Hilfe, mein Prof bloggt!

Veröffentlicht: Dienstag, Mai 28, 2013 in Web 2.0

Eieiei, ich bin mal wieder viel zu spät. Wofür? Für die Teilnahme an der Blogparade Hilfe, mein Prof bloggt!, zu der Anja Lorenz aufgerufen hat. Naja, zu spät bin ich noch nicht, bis zum 1. Juni ist schließlich noch Zeit. Einen Vorteil hat aber eine späte Beteiligung :-). Nämlich: Viele Argumente, die ich auch genannt hätte, sind bereits genannt worden, z.B. von Gabi Reinmann, Niels Seidel, Joachim Funke und Oliver Tacke. Hierzu zählen: Mein Blog ist mein Denkwerkzeug und mein persönlicher Wissensspeicher. Mein Blog hilft mir, Gedanken einmal geordnet darzustellen, zu reflektieren und mit anderen darüber in Interaktion zu treten. Daher ist es auch ein Medium, mit dem ich „social networking“ betreibe. In diesem Kontext bin ich witzigerweise auf ein Interview des Wissenschafts-Cafés von 2008 gestoßen, bei dem ich auch schon mal dazu geantwortet hatte.

Einen Aspekt stelle ich etwas stärker heraus, den ich gemeinsam mit Jean-Pol Martin in der Diskussion meines letzten Blogbeitrags nochmal deutlich gemacht hatte: Ich blogge auch, um berühmt zu werden. „Oh, uh, welch schlechtes Motiv!“ wird der ein oder die andere jetzt denken. Ja, klar, ich hab auch mal „so gedacht“. Interessanterweise hat Jean-Pol vor einigen Jahren mal etwas ähnliches zu mir gesagt, in etwa so: „Letztlich will man berühmt werden.“ Und ich habe geantwortet: „Nö, ich will doch nicht berühmt werden. Ich will die Welt retten und gute Dinge tun, aber nicht berühmt werden.“ Und gedacht hab ich mir: „Doch, ich will, aber das darf man nicht sagen, weil das kein ehrenvolles Motiv ist.“ Es ist natürlich Quatsch: Niemand will die Welt heimlich retten.

Mmh… ich finde mittlerweile, es ist ein prima Motiv. Und man darf sich ethisch auch nicht selbst überfordern, wie Jean-Pol es sehr schön in seinem Blogbeitrag Warnung vor Selbstidealisierung! beschreibt. Und weiter schreibt er dort treffend: „Wenn jemand mir also sagt, er sei an Macht oder an Ruhm nicht interessiert, glaube ich ihm nicht.“

Warum aber nun Berühmtheit? Auf den Punkt gebracht:

  1. Es schmeichelt dem Ego. (das ist gefährlich, aber eben auch dopaminmäßig super)
  2. Man bekommt jede Menge Input von außen und wird so mit ausreichend interessanten Informationen versorgt, die alle verarbeitet werden wollen (auch ein Gedanke Jean-Pols, den er mit dem Namen Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung versehen hat)
  3. Durch das Umfeld, das reichhaltiger ist von Anreizen, Inputs und weiteren Ideen, gerät man so richtig in Fahrt und kann seine eigenen Konzepte schneller weiterentwickeln, als das alleine der Fall wäre. (Aufgepasst, Gefahr des Missverständnisses: Natürlich braucht man auch Zeit des „Alleinedurchdenkens“ und der Kontemplation, aber das alleine wäre zu wenig. Genauso sehr braucht man Input von außen.)
  4. Das, was man selbst anzubieten hat, wird auch wahrgenommen und aufgegriffen. Das heißt: Die eigenen Gedanken, Produkte und sonstigen Angebote gehen nicht unter, sondern man weiß, dass man tatsächlich auch etwas in der Breite bewirken kann. Die Mühe lohnt sich mehr, wenn die Effekte in die Breite wirken.
  5. Letztlich ist genau auch das der Punkt, weshalb es nicht schlecht ist, berühmt sein zu wollen, wenn man es nicht auf Kosten anderer macht, sondern zum Nutzen anderer. Man teilt seine Gedanken, Ideen, Konzepte, wird dadurch berühmter, kann dadurch mit noch mehr Menschen seine Ideen teilen, wird dadurch noch berühmter, und… hat anderen dabei seine Ideen gegeben. Es ist dann nicht anderes als: Berühmtheit durch Teilen, und Teilen wird mit Berühmtheit belohnt. Ist das moralisch verwerflich?
  6. Ein tieferer Gedanke, der letztlich auch (!) hinter all dem steht, ist: Unsterblichkeit. Als Atheist hat man nicht groß die Wahl: Das Leben ist endlich, und das ist einfach aus Sicht eines Menschen total scheiße. (Auf den Punkt gebracht.) Man hat nur endlich viel Zeit, und anschließend ist man „unendlich lange nicht existent“, was im Vergleich zur endlichen Existenz einfach verdammt lange ist. Berühmtheit ist die einzige Chance, sich selbst zu überdauern. Ladies and Gentlement, attention please, here is the truth: Jede Zelle meines Körpers sehnt sich nach ewigem Leben.

So viel zum Thema: Warum ich blogge.

Werbeanzeigen

Ich nutze einfach mal den regnerischen Start des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig, um einen Blogbeitrag zu schreiben, der mir schon länger auf dem Herzen liegt. Auf dem EduCamp hat mich Oliver Berger  gefragt, ob ich nicht mal etwas über die vermeintliche Diskrepanz zwischen meinem Beruf und meinem Auftreten schreiben kann: Lange Haare, Piercing, Mono-Inc-Shirt, Nietenhose, Springerstiefel, immer schwarz. Vermutlich gibt es bei Menschen, die nicht wissen, welchen Beruf ich ausübe, zunächst mal starke Vorurteile. Man kann sich im reinsten konstruktivistischen Sinne die Gedanken der „Omi an der Supermarktkasse“ ausmalen, in etwas solche wie „Arbeitsloser Rocker“ oder  „Langhaariger Bombenleger“.

Auf der anderen Seite mache ich öfters die Erfahrung, dass Menschen, die erfahren, dass ich Professor bin, es für meinen Geschmack ein ganzes Stück mit der Ehrfurcht übertreiben. Überspitzt formuliert wird mir gegenüber des öfteren deutlich  gemacht: „Danke, Herr Professor, dass Sie ein Stück Ihrer wertvollen Zeit opfern (wo sie doch ganz bestimmt so viel zu tun haben mit ihren vielen Projekten), um sich  mit meinen unwürdigen Gedanken auseinandersetzen.“ Manchmal denke ich, dass meine Stiefel eigentlich viel sauberer sein müssten als sie es sind.

Vorstellungen von Prototypen scheinen eine viel stärkere Rolle im menschlichen Umgang zu haben, als mir das bislang bewusst war. Wenige Signale werden zum Anlass genommen, ganze Persönlichkeitskonzepte abzuleiten. „Lange Haare“ wird zu „Arbeitsloser Rocker“, „Professor“ wird zu „unnahbarer Wissenschaftsgott“. Eigentlich schade, dass Menschen mit ihren Prototyp-Konzepten dann in die zwischenmenschliche Kommunikation hineingehen, oder dass die Kommunikation vielleicht sogar aufgrund der prototypischen Vorstellungen gar nicht erst zustande kommt.

