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Bildung und Kompetenz – Mögen die Spiele beginnen!

Veröffentlicht: Freitag, Januar 1, 2010 in Bildung
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In den letzten Jahren hat der Begriff „Kompetenz“ im Bildungsbereich einen enormen Aufschwung erfahren. Es werden Kompetenzmodelle erstellt, Kompetenzfragebogen kreiert und Kompetenzbereiche festgelegt. In der Curriculumsentwicklung geht es im Kontext der Output-Orientierung vorrangig um die Formulierung von Kompetenzen, welche die Lernenden am Ende einer Phase erworben haben sollten. Konzipiert man eine Lehrveranstaltung neu, dann überlegt man sich, welche Kompetenzen die Studierenden darin erwerben sollen.

In mir wächst in letzter Zeit ein Unbehagen über den inflationären Gebrauch des Konzepts „Kompetenz“. Alle reden über Kompetenzen und kaum einer über Bildung. Dies scheint allerdings etwas zu sein, an dem das Bildungssystem schon lange krankt – wie  ich erst gestern bei Adorno gelesen habe. Seit ich darüber gebloggt und getwittert habe, habe ich zahlreiche Impulse in Tweets und Kommentaren bekommen. Ich möchte an dieser Stelle einmal ein paar Aspekte und unzusammenhängende Gedanken zum Thema „Bildung und Kompetenz“ anreißen und würde mich freuen, wenn wir dazu eine Diskussion beginnen könnten.

  • Die Klärung des Verhältnisses zwischen Bildung und Kompetenz(en) wird inbesondere dadurch kompliziert, dass sowohl „Bildung“ als  auch „Kompetenz“ zwei sehr schwierige Begriffe sind. Was versteht man eigentlich beispielsweise unter „Bildung“? Hier kommen gleich die unterschiedlichsten Assoziationen auf wie etwa im Tweet von Walter:  „Allgemeinbildung a la Schwanitz? Höhere Bildung a la unsere „Eliten“? Herzensbildung (ein veralteter Begriff?)?“ Die in der Pädagogik seit langem geführte Diskussion um den Begriff „Bildung“ und die Definitionen des Begriffs „Kompetenz“ müssen im Kontext einer solchen Diskussion natürlich aufgearbeitet werden. Ich selbst gebe zu, nur einen intuitiven Begriff von „Bildung“ zu haben und sehe für mich persönlich hier definitorischen Nachholbedarf – der Klarheit wegen.
  • Interessant wäre einmal eine Untersuchung, wodurch der Kompetenzbegriff einen solch starken Aufwind erfahren hat. Ist PISA daran schuld? Zumindest habe ich den Eindruck, dass durch die PISA-Studien Normen gesetzt wurden, an denen sich alle Kompetenzformulierer orientieren.
  • Zudem scheint mir mit der Verwendung des Kompetenzbegriffs das Verlangen nach Messung von Lernerfolg eng verbandelt zu sein. Schließlich will man Kompetenzen auch messen, beispielsweise in landesweiten Vergleichstests und in Abschlussprüfungen. Kompetenzmessung ist aber ein komplexes Feld, insbesondere weil man Kompetenz nur indirekt über die Performanz messen kann. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden – wenn man es sauber macht. Aber auch hier wird so mancher Wissenstest als Kompetenztest verkauft. Und: Wie misst man eigentlich Bildung?
  • Fordert die Wirtschaft Kompetenzen? Wollen Personalchefs kompetente Mitarbeiter einstellen oder gebildete? Im Sinne der Beschäftigungsfähigkeit (auch employability, wie Jan und Peter bemerkten) sind wohl eher Kompetenzen gefordert. Und ob die Wirtschaft gebildete Konsumenten möchte, ist sowieso fraglich, insbesondere wenn sie massenweise auftreten würden.
  • Sind Kompetenzmodelle etwas, das sich inbesondere die Fachdidaktiken zu eigen machen? Dies ist zumindest mein subjektiver Eindruck.
  • Die Auflistung von Kompetenzen und Teilkompetenzen in der Curriculumsentwicklung erinnert nicht selten an die stark kritisierte Teilzielformulierung im Rahmen des Mastery Learning. Bei mancher „Kompetenz“, die im Rahmen umfangreicher Analyseprozesse herauskommt, kann man sich zudem fragen, ob es tatsächlich noch eine Kompetenz ist. Kurzum: Der Kompetenzbegriff wird sträflich auf alles, was Lernziel ist und sein kann, übergestülpt, weil es en vogue ist, das Ganze „Kompetenz“ zu nennen.

Ich möchte mich im Laufe des Jahres intensiver mit dem Bildungsbegriff und seinem Verhältnis zum Begriff der Kompetenz auseinandersetzen. Ich habe zahlreiche Anregungen auf relevante Literatur bekommen, z.B. von Peter und von apanat. Ich möchte dabei aber nicht theoretisch bleiben, sondern in meinem Unterricht und in meinen Lehrveranstaltungen ein Gespür dafür entwickeln, was es bedeutet, wenn die Lernenden die Möglichkeit bekommen sich zu bilden und nicht nur kompetent zu werden.

Ich halte den Kompetenzbegriff für eine Errungenschaft, die ernstgenommen werden muss und auf die wir nicht verzichten sollten.  Es hilft, sich über zu erwerbende Kompetenzen im Klaren zu sein, wenn man Lehrveranstaltungen durchführt und Unterricht hält. Und natürlich sollten auch die Lernenden wissen, was sie am Ende „können sollen“. Ich plädiere allerdings dafür, dass der Kompetenzerwerb eingebettet ist in ein Bildungskonzept, dass wir also nicht bei der Zergliederung in Kompetenzen stehen bleiben, sondern deren Integration in die gesamte Persönlichkeit im Sinne einer ganzheitlichen Bildung fordern.

Wie denkt ihr darüber?

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