Teaching Thinking in Maputo

Veröffentlicht: Mittwoch, Oktober 6, 2010 in Maputo

Heute hatte  ich meine erste Veranstaltung in Maputo  im Rahmen der Veranstaltung Laboratory on Mathematics and Mathematics Education. Die Veranstaltung findet täglich von 16 Uhr bis 21 Uhr statt. Die Uhrzeit ist so gewählt, weil viele der Studierenden tagsüber arbeiten, unter anderem als Lehrerinnen und Lehrer, und „nebenbei“ den Master machen. In der Round of Introductions habe ich auf das Name Game verzichtet, weil die Teilnehmer sich untereinander schon kannten. Stattdessen habe ich nur das Positioning Game durchgeführt. Ich hatte das Gefühl, die Studierenden waren etwas irritiert, schließlich hat’s ihnen aber augenscheinlich Spaß gemacht. Und Irritation (=Perturbation) ist auch genau das, was ich erreichen wollte. Anschließend haben wir Fermi-Aufgaben behandelt. Anfangs wirkten die Studierenden etwas müde (was aufgrund der Bedingungen auch kein Wunder ist). Die sprachlichen Barrieren haben sich als nicht sonderlich hinderlich erwiesen. Ich glaube, sie verstehen mehr Englisch, als ich am Anfang dachte, und es wird auch flexibel und bei Bedarf hin- und herübersetzt. Das Eis wurde schließlich durch ein aktives Plenum gebrochen, wie ich es noch nicht erlebt habe. Ich habe die Studierenden in zwei  Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe sollte sich Pro-Argumente für den Einsatz von Fermi-Aufgaben in der Schule überlegen, die andere Gruppe Contra-Argumente. Nach 10 Minuten Vorbereitungszeit habe ich zwei Studierende nach vorne geholt (zum Schreiben und zum Aufrufen, wie man’s beim aktiven Plenum ja macht), und habe die Runde eingeleitet mit „And now: Fight!“ Und dann ging’s los. Es waren (glaub ich) 20 Minuten erhitzte Diskussion, und die Studierenden haben sich richtig ereifert. Ich habe sie übrigens auf Portugiesisch diskutieren lassen, weil ich wollte, dass sie möglichst frei sprechen (Mein Kollege Prof. Cherinda hat mir während der Diskussion immer wieder einiges nebenbei übersetzt). Letztendlich glaube ich, dass die Studierenden dabei wirklich Spaß hatten (ich werde sie aber noch fragen). Anschließend habe ich ihnen noch das Erich-Hammer-Video als Beispiel gezeigt, auf Englisch übersetzt und daran erläutert, wie man die Methode auch im Mathematikunterricht einsetzen kann, und habe ihnen ein wenig über die Neuronenmetapher und Klasse als Gehirn (Jean-Pol Martin) erzählt. Ich finde es toll, dass das aktive Plenum praktisch von alleine gelaufen ist, und durch den Extrakt an der Tafel habe ich auch kontrollieren können, ob alles einigermaßen mit rechten Dingen zuging. Das heißt, das aktive Plenum funktioniert nicht nur mit Verkehrsplanern, sondern auch dann, wenn der Dozent eine andere Sprache spricht.🙂 Und  – auch schon oft erlebt – am Ende standen wesentliche Argumente tatsächlich an der Tafel (Bild 1, Bild 2), von den Studierenden selbst entwickelt und ohne, dass ich irgendwas dazu sagen musste. Hätte ich auch gar nicht können, ich kann ja kein Portugiesisch.🙂

Letztendlich stand die Veranstaltung (sowohl bzgl. Fermi-Aufgaben und bzgl. aktivem Plenum) unter dem Motto  „learning how to think“ und „process-oriented mathematics education“. Bei beiden Themen ging es schließlich darum, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, bestimmte Prozesse durchzuführen wie Problemlösen, Kommunizieren und Argumentieren. (Mir fällt gerade auf, dass ich bislang zu wenig hierüber in meinem Blog geschrieben habe. Prozessorientierte Didaktik ist nämlich mein eigentliches Forschungsgebiet, und in meinem Blog wird das bislang nur indirekt deutlich. Demnächst mehr hier.)