Gestern fragte mich der Taxifahrer, wo ich her komme. „Heidelberg.“ – „Ah, da gibt es viele Studenten in Heidelberg.“ – „Ja, genau, Heidelberg besteht praktisch aus Studenten.“ – „Was studieren Sie denn?“ – „Ich bin kein Student.“ – „Was machen Sie?“ – „Ich arbeite als Professor.“ – „So sehen Sie aber nicht aus.“ – „Ich gebe mir auch größte Mühe.“

Etwas anders gelagert ist die Tatsache, dass ich meine „normale“ Kleidung auch an der Hochschule und in Vorlesungen trage. Das habe ich nicht immer konsequent gemacht (wie meine ersten Vorlesungsvideos zeigen; wäh!). Die letzten Jahre waren für mich aber auch ein Stück weit eigene Persönlichkeitsentwicklung. Es ist immer wichtiger für mich geworden, meine verschiedenen Identitätsfacetten nicht zu trennen, sondern zu integrieren. Tagsüber Professor, abends Grufti – das fühlt sich für mich nicht gut an.

Ab und zu werde ich gefragt, ob mir das im Laufe meiner „Karriere“ nicht auch mal im Wege stand. Ich kann glücklicherweise sagen: Nein, überhaupt nicht. Gut, vielleicht hab ich das nicht mitbekommen. Aber offen wurden mir gegenüber niemals Vorbehalte geäußert. Als ich mich auf die Professur beworben habe, hat mich ein befreundeter Professor vorsichtig gefragt, ob ich nicht mein Piercing auf dem Bewerbungsfoto lieber rausmachen möchte. Das wollte ich nicht: Die Berufungskommission soll mich wollen, nicht die Maske, die ich aufbaue. Das muss natürlich nicht immer gut gehen. Aber wenn es kein Risiko gäbe, bräuchte man ja auch keinen Mut dazu, und dann wäre es auch nicht befriedigend, wenn’s klappt.

Natürlich kokettiere ich auch gerne damit wie beispielsweise hier im Video mit Graf Zahl oder bei einem Video zu unserer MOOC-Bewerbung (Achtung: schon gevoted? Wir brauchen eure Stimme!). Ich nutze die Strangeness für die Gewinnung von Aufmerksamkeit. Ich müsste ja nicht unbedingt das vampirige Zylinderbild im Web verwenden, aber dadurch macht man neugierig, und Menschen treten mit mir in Interaktion. Jean-Pol Martin hatte es mal auf den Punkt gebracht: Durch Aufmerksamkeit erhält man zahlreiche Impulse von außen und man gewinnt Menschen für die punktuelle oder längerfristige Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen. Problematisch daran ist: Die Grenze zur gefälligen Selbstdarstellung ist schnell überschritten. Das passiert mir ab und zu (tut mir leid). Aber ich übe ja auch noch.

Trotz der Gefahren muss ich sagen: Ich fühle mich in meiner Haut immer wohler. Und das scheint auch nach außen hin zu wirken. Neulich kam eine Studentin auf dem Gang der PH auf mich zu und meinte: „Herr Spannagel, wir haben Sie gerade im Seminar als positives Beispiel verwendet!“ – „Oh. In welchem Seminar denn?“ – „Es ging um Lebensstile.“ – „Und was wurde da gesagt?“ – „Dass man den Kleidungsstil, der zu einem passt, nur dann finden kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.“ Oder so ähnlich, ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an den Wortlaut. Es waren aber auf jeden Fall große Worte.

Gerade im Lehramtsstudium… (oh, ich merke gerade, dass ich diesen Satzanfang öfter verwende: „Gerade im Lehramtsstudium“… dieses Studium scheint doch ganz besondere Anforderungen mit sich zu bringen) … also, nochmal: Gerade im Lehramtsstudium ist Persönlichkeitsentwicklung ein wichtiges Thema. Ich meine dabei nicht die abstrakte, theoretische Behandlung des Themas, sondern die eigene, also die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden. Diese begleiten nämlich später Kinder und Jugendliche bei deren Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung.  Würden wir uns nicht alle Lehrerinnen und Lehrer wünschen, die sich selbst ein Stück weit gefunden haben und aus dieser Selbstbewusstheit heraus mit Kindern und Jugendlichen arbeiten? Hier gilt also (wie immer im Lehramtsstudium): wir müssen in der Hochschullehre als gutes Beispiel vorangehen. Und das bedeutet: Hart an der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten.

Vor einiger Zeit kam ein Student mit Dreadlocks in mein Büro und hat sich bei mir bedankt. Er studiere gar keine Mathematik, aber ihm mache es Mut, wenn er bei mir sieht, dass man sich nicht verstellen muss und es doch „zu was bringen“ kann. Genau das ist mir wichtig.

Fazit: Die Gesellschaft braucht mehr Grufti-Profs und Punk-Schulleiter! 🙂

So, und jetzt geh ich in die Moritzbastei frühstücken. Hoffentlich gibt’s noch was…

Hörsaalspiel: Ring the Bell

Veröffentlicht: Dienstag, Mai 7, 2013 in FlippedClassroom

Nach der Durchführung des Spiels Reihenrotation hab ich heute mal wieder ein neues Hörsaalspiel ausprobiert. Teufelchen777 gab ihm den Namen „Ring the Bell“ 🙂

Das Spiel: Die Studierenden teilen sich in Vierergruppen auf und geben sich einen Gruppennamen. Die Gruppennamen schreibt man als Punktestandsliste an die Tafel. Das macht man natürlich nur, wenn es nicht zu viele Gruppen sind, es erhöht aber den Fun-Effekt, wenn sich Gruppen „Null-Durchblick“ oder „Der Chaotentrupp“ nennen. Dann zeigt man eine Aufgabe per Folie, die die Gruppen lösen müssen. In meinem Fall heute habe ich Relationen an die Wand geworfen mit der Aufgabe, jeweils zu bewerten, ob diese Relationen reflexiv, irreflexiv, symmetrisch, asymmetrisch, antisymmetrisch oder transitiv sind. Sobald eine Gruppe fertig ist, muss ein Gruppenmitglied nach vorne rennen und auf eine Klingel hauen (auch eine Idee von Teufelchen777). Damit müssen alle mit der Bearbeitung stoppen. Es geht also auf Zeit.

ringthebell

Damits einigermaßen gerecht zu geht, nimmt man zwei Glocken, von denen man eine vorne und eine hinten im Raum platziert: Die hinteren Reihen müssen nach vorne rennen, die vorderen Reihen nach hinten. Da kommt Freude auf. 🙂 Sobald die Glocke ertönt, werden die Lösungen verglichen: Für jede richtige Lösung gibt es einen Pluspunkt, für jede falsche einen Minuspunkt, unbearbeitete Teilaufgaben geben 0 Punkte.

Was soll das, wird sich der ein oder andere fragen? Hier ein paar Aspekte, die eine Überlegung wert sind:

  • Die Studierenden sind durch die Videos im Flipped Classroom vorbereitet. D. h. wir haben 90 Minuten zur freien methodischen Gestaltung. Ein Hörsaalspiel, das beispielsweise 20 Minuten dauert, bildet damit eine Phase (von mehreren) in der Plenumsveranstaltung, die gezielt eingesetzt werden kann. Heute beispielsweise haben wir erst Fragen zu Relationen und ihren Eigenschaften besprochen, und nachdem es keine Fragen mehr gab, haben wir das Spiel gespielt – mit dem Ziel, dass jeder tatsächlich nochmal für sich überprüfen kann, ob er es wirklich verstanden hat.
  • In der Regel haben die Studierenden die Eigenschaften von Relationen trotz Durcharbeiten der Videos mit Hilfe des Worksheets zu Hause nicht wirklich tief und mit allen Konsequenzen begriffen. Wichtig ist also, dass sie sich mit verschiedenen Beispielen von Relationen auseinander setzen und auch die Möglichkeit erhalten, zu hinterfragen und zu begründen, warum denn nun eine bestimmte Eigenschaft gilt (oder nicht gilt). Nach jeder Runde wurden ausführliche Begründungen für die Lösungen gegeben, und es wurden auch zahlreiche Rückfragen gestellt. Warum ist die Relation nicht symmetrisch? Weshalb ist sie transitiv?Schließlich will man ja sicher gehen, dass man nicht doch einen Pluspunkt statt eines Minuspunkts verdient hat! (Wer Interesse hat an meinen Folien mit den Aufgaben, die gibt es online.)
  • Jeder ist involviert. Keiner hat rumgesessen, sich gelangweilt, mit dem Handy gespielt, sich mit dem Nachbarn über irgendwas anderes unterhalten. Also kein Verhalten, das man sonst so in Vorlesungen findet. Die Situation hat nicht erlaubt, dass sich jemand hängen lässt. Alle müssen für ihre Gruppe mitdenken, und schließlich geht es auf Zeit und es kommt auf Schnelligkeit an!
  • Bei einem Gespräch heute darüber wurde mir die Frage gestellt, ob es denn sinnvoll ist, dass man solche extrinsischen Motivatoren einsetzt. Die Studierenden sollen schließlich von der Sache begeistert sein. Dazu gibt es mehrere Dinge zu sagen: Zum einen ist das ein frommer Wunsch. Nicht jeder ist von der Sache von Anfang begeistert. Daher gibt es ja auch die „bösen“ extrinsischen Anreize wie Prüfungen usw. Das heißt aber: Ist es nicht sinnvoll, wenn man jemanden durch einen angenehmen extrinsischen Anreiz (Spaß durch Spiel) dazu bringt, sich mit einer Sache auseinander zu setzen, um dadurch erst die Chance zu haben, sich für die Sache zu begeistern? Ich jedenfalls will die Chance nicht ungenutzt lassen, dass die Studierenden durch Hörsaalspiele merken, dass die Beschäftigung mit Mathe Spaß machen kann, und dass sie vielleicht den Spaß dann auch aus der Mathematik selbst ziehen: An mathematischen Problemen knobeln macht nämlich außerhalb eines Spiels genauso viel Spaß wie im Spiel. Die Beschäftigung mit Mathematik soll positiv-emotional besetzt sein. Und ich glaube, Spiele können hier ein guter Katalysator auf dem Weg zu Freude an Mathematik sein. Und (auch das ist nur eine starke Vermutung) wer bereits Freude an Mathematik hat, der verliert sie nicht dadurch, dass Mathe in ein Spiel verpackt wird.

Ich werde weiter probieren und gemeinsam mit der Mitgliedern der Playgroup (Teufelchen777 & Luci) Hörsaalspiele sammeln, entwickeln und testen. In der Kombination mit dem Flipped Classroom passt das wirklich ganz gut. Und, ganz ehrlich: Auch mir macht es einen Riesenspaß!

Es MOOCt! Mit der Bitte um eure Stimme!

Veröffentlicht: Donnerstag, Mai 2, 2013 in Announcements

Seit gestern läuft die Abstimmung unter allen MOOC-Einreichungen beim MOOC Production Fellowship, der von iversity und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft durchgeführt wird. Was ist ein MOOC? Die Abkürzung MOOC bedeutet Massive Open Online Course und bezeichnet Kurse, die online durchgeführt werden, in der Regel kostenlos und unter Beteiligung sehr vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer (daher „massive“). In dem Wettbewerb, für den gestern die Voting-Runde eingeläutet wurde, werden zehn Mal 25.000 EUR für die Durchführung eines MOOCs spendiert. Tja, was soll ich sagen: Wir wollen das unbedingt machen!

Wer sind wir? Michael Gieding (also known as *m.g.*), Lutz Berger (also known as @lutzland), Martin Lindner (also known as @martinlindner) und ich.

Worum geht’s? Um Mathematik natürlich. Genauer: Mathematische Denk- und Arbeitsweisen am Beispiel von Geometrie und Arithmetik. Daher ist es auch ein Doppel-MOOC: zwei in einem sozusagen!

Wie genau stellen wir uns das vor?  Okay, das wird in dem Video hier erklärt:

Genauere Infos gibt es noch auf unserer Bewerbungsseite.

Findet ihr sowas gut? Möchtet ihr das unterstützen? Dann votet für uns! 🙂

Das geht folgendermaßen:

  1. Geht auf unsere Bewerbungsseite
  2. Klickt auf „Abstimmen“
  3. Meldet euch an (per Facebook oder registriert euch mit eurer E-Mail)

(Die Anmeldung ist notwendig, damit kein Schindluder mit den Abstimmungen gemacht wird, ist klar.)

Ja, und darüber hinaus bietet jetzt schon die Möglichkeit zur Interaktion mit uns (ganz wie in dem MOOC): Ihr könnt uns auf unserer Wiki-Seite Fragen dazu stellen und mit uns über das Konzept diskutieren. Vielleicht habt ihr weitere Anregungen / Ideen / Vorschläge, die wir unbedingt aufgreifen müssen? Her damit!

Und wenn ihr restlos überzeugt seid, dass wir den Zuschlag erhalten sollten, dann könntet ihr unsere Bewerbungsseite auch twittern, liken, auf google+ sharen, in  facebook teilen, whatever! Wir freuen uns über jede Unterstützung!

Okay, aber zunächst mal – nicht vergessen – voten! 🙂

Herzlichen Dank schon mal! 

Hat ein ehemaliger Offizier der Bundeswehr, der jetzt Mathematik studiert, einen speziellen Blick auf sein Studium? Stephan Goldammer schaut durch den universitären Pulverdampf. Schon seit längerer Zeit beschäftigt er sich mit dem Thema eLearning, und zur Ergänzung für sein vor Ort stattfindendes Studium nutzt er Vorlesungsvideos aus dem Internet. Vor einiger Zeit hat Stephan eine Mail mit zahlreichen Ideen an mich gesendet. Ich habe ihn gefragt, ob er diese Ideen nicht als Gastblogbeitrag verfassen möchte. Und was soll ich sagen: Oberleutnant Goldammer erstattet Lagebericht! Jetzt heißt es: Still gestanden! 🙂

Wir schreiben das Jahr 2063. Dank eLearning sind schlechte Vorlesungen ausgestorben und nur noch im Museum zu finden. Historiker berichten über vergangene Zeiten, über monotone, langatmige Vorträge, unverständliche Folien und verworrene Präsentationen, aber man kann es nicht glauben. So habt ihr früher studiert? Wie habt ihr das ausgehalten?

Zurück in die Gegenwart. Erste Abschnitte auf der eBaustelle sind fertig, aber ein nüchterner Blick reicht, um zu sehen: Bis zum Paradies ist es noch weit. Viele Fragen sind offen. Kann man durch eLearning aus einer schlechten eine gute Vorlesung machen? Kann technisch intelligent konstruiertes eLearning zu einer fortwährenden, automatischen Verbesserung der Lehre führen? Kann eLearning die Basis für lebenslanges Lernen schaffen, und wie kann die Politik hilfreiche Unterstützung leisten? Einige Antworten auf diese Fragen mögen vielleicht als Spinnerei erscheinen, könnten aber schon bald Wirklichkeit werden. Die helle Seite der dunklen Seite, ein bisher gänzlich unbekannter Prof. Spinnagel, hat mich gebeten, mal auf den synaptischen Putz zu hauen und allen Spinnereien freien Lauf zu lassen.

eVorlesung: Wahrscheinlich wird es an der Hochschule vorerst auf das Modell „Klassische Vorlesung plus Videoaufzeichnung“ hinauslaufen. Lehrmethoden wie die umgedrehte Vorlesung werden dem Großteil der Dozenten wohl noch zu exotisch sein. Der Dozenten-Tanker hat gern ruhiges Fahrwasser und bewegt sich nicht so schnell. Vorteil der (rein passiven) Videoaufzeichnung: Der Vortragende braucht erst einmal gar nichts zu ändern (psychologisch geschickt), bekommt aber über Jahre hinweg beweiskräftiges Feedback (Kollegen, Studenten, Externe, YouTuber, Klick-Rankings) und kann dann nach und nach sich und seine Vorlesung anpassen. „Der X aus Y erklärt das aber viel besser!“, dürfte wohl keinen Dozenten kalt lassen. Fehlerhafte Begriffsverwendungen oder schwammige, ungenaue Definitionen im jeweiligen Fachgebiet fallen viel leichter auf (und würden möglicherweise als lange mitgeschleppter „Ballast“ abgeworfen). Steter Tropfen höhlt den Stein, so gesehen kann ein sanft vor sich hin plätschernder Strom aus Online-Kommentaren hilfreicher sein als der gute alte pädagogisch-ballistische Ratschlag. Hält ein Dozent auch dieses Feedback in homöopathischen Dosen nicht aus, bleibt ihm natürlich der psychologische Notausgang: Stecker raus.

