Mit ‘aktivesplenum’ getaggte Beiträge

Youtube, Vorlesungen und das Aktive Plenum

Veröffentlicht: Freitag, Mai 20, 2011 in Hochschuldidaktik
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Eine liebe Kollegin aus Berlin, Andrea Hoffkamp, mit der ich gemeinsam im hochschul-mathematikdidaktischen Projekt SAiL-M arbeite, hat mir in einer E-Mail ein paar Fragen gestellt, auf die ich hier gerne antworten möchte. Doch zunächst die Mail von Andrea:

Lieber Christian,

Du weißt ja, dass ich derzeit Workshops für Mathematik-Hochschuldozenten durchführe. In einer ersten Sitzung mit den Dozenten haben wir eine Bestandsaufnahme der drängendsten Anliegen und Probleme in Mathematikveranstaltungen gemacht. Dabei wurden u.a. folgende Punkte diskutiert: Wie schafft man es, in großen Veranstaltungen die Studierenden zu aktivieren? Man ist hier ja in der Zwickmühle, da es einerseits gilt eine große Stofffülle zu absolvieren und man andererseits nicht an den Studierenden vorbei dozieren möchte. Es wurde auch oft moniert, dass Studierende auf Fragen nicht antworten und nicht zur Mitarbeit zu bewegen sind.

Ich möchte nun ein paar BestPractice-Beispiele zur Verfügung stellen, die Anregungen bieten, sich dieser Probleme anzunähern. Du hast doch letztes Semester Deine Arithmetik-Vorlesung aufgezeichnet und online gestellt. Dein Ziel war, diese Vorlesungsvideos in diesem Semester zu nutzen mit der Idee, dass die Studierenden sich inhaltlich auf die Vorlesung vorbereiten, indem sie die Videos ansehen, damit Du in der Vorlesung mehr Zeit hast, mit den Studenten gemeinsam zu arbeiten. Ich habe da mal einige Fragen, die ich auch im Sinne von Dozenten stellen möchte, die geneigt sind, diese Idee aufzugreifen:

Die erste Frage ist: Wie läuft es denn so? Geht Dein Konzept auf? Funktioniert es?

Wenn ja, was muss man tun, damit es funktioniert? Wie bekommt man Studierende dazu, sich die Videos tatsächlich anzusehen und vorbereitet zu sein? Braucht man ein spezielles Charisma (z.B. besonders mitreißend zu sein) oder meinst Du, dass das jeder machen könnte? Verlangst Du, dass jedesmal 90 Minuten Video zur Vorbereitung angesehen werden müssen oder nimmst Du nur bestimmte Ausschnitte?

Warum glaubst Du überhaupt, dass Videos besser sind als ein Skript, was die Studierenden ja auch zur Vorbereitung nutzen könnten?

Und eine Frage, die mich sehr interessiert: Was machst Du denn mit der Zeit, die Du dadurch gewinnst? Wie arbeitest Du mit Deiner großen Gruppe? Warum sind die Studierenden tatsächlich aktiv in der Vorlesung?

Ich bin schon sehr gespannt auf Deinen Bericht und Deine Antworten!

Liebe Grüße aus Berlin
Andrea

Na, dann mach ich mich mal an die Antworten. Ich gebe auch den Studierenden bescheid, damit sie sich hier an der Diskussion beteiligen können.

Zur ersten Frage: Ich denke, es läuft gut. Die Studierenden melden jedenfalls zurück, dass die Sache mit den Vorlesungsvideos in Vorbereitung auf die nächste Sitzung hilfreich ist. Meine Idee dahinter ist: Wer die Zeit in Vorbereitung steckt, hat mehr von einer Sitzung und den darin stattfindenden Diskussionen als jemand, der dieselbe Zeit in Nachbereitung steckt (was meist gleichzusetzen ist mit Vorbereitung auf die Klausur). Der Vorteil: Die Studierenden können in Ruhe und in ihrem eigenen Tempo den Vorträgen folgen und mich bei Bedarf auch zurückspulen oder anhalten – Das ist in normalen Vorlesungen nicht möglich (zumindest nicht individuell).

