Über die Dehnung von Geduldsfäden

Veröffentlicht: Donnerstag, Oktober 11, 2012 in Maputo, Uncategorized
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Die Kurse in Mosambik bescheren mit immer Lehrerfahrungen, die ich nicht missen möchte. In diesem Jahr wurde meine Geduld auf die extreme Probe gestellt, und beinahe wäre mir der entsprechende Faden gerissen. Aber nur beinahe gottseidank.

In diesem Jahr halte ich wieder (wie vor zwei Jahren) den Master-Kurs „Laboratory on Mathematics Education“. Meine Vorgabe (die ich einen Tag vor Abflug erhalten habe) war: Die Studenten sollen lernen, wie man Mathematik mit dem Computer erforscht. Okay, kein Problem, dachte ich mir, nimmste GeoGebra (eines meiner Lieblings-Mathetools) da haste zahlreiche Ideen, was du machen kannst. Kostet auch nix, können die Lehrer in Mosambik überall verwenden.

Und los ging’s. Die Kurszeit: 16 bis 21 Uhr, denn die Studenten arbeiten tagsüber. Dementsprechend müde, abgeschlagen und verspätet kommen sie auch. Der Kurs beginnt eigentlich nie vor 16:20 Uhr. Dieses Phänomen kenn ich schon von meinen anderen Kursen hier. Das ist schon die erste extreme Geduldsprobe für jemanden, der die „deutsche Pünktlichkeit“ gewöhnt ist. Damit komm ich aber mittlerweile ganz gut zurecht. Man sitzt halt da und wartet, bis die ersten Studenten eintröpfeln, irgendwann sind dann 75% da, und dann fangen wir an. Die letzten kommen bis zu zwei Stunden zu spät. Den ersten Kurstag verliert man dabei auch noch, weil am ersten Tag nur ein kleiner Teil der Studenten da ist. Das mag daran liegen, dass der Kurs eine besondere Blockveranstaltung ist und diese Info evtl. nicht gleich bis zu jedem durchdringt.

Zusätzlich störend ist, dass die Studenten immer alle ihre Handys anhaben, es ständig irgendwo klingelt, die Studenten dann rauslaufen und sich teilweise auch nicht scheuen, dabei schon bereits im Seminarraum abzunehmen und zu antworten. SMS hier, SMS da.

Ein weiteres Problem: Die Sprache. Ich spreche Englisch, die Studenten verstehen ein wenig Englisch, können aber zum Teil überhaupt nicht Englisch sprechen (obwohl das eigentlich eine Voraussetzung ist, um überhaupt zum Masterstudium zugelassen zu werden). Mein mosambikanischer Kollege hier ist immer mit dabei und übersetzt Englisch nach Portugiesisch und zurück. Vorträge dauern also immer mindestens doppelt so lange wie normal. Daher habe ich auch meine Vortragsteile minimiert und lasse die Studenten mehr selbst am Rechner ausprobieren, was ja ohnehin sinnvoller ist. (By the way: Ich stelle fest, dass ich in solchen Vorträgen besser auf den Punkt komme. Man hat ja während einer Übersetzung Zeit, sich den nächsten Satz zu überlegen. Die sind dann meistens gestochen scharf. Und weils in Englisch ist, komme ich mir dabei ein bisschen vor wie ein amerikanisches Lehrbuch. Einfache, englische Sätze. Mit einer Aussage. Punkt.) Also auch hier braucht man zusätzlich Geduld. So ein Unterrichtsgespräch dauert einfach ewig mit einem geringen inhaltlichen Ertrag. Immerhin verwendete ich die portugiesische Variante des Programms zur Demonstration, weil es für mich einfacher ist, mich in die portugiesischen Fachbegriffe einzudenken als für die Studierenden in die englischen. Jetzt weiß ich immerhin, was „Speichern“, „Mittelsenkrechte“, und „Spur anzeigen“ auf Portugiesisch heißt.

In diesem Kontext wurde ich in diesem Jahr zusätzlich auf die Geduldsprobe gestellt: Es handelte sich nämlich um eine extrem schwache Gruppe. Man fängt ja ganz naiv an, zeigt GeoGebra, hey, so konstruiert man sich zum Beispiel ein gleichseitiges Dreieck, Strecke, Kreis hier, Kreis da, ist klar, hier Schnittpunkt, fertig. Alles easy, Programm intuitiv, olé olé. Folie mit Aufgaben für die Studenten: Konstruiert doch nochmal das gleichseitige Dreieck, dann ein Quadrat, ein Rechteck, ein regelmäßiges Sechseck und ein regelmäßiges Achteck. Viel Üben, ich kann rumlaufen und helfen. So war mein Plan für die erste Stunde des zweiten (!) Tages. Wir haben allerdings den gesamten zweiten Tag für einen Teil dieser Aufgaben gebraucht.

Beim Rumlaufen merkt man, dass ein Student vor seiner gerade konstruierten Strecke sitzt. Kommt man 5 Minuten später wieder vorbei, sieht man, dass er immer noch davor sitzt. Man geht hin und fragt, ob man helfen kann, er fragt nach dem Kreis, man zeigt ihm kurz nochmal, wie das mit dem Kreis ging. Aha, okay, yes. 5 Minuten  später kommt man wieder vorbei, immer noch nur eine Strecke. Man zeigt es nochmal mit dem Kreis. Währenddessen klingelt sein Handy, kurze Ablenkung, also nochmal. 5 Minuten später kommt man wieder vorbei, und man merkt, wie der Student nochmals beginnt, die Strecke zu konstruieren. So langsam denkt man sich „hä? och nee!“.

Andere Studenten können 20 Minuten vor ihrem konstruierten Dreieck sitzen und nicht auf die Idee kommen, zur nächsten Aufgabe überzugehen. Andere wiederum hatten bereits extreme Probleme bei der Bedienung der Maus. (Man mag meinen, dass liegt daran, dass mosambikanische Studenten vielleicht keinen Zugang zu Computern hätten. Das mag für viele zutreffen, aber nicht für meine Gruppe. Jeder Student hatte seinen eigenen Laptop dabei!) Es ist für die Studenten teilweise schon schwierig, mit dem Mauszeiger einen Punkt anzuklicken. „Right klick here!“ …. „no, here“ …. „no, HERE“…. „ah, no, with the right mouse button“… „right klick“…. „RIGHT!!!“.

