Die Maschendrahtmetapher

Veröffentlicht: Freitag, November 7, 2008 in LdLChronologie, Web 2.0

Neulich habe ich einen Vortrag von PD Dr. Ulrich Welbers über das Humboldtsche Bildungsideal online angeschaut. Welbers erwähnt dort, dass Humboldt unter „Forschen und Lehren“ etwas anderes verstanden hat als wir heute. Er dachte dabei nicht daran, dass Hochschulbeschäftigte forschen und die neuesten Ergebnisse dann lehren. Er dachte mehr daran, dass man als Dozent in sein Seminar geht und dort gemeinsam mit den Studenten forscht, d.h. Anregungen von den Studenten bekommt und mit ihnen gemeinsam diskutiert und neue Ideen entwickelt. Der Dozent ist in diesem Fall mehr Lernender als Lehrender.

Gestern bin ich mit genau dieser Einstellung in mein Informatikdidaktik-Seminar gegangen, um gemeinsam mit den Studierenden ein neues Konzept zu entwickeln. Die Idee hatte ich, als ich mir überlegt habe, was denn eigentlich notwendig ist, damit andere Dozenten ähnliche Flow-Erlebnisse in ihren Seminaren erzeugen können (vgl. die Videos von Lutz Berger). Eine Grundvoraussetzung dabei ist eine bestehende „Dozentenvernetzung“ zwischen dem Dozent und anderen Personen, vor allem auch außerhalb der Hochschule (im pädagogischen Bereich also Lehrer, Referendare, Schüler, Coaches, …). Nur gefiel mir das Wort „Dozentenvernetzung“ nicht – es klingt etwas, naja…

Also haben wir uns gestern im Seminar zusammengesetzt und „gebrainstormed“, wie man die Notwendigkeit der Vernetzung des Dozenten beschreiben könnte. Zahlreiche gute Ideen wurden diskutiert. Ulrike Kleinau hatte schließlich die Idee, die alle überzeugt hat: die Maschendrahtmetapher (oder chain-link-metaphor). In ihrem Weblog beschreibt sie die Metapher. Sie schreibt:

Versteht sich jetzt der einzelne Akteur (Lehrer, Dozent,…) als Masche, muss er sich mit anderen Maschen zu einem großen Ganzen verweben. Die Verschlingungen in den Eckpunkten können der eigene Blog, ein Twitter- oder Xingprofil, aktive Teilnahme in einem Bildungsforum etc. sein. Gibt der Akteur Input (das Wissen, die Idee) über einen Draht aus, so überträgt sich der Inhalt über die verwobenen Eckpunkte an das ganze Netz.

Der Unterschied zur Neuronenmetapher ist in der folgende: Die Neuronenmetapher ist eine generelle Metapher für Kommunikationsformen, die an der Funktionsweise des Gehirns orientiert sind. Die
Maschendrahtmetapher beschreibt nicht die Art und Weise, wie man kommunizieren soll, sondern die Notwendigkeit für Dozenten, eine grundlegende Vernetzung zu erzeugen, um bei Bedarf schnell Projektpartner außerhalb des Seminars/der Klasse/… zu finden. Ist das nicht ein tolles Bild?

Kommentare
  1. Daniel sagt:

    Hallo Christian,

    Der Gedanke des gemeinsamen Forschens entspricht meinem Verständnis von Forschung und Lehre zutiefst, auch wenn ich in der praktischen Umsetzung einige Herausforderungen sehe. Meiner Ansicht nach bedarf das „auf beiden Seiten“ ein enormes Umdenken.

    Die Maschendrahtmetapher finde ich ebenfalls sehr treffend. Auch Interdisziplinär findet im Netz ja eine „Verschlingung“ der Akteure statt, die zu einer gegenseitigen Befruchtung führt. Evtl. bedarf es einer „neuen Akteursgeneration“ zum Eintauchen in die Verschlingungsmöglichkeiten des Netzes.

    Viele Grüße
    Daniel

  2. Ja, das ist ein tolles Bild!

  3. Ich finde das Bild aus dem beobachtenden Blickwinkel interessant, dass Maschendraht auch bei partieller Durchrostung im Gesamtkonstrukt weiterhin eine stabile Einheit bleibt.🙂

  4. Das Bild beschreibt den systemischen Gedanken: Ich agiere an irgend einer Stelle (Masche) und das hat Auswirkungen auf das gesamte System (alle Maschen).
    Ich persönlich stehe absolut hinter dieser Metapher (systemisches Modell), bezogen auf die Aktivitäten im Internet können wir sehr deutlich erkennen, dass „es“ wirkt.
    Manchmal wirken wir am ganz anderen Ende, um viele Maschen weiter etwas zu bewegen…

  5. ekirlu sagt:

    Ich freue mich sehr, dass meine Metapher so viel Anklang findet und danke für die vielen Beiträge. Jedes weitere Pingback stellt für mich eine weitere Verschlingung im Netz dar.