FAQ: Die folgende Idee stelle ich mir vor wie einen Feedback-Regelkreis, der sich selbst steuert und verbessert. Für jedes Vorlesungsvideo wird ein Frage-Button angeboten. Dadurch wird man direkt mit einem Chatpartner (Tutor) verbunden, der die Frage live beantwortet (eine Art 24-h-Hotline). Der Tutor formuliert anhand aller eingehenden Fragen eine FAQ-Liste. Diese wird unter dem Video zur Verfügung gestellt, wodurch die häufigsten, immer wiederkehrenden Fragen direkt beantwortet werden. Am Ende des Semesters schaut der Professor über die FAQs und versucht diese offenen Fragen in die Vorlesung mit einzubauen und zu beantworten. Im Idealfall würde nach endlich vielen Durchgängen die (aus Studentensicht) perfekte Vorlesung herauskommen.

Feedbackstatistik: Die nächste Idee ermöglicht eine einfache und effiziente Auswertung einer Videoaufzeichnung. Für jedes Vorlesungsvideo werden zwei Buttons angeboten: ein roter und ein grüner oder wahlweise auch die Tasten Plus und Minus. Sobald der Student die Erklärungen des Dozenten nicht versteht, kann er den roten Button drücken. Versteht er etwas besonders gut (Aha-Effekt), kann er Grün drücken. Im Unterschied zu einer normalen Bewertung, wie sie bei YouTube oder Facebook üblich ist („Gefällt mir“), kann man diesen Button über die gesamte Laufzeit des Videos mehrmals drücken. Die Daten werden statistisch ausgewertet. Ein roter Peak würde auf eine besonders unverständliche Erklärung hinweisen. Der Dozent kann sich dann überlegen, warum viele Studenten an dieser Stelle des Videos seine Erklärungen nicht verstehen. Das Diagramm zum Auswerten wäre sehr einfach aufgebaut: Die Laufzeit des Videos wird verbunden mit unterschiedlich hohen grünen und roten Balken, fertig. Erlaubt man auch Studenten eine Einsicht in das Diagramm, wäre es möglich zu sehen, dass man nicht der Einzige ist, der genau an dieser Stelle „nichts versteht“.

Verdrehung: Im Kontext von Online-Vorlesungen entscheidet nicht mehr der Dozent, ob er gut erklären kann, sondern der Student. Prof. X aus Dortmund kann gut Mengenlehre vermitteln, ist aber schlecht im Erklären von Logik. Bei Logik ist Prof. Y aus Hamburg gut im Erklären, der hat aber wiederum in Algebra seine Schwächen. So kann sich jeder Student seinen Online-Vorlesungsbaukasten zusammenstellen. Vielleicht bildet sich auch eine „Hall of Fame“ der besten Videos. Die Prüfungen bleiben natürlich gleich (schwer), wie gehabt. Die fachliche Kompetenz des Dozenten steht außer Frage, aber ob jemand erklären kann, kann letztlich nur der Zuhörer feststellen. Leider ist der Schüler heute (noch) an den „kann-nicht-gut-erklären“ Lehrer gefesselt. Lehrer wechseln impossible => Frust beim Schüler. Wenn alle Vorlesungen und Unterrichtseinheiten im Netz stehen, kann der Schüler direkt evaluieren, wer es am besten erklärt. Ein Student kann nicht fünf Jahre warten, bis die üblichen, bürokratischen Evaluierungsprozesse minimale Veränderungen bewirken (wenn überhaupt). Diesen Aspekt von eLearning könnte man Flipped-Evaluation nennen. Flipped deshalb, weil der Schalter umgelegt wird von (fast) unwirksamer zu wirksamer Evaluation. Sich wirksam zu fühlen ist ein wichtiger Faktor der Motivation. Lassen wir doch den Deckel entscheiden, welcher Topf ihn begeistert. Fünf Jahre didaktische Kohlsuppe schmeckt nicht jedem.

Zeit: Ein neues Axiom in der Bildung. Schüler und Lehrer müssen sich nicht zeitgleich treffen. Man könnte noch weiter gehen: Der Lehrer muss im Prinzip gar nicht mehr am Leben sein. Eine Vorlesung von Hilbert, Einstein oder Turing wäre auch heute interessant. Wenn Verstorbene eine bestimmte Sache besonders gut erklären können, werden auch alte Vorlesungen nützlich sein. (Einschub: Wo gibt es eigentlich die älteste auf Video aufgezeichnete Vorlesung?) Durch eLearning muss der Schüler seine Konzentrationsfähigkeit nicht mehr an den Rhythmus des Lehrers oder an den Mittelwert der Klasse anpassen. Jeder lernt in seiner eigenen Geschwindigkeit und seiner eigenen Zeit. Die zeitliche Entkoppelung von Lehrer und Schüler verhindert, dass Schüler nach zehn Minuten Mathematikunterricht gedanklich aussteigen, weil sie den Erklärungen nicht mehr folgen können. Online kann ich den Informationskuchen in kleine Häppchen zerteilen, bei der Vorlesung im Hörsaal fliegt mir eine Informationstorte ins Gesicht. eLearning ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert.

Methode: Welches die geeignete Lehrmethode ist, werden die Zuseher (online) wahrscheinlich schneller entscheiden als man mit Studien und Forschung hinterherkommt. Vorschlag: Eine einzelne Standard-Grundlagenvorlesung („Vollständige Induktion“) wird mehrfach aufgezeichnet. Sie bleibt dabei fachlich und inhaltlich gleich, aber die Lehrmethode wechselt. Über die Klickzahlen oder Kommentare könnte man herausfinden, welche Methode besonders gerne angenommen wird. YouTube als Online-Labor der Pädagogik. Dieser Ansatz könnte nutzbringende Erkenntnisse liefern, bei Teilen der pädagogischen Forschung habe ich dagegen den Eindruck, sie gibt Antworten auf Fragen, die keiner mehr stellt. Ich würde mir wünschen, dass man die didaktische Widerlegungshoheit (im Popperschen Sinne) in die Hände der Schüler und Studenten legt. War es gut oder schlecht erklärt, falsifiziert der Student, nicht der Dozent. Oh, rüttle ich hier gerade an einem Grundpfeiler? 🙂 Mit eLearning bekommt der Student wirksame Mittel, um seine Lebenszeit nicht in aus didaktischer Perspektive mittelalterlich anmutenden Vorlesungen absitzen zu müssen. Wer schlecht erklärt, wird weggeklickt, wer gut erklärt, wird angeklickt. Wenn wir in der Universitätsbibliothek ein unverständliches Buch aus dem Regal ziehen, legen wir es zurück und nehmen ein besseres. Bald wird es mit Vorlesungen ähnlich sein.

Prüfung: Ein weiterer Forschungsansatz wäre, vor einer Prüfung die Studenten zu fragen, welche Dozenten und Lehrmethoden sie (zusätzlich zur normalen Vorlesung) im Netz genutzt haben. Im Anschluss analysiert man, wie die Angaben mit den Prüfungsnoten korrelieren. Auf die Ergebnisse wäre ich sehr gespannt.