Ich musste eigentlich noch nie so oft tief durchatmen wie in diesem Kurs. Ein paar Mal war ich kurz davor, auszurasten und zu brüllen, dass jetzt doch mal bitte alle Handys ausgemacht werden und sich jeder verdammt noch mal konzentrieren soll, diese wirklich einfachen Aufgaben zu lösen.

Wenn man so weit ist, kommt man ins Grübeln. Diese innere Reaktion ist wirklich krass, denn: Natürlich tut man den Studenten unrecht damit:

  • Sie haben einen harten Tag. Abends nach der Arbeit noch ein paar Stunden lang konzentriert geometrische Konstruktionen zu machen ist schon eine Herausforderung. Außerdem sind die Bedingungen sowieso nicht so einfach. Und bei der Infrastruktur hier kann es auch schon mal sein, dass man einfach keine Chance hat, pünktlich zu kommen.
  • Was kann den ein Student dafür, wenn er die Maus noch nicht richtig bedienen kann? Vielleicht hatte er bislang nicht die Möglichkeit, sind intensiv mit Computern zu befassen? Natürlich kann man sagen, dass man auch dieses als Voraussetzung für die Aufnahme eines Master(!)-Studiums begreifen könnte, aber das ist dann ebenso nicht die Schuld dieses einen Studenten, der nun mal jetzt hier studiert.
  • Die Sache mit den Handys ist eine kulturelle Sache. Jeder macht das überall, es wird als normal empfunden, wenn man mitten im Gespräch stoppt und einen Telefonanruf beantwortet (diesen also höher priorisiert als das gerade stattfindende Gespräch).

Also, letztlich könnte man sagen: Dies sind alles meine Probleme, nicht die der Studenten, und meine (verdammte) Pflicht ist es, der Situation angemessen als Lehrperson zu agieren und einen Kurs zu gestalten, der dieser speziellen Gruppe von Studierenden auch etwas bringt.

Am Anfang der zweiten Woche dachte ich, dass ich mit jedem weiteren Kurstag die Wahrscheinlichkeit senke, dass die Studenten dieses Tool überhaupt jemals einsetzen und nicht abgrundtief hassen. Dann hab ich gottseidank die Kurve gekriegt, zur Zufriedenheit der Studenten und auch zu meiner eigenen Zufriedenheit. Ich bin dazu übergegangen, alles in der Gesamtgruppe Schritt für Schritt zu machen (was ich normalerweise überhaupt nicht leiden kann), aber für diese Gruppe war es GENAU das richtige. „Okay, jetzt alle mal eine Strecke konstruieren, und zwar so.“ … (zwei Minuten rumlaufen, schauen, bis es alle haben). „Jetzt konstruiert einen Kreis so….“…. (zwei Minuten rumlaufen, schauen, bis es alle haben). … usw. usw.

Gestern haben wir uns mit Funktionen befasst. Mittlerweile sind wir so weit, dass die Studenten auch selbst neue Programmfunktionalitäten erforschen oder plötzlich Fragen stellen, die sie interessant finden und beantworten wollen. Dies führte gestern zu einem grandiosen Unterrichtsgespräch, in der wir den Einfluss des Parameters b bei einer quadratischen Funktion der Form f(x)=ax²+bx+c untersucht haben: Gemeinsam Hypothesen finden, dann Geogebra-Sheet erstellen, ausprobieren, sich wundern, mmh, die Parabel scheint sich entlang einer weiteren Parabel zu bewegen (zumindest hat die Spur des Scheitelpunkts den Eindruck erweckt). Dann die grandiose Frage eines Studenten: „Wie hängen denn beide Parabeln zusammen?“ Versuch der formalen Lösung gemeinsam an der Tafel, Bestimmung der Funktionsgleichung, dann hinzuzeichnen des Funktionsgraphen in Geogebra und schauen, ob die Spur des Scheitelpunkts darauf verläuft. Volltreffer! Die Studenten happy, ich happy. Die Studenten sind sich einig, dass es sich um ein gutes Tool handelt, und mittlerweile können wir uns auch aus mathematikdidaktischer Sicht damit befassen (Was soll das Ganze?). Natürlich gibt es immer noch große Leistungsunterschiede in der Gruppe, ich habe aber das Gefühl, dass wir gemeinsam einen großen Sprung gemacht haben.

Woran man mal wieder sieht, dass man seine Methodenwahl auch nach der Lerngruppe ausrichten muss.

Morgen gehts wieder nach Hause. Schade.

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Kann man Äpfel mit Birnen vergleichen?

Veröffentlicht: Mittwoch, August 8, 2012 in Vorlesungsaufzeichnung
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Klar kann man das! Äpfel sind rund, Birnen birnenförmig. Äpfel können rot sein, Birnen nicht. Und Äpfel schmecken mir besser als Birnen. Also, man kann.

Okay, Spaß beiseite. Das Äpfel-Birnen-Bild soll uns natürlich daran erinnern, dass man bei Vergleichen immer acht geben muss, ob das zu Vergleichende auch vergleichbar ist. Man kann dies aber auch anders herum sehen: Wenn man sich der Grenzen der Vergleichbarkeit bewusst ist, dann kann man trotzdem vergleichen, aber eben vorsichtiger und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedingungen.

