Archiv für die Kategorie ‘Web 2.0’

Machen soziale Medien das Lernen sozialer?

Veröffentlicht: Mittwoch, April 29, 2015 in Hochschuldidaktik, Teaching, Web 2.0
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Am Mittwoch, 6. Mai 2015, darf ich um 14 Uhr in der virtuellen Ringvorlesung von e-teaching.org eine Sitzung gestalten zum Thema Machen soziale Medien das Lernen sozialer? Es ist immer wieder eine Herausforderung, wenn man den Titel eines Vortrags als Frage formuliert, zu der man selbst noch keine umfassende Antwort entwickelt hat. 🙂 Insofern ist die Planung eines solchen Beitrags sehr spannend auch für den Vortragenden selbst. 🙂

Vetreter_innen (oder sollte man vielleicht sagen: Missionar_innen) für social media werden diese Frage vermutlich mit einem deutlichen „ja, natürlich“ beantworten, und haben jede Menge Antworten parat, die in der Form „Mit social media ist es möglich…“, „Mit social media kann man…“ oder so ähnlich formuliert sind. Es wird viel über Möglichkeiten philosophiert, und in der Anfangszeit des Web 2.0 bin ich auch diesem Möglichkeitsdenken aufgesessen. Heute sehe ich es wesentlich nüchterner.

Ich habe jetzt ein paar erste Aspekte, Ideen und Fragen zusammengetragen und würde eure Position dazu gerne „anzapfen“. Wie denkt ihr darüber? Zunächst aber meine paar Cents:

  1. Wenn ich an „soziales Lernen“ denke, dann kommt mir zuerst das Lernen in einer Lerngruppe in den Sinn. In meinem eigenen Studium bin ich beispielsweise tage- und nächtelang mit meiner Lerngruppe im Institut für Informatik rumgehangen. Wir haben damals über informatischen Problemen gegrübelt, uns dazu Essen beim Fastfood-Chinesen von nebenan geholt, literweise Kaffee, Kakao und Champignoncremesuppe (!) aus dem Automaten gezogen und zwischendurch Tetris im Pool gezockt. Die meiste Zeit haben wir dabei natürlich zusammen gelernt und uns gegenseitig geholfen. Hätten soziale Medien diese Form des Lernens sozialer gemacht? Nein.
  2. Stören social media vielleicht nicht sogar das gemeinsame Lernen,als dass sie es befördern? Ich beobachte immer wieder, dass sich  Studierende in ihren Lerngruppen immer wieder von Facebook- und Whatsapp-Messages ablenken lassen. Gruppenlernen wird gestört, wenn einzelne Gruppenmitglieder ihre Aufmerksamkeit zeitweise vom Lernen auf andere Inhalte lenken. In diesem Moment sind Online-Kontakte zumindest für den Moment wichtiger und attraktiver als die soziale Gruppe „Lerngruppe“. Auch beim Lernen alleine lenken social media natürlich immer wieder sehr leicht ab. Machen social media in diesem Fall also das Lernen sozialer?
  3. Aber Facebook kann doch auch zum Lernen eingesetzt werden! Klar, die „Möglichkeit“ besteht. In den studentischen Facebookgruppen, in denen ich Mitglied bin, findet so etwas eher nicht statt. Es wird sich über die Studienorganisation ausgetauscht („Wo hängen die Prüfungslisten aus? Wo kann ich mir den Institutsstempel holen?“), aber gemeinsames Lernen? Gut, vielleicht bin ich in den falschen Gruppen, das kann natürlich sein. Daher verfolgt auch Elisa Köhl genau diese Frage aktuell in ihrer Masterarbeit und schaut da genauer hin.
  4. Aber Foren in Learning Management Systemen und sonstigen Lernplattformen können doch zum gemeinsamen Austausch genutzt werden! Jep, können. Es ist ein ausgesprochen bekanntes Phänomen, das viele Dozent_innen beobachten: Es wird nicht. (Hat jemand gute Literaturhinweise zu dem Phänomen, dass Foren nicht intensiv genutzt werden?) In unserem Mathe-MOOC gibt es zu jedem Video und zu jeder Aufgabe einen eigenen Diskussionsbereich, und die Teilnehmer_innen werden immer wieder aufgefordert, dort ihre Ideen einzustellen und mit anderen gemeinsam weiterzuentwickeln. Im ersten Durchgang haben ca. 6400 Personen am MOOC teilgenommen, 338 haben Beiträge oder Kommentare eingestellt. Das sind 5%. Die 10 Nutzer_innen, die die meisten Beiträge eingestellt haben,  haben 32% aller Beiträge verfasst. Die TOP 10 Nutzer_innen, welche die meisten Kommentare verfasst haben, haben 59% der Kommentare geschrieben – darunter die beiden Dozenten und eine Tutorin. Das heißt: Nur sehr wenige beteiligen sich wirklich aktiv, und von diesen wenigen gibt es absolute Powernutzer, welche die Diskussion dominieren. Man könnte vermuten, dass zumindest diese „sozial lernen“. Tatsache ist allerdings, dass die meisten Beiträge der Teilnehmer_innen im Diskussionsbereich nebeneinander stehen. Jede_r lädt seine eigenen Lösungsideen hoch, es wird kaum auf die anderen Lösungsideen eingegangen. So findet die Diskussion meist zwischen Teilnehmer_in und Tutor_in statt, selten aber zwischen Teilnehmer_innen. Christian F. Freisleben-Teutscher versucht gerade, dies durch Impro-Methoden aufzubrechen (also zum Beispiel durch Methoden, bei denen jeder auf den Beitrag des vorgehenden eingehen muss).
  5. Wesentlicher als das Medium scheint die Methode zu sein. Kein soziales Medium macht per se Lernen sozialer, sondern: Methoden fördern oder behindern das gemeinsame Lernen, das Medium kann dabei unterstützen bzw. den entsprechend notwendigen Raum bieten. Bekannt ist dies von der Sozialform „Gruppenarbeit“ aus der Schule. Wenn man Gruppenarbeiten naiv verteilt („Macht mal in der Gruppe“), dann arbeitet einer und alle anderen gucken zu. Wenn man hingegen beispielsweise Rollen verteilt („Du protokollierst“, „Du bist der Zeitwächter“, „Du moderierst die Diskussion“) oder wenn man Wissen unsymmetrisch verteilt wie beispielsweise beim Gruppenpuzzle, dann wird gemeinsames Arbeiten notwendig und ertragreich. Die Methode macht’s.
  6. Bei Methoden wie dem Flipped Classroom helfen Medien durchaus, das Lernen sozialer zu machen, aber auch eine ganz andere Art und Weise: Dadurch, dass beispielsweise Vorlesungen per Video zu Hause durchgearbeitet werden können, wird in der Präsenzzeit an der Hochschule der Raum geschaffen für gemeinsame Interaktion und Diskussion. Hier helfen Medien also dabei, mehr soziales Lernen in der Präsenzzeit zu ermöglichen. Allerdings sind Videos nicht unbedingt soziale Medien (okay, Youtube könnte man vielleicht als solches bezeichnen).
  7. Ist sozialer eigentlich besser? Ist Lernen nicht oftmals auch ein individueller Prozess? Muss man nicht Aufgaben auch erst mal alleine durchdenken, bevor man sich mit anderen austauscht? Gibt es nicht gerade auch eine starke Tendenz, Lernprozesse individueller zu gestalten, Lernwege für jeden einzelnen zu adaptieren, individuell zu fördern?
  8. Individuelles Lernen allerdings kann auch übertrieben werden. Individualisierung des Lernens klingt auch fast schon wie Vereinsamung. Ich beobachte das des öfteren bei Methoden wie Lernpfaden, Lernlandschaften oder Lernbüros, in denen Schülerinnen und Schüler im selben Raum sitzen, aber jeder seine eigenen Aufgaben bearbeitet. Jeder protokolliert dabei, welche „Kompetenzen“ er bereits „erworben“ hat, welche die nächsten „zu erwerbenden“ sind, und jeder befasst sich mit Aufgaben, die gerade für ihn die nächste passende ist. Im übertriebenen Maße entartet das zur individualisierten Kompetenzbürokratie. Würde man nun versuchen, durch soziale Medien diese Lernformen sozialer zu machen? Quatsch. Man sollte versuchen, durch Methoden die Schülerinnen und Schüler zum gemeinsamen Lernen aufzufordern, beispielsweise durch Aufgaben in Lernbüros, die kooperativ gelöst werden sollen, oder durch Routinen, bei denen Schüler_innen andere bei Schwierigkeiten um Hilfe bitten (und nicht die Lehrerin oder den Lehrer).