Wunschvorlesung: Einmal pro Jahr dürfen Studenten (oder Externe) eine Wunschvorlesung wählen. Man stellt (sehr viele) Themen zur Auswahl und lässt abstimmen. Man könnte hier auch neue methodische Konzepte ausprobieren und danach das Feedback auswerten.

Mathematikvorlesung: Ein unkonventioneller Einstieg in die (wissenschaftliche) Mathematik könnte „Die formelfreie Mathematikvorlesung“ sein. Thema: „Warum ist die Mathematik axiomatisch aufgebaut?“ Es geht also um die interessante Frage: „Wo ist der Urknall der Mathematik … und was war davor?“ oder „Wie gebe ich einem besorgten Studenten die Sicherheit, dass das Fundament der Mathematik tragfähig ist?“ – „Machen wir seit 3000 Jahren so, ist bisher immer gut gegangen!“ zählt nicht. 🙂 Im Schulunterricht ist man immer „mittendrin“ in der Mathematik (Bruchrechnen, Addition, Differentialrechnung), aber es wird nicht erklärt, wo der Anfang ist, an dem alles „losgeht“. Und die noch spannendere Frage, was vor dem Anfang war, wird leider auch nicht beantwortet. Ist das Gebäude der Mathematik auf Sand oder auf Beton gebaut? Sind die Axiome fest genug, um Einsturzsicherheit zu gewährleisten? Solche Gedanken könnte man in diese Vorlesung hineinbringen. Hier kann ich mir auch eine interessante Diskussion im aktiven Plenum vorstellen.

Edelstein: Online-Vorlesungen werden zu einer öffentlichen Visitenkarte des Dozenten. Sicher für viele ein Ansporn, sich zu verbessern. Die Vorlesung als ein Edelstein, der ständiger Pflege und Verbesserung bedarf, um in den Augen der anderen zu funkeln. Zeige mir deine Online-Vorlesung und ich sage dir, wer du bist. Eine wissenschaftliche eVorlesung bleibt dabei der wichtige, feste Anker im großen Online-Meer aus Halb- und Viertelwissen.

Wikipedia: Wissenschaftler an der Hochschule könnten durch Wikipedia ihre Erkenntnisse (leicht zugänglich) an die Allgemeinheit weitergeben. Den Elfenbeinturm hochzulaufen, um persönlich das Wissen abzuholen, ist für viele Menschen zeitlich nicht möglich. Vorschlag: An einem Tag im Jahr wird an der Hochschule der „Wikipedia-Tag“ veranstaltet. An diesem Tag werden alle wissenschaftlichen Mitarbeiter und Professoren gebeten, freiwillig ihr Wissen in die Wikipedia zu tippen. Wenn genügend Hochschulen mitmachen, würde das Niveau von Wikipedia enorm steigen und alle können daran teilhaben. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Warum nach Weltspartag, Weltfrauentag & Co. nicht auch einen Weltwikipediatag einführen?

Grundeinkommen: Seit zwei Jahren setze ich mich mit der Thematik „Bedingungsloses Grundeinkommen“ auseinander. Für Studenten würde sich einiges ändern, da BAföG, Studienkredite, Büchergeld (und anderer bürokratischer Kleinkram) wegfallen und (für alle) durch ein lebenslanges (bescheidenes, aber menschenwürdiges) Grundeinkommen ersetzt werden würden. Das Grundeinkommen ist ein finanzieller Sockel, der (ohne Bürokratie, ohne Formulare) lebenslang nicht unterschritten werden kann. Es ist die unbefristete, unkündbare Stelle im Leben. Lebenslanges Lernen wäre dann nicht nur ein politisches Motto, sondern wirklich umsetzbar. Ohne existenzielle Ängste kann Lernen und Ideenteilen richtig Spaß machen. Finanzierbar ist das Grundeinkommen, weil es nicht obendrauf kommt, sondern in bereits bestehende Einkommen integriert wird.

Wer von der ganzen Spinnerei gestresst ist, entspannt sich hier oder hier.

Um es mit Douglas Adams zu sagen: „Dozenten haben mit 42 die Antwort, aber die Berechnung der Frage liegt bei den Studenten.“ Diese erhalten durch eLearning ein demokratisches Verfahren, entscheiden aber nicht über den fachlichen Inhalt (Algebra bleibt Algebra), sondern über das Erklärpotenzial. Aber funktioniert ein Konzept, in dem Studenten auf einmal Nein sagen können? Gärt es tief in der Dozentenseele, wenn die seit 30 Jahren gleich gehaltene Vorlesung (didaktisch auf dem Stand von vor 300 Jahren) online keiner mehr aushält, weil sie noch nie jemand ausgehalten hat?

Kommando von dunkelmunkel: „Rührt Euch und Wegtreten in den Kommentarbereich!“

Gastbeitrag: Alternative zu iTunes U und Co.

Veröffentlicht: Montag, März 25, 2013 in Gastbeitrag

Ein gern gesehener Gast in diesem Blog ist Boris Kraut, der schon zwei Gastbeiträge verfasst hat: einen zur Datenethik  und einen zu BYOD in der Schule. Hier kommt sein dritter Wurf, der sich sehr gut mit meinen eigenen aktuellen Überlegungen und Zweifeln zur Frage trifft, welche externen Server und Plattformen man eigentlich nutzen sollte… Boris, it’s your turn! …. ah, bevor es losgeht: Ihr alle seid natürlich auch herzlich eingeladen, einmal einen Gastbeitrag in meinem Blog zu veröffentlichen, z.B. wenn ihr keinen eigenen Blog besitzt… so, jetzt aber: Boris, leg los! 

Der aktuelle Frühjahrsputz bei Google und die damit verbundene Ankündigung, ihren RSS-Reader im Sommer einzustellen, haben für jede Menge Aufruhr gesorgt. Prinzipiell zeigt es aber nur, was eigentlich einleuchtend und allgemein bekannt sein sollte: Man kann sich auf externe Webdienste nicht verlassen. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber jeder hat darauf vertraut, dass so etwas bei einem so großen und bekanntermaßen „nicht bösen“ Unternehmen passieren würde. Es führt uns vor Augen, wie abhängig wir geworden sind – von erwachsenen Bezahldiensten und von jungen, sympathischen Startup-Unternehmen gleichermaßen.

Speziell zum Thema Webdienste habe ich z.B. im letzten Jahr einen Vortrag darüber gehalten, dass wir uns solcher Gefahren bewusst sein müssen und dass vor allem der häufig verwendete Begriff des „Tool“ bzw. „Werkzeug“ nichts mit der Realität eines Webdienstes zu tun hat, ja diese Realität sogar (absichtlich) verschleiert und beschönigt. Dieser Vortrag fand im Rahmen der GML² 2012 – Von der Innovation zur Nachhaltigkeit an der FU Berlin statt, weshalb ich von den aktuellen Geschehnissen um iTunes U an der FU Berlin (siehe Berichte auf netzpolitik.orggolem.detaz.detagesspiegel.de oder den Blogpost von Anatol Stefanowitsch besonders geschockt war und dies auch per Mail kundtat. Haben die denn nichts gelernt?

Was ist das Problem?