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich gefragt werde, ob denn die Studierenden durch das Konzept der umgedrehten Mathematikvorlesung denn nun auch besser in den Klausuren abschneiden. Eine berechtigte Frage, wie ich finde. Allerdings auch eine schwer zu beantwortende. Wenn man dies streng wissenschaftlich untersuchen möchte, kommt man schnell entweder an Grenzen der Ethik oder der Übertragbarkeit. Denn: Wenn ich wirklich einen Unterschied zweier Methoden untersuchen wollte, müsste ich streng genommen im selben Semester die Studierenden einer Veranstaltung in zwei Gruppen einteilen (randomisiert, d.h. zufällig zugeteilt, versteht sich): die eine Gruppe besucht eine traditionelle Vorlesung, die andere die umgedrehte. Außerdem muss man sicher stellen, dass die traditionelle Gruppe nicht doch auf die Videos zugreift (also nix mit Youtube). Am besten sollten sich die Studierenden der beiden Gruppen auch während des Semesters nicht begegnen und nicht miteinander austauschen usw. Das ist schon sau schwer zu erreichen, naja, eigentlich unmöglich. Aber gesetzt den Fall, man bekommt das hin: Dann müssen ja beide Gruppen am Ende der Veranstaltung eine Prüfung ablegen, und ich habe eine Gruppe mit einer aus meiner Sicht schlechten Methode gelehrt. Das kann man nicht machen! Die Studierenden würden sich zurecht über eine ungleiche Behandlung beschweren. Ethisch ist das nicht vertretbar.

Das Problem könnte man umgehen, in dem man die Studierenden nur kurzfristig teilt (also z.B für eine Vorlesung) und dann gleich im Anschluss Unterschiede misst (beispielsweise durch einen Lernerfolgstest). Aber, was würde diese einmalige Geschichte aussagen über den Effekt der Umstellung einer gesamten Vorlesung? Eher nix. Das wären ja praktisch Laborbedingungen. Und außerdem wäre es keine richtige Prüfung, sondern „nur ein Fragebogen“ oder so. Die Ergebnisse sind also nur mit Fragezeichen versehen auf Realsituationen übertragbar. Man spricht dann von einer niedrigen externen Validität.

Man kann natürlich noch auf den Gedanken kommen, zwei unterschiedliche Lehrveranstaltungen z.B. an zwei unterschiedlichen Hochschulen herzunehmen und mit den unterschiedlichen Konzepten durchführen zu lassen. Aber: Neenee, kann man auch nicht machen, weil diese sich dann nicht nur durch die Methode unterscheiden, sondern auch durch die Hochschule, durch die Dozenten usw. Hier würde viel zu viel variiert werden! Der einzige relevante Unterschied zwischen beiden Gruppen darf nur die Methode sein, sonst nichts. Letztlich müsste man ganz viele Vorlesungen hernehmen und die eine Hälfte mit der einen und die andere Hälfte mit der anderen Methode lehren, damit sich die Unterschiede zwischen den Hochschulen und den Dozenten usw. auch gegenseitig aufheben. Aber wie bitte sollte man das organisieren?

Also, man sieht: Will man den Effekt des Umdrehens der Mathematikvorlesung auf den Lernerfolg untersuchen, handelt man sich jede Menge methodische Probleme ein. So, und jetzt kommen die Äpfel und die Birnen ins Spiel: Man kann ja trotzdem mal die Ergebnisse verschiedener Semester hernehmen und vergleichen, wohl wissend, dass diese sich mitunter drastisch auch durch andere Dinge als die Methode allein unterscheiden.

Ich habe mal die Klausurergebnisse der letzten vier Semester hergenommen und verglichen: ein Semester ohne Flipped-Classroom-Konzept, drei mit. Bevor ich euch jedoch die Ergebnisse vorstelle, beschreibe ich erst einmal, wodurch sich die einzelnen Semester unterscheiden:

  • Wintersemester 2010/2011: Hier habe ich noch eine klassische Vorlesung gehalten (allerdings parallel gleichzeitig aufgezeichnet). Nichtsdestotrotz: Die Studierenden haben hier nur eine traditionelle Vorlesung besuchen können.
  • Sommersemester 2011: In diesem Semester habe ich erstmals die Vorlesung umgedreht.
  • Wintersemester 2011/12: In diesem Semester habe ich wiederum die Vorlesung umgedreht, allerdings verbunden mit weiteren Schritten. Ich habe wesentlich stärker an die Selbstverantwortung der Studierenden appelliert, beispielsweise indem ich alles (Plenum, Übung, …) als Unterstützung bezeichnet habe, welche die Studierenden annehmen können, aber nicht müssen. Nichts war Pflicht.
    In diesem Semester hat sich zudem noch etwas anderes geändert, nämlich die Prüfungsordnung. In diesem Semester hatte ich noch (wenige) Studierende der alten PO in der Vorlesung, aber zusätzlich auch Studierende der neuen PO. Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Studierende der neuen PO schreiben die Klausur erst nach ihrem zweiten Semester (der aktuelle Durchgang also nach dem Sommersemester 2012), während Studierende der alten PO die Klausur sofort am Ende des Semesters schreiben. Insofern haben am Ende des Semesters nur wenige Studierende der alten PO die Klausur geschrieben.
  • Sommersemester 2012: In diesem Semester habe ich die Vorlesung gar nicht gehalten, weil sie nicht im Vorlesungsverzeichnis vorgesehen war. Nichtsdestotrotz haben die Studierenden der neuen PO die Klausur am Ende des Semesters geschrieben, eben aber über die Inhalte von vor einem Semester. Ach ja, das ist auch noch ein Unterschied: Während die Inhalte meiner Vorlesung bei Studierenden der alten PO zu zwei Dritteln in die Gesamtprüfung eingehen, gehen in der neuen PO die Inhalte meiner Vorlesung nur zu einem Drittel ein. Sie schreiben eine Klausur über drei Teile (Didaktik, Arithmetik und Geometrie), und nur einer davon (Arithmetik) ist „meiner“.