Die Videos zur Vorbereitung dauern – zusammengenommen – jeweils 60 bis 90 Minuten, d.h. es ist durchaus die Länge einer tatsächliche Vorlesung, die vorzubereiten ist. Ich habe in früheren Vorlesungen, als ich noch keine Aufzeichnungen hatte, die Studierenden mit Texten vorbereiten lassen („Lesen Sie bitte Kapitel 3 bis nächste Woche zur Vorbereitung.“). Bei fachdidaktischen Veranstaltungen klappt dies ganz gut, bei fachlichen Veranstaltungen hatte ich aber den Eindruck, dass die Texte nicht wirklich tief verarbeitet werden. In der Mathematik unterliegt man schnell der Illusion des Verstehens: Man überfliegt etwas und denkt, man hat’s verstanden. Und man realisiert nicht, dass man es wirklich Schritt für Schritt durcharbeiten müsste, um es tatsächlich zu verstehen. Texte lassen sich zu leicht überfliegen. Vorlesungsvideos haben den Vorteil: Sie verlangsamen die Rezeption der Inhalte – man kann Videos nicht „überfliegen“. Man muss den einzelnen Schritten des Dozenten „relativ langsam“ folgen. Darüber hinaus konnte ich die Dinge so erklären, wie ich es für gut halte (und war nicht abhängig von irgendwelchen „Fremdtexten“). Insofern ist die Vorbereitung mit meinen eigenen Videos passgenau zu den Inhalten und Prozessen, die mir persönlich wichtig sind; passgenauer als es jemals irgendein Text sein könnte!

Wie erreicht man, dass Studierenden sich tatsächlich vorbereiten? Ich denke, ganz wesentlich ist, dass man wirklich in der nächsten Sitzung voraussetzt, dass sie sich vorbereitet haben, und dass den Studierenden klar wird, dass man ohne Vorbereitung gar nicht zu kommen braucht, weil man sonst nichts versteht. Würde ich in der nächsten Sitzung jeweils alles nochmal wiederholen, dann wäre die Vorbereitung ja „unsinnig“ – diesen Fehler darf man nicht machen! Ob man bestimmtes „Charisma“ braucht, damit man die Studierenden davon überzeugen kann, weiß ich nicht.  Das können die Studierenden vielleicht besser beantworten. 🙂

Die Sitzung selbst (also die „eigentliche Vorlesung“) nutzen wir dann für die gemeinsame Bearbeitung von Aufgaben oder für das Hervorheben und Besprechen von Problembereichen. Aufgaben werden beispielsweise mit der Methode des Aktiven Plenums (oder Neuronenvorlesung) durchgeführt: Studierende kommen nach vorne, moderieren den Lösungsprozess (an dem sich alle beteiligen!) und halten die wichtigsten Schritte an der Tafel fest, während ich mich nach hinten setze und nur bei Bedarf einschreite. Manchmal führe ich auch selbst durch eine Problemlösung, oder ich moderiere den Prozess – je nachdem, wie ich es gerade für sinnvoll erachte. Die Studierenden sind dabei permanent angesprochen (es handelt sich sozusagen ständig um Unterrichtsgespräche), sodass gar kein Zweifel aufkommt, dass wir alle gemeinsam arbeiten müssen. In der letzten Woche habe ich ein Feedback eingeholt, und die Studierenden haben dabei als Kritik geäußert, dass die gemeinsam bearbeiteten Probleme in der „Vorlesung“ zu leicht seien – hier muss ich also noch schwierigere Aufgaben herausgreifen (Ich finde, das alleine ist schon grandios! Die Aufgaben sind zu leicht? Okay, gerne – lasst uns schwerere Aufgaben machen!).

Das ganze Konzept weist den Studierenden eine hohe Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu – und genau das will ich auch unterstützen und bewirken.