Eigentlich ausgelöst wurde der Sturm der Entrüstung eigentlich durch die in einer Mail bekannt gewordene Bitte bzw. Aufforderung des Kanzlers der FU Berlin, dass von der Nutzung anderer externer Internet-Plattformen zur Verbreitung von aufgezeichneten Lehrveranstaltungen und audiovisuellen Materialien abzusehen sei. Diese Exklusivität führt in eine totale Abhängigkeit und ist natürlich nicht hinnehmbar. Einige weitere Punkte, die Anatol anführt:

Die Inhalte wären nicht barrierefrei (sie könnten weder auf freien Betriebssystemen [Anmerkung (krt): ohne Aufwand] genutzt werden, noch in andere Anwendungen importiert werden); sie wären nicht offen (Apple hätte eine unbefristete weltweite kommerzielle Lizenz, was z.B. die Verwendung von CC-BY-NC-lizenzierten Materialien unmöglich macht; zudem ist unklar, wie die eingestellten Materialien ihrerseits weiterverwendet werden könnten); sie würde Lehrende in ein Vertragsverhältnis mit Apple zwingen. Um nur ein paar offensichtliche Gründe zu nennen.

Der letzte Punkt würde übrigens nicht nur Lehrende betreffen, denn prinzipiell ist jedes Angebot, dass über iTunes U verfügbar ist, Werbung für Apple. Man kann nur hoffen, dass das nicht dazu führt, dass Apple damit so erfolgreich ist, dass irgendwann kein Weg mehr an iTunes U vorbeiführt. Das wäre dann auch die Gelegenheit, wo sicherlich einige daran denken würden, auch die internen Systeme umzustellen. Noch geht es natürlich nicht darum, sind es nur Dystopien, aber wer kann heute schon sagen, wohin die Reise geht. Was mit externen Diensten, die nicht unter der eigenen Kontrolle stehen, passieren kann, hat man ja unlängst erlebt.

Inzwischen rudert die FU Berlin zwar per Pressemitteilung zurück (siehe auch: netzpolitik.orgtageswebschau oder tageswebschau (Einzelbeitrag))…

Eine exklusive Nutzung der Plattform iTunes U zur Präsentation von Lehrveranstaltungen und audiovisuellen Materialien ist nicht vorgesehen. Die Plattform soll in Ergänzung zu den an der Freien Universität Berlin verwendeten E-Learning-Systemen und dem offiziellen Internetauftritt zum Einsatz kommen.

…, aber wirklich erledigt hat sich das Thema damit nicht, denn auch der optionale Einsatz birgt weiterhin Probleme. Es scheint als ob man mit der Pressemitteilung lediglich die Wogen glätten wollte, ohne von von der bisherigen Position abzuweichen: Es wurde zwar den Befürchtungen Rechnung getragen, die darin den Anfang vom Ende des internen Learning-Management-Systems der FU sahen, worum es aber (momentan?) explizit nicht geht, und es wurde klargestellt, dass es sich in der Exklusivnutzung nur um eine Bitte handelt. An der eingeschlagenen Richtung ändert sich allerdings nichts, wie auch Anatol konstatiert.

Trotz der ganzen Aufregung, scheint sich aber niemand die eigentliche Frage zu stellen: Warum setzen immer mehr Universitäten bei ihrer Öffnung für die Allgemeinheit auf geschlossene Systeme? Natürlich ist iTunes U dafür ein Paradebeispiel, aber es gibt zig andere Hersteller die ähnliche Dienste anbieten. Und um ehrlich zu sein: Videos auf Youtube (oder Vimeo), Einträge auf Wikiversity oder auch eigene Downloadportale an den Hochschulen sind zwar ganz nett, lösen aber nicht das Problem. Auch bei der Forderung nach Open Educational Resources (OER) bleibt die Frage nach der Auffindbarkeit, Ausfallsicherheit und Einfachheit oft ungestellt. Und so verwundert es nicht, dass man sich lieber ein zentralisiertes und geschlossenes System ins Boot holt, als die rechtlichen, organisatorischen und technischen Probleme endlich selbst anzugehen.

Lösungsvorschlag: OER-Tauschbörse

Vor einigen Semestern habe ich an der PH Karlsruhe ein Seminar zur Entwicklung von Webservices betreut. Konkret ging es – nach etwas Motivation durch den Dozenten Ulrich Kortenkamp – um einen Dienst, der die Erstellung, Auffindung und Bearbeitung von eigenen wie auch fremden Unterrichtsverlaufsplänen vereinfacht. Der schnelle Austausch von Unterrichtsphasen war genau so möglich wie der Zugriff auf für die Stunde benötigtes Material. Wie auf jeder „sozialen“ Plattform konnte man natürlich auch Bewertung und Kommentieren. Wie sooft fehlte es an Zeit und motivierten Mitarbeiten, um das Projekt wirklich voran zu bringen, aber auch nach dem Ende des Seminars, habe ich mich weiter damit beschäftigt. In einem ersten Schritt habe ich die Weboberfläche weggeschmissen und stattdessen alles zu einem schlanken „RESTful“ Webservice umgebaut. Um das User-Interface sollten sich Leute kümmern, die davon mehr Ahnung haben, Designer. Dabei wäre es egal gewesen, ob die Oberfläche als Webpage oder in Form einer nativen Anwendung umgesetzt worden wäre.

Doch auch diese Idee kam nicht über einen Prototypen hinaus. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass die Leute sich schon für die Software entschieden haben, mit der sie solche Sachen erstellen. Ebenfalls haben sie sich (leider) auch schon auf ein Dateiformat festgelegt. Hier gibt es zwar überall noch Verbesserungsbedarf, aber die eigentlich ungelösten Frage sind doch: Wenn ich jemanden ermutige, Inhalte freizugeben, wo und wie soll er diese veröffentlichen? Und – nicht unabhängig davon – wie findet ein Interessierter diesen Inhalt dann auch?

Genau die gleichen Fragen sind auch im aktuellen Fall wichtig zu beantworten. Das interessante ist, dass die Verfügbarkeit und eine leichte Auffindbarkeit teilweise gegenläufige Ziele sein können: Einfache Auffindbarkeit spricht für einen zentralen Dienst, z.B. wie iTunes U, was aber gleichzeitig die Verfügbarkeit absenkt. Natürlich kann man sich mit entsprechenden viel Hard- und Software-Ressourcen absichern oder gar komplett in die Cloud ausweichen, aber das schützt den Nutzer ja nicht davor, dass die zentrale Stelle selbst das Interesse verliert oder andere Vorstellungen und Ziele verfolgt – siehe das Google Reader Beispiel aus der Einleitung. Aber „Cloud“ ist ein gutes Stichwort. Statt eine gekaufte Rechnerfarm hinter einem zentralen Einstiegspunkt zu nutzen, könnte man das Bild umdrehen: Eine Datenwolke aus gleichberechtigten Peers, die die Daten verteilt anbieten, und dazu zentrale Anlaufstellen, die einen Teil der Daten als ihren eigenen oder zumindest als nutzenswert prominent bewerben? Das Konzept ist nicht neu, es ist erprobt und funktioniert. Es nennt sich BitTorrent.

Datenspeicherung

Um das Problem nochmal zu verdeutlichen ein Beispiel: Wer auf YouTube eine Aufzeichnung seiner Vorlesung veröffentlicht, der muss damit rechnen, dass diese irgendwann nicht mehr verfügbar ist [Anm. cspannagel: Seufz! 😉 ]. Zwar ist es allein bei der Größe von Google/YouTube nicht sehr wahrscheinlich, dass das technische Gründe haben kann, aber die Sperrung aufgrund von – mal mehr, mal weniger ersichtlichen – Urheberrechtsverstößen oder aufgrund von Nutzerbeschwerden kann durchaus vorkommen. Vielleicht entscheidet Google auch einfach nur, dass dieser Inhalt nicht zu ihren AGB passt oder dass die dauerhafte Speicherung zu teuer wird. Aber was dann? Kein Problem, denkt man sich, denn es gibt ja nicht nur YouTube, also lade ich es einfach auf Vimeo und Co. hoch, vielleicht habe ich das auch schon per Cross-Posting getan. Aber damit haben wir das Problem nicht gelöst, sondern verschoben. Und außerdem hat so ein Wechsel einen großen Nachteil: die URL des Videos hat sich geändert. Wir brauchen die quasi-eindeutige Adressierbarkeit über den Speicherort hinaus, die also auch dann nicht kaputt geht, wenn die Original-Quelle weg bricht. Auch das leistet BitTorrent.