So, genug Beschreibung der Situation, jetzt die Ergebnisse. Insgesamt waren jeweils 0 bis 60 Punkte zu erzielen (im Sommersemester 2012 nur 0 bis 30 Punkte, insofern habe ich die Ergebnisse hier der Vergleichbarkeit wegen auch auf maximal 60 Punkte normiert). In der folgenden Tabelle ist die Anzahl der Klausuren angegeben (N) und das jeweilige arithmetische Mittel der Punktzahlen:

Semester WiSe 10/11 SoSe 2011 WiSe 11/12 SoSe 2012
Anzahl (N) 62 59 18 34
Mittelwert 32,4 36,9 32,6 28,9

Die Verteilung der Ergebnisse lässt sich gut mit Boxplots visualisieren:

Punkte-Vergleich umgedrehte Mathevorlesung

Man sieht also: Noch nie waren die Ergebnisse so schlecht wie im letzten Semester. Eigentlich hätte ich mir natürlich gewünscht und auch vermutet, dass die Ergebnisse besser sind als sonst. Aber: Sie sind es nicht. Fraglich ist noch, ob sich die unterschiedlichen Semester überhaupt signifikant unterscheiden. Mit Hilfe einer Varianzanalyse und  anschließenden Post-Hoc-Tests kann man das herauskriegen. Hab ich gemacht, und folgendes kam heraus: Keine der drei Flipped-Classroom-Durchgänge unterscheidet sich im Ergebnis signifikant vom traditionellen Durchgang im Wintersemerster 2010/11, was letztlich heißt (wenn man sich rein auf dieses inferenzstatistische Ergebnis bezieht): Die Ergebnisse der umgedrehten Mathematikvorlesung sind nicht bedeutend besser, aber auch nicht bedeutend schlechter als die Ergebnisse in der traditionellen Vorlesung. Es gibt allerdings einen signifikanten Unterschied zwischen dem Sommersemester 2011 und dem Sommersemester 2012: Hier schneiden die Studenten im Sommersemester 2012 signifikant schlechter ab.Das heißt: zwei Flipped-Classroom-Durchgänge unterscheiden sich signifikant, was ich nicht erwartet hatte. Soweit die Statistik.

Auch wenn die Ergebnisse des Sommersemesters 2012 nicht signifikant schlechter sind als die im Wintersemester 2010/11, so sieht man in der Grafik trotzdem, dass die Verteilung der mittleren 50% (die „Box“) doch erheblich nach links verschoben ist, d.h.: Zufriedenstellend können die Ergebnisse keineswegs sein.

Bei all diesen Dingen müssen allerdings die folgenden Aspekte mit bedacht werden, die letztlich auch „mit Schuld“ an den Unterschieden sein können:

  • Es handelte sich natürlich nicht um dieselbe Klausur, sondern um unterschiedliche (wenn auch mit dem Anspruch der Vergleichbarkeit konzipierte).
  • Die Prüflinge im Sommersemester 2012 hatten verschärfte Bedingungen: Sie haben die Klausur über die Inhalte meiner Vorlesung (im vorausgehenden Wintersemester) ein Semester später geschrieben. Außerdem hat sie da nur noch ein Drittel gezählt, und die Geometrie ist mit einem Drittel zur Prüfung hinzugestoßen. Das heißt: Die Studierenden mussten neben dem Lernen der Didaktik (ein Drittel) und der Geometrie (ein Drittel) meine Vorlesung (Arithmetik) mit einem Semester Verzögerung auch noch zusätzlich lernen.
  • Diese Überlegung führt zu der Frage, was in dieser neuen, verschärften Situation geschehen wäre, wenn die Studierenden die Videos nicht gehabt hätten. Zumindest hätten sie sich nicht das ein oder andere per Video nochmals in Erinnerung rufen können. Eventuell wäre mein Klausurteil also noch schlechter ausgefallen.
  • Prüfungsergebnisse variieren immer von Semester zu Semester. Insofern wäre es auch mal interessant, Semestervergleiche anderer Veranstaltungen zum Vergleich heranziehen: Wie schwanken die Klausurergebnisse, wenn sich nichts auffälliges an den Randbedingungen ändert?

Also, versuch ich mal ein Fazit: Das aktuelle Klausurergebnis ist nicht zufriedenstellend. Nichtsdestotrotz kann man kaum sagen, dass es am Flipped-Classroom-Konzept liegt, dass es vergleichsweise schlecht ausgefallen ist. Schließlich war der Durchgang im Sommersemester 2011 der (zumindest trendmäßig) beste Durchgang – mit dem Konzept der umgedrehten Mathematikvorlesung! Trotzdem zeigt dieses Beispiel wieder einmal: Der Blick auf die nackten Daten ist heilsam. (Übrigens, wer ebenfalls einen Blick auf die Daten werfen möchte, hier sind sie).

Welche Konsequenzen zieht man nun daraus? Unter anderem folgende:

  • Ich muss mein Veranstaltungskonzept weiter verbessern, und zwar dahingehend, dass die Dinge nachhaltiger gelernt werden – das scheint ja das Manko im letzten Durchgang gewesen zu sein. Eine Strategie wird sein, die Verarbeitungstiefe beim Betrachten der Videos zu erhöhen, zum Beispiel durch Lückenskripte zum Ausfüllen und durch kleine Tests zwischendurch (formative Assessments), wie dies beispielsweise Handke und Loviscach machen.
  • Eine weitere Unterstützung der Prüfungsvorbereitung könnte sein, den Studierenden während ihres zweiten Semesters immer mal wieder kleine Aufgaben zur Arithmetik zu stellen (auch ohne Vorlesung), um sie bei der Stange zu halten.
  • Außerdem muss man noch in Betracht ziehen, dass zum Teil andere Dinge im Flipped-Classroom-Konzept gelernt werden als diejenigen, die abgeprüft werden (beispielsweise mehr Selbstständigkeit bei der Aneignung von Mathematik). Also, vielleicht müssen sich auch die Prüfungen (zumindest zum Teil) ändern?

Wie interpretiert ihr die Ergebnisse?

Wie schwer sind Liebesschlösser?

Veröffentlicht: Freitag, August 3, 2012 in Mathematics
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Wenn man sich in Köln befindet, dann muss man gelegentlich Indianer spielen und den großen Fluß überqueren. Doch keine Bange: Man muss nicht schwimmen, man kann auch einfach eine der vielen Brücken nehmen. Zum Beispiel die Hohenzollernbrücke, die neulich als praktische Verbindung zwischen Dom und Amphi-Festival genutzt werden konnte. Im Übrigen ist das genau diejenige Brücke, mit der man den Rhein überquert, wenn man mit dem Zug nach Köln hineinfährt – vorbei an Reiterstandbildern irgendwelcher früherer Könige und Kaiser.

