verbunden mit Bedenken, ob hier denn wirklich „qualitativ hochwertige Forschung“ gemacht wird. Meine Position hierzu ist: Gute Forschung kann man nur in einem kreativen Umfeld machen, in dem auch verrückte Ideen erlaubt sind. Eine solche kreative, phantasievolle Umgebung möchte ich bieten. Und zur Beruhigung aller Kritiker(innen): Es wird schon intensiv an Exposés gearbeitet und gefeilt, und wir befinden uns schon in der zweiten Peer-Feedback-Runde. Get the Feedback Badge! 🙂