Übrigens war das heute meine erste in Englisch gehaltene Lehrveranstaltung überhaupt. Und ich muss feststellen: Es lässt sich einfach vieles schöner auf Englisch sagen als auf Deutsch (das fällt mir auch immer wieder an englischsprachiger Literatur im Bildungsbereich auf.) Zum Beispiel: This seminar is not only on computers, but on learning philosophies. My goal for this seminar is that we all develop a new perspective on learning and teaching mathematics. Children must see that mathematics is fun, is passion. That there is much to explore and much to discover. […] Computers are just tools, but tools influence our thinking. Because we know computers and what they can to do, we are able to develop new perspectives on learning. […] This seminar is called „laboratory“, so you have to be active. If we were playing football, I would provide you the football field.  But you are the football players, and you have to play in order to have fun. Sagt das mal auf Deutsch. Das klingt echt nur halb so gut. (Ist vermutlich auch nur zu 80% richtig, das Englisch, aber das spielt keine Rolle.)

Morgen werden wir mit teaching thinking weitermachen, aber in einem völlig anderen Kontext: Wir werden die Programmiersprache Logo erforschen. Dort geht es nämlich – ähnlich wie im aktiven Plenum – nicht nur darum, das Denken zu lernen, sondern eine Umgebung zu bieten, in der man keine Angst zu haben braucht, Fehler zu machen. Beides also extrem wichtig für Mathematikunterricht. Dabei werde ich auch den Erfinder von Logo und Visionär im One Laptop Per Child-ProjektSeymour Papert, persönlich zu Wort kommen lassen. Mister Papert, what do you think about teaching thinking?


Hallo🙂

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Anne Nittmann 

to me

show details 8:41 PM (3 hours ago)
Wie war dein erster Tag?LG Anne
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Christian Spannagel 

to Anne

show details 11:11 PM (1 hour ago)
Hi Du,

Wie war dein erster Tag?

Sehr anstrengend – und geil! Es hat alles super geklappt.

Ich bin leider jetzt erst zum Mailen gekommen (sorry). Der Kurs ging bis 21 Uhr.
Anschließend musste mein Begleitprof. noch hier und da was schnell einkaufen  (so
ist das hier, die Leute sind sehr… spontan). Um 22 Uhr war ich dann in meinem Hotel,
und bis 22:30 gibts nur Buffet. Also schnell noch was reingepfiffen, und jetzt habe ich
zum ersten Mal Ruhe heute.

Die Studenten sind sehr mitarbeitswillig, sprechen aber nur schlecht Englisch. Von
19 potenziell teilnehmenden waren nur 10 da, manch einer geht früher (also nach
2 Stunden, obwohl der Kurs 5 Stunden geht usw.). All das ist aber normal und
auch verständlich, schließlich arbeiten die ja alle tagsüber. Ach so, wir haben ca.
30 Minuten später angefangen, weil bis zu dem Zeitpunkt nur 4 anwesend waren.
Aber auch das ist normal (bei Laukenmann und Randler wars genauso). Wenn man
diese Rahmenbedingungen akzeptiert und flexibel bleibt, dann hat man Spaß!

Anfangs waren sie noch sehr zurückhaltend. Dann hab ich aber „Stimmung“ gemacht
und sie „angestachelt“, in dem ich eine Gruppe erzeugt habe, die „pro“ Fermi-Aufgaben
ist, und eine, die „contra“ ist. Dann mussten sie sich Argumente für ihre Position
überlegen. Und dann hab ich gesagt: „And now: Fight!“ – und, hey, dann gings richtig
los. Die müden Geister vom Anfang sind zur Hochform aufgelaufen. Ich habe sie in
Portugiesisch diskutieren lassen, und die haben sich alle richtig erhitzt. Das war
krass! Mein Begleitprof konnte mir das alles nur bruchstückhaft übersetzen, und die
Argumente, die von den Studierenden kamen, waren wirklich gold wert. Hätte ich nicht
mit gerechnet. Und ab da waren sie alle voll mit dabei. Richtig gut!

Außerdem habe ich gemerkt, dass man bestimmte Dinge in Englisch viel besser
rüberbringen kann als im Deutschen: „This course is not only about computers, but
on a new learning and teaching philosophy. We have to show  the children that
mathematics is fun, is passion, is full of sense. That there is much to explore, much to
discover.“ Sag das mal auf Deutsch – klingt nur halb so gut. Oder: „This is a laboratory,
you have to be active. If we were playing football, I would provide you the football field.
But you are the players, and you have to play in order to have fun.“ Krass.
Ich sollte auch in HD Vorlesungen auf Englisch halten. :-)))

Ich bin mal auf morgen gespannt. Morgen dürfen sie in Logo programmieren. Ich glaube,
dann hab ich sie komplett.🙂

Wie gehts dir und Snow? Alles in Butter?

