Mit ‘opco11’ getaggte Beiträge

Eine Woche nach dem Festival

Veröffentlicht: Samstag, Juli 2, 2011 in Bildung
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Folgende Sicht auf Lehren und Lernen ist mir sympathisch (Anm.: Manche bezeichnen diese als „konstruktivistisch“; mir gefällt die Bezeichnung nicht. Ist jetzt aber auch nicht so wichtig.): Als Lehrender bereitet man eine Lernumgebung vor, in der die Lernenden sich bestimmte Dinge (Inhalte, Methoden, …) selbst erarbeiten und aneignen. Der Lehrende begleitet diesen Erarbeitungprozess, unterstützt die Lernenden und gibt Feedback. Sowohl das Vorbereiten einer Lernumgebung als auch die Unterstützung während des Lernens sind wichtig: Hierdurch wird den Lernenden eine grobe Richtung vorgegeben, in die sie laufen sollen, und sie werden auf den richtigen Weg zurück gebracht, falls sie sich einmal verlaufen haben. Doch was ist eigentlich eine solche „Lernumgebung“? Hierzu zählen gut gewählte Aufgaben, anregende Fragen, Materialien zur Hilfe, „Tipps und Tricks“, Texte zur Anleitung oder Vorträge zur Einführung. Als Lehrender leitet man also, schubst in die richtige Richtung, hilft, wenn jemand hingefallen ist. Laufen müssen die Lernenden aber selbst. Das ist natürlich anstrengend.

Nehmen wir mal das Beispiel Mathematik: Ein wesentliches Ziel ist, dass die Studierenden lernen „Mathematik zu treiben“. Mathematik treiben lernt man nur, indem man Mathematik treibt. Also, beweisen lernt man, indem man selbst Beweise durchführt. Selbstverständlich steht man dabei zunächst auf dem Schlauch. Es ist also nicht schlecht, wenn der Lehrende erst einmal vorführt, wie man so etwas macht, und dann anschließend die Lernenden unterstützt, wenn sie es selbst machen (Cognitive Apprenticeship nennt man das). Auch diese Vorführung zähle ich zur vorbereiteten Lernumgebung (andere würden das vielleicht nicht dazu zählen; aber andere machen Dinge oft anders).

Wir sind heute in einer tollen Situation: Wir haben die digitale Medienwelt zur Verfügung, in der wir solche Lernumgebungen (zumindest zum Teil, blended-learning-mäßig) digital bereit stellen können. Also, Erläuterungen und Demonstrationen können sich Studierende auch vor einer Vorlesung anschauen, wenn diese aufgezeichnet und ins Netz gestellt wurden. Das können sie dann prima alleine machen, und zwar wann sie wollen und wie oft sie wollen. Die Vorlesungszeit selbst, also die Zeit, in der alle zusammenkommen, kann man dann prima nutzen, um die Studierenden „laufen“ zu lassen, also z.B. gemeinsam Probleme lösen zu lassen und dabei zu unterstützen. Das kann man dann z.B. umgedrehten Unterricht nennen. Muss man aber nicht.

Nehmen wir einmal einen anderen Bereich her. Einen bildungswissenschaftlichen. Thema: Kompetenzen und Bildung. Genauer: Medienkompetenz und Medienbildung. In diesem Bereich kann man sich viele Fragen stellen: Welche Kompetenzen sollen in der Schule / in der Ausbildung / in der Hochschule / … erworben werden? Welche Kompetenzen zählen zur Allgemeinbildung, welche nicht? Wie sollte man sie formulieren? Wie kann man sie erwerben? Wie kann man Lernende beim Erwerb unterstützen? Welche Kompetenzen müssen Lehrende haben? Auf viele dieser Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten, sondern man muss Argumente finden, Entscheidungen treffen, Position beziehen. Natürlich könnte man den Lernenden fertige Argumente und Entscheidungen vorsetzen. Wenn man aber möchte, dass sie in diesem Kontext selbst Argumente finden, selbst Entscheidungen treffen, selbst Position beziehen, dann muss man sie laufen lassen – dabei aber natürlich unterstützen! (Das haben wir oben ja schon festgestellt.)