Auffällig ist bei Flanieren auf der Brücke die große Zahl an Liebesschlössern (eine Tradition, die laut Wikipedia-Seite aus Italien zu stammen scheint, was einen aber auch nicht wundert). Verliebte Paare bringen dort am Brückengeländer mir Gravur versehene Schlösser als Symbol ihrer ewigen Liebe an.  Freunde der Symbolik des Abschließens und Ankettens freuen sich über diese Möglichkeit. Doch darum soll’s hier erst mal nicht gehen, denn ebenso spannend ist die Tatsache, dass dies ein interessanter Ausgangspunkte für mathematische Fragen ist, beispielsweise für die Frage:

Wie viele Schlösser hängen denn an der Hohenzollernbrücke?

Ein schöner Auftakt für eine Fermi-Aufgabe. Was ist ne Fermi-Aufgabe? Das ist eine ganz einfache Frage mit mathematischem Gehalt, zu deren Beantwortung aber entscheidende Daten fehlen. Oft bleibt einem dann nichts anderes übrig als diese zu schätzen und „mit gesundem Menschenverstand“ herzuleiten. Als kleine Anhaltspunkte können dabei Fotos der folgenden Art dienen:

Hohenzollern-Brücke in Köln

Hohenzollern-Brücke in Köln

Hohenzollern-Brücke in Köln

Zum Lösen dieser Aufgabe muss man vermutlich die Länge der Brücke schätzen (oder nachschlagen), Überlegungen zum Flächeninhalt des Geländers und eines Schlosses anstellen und überlegen, wie man mit Überlappungen umgeht. Oder man zählt einen abgesteckten Bereich aus und rechnet das Ganze hoch… oder… aber darauf sollen ja die Schüler kommen. Ach, viel spannender ist ja noch die folgende Frage:

Wie schwer sind denn die Schlösser zusammengenommen?

Damit verbunden ist nämlich die existenzielle Frage, ob die Schlösser so schwer werden können, dass die Brücke deren Gewicht nicht mehr aushält. Dabei kann man sich überlegen, dass ja auch normalerweise voll beladene ICEs über diese Brücke fahren und das kein Problem zu sein scheint. Aber wie schwer sind die Schlösser eigentlich im Vergleich zu einem ICE?

In einem Zeitungsartikel erfährt man übrigens, dass es rund 40.000 Schlösser sind – aber gezählt worden sind die vermutlich nicht, und man kann sich angeregt fühlen, diese Schätzung mit seiner eigenen Berechnung zu vergleichen.

Spannend fände ich auch folgende Frage:

Wie viele Schlösser müsste man eigentlich mittlerweile wieder abhängen?

Jan-Martin Klinge sammelt übrigens in seinem Halbtagsblog seit geraumer Zeit interessante Fermi-Probleme – für all diejenigen, die sich davon überzeugen wollen, wie spannend doch Mathematik im Alltag sein kann. 🙂

BYOD in der Schule: Lehrer, ihr iPad und der Datenschutz

Veröffentlicht: Samstag, Mai 5, 2012 in Datenschutz, Gastbeitrag
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Beim folgenden Beitrag handelt es sich um einen Gastblog-Beitrag von Boris Kraut – bereits in diesem Blog allseits bekannt durch einen Beitrag zur Datenethik vor einiger Zeit. It’s your turn, Boris!

Wie oft haben wir uns schon über die komplette Verweigerungshaltung oder zumindest die mangelnden Kenntnisse unserer Lehrerkollegen beim Thema „neue Medien“ herablassend geäußert. Wie oft waren wir nach gehaltenen Fortbildungen deprimiert über die Ergebnisse. Wie oft haben wir uns eine bessere IT-Ausstattung an Schulen gewünscht. Für uns scheinen die Probleme klar zu sein, doch sind wir nicht auch ein Teil des Problems?

Im Februar bin ich im Rahmen der Learntec auf die Verwaltungsvorschrift Datenschutz an öffentlichen Schulen (Az. 11-0551.0/38) gestoßen und seither – der Blogentwurf liegt schon einige Zeit brach – plagen mich doch einige Zweifel. Ich selbst bin medienaffin, wo es Sinn macht versuche ich auch neue Medien in der Schule einzusetzen. Meist muss ich dazu auf eigene Hardware zurückgreifen – BringYourOwnDevice (BYOD) ist ja sowieso gerade das Zauberwort. Zum Glück beschäftigte ich mich auch mit dem Thema „Datenschutz“, achte also sehr darauf, ob ich sensible Daten von Dritten speichere/verarbeite.

Wie ich allerdings vor einiger Zeit schon hier im Blog klargemacht habe, dass ich den rechtlichen Aspekt zwar für wichtig, aber zum einen nicht für ausreichend, zum anderen (leider) auch nicht für besonders interessant halte. Am Ende der Diskussion ging es dann nicht mehr um Datenschutz, sondern um Datenethik.

Doch ohne die Juristerei kommt man eben doch nicht aus, also zurück zu der o.g. Verwaltungsvorschrift. Ich frage mich, wie viele der Lehrer sich wirklich beim Einsatz eigener Hardware an die dort geforderten Regeln halten:

Lehrkräfte, die sich schriftlich zur Beachtung der datenschutzrechtlichen Hinweise der Anlage 3 zu dieser Verwaltungsvorschrift verpflichtet haben, dürfen zur Erfüllung ihrer Aufgaben private Datenverarbeitungsgeräte zur Verarbeitung personenbezogener Daten verwenden. (Absatz II.7; Hervorhebung durch den Autor)

In Anlage 3 heißt es dann weiter (Hervorhebungen durch den Autor):

Der Schulleiter muss über Art und Umfang der vorgesehenen Verarbeitung personenbezogener Daten auf einem privaten Datenverarbeitungsgerät einer Lehrkraft informiert sein und dieser Datenverarbeitung schriftlich zustimmen. Die Schulleitung und ggfs. der Landesbeauftragte für den Datenschutz hat gegenüber der Lehrkraft ein Auskunftsanspruch über die auf dem privaten Gerät gespeicherten dienstlichen personenbezogenen Daten. Besonders sensible Daten, etwa über das Verhalten von Schülerinnen und Schülern, dürfen nicht auf dem privaten Datenverarbeitungsgerät verarbeitet werden.