Ich habe jetzt vermutlich recht einseitig Aspekte angeführt, die dagegen sprechen, dass soziale Medien das Lernen sozialer machen. Natürlich gibt es zahlreiche Lehr-/Lernsituationen, in denen der Einsatz von social media sinnvoll ist. Vermutlich aber nicht, um das Lernen sozialer zu machen, sondern um die Durchführung von Methoden zu ermöglichen, die gemeinsames Lernen befördern sollen. Aus meiner Sicht steht die Methode im Mittelpunkt, nicht das Medium. Und eigentlich noch vor der Methode: die Didaktik. Als Lehrer_in oder als Dozent_in überlege ich mir vorab, welche Lernziele erreicht werden sollen und auf welchem Wege (Lernprozess) dies voraussichtlich am besten passiert (vgl. Oser und die Choreographie des Unterrichts). Dann überlegt man sich, in welchen Phasen des Lernprozesses individuelles Lernen und in welchen Phasen kollaboratives Lernen sinnvoll ist. Danach wählt man Methoden und Medien aus. Machen jetzt soziale Medien das Lernen sozialer? Ich würde sagen: Es ist die Unterrichtskonzeption, nicht das Medium.

So, jetzt zu euch: Wie ist eure Position? Habt ihr Situationen kennen gelernt, in denen soziale Medien das Lernen sozialer gemacht haben? (Und bitte keine „Möglichkeiten“, sondern reale Beispiele! ;-)) Was denkt ihr über die Punkte oben? Habt ihr Ergänzungen? Her damit! 🙂

[UPDATE:] Der Vortrag ist jetzt vorbei, die Aufzeichnung ist online, außerdem die Folien und eine Linksammlung

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Hilfe, mein Prof bloggt!

Veröffentlicht: Dienstag, Mai 28, 2013 in Web 2.0

Eieiei, ich bin mal wieder viel zu spät. Wofür? Für die Teilnahme an der Blogparade Hilfe, mein Prof bloggt!, zu der Anja Lorenz aufgerufen hat. Naja, zu spät bin ich noch nicht, bis zum 1. Juni ist schließlich noch Zeit. Einen Vorteil hat aber eine späte Beteiligung :-). Nämlich: Viele Argumente, die ich auch genannt hätte, sind bereits genannt worden, z.B. von Gabi Reinmann, Niels Seidel, Joachim Funke und Oliver Tacke. Hierzu zählen: Mein Blog ist mein Denkwerkzeug und mein persönlicher Wissensspeicher. Mein Blog hilft mir, Gedanken einmal geordnet darzustellen, zu reflektieren und mit anderen darüber in Interaktion zu treten. Daher ist es auch ein Medium, mit dem ich „social networking“ betreibe. In diesem Kontext bin ich witzigerweise auf ein Interview des Wissenschafts-Cafés von 2008 gestoßen, bei dem ich auch schon mal dazu geantwortet hatte.

Einen Aspekt stelle ich etwas stärker heraus, den ich gemeinsam mit Jean-Pol Martin in der Diskussion meines letzten Blogbeitrags nochmal deutlich gemacht hatte: Ich blogge auch, um berühmt zu werden. „Oh, uh, welch schlechtes Motiv!“ wird der ein oder die andere jetzt denken. Ja, klar, ich hab auch mal „so gedacht“. Interessanterweise hat Jean-Pol vor einigen Jahren mal etwas ähnliches zu mir gesagt, in etwa so: „Letztlich will man berühmt werden.“ Und ich habe geantwortet: „Nö, ich will doch nicht berühmt werden. Ich will die Welt retten und gute Dinge tun, aber nicht berühmt werden.“ Und gedacht hab ich mir: „Doch, ich will, aber das darf man nicht sagen, weil das kein ehrenvolles Motiv ist.“ Es ist natürlich Quatsch: Niemand will die Welt heimlich retten.