Wer mehr zu den jeweiligen Konzepten erfahren möchte, hier ein paar Verweise zum Stöbern:

So, ich hoffe, ich habe alle Fragen beantwortet und keine vergessen. 😀 Und wie immer gilt: Ich freue mich sehr über Kommentare, Anregungen, Ideen und Rückfragen!

Die Verkehrsplaner und das aktive Plenum

Veröffentlicht: Sonntag, Oktober 3, 2010 in Gastbeitrag, Hochschuldidaktik
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Anfang des Jahres habe ich an der TU Braunschweig einen Vortrag zum Thema Aktives Plenum gehalten. Unter den Teilnehmern war Jannis Rohde, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehr und Stadtbauwesen der TU Braunschweig und Dozent an der Leibniz Universität Hannover. Jannis hat die Methode darauf hin selbst erfolgreich eingesetzt. Das habe ich zum Anlass genommen, Jannis zu fragen, ob er nicht einen Gastbeitrag über seine Erfahrungen mit dem aktiven Plenum schreiben möchte. Ich selbst habe bislang nur Erfahrungen mit dieser Methode in Mathematik(didaktik)veranstaltungen gemacht, und insofern ist es sehr gut, auch vom Einsatz in anderen Disziplinen zu erfahren. Danke, Jannis, für den folgenden Beitrag:

Im April 2010 habe ich die vom Kompetenzzentrum für Hochschuldidaktik Niedersachsen organisierte „After-Lunch-Session“ mit Christian zum Thema „Aktives Plenum“ besucht. Die Methode hat mich überzeugt, nicht zuletzt deswegen, weil Christian sie uns Teilnehmern „am eigenen Leib“ hat erleben lassen. Ohne es am Anfang zu merken, waren wir nämlich schon mittendrin in der Methode und haben ihre Vorgehensweise und Lernerfolg somit hautnah erfahren.

Im Sommersemester 2010 habe ich mich entschlossen, das aktive Plenum in meinem Bachelor-Projektkurs im Studiengang Bauingenieurwesen (6. Semester) an der TU Braunschweig auszuprobieren. Ziel des Projektkurses ist den Studierenden einen Einblick in die praktische Arbeit der unterschiedlichen Felder des Bauingenieurwesens zu geben.

Als Verkehrsplaner habe mich für das Thema Shared Space (gemeinsame Verkehrsfläche für alle Verkehrsarten) mit dem realen Untersuchungsobjekt Frankfurter Platz in Braunschweig entschieden. Als schnellen, aber effizienten Einstieg in das Thema beim ersten Projekttreffen und zum „Warmwerden“ der 13 Projektteilnehmer schien mir das aktive Plenum geeignet zu sein. Das Shared Space-Konzept wird in Wissenschaft und Praxis zurzeit kontrovers diskutiert, da es mit vielen Gewohnheiten herkömmlicher Straßenräume bricht, aber seine Wirkungen wenig erforscht sind. Es eignet sich daher sehr gut für eine pro- und contra-Diskussion im Rahmen eines aktiven Plenums. Beiden Gruppen habe ich ausgewählte Materialien (Auszüge aus Fachliteratur) gegeben, in denen sie Argumente für ihre Argumentation finden konnten und dann ging’s los…

Die Studierenden haben sofort engagiert mitgemacht! Christians Warnung „Diszipliniert euch als Dozenten in Zurückhaltung und greift möglichst wenig ein!“ musste ich gar nicht beherzigen, denn es entwickelte sich von ganz alleine eine lebhafte Diskussion. Am meisten hat mich gefreut, dass die Gruppen ihre Rollen richtig ernst „gespielt“ haben, soll heißen, während der Diskussion direkt auf die Argumente der Gegenpartei eingegangen sind, auch nachdem die vorgefertigten Argumente schon verbraucht waren. Es entstand zuweilen ein richtiger Schlagabtausch.

Fazit: Durch das Aktive Plenum wurde das Thema Shared Space mit seinen Potenzialen und Gefahren sehr gut erschlossen. Durch die ausgeteilten Materialien gelang zudem die Vermittlung des fachlichen Grundwissens. Die Methode Aktives Plenum habe ich erfolgreich in mein Methodenrepertoire übernommen und ich werde sie weiterhin einsetzen.