Wie würde das also konkret aussehen? Nun, eine Hochschule (um mal wieder mehr auf den Auslöser iTunes U einzugehen) legt ihre Aufzeichnungen und Materialien auf den eigenen Servern ab und veröffentlicht sie über BitTorrent. Sie garantiert, dass es eine Quelle gibt, die die Dateien komplett verfügbar hat, andere diese also auch komplett runterladen können. So viel nichts neues, das wäre auch mit FTP o.ä. ähnlich. Idealerweise werden jetzt von anderen Hochschulen und Universitäten diese Inhalte – nach sorgfältiger Prüfung – auf deren eigenen Servern gespiegelt, also dupliziert. Das passiert heute auch schon sehr häufig, aber der Unterschied ist, dass jeder, der diese Dateien über BitTorrent herunterlädt oder bereitstellt, automatisch als weitere Quelle genutzt wird. Das liegt daran, dass nicht direkt auf den Speicherort gelinkt wird, sondern auf eine Beschreibung der Datei selbst, die automatisch alle verfügbaren Quellen kennt.

Natürlich gibt es auch einige Probleme oder Nachteile. So sind z.B. von einmal veröffentlichten Dateien keine Aktualisierungen möglich. Hat sich bei der Erstveröffentlichung ein Fehler eingeschlichen, muss ein komplett neuer Torrent-Download erstellt werden, der die aktualisierte Fassung enthält. Man kann zwar auf den eigenen Servern die alte Fassung löschen, aber wenn andere Nutzer und Server noch die alte Version anbieten, werden für eine gewisse Zeit beide Versionen im Netz verteilt werden. In gewissem Maße lässt sich das ganze aber so weit eindämmen, dass das kein relevanter Kritikpunkt ist. Auch bei herkömmlichen Downloads lässt sich nicht erzwingen, dass jeder Nutzer automatisch die aktuellste Fassung nutzt. Ein Spezialfall von Updates ist natürlich die Löschung von Inhalten. Auch hier gilt: Man kann sie von den Rechnern unter der eigenen Verwaltung löschen, aber was andere tun, das lässt sich nicht vorhersagen oder gar erzwingen. Ein weiterer Punkt, den man ansprechen sollte ist ebenfalls kein Problem, sollte aber der Klarheit wegen angesprochen werden: Tauschbörsen jeglicher Art werden in den Medien häufig im Zusammenhang mit Urheberrechtsverstößen genannt, da macht BitTorrent keine Ausnahme. Doch da die Hochschulen selbst nur Eigenproduktionen oder geprüfte Fremdinhalte anbieten, besteht hier keine weitere Gefahr. Eine Analogie: Die Hochschulen betreiben ja auch eigene Websites, auch wenn es anderswo im Web sicherlich auch illegale Angebote gibt. Inzwischen wird BitTorrent sogar vermehrt von der Industrie oder auch schon von Universitäten genutzt, einige Beispiele (entnommen aus Wikipedia):

Eine schöne interaktive Visualisierung der Funktionsweise von BitTorrent findet sich auf mg8.org.

Auffindbarkeit

Um entsprechende Inhalte jedoch in so einer Datenwolke finden zu können, bräuchte man einen idealerweise zentralen und globalen Suchindex. Dieser müsste nicht nur als Linkliste fungieren, sondern auch Metadaten über die einzelnen Ressourcen haben: Autor (und/oder Institution), Alter, Medientyp, Zielgruppe, Fach, Lizenz usw. Auch Kommentare, Bewertung und die typischen „social“ Eigenschaften sind hier angesiedelt. Diese zentrale Führungsrolle hat in anderen Bereichen PirateBay eingenommen, wäre es also nicht an der Zeit, die Technik zum guten zu Nutzen und ein EduBay zu starten?

Ob mit oder ohne so eine Zentralstelle, besteht natürlich die Möglichkeit, dass die einzelnen Hochschulen für ihren eigenen Downloadbereich, einen entsprechenden Indexer-Dienst betreiben, was gerade am Anfang für einen schnellen Start sorgen könnte. Es sollte jedoch die Option geschaffen werden, die Metadaten des Indexers abgreifen und weiternutzen zu können. Damit wäre es dann kein Problem mehr, eine entsprechende Suchmaschine zu speisen oder – im Falle eines Ausfalls – den nahtlosen Weiterbetrieb zu sichern. Ein universelles Austauschformat für die Metadaten wäre hilfreich.

Fazit

Was wir brauchen ist ein Piratebay für OER, doch die Idee an sich ist nicht neu: Schon 2010 hat Stephen J. O’Connor ähnliches formuliert. Dabei hat BitTorrent auch einige Probleme, die hier nicht näher genannt wurden, es ist nur eine Möglichkeit – eine andere Idee wäre das an der Standford University entwickelte LOCKSS – Lots Of Copies Keeps Stuff Safe – die Ziele zu erreichen:

  • Jeder verteilt nur den Inhalt, den er vertreten kann.
  • Jeder kann jeden Inhalt ohne Anmeldung komplett herunterladen und diesen…
  • …unter dem selben Identifier weiterverteilen, auch wenn die Original-Quelle nicht mehr existiert.
  • Ein globaler Such-Index ist möglich und wünschenswert, auch mehrere sind möglich.

Was sind eure Erfahrungen? Ist das Problem vielleicht gar keins? Gibt es schon andere Lösungen, die ich übersehen habe? Was nutzt ihr persönlich, um Inhalt zu veröffentlichen? Was nutzen ggf. die Hochschulen und andere Institutionen im Bildungsbereich? Und wo sucht ihr nach OER-Inhalten? Ich würde mich auf eine lebhafte und erkenntnisreiche Diskussion freuen!

Muss man eigentlich nix mehr wissen?

Veröffentlicht: Sonntag, März 10, 2013 in Internet, ITG

Demnächst darf ich für ein Themenheft einen Beitrag schreiben zum Themenkomplex „Wissen kann man googeln – eigentlich muss ich dann ja nix mehr wissen“ (grob). Ein spannendes Thema, insbesondere weil einem immer wieder Statements der folgenden Form begegnen:

  • Das gesamte Wissen der Menschheit steckt im Internet. Also braucht man vieles heute gar nicht mehr zu lernen, ich kann einfach eine Suchmaschine bedienen, wenn ich etwas wissen will.
  • Wesentlich wichtiger sind „Schlüsselqualifikationen“ oder „allgemeine Kompetenzen“ wie beispielsweise Sozialkompetenz und Methodenkompetenz.
  • Das bedeutet: Lernen in der Schule kann viel exemplarischer erfolgen als bislang. Es genügt, an ausgewählten Inhalten z. B. in Form von Projekten die wesentlichen allgemeinen Kompetenzen (im Sinne von „Wissensarbeit“) auszubilden. Wenn ich gelernt habe, mir selbst Wissen anzueignen, dann kann ich das in anderen Bereichen später auch einfach selbst tun.