Mmh… ich finde mittlerweile, es ist ein prima Motiv. Und man darf sich ethisch auch nicht selbst überfordern, wie Jean-Pol es sehr schön in seinem Blogbeitrag Warnung vor Selbstidealisierung! beschreibt. Und weiter schreibt er dort treffend: „Wenn jemand mir also sagt, er sei an Macht oder an Ruhm nicht interessiert, glaube ich ihm nicht.“

Warum aber nun Berühmtheit? Auf den Punkt gebracht:

  1. Es schmeichelt dem Ego. (das ist gefährlich, aber eben auch dopaminmäßig super)
  2. Man bekommt jede Menge Input von außen und wird so mit ausreichend interessanten Informationen versorgt, die alle verarbeitet werden wollen (auch ein Gedanke Jean-Pols, den er mit dem Namen Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung versehen hat)
  3. Durch das Umfeld, das reichhaltiger ist von Anreizen, Inputs und weiteren Ideen, gerät man so richtig in Fahrt und kann seine eigenen Konzepte schneller weiterentwickeln, als das alleine der Fall wäre. (Aufgepasst, Gefahr des Missverständnisses: Natürlich braucht man auch Zeit des „Alleinedurchdenkens“ und der Kontemplation, aber das alleine wäre zu wenig. Genauso sehr braucht man Input von außen.)
  4. Das, was man selbst anzubieten hat, wird auch wahrgenommen und aufgegriffen. Das heißt: Die eigenen Gedanken, Produkte und sonstigen Angebote gehen nicht unter, sondern man weiß, dass man tatsächlich auch etwas in der Breite bewirken kann. Die Mühe lohnt sich mehr, wenn die Effekte in die Breite wirken.
  5. Letztlich ist genau auch das der Punkt, weshalb es nicht schlecht ist, berühmt sein zu wollen, wenn man es nicht auf Kosten anderer macht, sondern zum Nutzen anderer. Man teilt seine Gedanken, Ideen, Konzepte, wird dadurch berühmter, kann dadurch mit noch mehr Menschen seine Ideen teilen, wird dadurch noch berühmter, und… hat anderen dabei seine Ideen gegeben. Es ist dann nicht anderes als: Berühmtheit durch Teilen, und Teilen wird mit Berühmtheit belohnt. Ist das moralisch verwerflich?
  6. Ein tieferer Gedanke, der letztlich auch (!) hinter all dem steht, ist: Unsterblichkeit. Als Atheist hat man nicht groß die Wahl: Das Leben ist endlich, und das ist einfach aus Sicht eines Menschen total scheiße. (Auf den Punkt gebracht.) Man hat nur endlich viel Zeit, und anschließend ist man „unendlich lange nicht existent“, was im Vergleich zur endlichen Existenz einfach verdammt lange ist. Berühmtheit ist die einzige Chance, sich selbst zu überdauern. Ladies and Gentlement, attention please, here is the truth: Jede Zelle meines Körpers sehnt sich nach ewigem Leben.

So viel zum Thema: Warum ich blogge.

Weshalb Web 2.0 in der Schule?

Veröffentlicht: Dienstag, März 27, 2012 in Schule, Web 2.0
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Auf der digilern habe ich einen Vortrag gehalten zum Thema „Web 2.0 in der Schule – weshalb sollte ich das denn auch noch machen?“. Diesen Vortrag hat Lutz Berger freundlicherweise aufgezeichnet und noch freundlicherweiserer aufgehübscht, mit Folien versehen und gerendert. Danke, Lutz! 🙂

So, und hier ist das Video dazu:

Kommentare natürlich wie immer erwünscht!

Wikis im Geschichtsunterricht

Veröffentlicht: Dienstag, März 20, 2012 in Schule, Web 2.0
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In den LernZeitRäumen arbeiten wir gerade mit Schülerinnen und Schülern in einem Wiki. Das Oberthema ist Mittelalter. Verschiedene Schülerteams arbeiten an unterschiedlichen Mittelalter-Themen (wie beispielsweise „Bauwerke“, „Essen und Trinken“ und „Schrift und Buchkunst“). Die beiden Gruppen (Tiger und Geckos) werden inhaltlich von Axel Ohnesorge und Kirsten-Heike Pistel betreut. Ein wesentliches Ziel dabei ist, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, aus Texten Informationen zu entnehmen (hierfür haben sie ausführliche Reader und Bücher zur Verfügung), die Informationen in eigenen Texten zusammenzufassen, dabei korrekte Quellenangaben zu machen und das Ganze für andere Leserinnen und Leser attraktiv aufzubereiten. Hier liegt eine große motivationale Chance des Wikis: Die Texte landen nicht einfach nur auf dem Schreibtisch des Lehrers, sondern stehen im Web und können von jedem gelesen werden. (Ein Beleg, dass das für Schüler bedeutsam ist, kommt weiter unten. ;-)).

Das Schulwiki der LernZeitRäume wird freundlicherweise von der ZUM gehosted, und dank toller Vorbilder wie dem RMG-Wiki, dem DSD-Wiki und vielen anderen Wikis in der ZUM-Wiki-Family konnten wir auf zahlreichen Beispielen aufbauen und von reichhaltigen Erfahrungen anderer profitieren.

Hier möchte ich mal alle möglichen Eingangsüberlegungen zusammenfassen, die den Start des Wikis und die Arbeit in den ersten Wochen begleitet haben:

  • Wir haben uns dazu entschieden, dass sich die Schülerinnen und Schüler nur mit Pseudonymen und nicht mit Realnamen anmelden. Die Wahl der Pseudonyme erschien uns angemessen, weil wir vermeiden wollten, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht mit Realnamen im Web auftreten.
  • Es hat sich bewährt, dass die Schülerinnen und Schüler einen Anmeldebogen ausfüllen, den ich aufbewahre und immer mit dabei habe. Denn: Schüler vergessen Passwörter, und die kann ich dann bei Bedarf nachschlagen. (Ich bin sozusagen Vertrauensstelle für vergessene Passwörter.)
  • Mit den Schülerinnen und Schülern haben wir eine Wiki-Abmachung getroffen. Darin unterschreiben sie, dass sie sich respektvoll im Internet verhalten, keine persönlichen Daten von sich preisgeben und das Urheberrecht beachten. Außerdem habe ich unterschrieben, dass ich den Schülerinnen und Schülern sowohl offline als auch online mit Rat und Tat zur Seite stehe. Die Abmachung ist also tatsächlich eine gegenseitige Vereinbarung und keine einseitige Verpflichtung.
  • Diese Abmachung wurde gleich in der ersten Woche gebrochen (auf einer Benutzerseite stand „ihr Deppen!“). Perfekt! Wir hatten gleich eine Gelegenheit, nochmals über die Abmachung zu sprechen und die Ernsthaftigkeit der Abmachung zu unterstreichen. Seitdem ist nichts mehr vorgefallen. Genau das gefällt mir an der Wiki-Arbeit in der Schule: Man stellt nicht nur die Gefahren und Probleme des Internets heraus, sondern hebt zunächst einmal die Möglichkeiten der produktiven Zusammenarbeit hervor. Die Probleme sind dann mehr Seitenaspekte, die auch wichtig sind, die aber nicht im Vordergrund stehen.
  • Die technische Einführung hielt sich im Rahmen. In ca. 15 Minuten habe ich den Schülern die Basics gezeigt (Bearbeiten, Vorschau, Speichern, Texteingabe, fett, kursiv, Überschriften). Alles weitere gibt es dann als Hilfe „on demand“. Relativ schnell wollten Schüler Tabellen erstellen. Weil das ein bisschen komplizierter ist, habe ich das dann im Einzelgespräch gezeigt. Hier wird dann auch den Schülern deutlich, wie hilfreich das Verwenden von bereits vorhandenem Code ist.
  • Neben den zahlreichen Hilfen (die, glaub ich, bislang kaum ein Schüler angeschaut hat), habe ich auch eine Oops!-Seite eingerichtet. Das ist die Seite für die Offline-Hilfe. Wenn ich mal nicht an der Schule bin und ein Schüler ein Problem hat, dann kann er dieses auf die Oops!-Seite schreiben, und ich antworte dort.
  • Ganz klar: Ich muss täglich den RSS-Feed des Wikis checken, um zu schauen, was dort passiert. Das ist aufwändig, aber notwendig. (An dieser Stelle wundere man sich über die Schreibweise dieser beiden Wörter.)
  • Apropos Rechtschreibung: Wenn Schüler im Wiki arbeiten, entstehen logischerweise Rechtschreib- und Tippfehler. Wir haben uns vorgenommen, dass die Wiki-Arbeit mit 10 Minuten Korrektur der Seiten von anderen endet. Das heißt, Schülerinnen und Schüler sollen am Ende einer Stunde durchs Wiki gehen und Fehler korrigieren. Und wir müssen es aushalten, dass mal eine Zeit lang Fehler enthalten sind. Wikiarbeit ist schließlich ein Prozess.
  • Der Diskussionsbereich zu jeder Seite ist ein prima Platz für Feedback der Lehrer an die Schüler (z.B. hier die Rückmeldung von Axel zum Thema Burgen). So ist das Feedback nahe am Text, aber nicht im Text, und der Prozess lässt sich im Nachhinein noch nachvollziehen.
  • Schülerinnen und Schüler finden es klasse, dass die Seiten im Internet stehen und andere sich diese ansehen können. Jedenfalls sind alle ganz wild darauf, unten auf der Seite immer zu schauen, wie viele Zugriffe es auf die Seite gab (ein regelrechter Wettbewerb unter manchen Schülern).

Ein paar Bilder wurden von Schülern auch schon eingefügt. Wenn die Texte fertig sind, werden wir noch eine Quiz-Seite gemeinsam erstellen, in der die Schüler Multiple-Choice-Tests, Lückentexte, Rätsel und sonstige Aufgaben als Wissenstest zum Mittelalter gestalten können.

Schule 3.0: digital total?

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 12, 2012 in Schule, Web 2.0

Am nächsten Donnerstag darf ich an einer Podiumdiskussion auf der didacta zum Thema „Schule 3.0: digital total?“, veranstaltet vom Verband Bildungsmedien, teilnehmen. Inhaltlich sollen die folgenden Fragen besprochen werden (auf Seite 6 des Programmhefts zu entnehmen; ich finde es übrigens immer noch cool, dass sie DIESES Bild genommen haben :-)):

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet rasant voran: Ständig verfügbares Internet, soziale Netzwerke und zahllose Apps gehören bereits heute für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Doch wie wird sich diese Entwicklung auf den schulischen Unterricht auswirken, wie sieht die Zukunft des Lernens aus? Vor diesem Hintergrund soll der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht beleuchtet werden: In welchen Lernszenarien bieten diese Medien überhaupt Vorteile? Ist das klassische Schulbuch ein Auslaufmodell? Wie steht es um die Medienkompetenz der Lehrkräfte, welche Rolle spielt die Lehrerbildung? Und über allem schwebt die Frage, welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Unterrichtsqualität durch den Einsatz von digitalen Medien effektiv zu erhöhen.

Ich habe mir einmal ein paar Statements zu den Punkten überlegt, möchte gerne vorab mit euch in die Diskussion einsteigen und eure Beiträge mit in die Podiumsdiskussion nehmen (um gleichzeitig ein Beispiel für den Nutzen des Internets in Lehr-/Lernsituationen zu geben). Ihr könnt natürlich gerne eigene Statements hinzufügen oder die bestehenden kommentieren. Also, neine Statements:

  1. Die Schule hat die Verpflichtung, digitale Medien in den Unterricht in erheblich stärkerem Maße zu integrieren. Zum einen sind digitale Medien im Alltag der Schülerinnen und Schüler omnipräsent (Alltagsrelevanz) und es lässt jetzt schon abschätzen, dass die Digitalisierung noch weiter voranschreiten wird (Zukunftsrelevanz; vgl. auch hier). Ich frage mich, wann „die Schule“ (ganz gemein verallgemeinernd) es schafft, digitale Medien im Sinne der Weltorientierung alltäglich und selbstverständlich in den Unterricht zu integrieren. Solange dies nicht der Fall ist, muss sich Schule vorwerfen lassen, weltfremd zu sein. Auf das Leben in welcher Welt bereitet Schule heute eigentlich noch vor? Schule ist der einzige Ort, an dem die Förderung von Medienkompetenz systematisch verankert werden kann. Es gibt keine Alternative: Schule muss digital werden.
  2. Über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus können digitale Medien im Unterricht unzählige Funktionen als Werkzeuge übernehmen: Sie dienen der Informationsdarbietung, der Veranschaulichung, der Kommunikation, der Zusammenarbeit, der Recherche, der Präsentation (siehe zum Beispiel den L3T-Artikel Mehr als eine Rechenmaschine). Und eben weil der Alltag digital ist, können sie nicht nur diese Funktionen übernehmen, sondern sie müssen es – zumindest zu einem ordentlichen Anteil.
  3. Aufgrund der Vielfalt der vorhandenen Werkzeuge und deren Einsatzmöglichkeiten fallen mir keine Lernszenarien ein, in denen digitale Medien keine Vorteile bringen können. (Fallen euch welche ein? Nennt mal ein Szenario, in dem es sinnlos wäre, digitale Medien einzusetzen!)
  4. IT wird aber vermutlich in der Breite erst dann in den Unterricht einziehen können, wenn wir unabhängig werden von Computerräumen und Laptop-Schränken. Das Zukunftsszenario ist das folgende: Schülerinnen und Schüler nutzen ihre eigenen Devices (Smartphones, Tablets, …) mit Internet-Flatrate bei Bedarf („on demand“), und zwar ähnlich wie jetzt die Taschenrechner. Also: Völlig raum- und zeitunabhängig. Dort, wo sie gerade sind. Auch zu Hause.
  5. Schüler haben zukünftig also keine Bücher mehr dabei (eine Ende der schweren Ranzen und Rucksäcke!), sondern ein Device (z.B. Tablet) mit multimedialen Dokumenten, interaktiven Anwendungen und Zugang zum Internet. Schüler haben auch keine Schulhefte mehr, sondern erstellen digitale Produkte, die sie darüber hinaus einfach teilen und wiederverwenden können.
  6. Der Anreiz, offene Lernmaterialien (Open Educational Resources; vgl. die Diskussionen bei Herr Larbig) zu verwenden, wird zukünftig sicher größer werden, so zumindest meine Hoffnung, die, denke ich, nicht ganz unbegründet ist: Es macht kaum Sinn, Schulbücher als PDF-Dateien auf Tablets zur Verfügung zu stellen. Der Druck ist relativ hoch, dass „Schulbücher“ dann multimedial und interaktiv sein müssen. Aber – schaffen Schulbuchverlage das, solche Materialien in angemessener Qualität und Zeit zu produzieren? Das ist ein riesiger Aufwand! Welch Vorteil hingegen, wenn solche Materalien verteilt auf der ganzen Welt produziert und an zentralen Stellen gesammelt bzw. verlinkt werden. Ich warte schon länger auf Community-Projekte, die (ähnlich wie bei Wikipedia) kollaborativ freie Online-„Schulbücher“ zu allen Fächern in allen Schulstufen erstellen. Das heißt: Was wird passieren, wenn man im Web qualitativ bessere Lernmaterialien finden wird als in kommerziellen Angeboten? Schulbuchverlagen müssen – um am Leben zu bleiben – vermutlich ziemlich bald zu alternativen Geschäftsmodellen übergehen (vgl. auch diese Diskussion bei Herr Larbig).
  7. Ganz zentral: Medienkompetenz der Lehrpersonen. Medien- und IT-Lehrerfortbildungen werden von Lehrerinnen und Lehrern zu wenig besucht (mein persönlicher Eindruck; ist aber auch klar, wenn man weiß, welche Qualität solche Fortbildungen oft haben). Lehrerfortbildungen reichen hier aber auch konzeptuell nicht aus, sondern können allenfalls winzige Einstiegspunkte sein; dafür ist die digitale Welt viel zu gewaltig. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich selbstständig weiterbilden – und das Internet ist voll von Hilfen und Einstiegspunkten! Sie müssen nicht nur die Schüler aufs lebenslange, selbstverantwortliche Lernen vorbereiten, sondern müssen dies als Lehrende selbst praktizieren und vorleben. Letztlich muss Lehrern klar sein: Es ist ihre Mitverantwortung, Schülerinnen und Schüler aufs digitale Leben vorzubereiten. (Und, überhaupt, was heißt hier „vorbereiten“? Das Leben der Schüler ist bereits digital.)
  8. Wichtiger Punkt auch: Die Lehramtsausbildung. Wie und in welchem Umfang werden digitale Medien eigentlich im Lehramtsstudium eingesetzt? Und im Referendariat? Leben denn Dozentinnen und Dozenten bzw. Mentorinnen und Mentoren vor, wie man digitale Medien nutzbringend zum Lernen und Lehren einsetzen kann? Wer wagt sich denn über die Verwendung von „PDF-Schleudern in Learning Management Systemen“ hinaus? Ich kenne zahlreiche Beispiele Dozentinnen und Dozenten, die Medien vorbildlich einsetzen, ich vermute aber, wenn man flächendeckend Deutschland diesbezüglich in den Blick nimmt, dann wird man auch hier ein ordentliches Verbesserungspotenzial aufdecken.
  9. Welche politischen, welche finanziellen Rahmenbedingungen sind notwendig? Meine These wäre: Es sollte (vielleicht absurderweise) nicht die Finanzierung technischer Maßnahmen in den Fokus gerückt werden. Die Beschaffung technischer Endgeräte für Schüler macht keinen Sinn, denn hierdurch wird teure, oft ungenutzte Technik beschafft, die relativ schnell sowieso veraltet ist, und Schüler werden in relativ naher Zukunft ohnehin eigene Geräte haben, die eingesetzt werden können (mit Ausnahme vielleicht von Leihgeräten für finanziell schwächere Familien). Finanziert werden sollte auch kein Funknetz und keine WLAN-Infrastruktur an den Schulen, denn Endgeräte werden per LTE (oder Nachfolgern) ins Internet kommen. Im technischen Bereich sollte allenfalls – zentral – eine Serverstruktur finanziert bzw. weiter ausgebaut werden, so eine Art „Schulcloud“ oder so etwas. Nein, der wesentlich größere finanzielle Batzen sollte für Personal aufgewendet werden. Für Lehrerinnen und Lehrer. Denn mit kleineren Gruppen und weniger Lehrdeputat wird Raum und Zeit geschaffen für die persönliche Weiterbildung, für die Umsetzung innovativer Ideen, für die Planung von Unterricht unter neuen (digitalen) Bedingungen. Und für technisches Support-Personal an den Schulen, zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer.
  10. Politisch muss gefordert werden: Eine noch stärkere Verankerung der Medienbildung in den Curricula. In allen Altersstufen, in allen Fächern.

Was meint ihr dazu? Habt ihr weitere Statements?

digilern 2012: Laptops zu gewinnen!