Genau dies habe ich in meiner opco11-Session letzte Woche versucht: Ich wollte keine fertigen Lösungen präsentieren, sondern die Teilnehmer ihre eigenen Lösungen und Positionen finden lassen. Als grundlegende Methode habe ich die „virtuelle Gruppenarbeit“ gewählt, in Etherpads, zu verschiedenen Themen. Die Teilnehmer hatten die Wahl, mit welchem Thema sie sich befassen wollen („wahrgenommene Autonomie“; an dieser Stelle grüße ich Deci und Ryan). Ich habe hierfür eine Wiki-Lernumgebung bereit gestellt mit einigen Infos in Form von Texten und Podcasts und mit Etherpads zur gemeinsamen Arbeit. Ziel: Die Teilnehmer arbeiten sich in einer asynchronen Vorbereitungsphase durch die Materalien, sammeln Argumente und Positionen, um dann in der synchronen „Vortragszeit“ gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen. Das Ganze war eingebettet in das Bild des Musikfestivals. (Das hatte keine echte inhaltliche Bedeutung, sondern hat einfach nur Spaß gemacht.) Dieser „Selbsterarbeitungs“-Ansatz hat meiner Ansicht auch wunderbar in den opco11-Kontext gepasst, in dem es ja auch um das gemeinsame Lernen in virtuellen Umgebungen geht.

Klar ist in einem solchen Szenario: Wer sich nicht vorbereitet, hat nix davon. Wer fertige, womöglich vorgekaute Häppchen erwartet, wird enttäuscht. Selbstverständlich kann man diese Erwartung haben, aber erfüllt wird sie nicht. Typische Gedanken hierbei sind oft: „Wozu gibt’s den Lehrenden, wenn man alles selbst machen muss?“ 🙂 Hierzu als Entgegnung: Es muss Aufwand und Anstrengung beim Lernenden liegen, denn Lernprozesse sind notwendigerweise mit Aufwand und Anstrengung verbunden. Die Frage ist nur, vor welchem Aufwand und welchen Anstrengungen bewahrt man als Lehrender die Lernenden, und vor welchen Anstrengungen bewahrt man sie gerade nicht, weil damit die intendierten Lernziele verknüpft sind? Darüber hinaus ist ein Trugschluss, dass man als Lehrender in einem solchen Szenario keinen Aufwand hat: Die Vorbereitung der Lernumgebung und die Planung der Lernaktivitäten sind verdammt aufwändig. (Im Beispiel opco11 habe ich mich bestimmt zwei volle Tage mit der Zusammenstellung befasst, wenn man auch das Grübeln auf dem Klo oder unter der Dusche dazuzählt).

Bin ich denn mit dem Ablauf und den Ergebnissen aus opco11 zufrieden? Hier muss ich differenziert Antwort geben:

  • Ich hatte zunächst Bedenken, dass in der Vorbereitungszeit nichts passiert. Schließlich machen die meisten Teilnehmer freiwillig mit, und ohne echten Druck könnte ein solcher Vorbereitungsaufwand eher abschreckend wirken. Daher war ich enorm erfreut, dass das Gegenteil passiert ist: Es wurden zahlreiche Ideen, Links, Positionen, … bereits im Vorfeld eingetragen. Die Aufgaben, die eigentlich für die synchrone Arbeitsphase geplant waren, wurden zum Teil auch schon angegangen. Darüber hinaus wurde eine komplett neue Aufgabenstellung (Konzert 6) von den Teilnehmenden selbst organisiert.
  • Wichtig ist während der asynchronen Vorbereitungsphase, dass man als Organisator präsent ist und Anregungen und Denkimpulse gibt. Das war aufwändig, aber notwändig… äh… notwendig. (siehe oben, Punkt „Unterstützung“)
  • Während der synchronen Arbeitsphase gab es leider technische Schwierigkeiten: Die Leitung in der Einführung war schlecht, der Ton katastrophal, und in der Arbeitsphase kamen nur max. 16 Nutzer in ein Etherpad hinein. Ich kannte diese Beschränkung tatsächlich nicht, insofern war ich überrascht, dass es sie gibt. Während der Arbeitsphase haben wir uns dann spontan entschieden, die Moderatoren der einzelnen Räume nach Adobe Connect einzuladen und die Ergebnisse zusammenfassen zu lassen. Diese Spontanaktion war aber letztlich eine Überrumpelung, die ebenso zu technischen Problemen führte (insbesondere bzgl. Audio).
  • Während der opco-Session ist ein Tool-Wunsch in mir entstanden: Ich hätte gerne Etherpads mit Audiochat. Also: Man geht in ein Etherpad rein, und man ist automatisch in einem Audioraum, in dem alle miteinander sprechen können, die gerade in diesem Etherpad arbeiten. Kann das bitte mal jemand implementieren? 🙂
  • Mit den inhaltlichen Ergebnissen bin ich nur teilweise zufrieden. Ich bin geneigt, es schade zu finden, dass die Teilnehmer auf manches Argument nicht gekommen sind, die vorbereiteten Informationen hier und da nicht umfassend genug ausgewertet haben oder nicht auf „meine“ Position gekommen sind. Das ist letztlich natürlich Quatsch: Hätte ich einen Vortrag gehalten und alles erzählt, dann hätte ich vielleicht den Eindruck gehabt, alles wäre „rübergekommen“, aber das ist ja auch oft ein Trugschluss. Die inhaltliche Bewertung fällt mir somit schwer, insbesondere auch aus folgendem Grund: Eigentlich muss jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer für sich selbst bewerten und entscheiden, ob sie bzw. er zufrieden ist mit der persönlichen „inhaltlichen Ausbeute“ und überlegen, was sie bzw. er gelernt hat. Und das waren zum Teil witzigerweise auch „nebenläufige“ Dinge wie beispielsweise die Diskussion um mein Outfit. Man muss also die Teilnehmer fragen, was sie gelernt haben und ob der Ertrag ihrem persönlichen Einsatz entspricht (hier entlang zu den Reflexionen der Teilnehmer).
  • Eine organisatorische Schwierigkeit: Die Zeit war einfach zu knapp bemessen für die synchrone Arbeitsphase. Das habe ich auch eine Woche später in meinem Seminar „Didaktik der Informatik“ festgestellt: Ich habe die Studierenden die Ergebnisse der opco-Session auswerten und eigene Positionen finden lassen. Auch hier waren 60 Minuten Arbeitszeit zu wenig. Ich muss, glaube ich, die Zeit für solche Zusammenarbeitsphasen zukünftig wesentlich großzügiger bemessen.