[…]

Die Nutzung fremder Internetzugänge (z. B. in Internet-Cafes oder Hot-Spots an öffentlichen Plätzen) ist verboten.

[…]

Legen Sie die dienstlichen Daten nur auf verschlüsselten und durch Passwörter geschützten Datenträgern ab. Empfohlen wird z. B. ein USB-Stick, auf dem die Daten verschlüsselt abgelegt werden und der durch ein Passwort geschützt ist.

Für mich ergeben sich allein schon aus den zitierten Textstellen Fragen über Fragen. Nachdem auch Christian sich nur noch dunkel erinnern konnte, das Thema mal auf dem Schirm gehabt zu haben, aber nichts Genaues mehr reproduzieren konnte, war klar: Aktivieren wir doch die Macht des Netzes!

Mich würde daher einfach mal interessieren – insbesondere von denen, die etwas näher am eigentlichen Lehrerberuf sind -, wie ihr es mit dem Datenschutz in der Schule handhabt? Befolgt ihr die Auflagen der Verwaltungsvorschrift? Ist sie noch aktuell (ich habe auf die Schnelle nichts neueres gefunden)? Wie ist Schule 2.0/3.0 damit machbar? Gibt es in eurem Bundesland etwas ähnliches? Nutzt jemand z.B. die TeacherTool-App ? (…)

Dossenheim zur Kreidezeit: 2. Runde

Veröffentlicht: Montag, April 16, 2012 in Bildungsreporter
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Am 26. April 2012 um 20 Uhr ist des soweit: Dossenheim zur Kreidezeit geht nach der 1. Sendung im März in die zweite Runde. Thema: Die Lehrerbildung der Zukunft. Hier ist der Trailer:

Die Sendung gibts ab 20 Uhr, beginnend mit den Bildungsnachrichten, auf unserem LIVE-Channel. Für die Bildungsnachrichten suchen wir noch Kurznachrichten – immer her damit!

In dem Kontext haben wir wieder zahlreiche Interviews geführt, z.B. mit Jean-Pol Martin, Torsten Larbig, Karl Kirst und Maria Eirich (letzteres wird noch veröffentlicht). Eines davon – das Interview mit Otto Herz zum Thema „Was ist Bildung?“ – hat zu einer kritischen Stellungnahme von Christian Füller geführt – um Diskussion wird gebeten!

Gastbeitrag: netzforschen.de

Veröffentlicht: Sonntag, April 15, 2012 in Gastbeitrag, OeffentlicherWissenschaftler

Nach meinem Vortrag über die sieben Todsünden in der Wissenschaft hat mich Roman Szymanski von der TU Darmstadt angemailt. Ihn hatten die Ausführungen zur öffentlichen Wissenschaft in dem Vortrag angesprochen, und er hat mir von dem Projekt netzforschen.de erzählt. Er und Thies Schneider, beide Psychologen in Darmstadt, haben dieses Projekt vor kurzem ins Leben gerufen. Ich finde, dieses Projekt darf verbreitet werden, und deshalb habe ich Roman angeboten, einen Gastbeitrag zu schreiben. Hier ist er. 🙂

„Am Anfang jeder Forschung steht das Staunen. Plötzlich fällt einem etwas auf.“

Der Titel meines Gastbeitrags ist ein Zitat des Verhaltensforschers und Zoologe Wolfgang Wickler. Das Zitat enthält eine grundlegende Idee, die wir durch unser Projekt netzforschen.de aufzugreifen versuchen: Jeder Mensch ist in seinem Alltag ein Wissenschaftler bzw. eine Wissenschaftlerin. So wie wir neugierig unsere Welt erleben, stellen wir uns Fragen über sie und unser Erleben, und sind dabei stets bestrebt geeignete Antworten zu finden, indem wir Vermutungen aufstellen, die wir dann durch mehr oder weniger geeignete Maßnahmen zu überprüfen versuchen. Mit Forschungsfragen, die den Kriterien der wissenschaftlichen Forschung entsprechen, sind viele der Fragen aus dem Alltag natürlich nicht zu vergleichen. Dennoch ist das Staunen bzw. das Suchen nach Antworten eine Eigenschaft, die jedem Menschen angeboren ist. Da diese Eigenschaft uns allen gemein ist, versucht das Projekt netzforschen.de neben dem gemeinsamen Fragestellen das gemeinsame Forschen zu fördern. Und zwar zu einem Thema, welches neuerdings das Leben einer Vielzahl von Menschen mitbestimmt. Ich möchte im Folgenden berichten, wie es zu dem Projekt kam und genauer durchleuchten, welche Ideen wir mit netzforschen.de verfolgen.

Wie wollen wir lehren? Am Anfang des Projekts netzforschen.de stand ein Lehrauftrag. Ich sollte einem Teil der Studierenden im 2. Semester des Studiengangs Psychologie das empirische Forschen näher bringen. Im Modulhandbuch war die Kompetenz, welche die Studierenden nach erfolgreichem Abschluss erlangt haben sollten, folgendermaßen umschrieben:

  Die Studierenden können exemplarisch eine theoretische Fragestellung in ein empirisches Forschungsprojekt umsetzen… Sie haben diese Kenntnisse in einer eigenen Untersuchung angewandt und kennen die besonderen Vorkehrungen, die bei deren Durchführung mit menschlichen (oder tierischen) Versuchsteilnehmern zu beachten sind…

Die Studierenden werden zum ersten Mal mit einer Forschungsfrage konfrontiert, sollen ein geeignetes Forschungsdesign erstellen, als Versuchsleiter agieren, Daten sammeln, auswerten, die Ergebnisse interpretieren und einen Bericht schreiben. Damit bietet sich eine optimale Gelegenheit, den Studierenden das Forschen „schmackhaft“ zu machen. Aber wie erreicht man dieses Ziel?