Veröffentlicht: Freitag, Januar 27, 2012 in Announcements, Schule, Web 2.0
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Vom 8. bis 10. März findet in Ottobrunn bei München die digilern 2012 statt, ein Kongress zum Lernen mit digitalen Medien. Der erste Tag wird als BarCamp durchgeführt, die Tage 2 und 3 werden durch Vorträge, Kurzvorträge und Workshops gestaltet. Das alles wird sehr schulbezogen sein: Der Einsatz digitaler Medien in der Schule wird im Mittelpunkt stehen.

Darüber hinaus – haltet euch fest – werden 7 mal 30 Laptops an Schulen verlost. Bewerben müssen sich aber die Schülerinnen und Schüler mit einem Video, in dem sie z.B. erläutern, wie sie sich einen Unterricht vorstellen, indem sie jederzeit ins Internet können (oder ähnliche Fragen). Hier ist das entsprechende Werbevideo:

Das Video wurde von wissmuth aka Lutz Berger und Martin Lindner produziert, wie sich von Kennern der Szene nur unschwer erkennen lässt. Die Gewinner werden am letzten Tag der digilern bekannt gegeben. Organisiert wird die Tagung übrigens von Achim Lebert, Sybille Reimann, Maria Eirich und ihrem P-Seminar-Kurs.

Ich bin im Rahmen der digilern als Jury-Mitglied beteiligt. Außerdem darf ich eine Keynote zum Thema Web 2.0 in der Schule? Weshalb sollte ich das denn AUCH noch machen? halten und einen Workshop mit dem Titel Die YouTube-Hausaufgabe gestalten. Ich freu mich sehr drauf (auch wenn ich leider wegen einer Überschneidung mit der GDM-Tagung erst am Freitag kommen kann).

Also: Kommt zur digilern, verbreitet die Kunde, und motiviert Schülerinnen und Schüler, beim Wettbewerb mitzumachen! 🙂

Weitere Infos zur digilern 2012 (deren Hashtag übrigens #digilern ist):

Komm! Ins Offene, Freund!

Veröffentlicht: Mittwoch, November 16, 2011 in Gastbeitrag, Schule, Web 2.0

Am Wochenende war ich auf der Mitgliederversammlung der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. (ZUM). Die Personen, die in der ZUM aktiv sind, habe ich seit einigen Jahren lieb gewonnen – anders kann ich es nicht sagen. Das Treffen am Wochenende war wieder einmal sehr anregend, unter anderem durch den Vortrag, den Klaus Dautel als inhaltlichen Einstieg in das Wochenende gehalten hat. Ich finde es wunderbar, dass Klaus zugestimmt hat, die Ausarbeitung seines Vortrags hier als Gast-Blogbeitrag zu veröffentlichen. Was soll ich sagen? Komm! Ins Offene, Freund!

Gedanken zum Thema „Offener Unterricht und WEB 2.0“

Piratenpartei und ZUM-Treffen: Der Erfolg der Piratenpartei wird damit erklärt, dass in den etablierten Kreisen das WEB 2.0 vorwiegend von seiner problematischen, gefährlichen Seite thematisiert wird. Größere Teile der jungen Öffentlichkeit sehen das aber anders, und zwar von seinen positiven Potenzialen her, von dem her, was das Internet ermöglicht! Wir ZUM-ler sehen das auch so, wir machen uns diese Perspektive schon lange zu eigen; und die Leute und Initiativen, die heute und hier zusammengekommen sind, haben gemeinsam, dass sie für die positiven Aspekte des Internets Ideen, Materialien und Technik beisteuern.

Nicht Geräte und nicht Plattformen, sondern Schüler-Persönlichkeiten: Wenn man nun in unserem Zusammenhang über Schule und Unterricht nachdenkt, läuft man schnell Gefahr, beides von den Geräten her zu denken, die uns neuerdings immer einfacher zur Verfügung stehen. Ebenso auch von den Plattformen her, auf denen wir und vor allen die Jugendlichen sich bewegen bzw. befinden. Das ist wichtig und höchste Zeit, aber auch eine riskante Verengung. Um dieser Horizont-Verengung zu entgehen hilft es, sich darüber klar zu werden…

  1. …welche Persönlichkeiten und Persönlichkeitsmerkmale, welche Tugenden und welche Haltungen wir für wünschenswert halten.
  2. …welchen Beitrag wir Blogger, ZUM-ler, Twitterer, Googler und Sozialnetzwerker dazu leisten wollen/können.
  3. …in welchem Umfang neue Technologien, Internetangebote und Geräte uns dabei helfen oder auch stören.

Das geht aufs Ganze! Wo ist der Einstieg in diesen ganzen Komplex?

Das Motto: Als Lehrer an einem Gymnasium, das den Namen Friedrich Hölderlins trägt, möchte ich auch mit Hölderlin einsteigen! Es gibt von ihm ein Gedicht (Hymne oder Ode, egal, Hauptsache Hexameter) mit dem Titel: Der Gang aufs Land und das beginnt so:

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter […] und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen … (1801)

Ohne Zweifel hat der geniale Friedrich H. in seiner Seher-Qualität („Was bleibet, stiften die Dichter“) nicht nur die „bleierne Zeit“ und unser Novemberwetter vorausgeahnt, sondern auch die „Cloud“. Und vor allem hat er uns ein großartiges Motto vermacht. Begeben wir uns also mutig „ins Offene“!

Die Ausgestaltung des Offenen: Ich möchte den Begriff des Offenen Unterrichts aus der Perspektive der digitalen Medien betrachten und um einige Aspekte erweitern. Die nachfolgenden Überlegungen könnten dann unter der Fragestellung stehen, welchen Beitrag unsere Aktivitäten und Initiativen zu dieser „Offenheit“ und „Öffnung“ leisten sollen.