Liebe Grüße und gute Nacht,

Dein Christian


http://www.ph-heidelberg.de/wp/spannagel/
https://cspannagel.wordpress.com
http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Cspannagel

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Anne is not available to chat
Kommentare
  1. […] This post was mentioned on Twitter by jeanpol, jeanpol and jeanpol, jeanpol. jeanpol said: @Pirat_Aleks_A @laprintemps schaut mal hier: LdL und Neuron in Maputo (mozambik): http://tinyurl.com/37f4k3t extreme emergenz zur zeit!:-)) […]

  2. Oliver Tacke sagt:

    Irritation🙂 Die habe ich auch mal erzeugt, als ich die fünf Teilnehmer eines Seminars zum Nonprofit-Managememt gebeten habe, ein Bild zu malen. Sie sollten festhalten, welche Assoziationen sie zu dem Thema haben und wie ihre eigene Beziehung dazu aussieht, wieso sie also freiwillig dieses Seminar gewählt hatten. Das wurde dann in ihre Vorstellung einbezogen.
    Hat auch funktioniert, obwohl so etwas sicher noch keiner an der Uni gemacht hatte🙂

    Wenn das mal die richtigen (oder falschen?) Leute lesen, deine Aussage zum Englischen. Ich höre die Goethe-isten schon wieder aufschreien.

  3. […] in Maputo. Er kann’s nicht lassen! Veröffentlicht am 6. Oktober 2010 von jeanpol Das Eis wurde schließlich durch ein aktives Plenum gebrochen, wie ich es noch nicht erlebt habe. Ich habe die Studierenden in […]

  4. apanat sagt:

    Englisch verknappt, Deutsch eher nicht.

  5. warums auf Englisch schöner ist und wie die Sprache unsere Wahrnehmung verändert

    Zwei Frauen sind gehend …..

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/campus/-/id=658620/nid=658620/did=3094924/1y6fqfw/index.html

  6. prozessorientierte Didaktik, jaa ! vielleicht kann ich aus der Mathematik für die Philosophielerngruppen etwas ableiten oder übernehmen…

  7. Jonathan sagt:

    Ich habe auch manchmal beim Lesen von englischer, wissenschaftlicher Literatur das Gefühl, dass man sich dabei eher bemüht, Dinge einfach auszudrücken und auf den Punkt zu bringen. Im Deutschen drückt man sich oft gerne kompliziert aus, nutzt möglichst viele Fremdwörter und schreibt verschachtelte Sätze.
    Das liegt sicher auch an der Sprache, ist aber vielleicht auch eine Mentalitätsfrage.

  8. Oliver Tacke sagt:

    @Jonathan
    Ich würde eher auf Mentalität oder besser Sozialisation tippen. „Journalisten-Ausbilder-Papst“ Wolf Schneider beweist nämlich, dass es anders geht und fordert das auch – nicht nur von Journalisten.

  9. cspannagel sagt:

    @Oliver Witzig – ein Bild habe ich auch malen lassen („Paint the image you have of mathematics at school“). Es kam aber nicht arg viel dabei raus. Es war wohl zu irritierend.🙂

    @Jutta Zentrale Prozesse der Philosophie – das wäre auch mal interessant zu erheben!

    Ich finde, Deutsch ist eine Sprache, mit der man etwas sehr gut analysieren kann. Mit Englisch kann man mehr überzeugen / Stimmung machen / … – das aber bitte nur als Tendenz verstehen.

  10. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Ab einer gewissen Dosis ist alles Gift…😉 Vielleicht hast du zu schnell zu viel Neues geboten.

  11. cspannagel sagt:

    @Oliver Vielleicht…😐

  12. […] ich in diesem Jahr wieder dort fortgesetzt, womit ich im letzten Jahr in Maputo aufgehört habe: Teaching Thinking. Die Studierenden waren auf einmal in eine Situation versetzt, in der sie sich über ihre eigenen […]

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