Warum nicht jegliche Kreativität und Neugier nutzen, die vorhanden ist? Thies Schneider (der zu diesem Zeitpunkt meine studentische Hilfskraft war) und Ich wollten das kreative Potential, welches in den Studierenden steckt, gleich zu Beginn fördern. Es war uns wichtig, dass die Studierenden gerade in dieser Veranstaltung, die ihre erste richtig Begegnung mit der Forschung darstellt, entdecken, wie kreativ sie beim Finden und Umsetzen eigener Forschungsideen sein können und dass Forschen Spaß machen kann. Wir benötigten ein interessantes Thema, welches die Studierenden betrifft und welches die Möglichkeit bietet, viele Fragen aufzuwerfen, die es Wert sind erforscht zu werden. Das Thema sollte das Interesse der Studierenden wecken, nach dem Motto: „diese Frage habe ich mir auch schon gestellt“. Wir kamen auf die Idee, „Soziale Netzwerke“ im Internet als Thema vorzugeben. Mehr nicht. Die Studierenden sollten eigenständig entscheiden, was sie bezüglich des Themas erforschen wollten.

Was macht das soziale Netzwerken im Internet zu einem interessanten und wichtigen Forschungsgebiet? Das Knüpfen und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen hat durch diese Netzwerkseiten eine neue Form erhalten, die nun mittlerweile bei einer Vielzahl von Menschen zum Alltag gehört. Nach Angaben der Betreiber sind fast 800 Millionen Menschen alleine bei Facebook registriert. Es gibt kaum noch eine Marke, einen Hinweis, ein Lokal, eine Sendung, welches nicht den Facebook „Like Daumen“ auf einem Plakat, unter dem Logo oder in der Werbung enthält. Virtuell trifft man sich auf den Plattformen wie Facebook, StudiVZ, myspace, legt Profile an, gibt Informationen preis, kommuniziert, lernt sich kennen, stellt sich dar, managt eine neue Form der Identität usw. Man trifft in den Medien auf viele Aussagen über soziale Netzwerke und es werden dabei viele Fragen gestellt, was beweist, dass dieses Thema viele Menschen bewegt. Es folgen nur ein paar der Aussagen, welchen man in den Medien begegnet:

  • Der Autor Daniel Kehlmann sagte kürzlich in einem Interview: „Ich kenne Leute, die ihr Sozialleben komplett auf Facebook verlagert haben. Für viele Menschen ist es das neue Sozialeben, aber auf Dauer ein unbefriedigendes.“ (nachzulesen in der aktuellen Neon Ausgabe April 2012).
  • Die Neon schrieb in der April Ausgabe im Jahr 2010 einen Artikel, wie die Selbstdarstellung im Internet auf  den Charakter abfärbt.
  • Man muss nur auf spiegel.de das Stichwort Facebook eingeben und man merkt gleich, dass sich die Menschen nicht nur dafür interessieren, wie Facebook ihre Daten nutzt, sondern dass häufig Phänomene und Fragestellungen beschrieben werden, die unser Leben und Erleben mit diesen sozialen Netzwerkplattformen an sich betreffen (Beispiel): Wie wir uns fühlen, verhalten, denken und agieren mit und durch dieses, zwar nicht mehr unbekannte, aber doch immer noch relativ neue Medium.

Wie können mögliche Forschungsfragen gemeinsam entdeckt und entwickelt werden? Die Studierenden bekamen in der ersten Sitzung ausgewählte Literatur zu dem Thema und hatten die Aufgabe, sich bis zur zweiten Sitzung mögliche Forschungsfragen zu überlegen. Die Literatur diente als Anstoß und Hilfestellung. In der zweiten Sitzung wurde gemeinsam in der Gruppe über das Thema diskutiert, wobei Thies und ich eine moderierende Funktion einnahmen. Zu Beginn der Diskussion tauschten die Studierenden Erfahrungen aus, die sie oder andere in sozialen Netzwerken im Internet gemacht hatten. Nach kurzer Zeit stellten die Studierenden Verbindungen zu der Literatur her, die wir als Hausaufgabe ausgegeben hatten, oder zu anderen Theorien, die ihnen geläufig waren. Oder sie entwickelten eigene Theorien, über die sie dann in der Gruppe reflektierten. Sie fingen an, sich relevante Fragen zu erarbeiten und diese Fragen weiter zu differenzieren. Die Studierenden taten sich in Kleingruppen zusammen und wählten als Gruppe jeweils die Frage aus, für die sie sich am meisten interessierten. In den Kleingruppen entwickelten sie im Laufe der Veranstaltung ein geeignetes Forschungsdesign, um  die gewählten Fragen zu untersuchen, führten das entsprechende Experiment durch und interpretierten schließlich die Ergebnisse. Wir nahmen von Anfang an die Rolle der beratenden Experten ein, für die an oberste Stelle das Interesse der Studierenden stand. Wir bekamen von den Studierenden am Ende der Veranstaltung sehr positives Feedback. Schon während der Veranstaltung konnte man sehen, mit welcher Motivation und mit welchem Ehrgeiz die Studierenden bei der Sache waren. Es war erstaunlich, auf welche kreativen Ideen die Studierenden teilweise kamen, wenn es darum ging, ihr Forschungsvorhaben umzusetzen.

Soll es das gewesen sein? Während dieser Zeit waren uns die Begriffe öffentlichen Wissenschaft oder mode 2 noch nicht bekannt. Als der Lehrauftrag zu Ende war, setzten Thies und ich uns dennoch das Ziel, andere an unserer Forschung zu sozialen Netzwerken im Internet teilhaben zu lassen. Wir sind seither bestrebt, kontinuierlich mit anderen gemeinsam zu forschen. Vor allem mit Personen, die von den Fragen, die es zu erforschen gilt, betroffen sind. Gemeinsames Forschen bedeutet in unseren Augen, dass jeder teilhaben kann. Jeder, der möchte, soll die Möglichkeit besitzen, Ideen, Forschungsvorhaben, Umsetzung, Ergebnisse usw. zu diskutieren. Es soll fortwährend ein Austausch von Meinungen und Erfahrungen stattfinden, sowie das Potential von Vielen genutzt werden.