  6. Noch ein weiterer schritt und wir sind beim IPK: http://www.projektkompetenz.de Wie du weißt ist es mein ziel, unser gemeinsames Projekt zur IPK-Struktur zu bringen!

  7. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für die vielen zustimmenden Kommentare!

    @Jean-Pol Genau – IPK benötigt ebenfalls die grundlegende Vernetzung des Dozenten bzw. der beteiligten Personen. Die Maschendrahtmetapher beschreibt lediglich diesen notwendigen Zustand (bzw. ist handlungsweisen in der Richtung, dass Dozenten sich diese Vernetzung erschaffen müssen). Darauf bauen sowohl die Neuronenmetapher auf, die beschreibt, wie man in dieser Vernetzung kommunizieren muss, und IPK, wo beschrieben wird, wie man die entstandenen Projekte durchführt.

  8. Gabi Reinman sagt:

    Hallo Christian,

    kleine Bemerkung zum Thema Forschen und Lehren und zum Umgang mit Studierenden: Das ist aus meiner Sicht eine zweischneidige Sache. Vor sechs, sieben Jahren hätte ich das komplett bejaht (also das forschende Lernen im „eigentlichen Sinne“), heute muss ich sagen, dass das ein tolles Modell unter ganz bestimmten Bedingungen ist, denn: Erstens müssen sich Studierende darauf einlassen und es funktioniert nicht ohne Vorwissen. Zweitens dürfen das LP-Sammlen und Prüfungsverfahren diese (unsichere) Form des Lernens nicht gefährden. Und drittens brauchen wir dazu konsequent kleine Gruppen. Wenn diese drei Bedingungen erfüllt sind, dann macht auch das Lehren (mit dem Ziel eines forschenden Lernens) sehr viel Spaß. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, häuft man sich eine Menge Probleme an – auf beiden Seiten. Wahrscheinlich ist es so, dass wir eine Mischkultur an Lern- und Vermittlungsformen brauchen und wir müssen an den Hochschulen auch dafür kämpfen, dass man uns nicht die Möglichkeit nimmt, solche Mischkulturen zu leben.

    Gabi

  9. cspannagel sagt:

    Liebe Gabi,

    vielen Dank für deine Anmerkungen. Ich stimme dir voll und ganz zu: Die Studierenden müssen sich darauf einlassen. In gewissem Maße kann man als Lehrender aber eine Atmosphäre schaffen, in denen die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass die Studierenden das tun. Gewissheit gibt es aber nicht. Insofern bin ich überglücklich, ein so tolles Seminar zu haben, in dem die Studierenden aus eigenem Antrieb Dinge tun, mit denen ich beim besten Willen niemals gerechnet hätte. Ein bislang einmaliges Erlebnis! Und ich bin gespannt, ob so etwas in Zukunft nochmal gelingt.

    Zur Leistungsmessung: Die Bildungsstandards quer durch alle Gebiete verlangen, dass Studierende „Kompetenzen erwerben“ – und genau das wird oft nicht geprüft. Insofern müssen sich auch die Prüfungen ändern. Das Prüfen in offenen Lernformen ist ein schwieriges Feld und sicher aktuell noch Forschungsgegenstand. Die „alten, eingestaubten“ Prüfungsverfahren sind insofern aber tatsächlich eine Gefahr.

    In Großgruppen (Vorlesungen mit mehreren hundert Teilnehmern) kann man ein solches Konzept sicher nicht fahren. Daher stimme ich dir hier auch voll zu (bzw. würde die Aussage leicht modifizieren wollen): Wir müssen (!) mit einer Mischkultur leben, in der auch Vorlesungen einen Platz haben. Große Vorlesungen halte ich aber in keinster Weise für ein gutes Konzept. Sie werden oft dadurch gerechtfertigt, dass mancher Stoff „unbedingt in einer Vorlesung vermittelt werden muss“. Mir ist noch keiner begegnet, der nicht auch hätte anders erworben werden können. Vorlesungen gibt es, um Massen abzufertigen – andere, überzeugende Argumente sind mir noch nicht begegnet. (Das spricht selbstverständlich nicht gegen Mischkulturen, Methodenvielfalt usw. – fraglich ist nur für mich, ob Vorlesungen aus lerntheoretischer Sicht darin einen Platz haben müssen.)

  10. Reinmann sagt:

    Einverstanden. Aus dem Grund mache ich auch nur EINE Vorlesung im Jahr😉

    Einverstanden auch, was das Assessment angeht. Siehe: http://www.imb-uni-augsburg.de/medienp-dagogik/biblio/bologna-zeiten-des-web-20-assessment-gestaltungsfaktor

    Gabi

  11. cspannagel sagt:

    @Gabi: Vielen Dank für den Link auf den Arbeitsbericht! Ich werde ihn lesen…

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