Die Vorstellungen vom Offenen oder Offeneren Unterricht (Bovet/Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis, Cornelsen 2000 S. 74) beschränken sich immer noch sehr auf den Klassenraum und den vorgegebenen schulischen Zeitrahmen, z.B. die Unterrichtsstunde. Zeitliche und räumliche Erweiterungen sind zwar in Projekt- und Freiarbeit enthalten, insgesamt verbleiben aber die Vorstellungen im Denken der vor-digitalen Welt, also der 80er Jahre. Bezogen auf die Unterrichtsmethodik der 60er und 70er-Jahre waren Forderungen nach Gruppenarbeit, Projektarbeit, Stationenlernen und ähnlichem natürlich ein Fortschritt. Daraus hat sich heute ein standardisierter Stundenablauf entwickelt, der mindestens 10 Minuten Gruppen- oder Partnerarbeit enthält, im aktuellen Doppelstundenmodell darf es dann auch ein bisschen länger oder mehr sein. Richtet man den Blick auf die Potenziale, die dem Lernen und Lehren durch die digitalen Medien und insbesondere WEB 2.0 zur Verfügung stehen, dann eröffnen sich aber ganz andere Perspektiven für offenen Unterricht:

1. Da ist zuerst einmal die räumliche Öffnung

  • aus dem Klassenzimmer, sogar aus dem Schulgebäude hinaus und
  • hinein ins Internet in die digitale Welt, mit ihren etwas anderen Verkehrsregeln und Kommunikationsformen.

2. Dann ist da die zeitliche Öffnung über den Stundenplan-regulierten Rhythmus hinaus

  • in die Nachmittags-, Abend- und Nachtstunden, in das Wochenende und die so genannte unterrichtsfreie Zeit hinein.
  • Alles ist Lernzeit, der ganze Tag, jeder Tag kann für die Kommunikation von Lehrenden und Lernenden genutzt werden.

3. Offener Unterricht wird auch öffentlicher Unterricht bedeuten:

  • In Weblogs, Micro-Blogs, Wikis, Foren und Communities kann Unterricht geplant, reflektiert und aufgearbeitet werden.
  • Die Zahl der Mitleser kann größer sein als die der Mitarbeiter, die Mitleser befinden sich in anderen Kontexten, das kann voller Überraschungen sein, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen.
  • Es können sich andere Formen der Zusammenarbeit, andere Zusammensetzungen von Lerngruppen bilden.

4. Dem öffentlichen Unterricht entspricht der veröffentlichte Unterricht, in dem Arbeitsergebnisse als Publikationen verstanden und Arbeitsprozesse für Außenstehende nachvollziehbar werden:

  • Hausaufgaben, Protokolle, Referate, Handouts und Projektergebnisse werden im Internet zur Verfügung gestellt;
  • dadurch könnte für alle Beteiligten eine größere Ernsthaftigkeit und einen höheren Verpflichtungscharakter zum inhaltlich sauberen und rechtlich verantwortungsbewussten Arbeiten erwachsen.
  • Dafür sind Wikis besonders geeignet, Beispiele findet man in den Schulwikis der Wiki-Family.
  • Und ganz ins Offene gedacht: So wie sich z.B. Christian Spannagel sich als öffentlicher Wissenschaftler versteht , so könnte sich die Lehrkraft als „öffentlich Lehrender“ definieren, der sich in der Schülerschaft Mitautoren für seinen Unterricht sucht.

5. Die Lehrer-Schüler-Beziehung öffnet sich in Richtung Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit.

  • Ich mache mich offen, indem ich mir in die Karten sehen lasse, meine Arbeitsweise und Ziele offenlege, Kontrolle zurücknehme, meine Absichten begreifbar und mich angreifbar mache.
  • Lehrende und Lernende sitzen im selben Boot, das bringt sie einander näher, ändert aber wenig an der Rollenverteilung von Kapitän und Mannschaft. Gelegentlicher Rollentausch muss aber möglich sein.
  • Kleiner Exkurs zu einem lesenswerten Blogbeitrag  von Herrn Larbig zum Thema: Kompetenzorientierter Unterricht. Kompetenzorientierung wird darin am Beispiel von Aufgabenstellungen (Stichwort: „echte Aufgaben“) diskutiert. Das ist spannend, aber im Hinblick auf offenen Unterricht noch nicht alles. Kompetenzen werden durch Feedback erworben, ein Schüler/eine Gruppe erhält hilfreiche Rückmeldung über seine Arbeitsschritte und wird dadurch zur Selbstreflexion angeregt. Das muss auch nicht allein der Lehrer machen. Qualifizierte (d.h. kriterienbasierte) Feedbacks können von Mitschülern kommen, und diese müssen nicht einmal in der gleichen Klasse oder Schule sein. Dafür sind nun genau WEB 2.0-Plattformen geeignet, sie haben die Interaktion, das Rückmelden und Kommentieren als wesentliche Bestandteile ihrer Funktionsweise und ihres Selbstverständnisses. Das bedeutet auch: Lehrende und Lernende können gleichermaßen kompetente „Andere“ sein.

6. Die Öffnung in Richtung Unterrichts-Material: Alles kann zum Unterrichtsmaterial werden. Hier sind wir im Zentrum einer heißlaufenden Diskussion angelangt. Unabhängig vom „Schultrojaner“ hat jüngst die UNESCO eine Empfehlung für freie Lehrmaterialien ausgesprochen. Die Argumentation ist zwar noch auf den akademischen Bereich bezogen, nichtsdestotrotz von Belang. Hier spielt uns die augenblicklich aufgeflammte Diskussion um die Open Educational Resources (OER) in die Hände bzw. Tastatur; tatsächlich ist es sehr gut, hier Überlegungen anzustellen und zwar in Richtung Kooperation und Koordination der Internet-Individualisten und WEB2.0-Aktivisten. Eine digitale Bibliothek von Unterrichtsideen und -materialien ist eine quasi utopische Angelegenheit, vergleichbar der Wikipedia, nur schwieriger, und benötigt vor allem Kommunikationsstrukturen. Die technische Seite ist wahrscheinlich die einfachste.

Zwei Schritte scheinen mir sofort machbar, um ein Terrain zu besetzen oder einen Anspruch zu markieren, und da hat Torsten Larbig schon starke Impulse gegeben.

Es gilt

  1. Linksammlungen bereitzustellen, die auf schon vorhandenes Unterrichtsmaterial verweisen, dies ordnen und maßvoll kommentieren,
  2. eine Kennzeichnung, ein Logo, für das Material und die Linksammlungen zu entwerfen: Offener Bildungsinhalt (OER) als Markenzeichen!

Die Forderung nach „qualitativ hochwertigen Bildungsmedien“ würde ich zunächst nicht in den Vordergrund stellen wollen, sie wird uns in Qualitätsdiskussionen verstricken und sich zum Hindernis für den freien Fluss der Ideen entwickeln.