Ich würde also – summa summarum – sagen, dass es eine lehrreiche Aktion war: Für mich in methodischer Hinsicht, und für die Teilnehmer (hoffentlich) auch in inhaltlicher. Ich erkläre hiermit das Festival für beendet und freue mich auf das nächste! Auf Wiedersehen! 🙂

(Bild: Danke an @FrauFridur!)

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Ein Festival der ITG: Meine opco11-Session

Veröffentlicht: Freitag, Juni 17, 2011 in Uncategorized
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Seit einigen Wochen findet der OpenCourse 2011 unter dem Titel „Zukunft des Lernens“ statt. Dabei handelt es sich um einen offen Kurs zu aktuellen Trends im Bildungsbereich, an dem jeder mitwirken kann (z.B. in Blogs oder in Twitter). Die Agenda legt wöchentlich Themen fest, und mittwochs findet zwischen 17 und 18 Uhr eine synchrone Online-Sitzung per ustream statt.

Nächste Woche (20.-26. Juni) ist das Thema Lernen kann doch jeder, oder? Über Kompetenzen und Bildung dran. Am Mittwoch zwischen 17 und 18 Uhr ist eine Online-Sitzung, die ich gestalten darf. In Woche 4 hatte Michael Kerres damit begonnen, den Vortragsteil zur Vorbereitung auszulagern und die Sitzung interaktiver zu gestalten. Das halte ich für eine sehr sinnvolle Sache. (Ähnliches mache ich auch gerade in meiner Arithmetik-Vorlesung, in der sich Studierende die Vorträge vorab auf Youtube ansehen.)

Also, ich habe mich entschlossen, am nächsten Mittwoch (22.6., 17 Uhr) ein Experiment zu starten: Ich möchte versuchen, mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine massive synchrone Online-Kollaboration durchzuführen. Hierzu habe ich eine Wiki-Seite erstellt mit Vorabinfos, Podcasts und Etherpads zur Vorbereitung der Sitzung. @dankegang hat mich dabei auf die Idee gebracht, dass ich hier einen Hauch von WGT-Atmosphäre mit einbringen könnte. Und das mache ich auch: Wir gestalten am Mittwoch zwischen 17 und 18 Uhr ein ITG-Festival (ausgeschrieben: Ein Festival der Informationstechnischen Grundbildung).

Wesentliche Infos zum Ablauf gibts auf der Festival-Seite. In Kürze: Wir veranstalten parallel verschiedene „Konzerte“ (Etherpads), zwischen denen man flexibel hin- und herwechseln kann. Jedes Konzert ist zweigeteilt: „Probe“ (Ideensammlung im Vorfeld zur Sitzung) und „Aufführung“ (das eigentliche Konzert am Mittwoch). Jedes Konzert wird zudem durch einen oder zwei Audioboos angekündigt. Meine persönliche Rolle dabei ist die eines Festival-Organisators: Ich stelle den Kontext bereit, mache Werbung, kümmere mich um das Programm, nehme an Konzerten teil und unterstütze die Musiker. Musizieren müssen aber die Teilnehmer!

Ich möchte somit alle opco11-Teilnehmer einladen,  auf die Festival-Seite zu gehen und sich bis Mittwoch in die Konzertproben (Brainstormings) einzubringen! Denn, eins ist klar: Konzerte sollte man nicht geben, ohne vorher geprobt zu haben! 🙂

Also: Herzlich willkommen beim ITG-Festival 2011!

dunkelmunkel