Sicherlich sind kompetenzorientierte Sichtweisen auf Lernen ein erheblicher Fortschritt gegenüber der Vorstellung vom „Inhalte pauken“, und Inhalte und Prozesse (Denk- und Arbeitsweisen) sollten verschränkt miteinander betrachtet werden (Welche Inhalte lassen sich durch welche Prozesse besonders gut erarbeiten? Und welche Prozesse lassen sich anhand welcher Inhalte gut lernen?). Und es ist auch gut, beim Lernen einen prozessorientierte Sichtweise einzunehmen dahingehend, dass es im Wesentlichen darauf ankommt, dass Schülerinnen und Schüler lernen, sich selbst Wissen anzueignen, Wissen gemeinsam zu erarbeiten, neugierig Fragen zu stellen, Methoden zur deren Beantwortung anzuwenden usw. Aber, all das sollte nicht „auf Kosten der Inhalte“ erfolgen. Ein Beispiel aus der Mathematik: Hier sollen Schüler (im allgemeinen Kompetenzbereich) lernen, Probleme zu lösen, zu argumentieren, Darstellungen gezielt einzusetzen, mathematisch zu kommunizieren usw. Der Erwerb dieser allgemeinen Kompetenzen soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle Schülerinnen und Schüler z.B. auch mit Prozenten (als Inhalt) umgehen können müssen. Und hierfür braucht man weitere Inhalte als Vorwissen (Dreisatz, Bruchzahlen, …). (Im Kontext des EduCamps in Bielefeld hatten wir über ähnliche Aspekte in einer Session von Felix Schaumburg intensiv diskutiert, siehe zum Beispiel die Blogbeiträge von Lisa Rosa und Hokey).

Doch was sind Argumente dafür, dass man trotz Internet, Google usw. vieles einfach wissen muss? (im Folgenden gehe ich mal von „Wissen“ im Sinne deklarativen Wissens aus;l letztlich manifestiert sich natürlich alles Gelernte sich in irgendeiner Form als Wissen, auch Schlüsselqualifikationen).

  • Es ist seit langem eine kognitionspsychologische Erkenntnis, dass Expertise sich durch Bereichswissen auszeichnet und weniger durch allgemeine Prozesskompetenzen. Wenn ich Experte in einem Bereich werden will, muss ich einfach viel wissen in diesem Bereich. Ein prototypisches Beispiel hierfür ist Schach: Schachexperten zeichnen sich aus durch ein profundes Wissen über Spielsituationen und weniger durch abstrakte Problemlösefähigkeit. Die Expertiseforschung zeigt (so Bromme, 2008, S.160 [1]): „Die erfolgreichen Problemlöser nehmen Problemsituationen anders wahr als Anfänger. Die Wahrnehmung und die Schlussfolgerungen daraus bauen auf umfassendem Wissen auf, das Experten durch langjährige und gezielte Übung und Erfahrung mit den spezifischen Problemstellungen ihres Expertisegebiets erworben hatten.“
  • Ein weiterer Aspekt, der mittlerweile ausgesprochen gut in der Kognitionspychologie (insbesondere im Rahmen der Cognitive Load Theory) untersucht wurde und der hier eine erhebliche Rolle spielt, ist die Begrenztheit des Arbeitsgedächtnisses. Das Arbeitsgedächtnis ist derjenige Part in einem weithin akzeptierten Gedächtnismodell, in dem die bewusste Verarbeitung von Inhalten stattfindet (also, letztlich neues Wissen produziert und gelernt wird). Problem: Das Arbeitsgedächtnis ist stark kapazitätsbeschränkt (7 plus/minus 2 Einheiten, sagt man – mittlerweile wurde das aber auch weiterentwickelt). Da passt nicht viel rein in Arbeitsgedächtnis – im Gegensatz zum Langzeitgedächtnis, in dem all unser dauerhaft gespeichertes Wissen steckt und darauf wartet, ins Arbeitsgedächtnis geholt zu werden (sozusagen als „Erinnerung“), um dort weiter verarbeitet zu werden. Wenn man also eine Information wahrnimmt, dann kommt diese über die Sinneskanäle ins Arbeitsgedächtnis, ggf. werden bereits vorhandene Infos aus dem Langzeitgedächtnis geholt, alles wird verarbeitet und ins Langzeitgedächtnis abgespeichert (einfach gesagt). Für Nerds: Information wird in den Arbeitsspeicher geladen, gegebenenfalls werden Infos von der Festplatte geholt, alles wird verwurstet und wieder auf der Festplatte gespeichert. Die Informationen im Langzeitgedächtnis nennt man Chunks Schemata (ist der passendere Begriff). Bereits gespeichertes, reichhaltiges Wissen in Form von Schemata ist praktisch, weil dadurch nur eine Einheit im Arbeitsgedächtnis belegt wird, wenn man das Schema aus dem Langzeitgedächtnis holt. Beispiel aus der Politik: Wenn ich Peter, der noch keine Ahnung davon hat, erklären muss, was „Demokratie“ ist, dann muss er ziemlich viele einzelne Wissensaspekte im Arbeitsgedächtnis verarbeiten, sich daraus sein Wissen über Demokratie konstruieren und im Langzeitgedächtnis mit seinem bisherigen Wissen vernetzen (sich also ein Schema „Demokratie“ aufbauen). In dieser Phase hat er aber nicht viel Platz im Arbeitsgedächtnis, um sich mit weiteren Dingen rund um politische Modelle zu beschäftigen. Annette hingegen, die schon etwas über Demokratie gelernt hat (also einen entsprechendes Schema besitzt), kann mit diesem Schema und zahlreichen weiteren Wissenselementen im Arbeitsgedächtnis neues Wissen konstruieren. Fazit: Wer viel Wissen hat, kann wendiger auf höheren Ebenen mit diesem Wissen arbeiten.
  • Wenn man also (übertrieben gesprochen) keine Schemata im Langzeitgedächtnis hat, dann ist man mit den Informationen, die man ergoogelt, überfordert: Man muss letztlich „von vorne beginnen“ und sich mühsam Konzepte eines Bereichs erarbeiten, versteht viele Texte nicht usw. Diese Erfahrung macht man, wenn sich beispielsweise Schüler Inhalte ergoogeln sollen, bei Wikipedia landen (dessen Texte oft zu schwierig sind) und dann Inhalte unverstanden übernehmen (weil für das Verständnis einfach Grundwissen notwendig ist).
  • Wenn man sich den Begriff Wissen einmal näher ansieht, dann ist man schnell enttäuscht: Im Internet steckt gar kein Wissen! Also, die Annahme, man findet alles mögliche Wissen im Web, ist grundfalsch, denn: Man findet dort Daten und allenfalls Informationen, aber kein Wissen. Die DIKW-Pyramide (datainformationknowledgewisdom)  ist ein Modell für den Zusammenhang dieser Begriffe. Die Definitionen der einzelnen Begriffe sind nicht ganz einfach, aber grob gesagt: Daten sind „Rohmaterial“, das einfach existiert. Verknüpft man Daten und versieht diese dadurch mit Bedeutung, dann entstehen Informationen. Informationen werden zu Wissen dadurch, dass man sie verarbeitet und in einem bestimmten Kontext nutzt bzw. anwendet. Oder anders gesagt: Informationen werden zu Wissen, wenn man durch deren Verarbeitung etwas weiß. (Natürlich kann man  auch über all diese Definitionen streiten, wie immer. Und über Weisheit sprechen wir auch besser ein anderes Mal.) Das bedeutet aber auch: Mit Informationen kann man als verarbeitende Instanz nur etwas anfangen, wenn man sie  – basierend auf seinem bestehenden Wissensbestand – zielführend verarbeiten kann. Man benötigt also bereits Wissen, um Informationen in neues Wissen zu transferieren. Wissen findet man nicht einfach, wenn man googelt.

Soviel zu meinen ersten Gedanken zum Thema. Was denkt ihr darüber? Genauer:

  • Kennt ihr Literatur, in der behauptet wird, man müsste nichts mehr wissen?
  • Gibt es noch andere Argumentationsansätze / Aspekte / …, die für oder gegen diese Annahme sprechen?
  • Oder seid ihr anderer Meinung?

Literatur:

[1] Bromme, R. (2008). Lehrerexpertise. In W. Schneider & M. Hasselhorn (Hrsg.). Handbuch der Pädagogischen Psychologie (S. 159-167). Göttingen: Hogrefe.