Das Projekt braucht einen Namen, wie sollen wir es nennen? Wir kamen auf die Idee, einen Blog zu entwickeln. Ein Blog ist in der Regel für jeden mit Internetzugang erreichbar, und es wird jedem ermöglicht Kommentare zu Artikeln zu hinterlassen, oder man kann auch Leute dazu einladen, Artikel zu schreiben. So können Ideen, Meinungen, Kritikpunkte usw. kontinuierlich und zu jedem veröffentlichtem Thema ausgetauscht werden. Wir haben unserem Projekt schließlich den Namen „netzforschen“ gegeben. Den Namen kann man auf zwei Arten verstehen: Einerseits enthält er das übergeordnete Thema Netzwerken (umgangssprachlich, für das Erleben und Verhalten in sozialen Netzwerken im Internet). Andererseits soll es auch als Aufforderung gelten: „Lasst uns ein Netzwerk aus Forschern aller Richtungen und Schichten bilden“. Unser Symbol ist die wissbegierige Eule, die mit der Lupe Sachverhalte genauer betrachten will.

Was genau soll untersucht werden? Cameron Marlow ist der Haussoziologe von Facebook. Er und sein Team haben das Netzwerk einer ersten Analyse unterzogen. Anhand der Nutzerdaten hat das Team das Beziehungsgeflecht der aktiven Facebook Nutzer analysiert. Das Team kann anhand der Nutzerdaten zum Beispiel „nur“ Fragen darüber beantworten, wer wen über wie viele Ecken kennt und wie viele Freunde der aktive Facebook Nutzer im Durchschnitt hat. „Gefühle bleiben für unsere Computer ein Rätsel“, ist eine Aussage, die Cameron Marlow selbst getroffen hat (Interview in der aktuellen Neon Ausgabe, April 2012). Und genau da setzen wir mit unserem Forschungsinteresse an:

  • Welche Faktoren beeinflussen das Verhalten und Erleben auf diesen Seiten? Und wie wirkt sich das Ganze auf unser Leben außerhalb des Netzwerkes aus?
  • Von welchen Faktoren hängt es ab, wie man sich im Netz selbst dargestellt?
  • Sind wir in unserer Darstellung im Internet immer ehrlich?
  • Werden wir auch so im Internet wahrgenommen, wie wir auch im Leben außerhalb des Internets erscheinen, oder wollen wir das vielleicht gar nicht? Inwieweit spielt hier die Persönlichkeit ein Rolle?
  • Sind wir eigentlich nur darin bestrebt, Feedback durch „Likes“ und positive Kommentare zu sammeln und führt das langfristig zu einer Veränderung, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen?
  • Wovon hängt es ab, ob wir viel oder wenig Zeit auf solchen Seiten verbringen?

Das sind nur Beispiele an Fragen, die man sich stellen und ausarbeiten könnte. Einigen dieser Fragen sind die Studierenden in unserer Veranstaltung nachgegangen und kamen auf interessante Ergebnisse.

Was ist als Nächstes geplant? Der Blog befindet sich noch im Aufbau. Es gibt noch viel zu tun. Damit Netzforschen frei und unabhängig funktionieren kann, ist es ein Projekt, welchem wir uns in unserer Freizeit widmen. Es wurden mittlerweile ein Teil der Ergebnisse aus den Experimenten, die unsere Studierenden in der Lehrveranstaltung mit uns gemeinsam entwickelt und durchgeführt hatten, veröffentlicht. Aktuell sind wir dabei einer der Forschungsfrage bezüglich Offenheit der Menschen in sozialen Netzwerken im Internet nachzugehen. Dazu haben wir einen Fragebogen entwickelt, welcher nun getestet werden soll. Dabei geht es unter anderem auch um die Dimensionalität des Konstrukts Offenheit im Internet. Wir erhoffen uns dadurch später ein Messinstrument zur Verfügung zu haben, welches in weiteren Forschungsvorhaben eingesetzt werden kann. Vor allem wenn es um die Fragen geht, wie Menschen mit ihren persönlichen Daten im Internet umgehen, inwieweit die Offenheit mit dem tatsächlichem Verhalten, der Selbstdarstellung usw. zusammenhängt, oder ob an der Aussage etwas dran ist, dass vor allem Jugendliche im Internet allzu offen mit ihrer Person umgehen. Wir brauchen dafür noch eine Menge Leute, die unseren Fragebogen ausfüllen. Jede Weiterleitung und jede Beantwortung des Fragebogens hilft uns weiter.

Ideen für die nächsten Forschungsvorhaben sind auch schon vorhanden, aber noch nicht umgesetzt. Wir wollen die Facebooksucht untersuchen. Gibt es dieses Phänomen und inwieweit ist es mit anderem Suchterleben vergleichbar? Und wir wollen in Zuge der Diskussion über das Urheberrecht, in Erfahrung bringen, wie es um die subjektive Wahrnehmung des Urheberrechts tatsächlich bestellt ist.

Wir würden uns freuen, wenn viele auf die Seite aufmerksam werden und evtl. etwas an unserer Idee abgewinnen können. Unterstützen kann man das Projekt durch Kommentare zu den jeweiligen Artikeln, die auf netzforschen.de zu finden sind, oder man kann uns gerne Meinungen, eigene Ideen oder Vorschläge per E-Mail schicken:  info@netzforschen.de. Wir sind auch auf Facebook und würden uns über jedes „Like“ freuen.

Ich bedanke mich herzlich bei Christian, dass ich einen Gastbeitrag schreiben durfte und ich freu mich darauf, hier oder auf netzforschen.de von Euch/Ihnen zu lesen.

Viele Grüße

Roman

 

 

Coole Sache: Mein GDM-Vortrag über „Die sieben Todsünden eines Wissenschaftlers“ wurde tatsächlich aufgezeichnet (wusste ich vorher nicht). Ich hab das Video von den Veranstaltern bekommen  (Vielen Dank!) und hochgeladen.

Ebenso steht der dazugehörige Artikel online. Viel Spaß beim Ansehen/Lesen.

Kommentiert werden dafür natürlich weiterhin – zum Beispiel auf der Wiki-Seite.