Über Neuronen und Methodenvielfalt

Veröffentlicht: Freitag, März 26, 2010 in LdL, Twitter
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Heute habe ich einen Vortrag in  der Heidelberg International Business Academy gehalten zum Thema Neuronen im Seminarraum und im Web. Teilnehmer waren 15 Dozentinnen und Dozenten der HIB Academy. Inhalte des Vortrags waren das aktive Plenum, LdL, die Neuronenmetapher und Twitter und Co. Mir standen zwei volle Stunden zur Verfügung, und so habe ich auch aus den Vollen geschöpft. Die Devise: Alle Register ziehen.

Aus dem Vortrag habe ich einen Workshop gemacht und dabei verschiedene Methoden eingesetzt, die gleichzeitig beispielhaft für die behandelten Inhalte waren. Der Ablauf in Steno:

  • Einstieg: NICHT theoretisch. Sondern: Aktives Plenum. Ich habe den Raum in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte sollte Power-Point-Vorträge als Methode verteidigen („PPT-Vorträge sind himmlisch“), die andere Hälfte kritiseren („PPT-Vorträge sind Teufelswerk“). Erst mal mit Nachbarn/Nachbarin Argumente sammeln. Dann zwei Personen aus dem Plenum nach vorne geholt: Eine Moderatorin, welche die Diskussion managt, und eine Protokollantin, die Argumente an der Tafel festhält. Ich: wie immer beim aktiven Plenum und bei LdL hinter dem Plenum stehend und das Plenum selbst machen lassen. Resultat: Hitzige Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten.
  • Nach der Vorbereitung mit dem Partner, aber bevor die Moderatorin und die Protokollantin nach vorne gekommen sind: Kurze Twitter-Einführung, parallele Twitterwall erklärt, Tweet abgesetzt: „Bitte euer Statement LIVE mit Tag #hiblive in meinem Vortrag JETZT: PowerPoint-Vorträge sind himmlisch/Teufelswerk, weil… – Danke! :-)“. Twitterwall parallel zum aktiven Plenum laufen lassen. Resultat: Zahlreiche Beiträge, auch teilweise diskussionsartig, beeindruckende Demonstration des Potenzials von Twitter.
  • Anschließend: Video von Erich Hammer gezeigt. Aktives Plenum als Methode eingeführt. Vom aktiven Plenum in der Hochschule berichtet. Neuronenmetapher eingeführt. Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Dann: Vom Maschendraht-Seminar berichtet (mit Folien). LdL eingeführt. Diskussion. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Dann: Neuronenmetapher-Regeln ausgeteilt. Auftrag: Welcher Regel stimmen Sie vollkommen zu? Welcher Regel stimmen Sie überhaupt nicht zu? Begründung! Anschließend: Diskussion der Regeln, denen überhaupt nicht zugestimmt wird. Aber nicht mit mir, sondern mit Jean-Pol, den ich überraschend per Skype zugeschaltet habe. Ist gleichzeitig Beispiel für die Zuschaltung von Experten in Seminare. Dauer: ca. 30 Minuten
  • Zum Schluss: Link zu Wiki-Seite für weitere Diskussion und Anregungen mitgeteilt.

Insgesamt war das Feedback der Teilnehmer durchweg positiv. Ich glaube, es hat Spaß gemacht – und vermutlich mir am meisten. 🙂

Danke auch all denen, die sich über Twitter beteiligt haben. Ich finde es nur immer schade, dass ich während der Vortrags/Workshops nicht direkt antworten kann, weil die Situation einfach zu komplex ist. Ich hoffe, das nimmt mir keiner derjenigen, die sich eingebracht haben, übel. 🙂 In Zukunft werde ich mir überlegen, wie man vielleicht sogar die Teilnehmer dazu bewegen kann, auf die Tweets zu antworten. Das wär doch mal was.