7. Öffnung in Richtung OpenSource

  • Zum offenen Lernen gehört also die OpenSource-Idee, die Philosophie des freien Zuganges und der kontinuierlichen Veränderbarkeit von Arbeitsmitteln, auf die man sich einstellen muss, an der man auch teilhaben kann.
  • Ebenso ein Lizenzrecht, das geistiges Eigentum und Kreativität schützt und gleichzeitig deren Ergebnisse nicht exklusiv macht. Die Creative Commons Vereinbarungen sind hier hilfreich.

8. Zum Verständnis von offenem Unterricht und offener Schule gehören dann auch die Offenen Internet-Plattformen!

  • Die Alternative zwischen Moodle und lo-net und Ilias einerseits und Blogs und Wikis andererseits wäre dann gar keine mehr: Moodle ist ein Programm-Paket, das zwar nominell alles Mögliche erlaubt und in sich aufzunehmen vermag, im End-Effekt aber sehr schnell lehrerzentrierten Unterricht und hierarchisch strukturiertes Lerner-Lehrer-Verhältnis reproduzieren kann.
  • Als Grundregel würde ich formulieren: ein interessierter User sollte ohne Passwort mindestens lesen können, für das Schreiben mag dann ein Registrier- und Authentifizierzwang angemessen sein.

9. Überwinden wir die Allzweck-Computerräume, die alle Bedürfnisse und Aufgaben eines entwickelten Schulbetriebes meistern müssen und dadurch hochkomplizierte Konfigurationen und Sicherheitsvorrichtungen benötigen.

  • Lassen wir für genau definierte Lernszenarien die Medien zu, über die die Lerner schon verfügen: Laptops, Netbooks, Tablet-PCs, Smartphones …
  • Vergessen wir die Computerräume mit ihren pädagogischen Netzen und Kontroll-Mechanismen und machen wir den Unterricht offen für die Lernmittel in der Schülerhand.

10. Den Google-verengten Horizont verhindern und darüber hinaus und dahinter schauen lernen – sich nicht begnügen mit dem, was das Netz uns auf den ersten Blick liefert. Hier möchte ich aus einem Zeitungsartikel von Peter Glaser aus dem Jahre 2006 zitieren:

„Bildung heißt heute, zu wissen, was sich hinter dem Google-Suchschlitz befinden könnte, zu wissen, was es zu wissen gibt. und auch zu wissen oder zumindest abschätzen zu können, welche Informationen und Quellen vertrauenswürdig sind. Das zu lernen sollte heutzutage zur Allgemeinbildung gehören. (…) Nun ist der Witz von dem Mann, der nur ein Buch hat, Wirklichkeit geworden. Das Buch heißt Google, und es wird immer dicker. Seine Dienste bieten genug Komfort, dass ein Großteil der Netznutzer gar nicht erst nach Alternativen sucht – die durchaus vorhanden sind. Es gibt eine Menge Informationen, die einem keine Suchmaschine liefern wird.“ („Das Orakel unseres Universums – Google verändert die Welt“, Stuttgarter Zeitung 10.6.2006)

Das bedeutet, dass wir uns über die Grenzen des Google-Kosmos verstärkt Gedanken machen, dass wir überlegen,

  • wie wir uns weitere Horizonte bewahren und den „digital natives“ weitere Horizonte vermitteln können als die medial naheliegenden,
  • wie wir an das Wissen kommen, das nicht gleich auf dem Bildschirm erscheint und von undurchsichtigen Algorithmen vorstrukturiert wurde.

Aus diesem Grund fällt es mir übrigens auch schwer, der Philosophie des Schwarms zu folgen, denn es ist zuerst zu fragen, unter welchen Voraussetzungen das Wissen, das der Schwarm generiert, zustande kommt. Es gilt mehr denn je der Satz vom einfachen User, der immer der Loser ist, weil er sich in digitalen Welten bewegt, die zwar für ihn gestaltet wurden, aber aus ihm fremden Motiven heraus.

Die Reflexion: Jede dieser zehn Öffnungen verlangt nach Differenzierungen, Beispielen und Rechtfertigungen. Manches ist Zukunftsmusik oder wird sich als undurchführbar, vielleicht auch unwichtig erweisen. Nicht wenige Elemente sind aber auch schon Realität: Klassen legen E-Mail-Listen an, bilden digitale Arbeitsgruppen, LehrerInnen lassen sich Protokolle, Handouts, Hausaufgaben zumailen, kommunizieren auch mit Eltern, Kollegen, Schulleitung über E-Mails oder in (noch geschlossenen) virtuellen Räumen. Es wird experimentiert, kommuniziert und es werden Erfahrungen gesammelt. Überall öffnen sich auch Pespektiven in Richtung selbst verantwortetes Lernen, individuelle Betreuung und Förderung, Umgang mit Heterogenität,

  • wenn z.B. per E-Mail-Korrespondenz eine gezielte Rückmeldung auf eine individuelle Frage gegeben wird,
  • wenn in einem Wiki Schüler die Schreibprodukte ihrer Mitschüler im Diskussions-Feld gewissenhaft kommentieren,
  • wenn Schüler im Team einen Arbeitsauftrag erfüllen und dabei ihre eigenen Lösungswege und Darstellungsformen finden
  • wenn Schüler Themen-Portfolios und Doku-Mappen entsprechend ihrer individuellen Stärken gestalten können
  • und so weiter.

Es gibt noch viel zu tun, dafür möchte ich zum Schluss folgende Fragen formulieren und zum Gespräch anbieten:

  1. Wie steht es um die didaktisch-methodische Aufarbeitung dieser „Öffnungen“ durch WEB 2.0? Wer leistet diese: Die Blogger, die Universitäten, die Schulen, die Ausbildungsseminare, der LehrerInnen-Schwarm?
  2. Wie müssen die Plattformen, Communities, Institutionen aussehen, um die neuen Anforderungen, die da heißen: differenzierter Unterricht in heterogenen Klassen in neuen Schulformen (Einheits-, Gemeinschafts-, Stadtteilschulen), gerecht zu werden?
  3. Droht endgültig die Grenzverwischung zwischen Arbeitszeit und Freizeit? Sitzt die Lehrkraft ab jetzt auch noch nachts am Computer und kommuniziert, publiziert, redigiert und gibt Feedback per E-Mail, Wiki, Blog und Twitter?
  4. Und zu guter Letzt: Nehmen wir uns nicht zu viel vor? Sind wir Burn-Out-Kandidatinnen und Kandidaten?